Rolf De Marchi

Dezember 13, 2004

König oder Usurpator?

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:01 pm

Mit grossem Brimborium hat der „Zaubergeiger“ André Rieu in der St. Jakobshalle ein musikalisches Happening veranstaltet.

Schon vor Jahren ist ihm von der Boulevard-Presse der Titel eines „Walzerkönigs“ verpasst worden, dem holländischen „Zaubergeiger“ André Rieu. Für viele seiner Kritiker hingegen ist er weiter nichts als ein Emporkömmling, ein Usurpator gewissermassen, der sich seinen Titel nur durch aufwendige Shows und Kommerz erschlichen habe und der von wahrer klassischer Musik etwa so viel verstehe, wie ein Vampir von Vegetarierkost.
Wie auch immer: Millionen von Fans in der ganzen Welt lieben ihren André und lassen sich gleich carweise in Scharen von den entferntesten Winkeln an seine Konzerte karren. So geschehen vor kurzem auch in hiesigen Gefilden, wo der Maestro mit seinem Orchester in der St. Jakobshalle unter dem Motto „Der fliegende Holländer“ eine aufwendige Show hingelegt hat und damit sein wohlwollendes Publikum wie beim Musikantenstadel zum mitklatschen, mitsingen und mitschunkeln animiert hat.
Eines der hehren Ziele von André Rieu ist es, seinem Publikum Glück und Fröhlichkeit zu vermitteln. Dies ist dem gewieften Entertainer recht gut gelungen. Mit einschmeichelnden Bemerkungen und lustigen Ansagen, die allerdings gelegentlich ein wenig zu langfädig ausfielen, gelang es ihm immer wieder, dass Publikum zum Lachen zu bringen. Dazu kamen viele slapstickartige Showeinlagen, die teilweise zwar etwas abgegriffen, häufig aber auch wirklich vergnüglich und originell waren. Zum Gaudi des Publikums liess er beispielsweise Styroporschnee und Luftballone auf die Menge niedergehen und die Musiker des Orchesters boten regelmässig kleine clowneske Showeinlagen, die zum Lachen reizten.
Ein weiteres Ziel Rieus ist es, den Menschen die Klassische Musik wieder näher zu bringen. Zumindest was die leicht bekömmlichen „Hits“ der Klassik betrifft, dürften diesbezüglich Rieus Bestrebungen erfolgreich sein. Mit schmissig gespielten Walzern wie „An der schönen blauen Donau“ oder dem „Kaiserwalzer“ von Johann Strauss und einem umfangreichen Potpourri von Weihnachtsliedern vermochte er die empfänglichen Herzen seines Publikums im Sturm zu gewinnen.
Die Frage allerdings, ob Rieus Konzerte in der St. Jakobshalle in den nächsten Wochen zu einer steigenden Nachfrage nach Abonnemente bei der AMG oder dem Theater Basel führen wird, muss vermutlich eher mit nein beantwortet werden.
Was schliesslich den künstlerischen Anspruch des fliegenden Herrn Rieu betrifft, da fällt das Urteil ziemlich geteilt aus. Musiziert, darauf sei hier mit Nachdruck hingewiesen, hat das Orchester und seine Musikerinnen und Musiker ausgezeichnet. Zwar waren ab und zu leicht verpatzte Einsätze zu hören, was aber meist mehr an der fehlenden Führung des Dirigenten Rieu lag, der manchmal mehr mit dem Smilen ins Publikum beschäftigt war als mit der Leitung des Orchesters. Und die brasilianische Gastsängerin Carmen Monarcha mit ihrer warmen, vollen Stimme und der helle Sopran Carla Maffioletti vermochten mit ihren sinnlichen Interpretationen zu überzeugen.
Musikalisch fragwürdig war allerdings die Tatsache, dass Rieu die Originalstücke teilweise bombastisch umarrangiert und mit schwülstigen Choreinlagen aufgemischt hat, was der an sich grossartigen Musik geschadet hat. Und die oft übertrieben eingesetzten Pausen, Rubati und Portamenti waren zwar für den Schmelz und für den Showeffekt sehr nützlich, ob dies aber der Musik selber gedient hat, ist doch fraglich.
Um schliesslich die Eingangs erörterte Streitfrage, ob André Rieu den Titel eines Walzerkönigs zurecht trage, nochmals in die Runde zu werfen: Man stelle den Entertainer Rieu doch einfach neben den ersten, der diesen Titel zurecht trug, Johann Strauss, vergleiche die beiden miteinander und beantworte die Frage dann am besten gleich selber.
Rolf De Marchi
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 13. Dezember 2004

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