Rolf De Marchi

Januar 28, 2010

Mit Wucht gemeisselte Akkorde

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:17 pm

Die aufstrebende Pianistin Irina Georgieva interpretierte souverän vor allem Klavierwerke des 20. Jahrhunderts.

«Überwältigende Ausdrucksfähigkeit» wurde der Pianistin Irina Georgieva im Programmheft attestiert, das zum Konzert der Solistin im Rahmen der Konzertreihe «Kammermusik um halb acht» im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel verteilt wurde. Und in der Tat wurde die als erstes interpretierte Sonate op. 1 (1908) von Alban Berg (1885-1935) von der 1978 in Sofia, Bulgarien geborenen Virtuosin mit findiger Gestaltungskraft vorgetragen. Mit assoziativ freiem, fast wie improvisiert wirkendem Spiel brachte die junge Tastenkünstlerin die herbe Schönheit in Alban Bergs Musik zum erblühen.
Überhaupt scheint Irina Georgieva, die übrigens einen wesentlichen Teil ihrer Ausbildung bei Rudolf Buchbinder an der Basler Hochschule für Musik genossen hat, musikalisch eher im 20. den in früheren Jahrhunderten zu Hause zu sein. Beim einzigen Werk, das sie aus dem 19. Jahrhundert interpretierte, Robert Schumanns (1810-1856) Kreisleriana op. 16, versagte denn auch die ihr zugesprochene «überwältigende Ausdrucksfähigkeit» ein wenig, wirkten doch zumindest die ersten der insgesamt acht Sätze etwas unterkühlt gespielt. Von Agogik war da nicht viel wahrzunehmen und Binnendynamik nur in Ansätzen spürbar. Gegen Ende des Werks allerdings besserte sich der Ausdruck, war schliesslich im mit sehr «Sehr langsam» übertitelten Part sogar ein zart schmelzendes Melos, im «Sehr rasch» ein brillant flirrendes, im abschliessenden «Schnell und spielend» ein unbeschwert leichtes Parlieren zu hören.
Geradezu ekstatisch wurde es, als Irina Georgieva wieder ins 20. Jahrhundert zurückkehrte und die «Chaconne» (1962) der grossen russischen, in Deutschland lebenden Komponistin Sofia Gubaidulina (1931) spielte. Bei diesem herrlichen Werk, in dem trotz Modernität wiederholt Reminiszenzen an die Klaviermusik des Frühbarocks zu hören waren, konnte die Interpretin neben dem Ausdruck auch die «physischen Fähigkeiten» einsetzen, die ihr im Programmheft ebenfalls zugesprochen wurden. Mit beeindruckender dynamischer Spannkraft wuchtete sie die archaisch gemeisselten Akkorde in die Tasten, luftig-zart wiederum zeichnete sie die impressionistisch anmutenden Passagen.
Schliesslich Sergej Rachmaninows (1873-1943) «Variationen über ein Thema von Corelli» op. 42, deren Leuchtkraft Irina Georgieva mit einer gelungenen Mischung von dezentem Schmelz mit beherzt zupackender Emphase zum erglühen brachte. Mit dieser gelungenen Interpretation strafte die Pianistin souverän all jene unverbesserlichen Skeptiker Lüge, die nach wie vor behaupten, Sergej Rachmaninows Musik sei weiter nichts als süsslicher Kitsch ohne nennenswerten Tiefgang.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 22, 2010

Ein wagemutiger Entschluss

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:57 pm

Die «Freunde alter Musik Basel» präsentierten Werke von vier deutschen Komponisten der Klassik, die in London waren.

Ziemlich wagemutig beschloss Joseph Haydn nach seiner Pensionierung 1790 nach knapp dreissig Jahren als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden Adelsfamilie Esterhazy, im damals beachtlichen Alter von 58 Jahren sein Leben total umzukrempeln, die ungarischen Provinz zu verlassen und in die damals grösste und reichste Metropole Europas London zu reisten. Dort feierte man ihn wie einen Star und die Konzerte mit seiner Musik wurden regelrecht gestürmt, was ihn dazu veranlasst, später ein zweites Mal in das Zentrum eines wachsenden Kolonialreiches mit einer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung sondergleichen zu reisen.
Ausser Joseph Haydn besuchten in jener Zeit noch drei weitere, der Klassik zuzurechnenden Komponisten deutscher Zunge die aufstrebende Stadt, denen die «Freunde alter Musik Basel» ein Konzert unter dem Motto «Vier Komponisten in London» im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel widmeten. Das dreiköpfige Ensemble mit Mira Glodeanu (Violine), James Munro (Violone) und Frédérick Haas (Fortepiano) interpretierte von Haydn mehrere Sätze, die aus diversen Trios für Cembalo oder Pianoforte, Violine und Violoncello herausgepickt worden waren. Spieltechnisch gelang nicht immer alles perfekt: gelegentlich traf die Violine vor allem in den hohen Lagen die Tonhöhe nicht ganz exakt und beim Pianoforte - ein Nachbau eines historischen Instruments aus dem Jahre 1795 - hörte man in Folge seines relativ trockenen Klangs selbst kleinste Patzer wie unter der Lupe genau. Sonderlich störend auf die gelungenen Interpretationen wirkten sich diese kleinen Mängel aber glücklicherweise nicht aus.
Neben einem Allegro des wenig bekannten Komponisten Daniel Streibelt (1765-1823) spielten Mira Glodeanu und Frédérick Haas zwei Sätze aus der Sonate G-Dur für Pianoforte und Violine von Johann Christian Bach (1735-1782), deren Interpretation allerdings etwas farblos und uninspiriert wirkte. Johann Christian Bach, jüngster Sohn des grossen Thomaskantors Johann Sebastian Bach liess sich übrigens als einziger der vier Komponisten 1761 für den Rest seines Lebens in London nieder.
Schliesslich Wolfgang Amadeus Mozart, der als achtjähriger Knabe 1764 von seinem Papa Leopold an die Themse geschleppt worden war, um dem Londoner Publikum als Wunderkind vorgeführt zu werden. Neben filetierten Sätzen aus anderen Werken schloss das Trio sein Konzert mit der Wiedergabe des Trios B-Dur für Klavier, Violine und Violoncello, dessen kontrastreiche, zupackende Interpretation jede vorangegangene Unbill vergessen liess.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 20, 2010

Sprühende Virtuosität

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:22 am

Mit stupender Spieltechnik interpretierte der junge Pianist Louis Schwizgebel-Wang Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin und Modest Mussorgsky.

Zeichneten sich in den vergangenen Jahren begabte Newcomer der Klassikszene vorwiegend durch ihren fiebrig-zupackenden Interpretationsstil aus - die in hiesigen Gefilden bekannte Violoncellistin Sol Gabetta sei hier stellvertreten erwähnt - scheint das Pendel bei den jungen Interpreten in letzter Zeit wieder vermehrt in Richtung feinfühliger Empfindsamkeit zurück zu schlagen.
Ein Beleg für diese These legte der gerade mal 23 Lenze zählende Pianist Louis Schwizgebel-Wang während eines ausverkauften Konzerts im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal ab. Ein wenig im Stile ehrwürdiger Pianisten einer längst vergangen geglaubten Epoche zauberte er Wolfgang Amadé Mozarts Klaviersonate F-Dur KV 280 (1775) mit exakter Spieltechnik luftig-leicht auf die Tasten seines Konzertflügels. Dem Hauch eines Parfums mit einer zarten Note gleich interpretierte er dieses dreisätzige Werk souverän und anmutsvoll.
Das Ausnahmetalent Louis Schwizgebel-Wang wurde 1987 in Genf als Sohn einer Chinesin und eines Schweizers geboren, hat mehrere Preise gewonnen und erste Konzerterfahrungen in den USA und England gesammelt.
Auch bei der anschliessenden Wiedergabe der Sonate h-Moll op. 58 von Frédéric Chopin gab es streng genommen nichts auszusetzen: in zartem Pastell interpretierte der junge Pianist das Allegro und das Largo sowie auch hier mit nahezu makellose Spieltechnik quirlig flink das Scherzo und das Finale. Hier allerdings vermisste man steckenweise denn doch ein wenig die wuchtige Energie, mit der einst Arthur Rubinstein Chopins Klaviermusik einem breiteren Publikum bekannt gemacht hatte.
Bei der abschliessenden Realisation von Modest Mussorgskys Klavierzyklus «Bilder einer Ausstellung» (1874) nach Gemälden des befreundeten Architekten und Malers Viktor Hartmann bestätigte sich dieses Bild: bei spieltechnisch anspruchsvollen Stücken wie den «Tuilerien», dem «Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen» oder «Der Marktplatz von Limoge» überzeugte Schwizgebel-Wang mit seiner sprühenden fingerfertigen Virtuosität. Bei Stücken allerdings wie «Das alte Schloss», Bydlo», «Samuel Goldberg und Schmuyle» und vor allem beim «Das grosse Tor von Kiew» vermisste man etwas interpretatorische Originalität und Wagemut, ein Umstand, der wohl auf das Fehlen von Erfahrung des jungen Musikers zurück zu führen war. Es besteht aber die berechtigte Hoffnung, dass Louis Schwizgebel-Wangs Klavierspiel wie bei einem jungen, milden Wein in den kommenden Jahren ein interpretatorisch individuelleres, reiferes und fruchtigeres Bouquet erlangen wird.

Januar 10, 2010

Quirlige Trommelwirbel und pointillistische Klangflächen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:10 pm

Im Verlaufe eines von der AMG organisierten dreitägigen Festivals präsentierte der 34jährige ungarischen Komponisten Márton Illés seine schillernde Musik.

Quirlig-schnell gespielte Trommelwirbel, mal unisono, mal verschoben hintereinander angeordnet von der linken Seite der Bühne zur rechten, dann wieder zurück wandernd, dominierten im Stück «Quartetto» für vier Schlagzeuger des 1975 in Budapest, Ungarn geborenen Pianisten und Komponisten Márton Illés. Eingestreut zwischen die auf Bongos und Tom Toms realisierten Trommelwirbel waren kurze, pointillistisch anmutende Klangflächen und komprimierte, an intensive Rock-Rhythmen erinnernde Strukturen zu hören.
Dankbar sei er, dass die Allgemeine Musikgesellschaft Basel das «Risiko» eingegangen sei, einem noch wenig bekannten, jungen Komponisten Neuer Musik wie ihm ein kleines Festival zu widmen, meinte Márton Illés zu Beginn des ersten Konzerts dieses Events, wo dessen Komposition «Quartetto» im Foyer des Theaters Basel zu Aufführung gelangte. Dass allerdings dieses Risiko so gross nicht war, bewies das zahlreich zu den Konzerten erschiene Publikum, das alle jene Kleingeister Lügen strafte, die behaupten, die Basler Konzertbesucher seien nicht an Neuer Musik interessiert.
Es folgte an diesem Abend ein Potpourri weiterer Werke des Komponisten wie das zwischen wirbelnden Tonschlieren und hart gehämmerten Akkorden pendelnde «Torso II» für Klavier, das vom Illés selber interpretiert wurde, die zwischen freier Melodik und nervösem elektronischem Gestrüpp changierende «Scene polidimensionali XII» für Klavier und Elektronik, das mal zerbrechlich wirkende, dann chaotisch vorwärtsdrängende «Introludio» für Klarinette und vier Schlagzeuger sowie das fiebrig drängende «Vonalterek - Linienräume» für Klarinette, Viola und Klavier.
Das abschliessende Werk des Abends «Ballada», eine ungarische Volksballade für Mezzosopran und vier Schlagzeuger wurde nicht wie vorgesehen von der erkrankten Sängerin Katalin Polgar interpretiert, sondern vom Klarinettist Kyrill Rybakow in einer vom Komponisten angepassten Version. Eingestreut zwischen Márton Illés Werken waren Stücke von François Couperin (1668-1733) aus dessen Klavierbuch «Pièces de clavecin» zu hören, die Illés für Klarinette, Viola und Klavier instrumentiert hatte.
Im anschliessenden Künstlergespräch mit Gesprächsleiter Mark Sattler, Verantwortlicher für die Neue Musik beim Lucerne Festival, erfuhr man von Márton Illés, dass er nach seiner musikalischen Grundausbildung in Ungarn auch ein paar Jahre an der Musikhochschule Basel bei László Gyimesi (Piano) und Detlev Müller-Siemens (Komposition) studiert hatte. Sein Kompositionsstudium abgerundet hat er unter anderen bei der Koryphäe Wolfgang Rihm in Karlsruhe und in einem Seminar des Ensemble Modern unter der Leitung von Helmuth Lachenmann in Frankfurt.
Im Laufe dieser Studienjahre hat Márton Illés einen eigenen Kompositionsstil entwickelt, der ein wenig an die Polyphonie der Renaissance erinnert, in der einzelne Stimmen als Linien mit eigener rhythmischer Identität und individuellen musikalischen Spannungsverläufen kombiniert und zu kompakt strukturierten Klangfeldern verdichtet werden. Im Unterschied zur klassischen Polyphonie allerdings behält beim Zusammenspiel jede dieser Linen über weite Strecken ihre rhythmische Unabhängigkeit, dank der es zu Unschärfen kommt, die die zur Einheit verschmolzene Musik organisch wirken lassen.
Im zweiten Konzert am folgenden Tag, das unter dem Schlagwort «Wahlverwandtschaften» stand, kam neben den vom Minguet Quartett interpretierten Stücken für Streichquartett «Vonalmezök - Linienfelder» und «Torso V» das für Klavierquintett konzipierte «Torso polidimensionale» zu Gehör. Des weiteren interpretierte das Minguet Quartett noch ungemein einfühlsam Elliott Carters String Quartet No. 5 sowie dessen emotionalen Tiefen adäquat auslotend Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1.
Im dritten der Klarinette gewidmeten Konzert schliesslich gelangten neben zwei auf historischen Bassetthörnern gespielten Divertimenti von Wolfgang Amadé Mozart und drei Werken von Márton Illés noch die Variationen über einen Gedanken von György Kurták für sechs Klarinetten des in Berlin lebenden amerikanischen Komponisten Sidney Corbett zur Uraufführung.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 17, 2009

Herzzerreissender Schmerzensschrei

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:59 am

Gemeinsam mit dem Violinvirtuosen Gideon Kremer interpretierte das Sinfonieorchester Basel Musik des wenig bekannten Komponisten Rudi Stefan.

Am 29. September 1915 fiel im 1. Weltkrieg an der Ostfront in Galizien der gerade mal 28jährgie Rudi Stephan, der schon zu seinen Lebzeiten als einer der talentiertesten deutschen Komponisten seiner Generation galt. Dass diese Einschätzung bis heute ihre Gültigkeit hat, konnte man anlässlich eines Konzerts des Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Heinrich Schiff im Stadtcasino Basel erfahren, wo Stephans Musik für Geige und Orchester in einem Satz (1913) mit dem deutschen Violinisten Gideon Kremer als Solisten zu Gehör gebracht wurde.
Neben einiger Kammermusik, ein paar kleineren, sinfonischen Werken und der Oper «Die ersten Menschen» war die Musik für Geige und Orchester eine der wenigen Kompositionen, die Stephan in seinem kurzen Leben vollenden konnte. Ausgehend von der klassischen Dur-Moll-Harmoik bewegte sich diese Musik zwischen der Spätromantik eines Max Regers oder Gustav Mahlers, dem Expressionismus eines Franz Schreckers und der freien Tonalität des frühen Schönbergs. Mal mystisch-zart und sphärisch, mal in intensiven Klangfarben badend, dann wiederum in abweisend-harten Dissonanzen schwelgend bewegte sich diese anrührende Musik durch die ganze emotionale Palette musikalischer Klangmöglichkeiten, die die Kompositionstechnik nach der Jahrhundertwende zur Verfügung stellte. Besonders passend zu dieser emotional aufgeladenen Musik war der ungemein warme, volle Ton von Gideon Kremers Nicola Amati-Geige. Mit fesselndem Gestaltungssinn entlockte der Solist seinem Instrument fein schattiert Stimmungen, wobei er auch vor sentimentalen Gesten nicht zurückschreckte.
Ein weiteres Werk, das an diesem Abend auf dem Programm stand, war Franz Schuberts (1797-1828) Sinfonie in h-Moll, D 759, die «Unvollendete». Mal zart beschwingt, mal beherzt zupackend interpretierte das Orchester den ersten, mit Allergro moderato überschriebenen Satz. Mit dem musikalischen Fluss präzise angepassten Akzentuierungen und feinfühligen dynamischen Abstufungen wiederum erklang das abschliessende Andante con moto.
Als letztes Werk interpretierte das Sinfonieorchester Basel das Adagio aus Gustav Mahlers (1860-1911) Torso gebliebenen 10. Sinfonie. Nahezu fehlerfrei und nicht ohne emotionalen Gehalt spielte das Orchester dieses anrührende Werk, wenngleich man steckenweise die unterschwellige Glut, die dieser Musik innewohnt, etwas vermisste. Immerhin aber wuchteten vor allem die Bläser den Schock auslösenden as-Moll-Dreiklang ab Takt 194 im vorgeschriebenen höchsten Fortissimo in den Konzertsaal und vor allem der anschliessende, clusterartig-dissonante, an einen herzzerreissenden Scherzensschrei erinnernden Neuntonakkord wurde mit dem passenden fiebrigen Furor gespielt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

3.802 sekunden WP 1.5    xhtml css