Rolf De Marchi

September 25, 2006

Ein verkanntes Genie?

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:57 am

Der Komponist Hermann Meier war in seinem realen Leben Lehrer, in seiner Fantasie allerdings lebte er in einer fantastisch-bizarren Klangwelt.

Es gibt nicht wenige, die in Hermann Meier, der am 29. Mai 1906 im solothurnischen Selzach das Licht der Welt erblickte, ein verkanntes Musikgenie sehen. Wie auch immer, dass er ein außerordentliches Musiktalent war, steht außer Zweifel. Jedoch dass Meier der vielleicht avantgardistischste Komponist der Schweiz nach dem 2. Weltkrieg werden würde, war zu Beginn seiner beruflichen Karriere mit Sicherheit nicht absehbar, wurde der junge, musikalisch hochbegabte Mann, der ausgezeichnet Klavier und Orgel zu spielen verstand, nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer in Solothurn 1926 doch an die Oberschule von Zullwil geschickt, an der er bis zu seiner Pensionierung 1973 blieb. Anfänglich unglücklich über seine «Verbannung in die Provinz», verliebte er sich mit der Zeit jedoch in die schöne Jura-Landschaft und erkannte bald die Möglichkeit, das nahe gelegene Basel als Quell für seinen enormen kulturellen Wissensdurst zu nutzen.
In Basel nahm dann Hermann Meier seine musikalische Fortbildung wieder auf, wobei der neugierige und für alles Neue offene Freigeist schnell der Faszination des damaligen Zirkels junger Komponisten um den gleichaltrigen Paul Sacher erlag, der sich intensiv mit der damals virulenten Zwölftonmusik von Arnold Schönberg beschäftigte. Schon bald war Meier selber vom Wunsch beseelt, solche Musik zu schreiben und lenkte seine Studien unter der Leitung von Wladimir Vogel und René Leibowitz in diese Richtung.
Nach dem 2. Weltkrieg dann begann er sich mit der Weiterentwicklung der Zwölftontechnik, der Seriellen Musik zu beschäftigen, bei der versucht wird, nicht nur die Tonhöhe, sondern auch andere musikalische Eigenschaften wie Tonlänge, Tonhöhe oder Lautstärke mit Zahlen- und Proportionsreihen zu strukturieren, wodurch eine «musique pure» entstehen soll, frei von falscher Emotion. Trotz seines hohen Alters beschäftigte sich Hermann Meier schließlich noch ab den späten 60er-Jahren intensiv mit Elektronischer Musik was 1976 zur Realisation des Werkes «Klangschichten für Zweikanaltonband» führte, das prompt mit der Verleihung des Werkpreises des Kantons Solothurn ausgezeichnet wurde.
In all diesen Jahren schrieb Hermann Meier verschiedene Werke für Klavier, für Kammerensembles, für Orchester und Elektronik, zur Aufführung gelangten diese Arbeiten allerdings bis auf ein paar ganz wenigen Ausnahmen nie. Seine Musik war vermutlich zu verquer um sich durchsetzen zu können. Erste ab den 1980er-Jahren begann das Avantgarde-Ensemble «Neue Horizonte» Bern vermehrt Kompositionen von Hermann Meier zur Aufführung zu bringen, womit das Interesse an dessen Musik zumindest in den vergangenen zwanzig Jahren in einem bescheidenen Rahmen angeschoben werden konnte. Hermann Meier starb am 19. August 2002 in Zullwil, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat.

Konzert zum 100. Geburtstag

Vor wenig mehr als 100 Jahre, am 29. Mai 1906 ist er geboren worden, der Solothurner Komponist Hermann Meier. Das dieser 100. Geburtstag angemessen gefeiert werden mußte, liegt auf der Hand, so dass eine kleine Gruppe passionierte Hermann-Meier-Bewunderer beschloß, dem Komponisten zu Ehren im Kulturzentrum ‚Alts Schlachthuus’ Laufen ein umfangreiches Konzert zu organisieren, in dem das vielseitige kompositorische Schaffen des Meisters gebührend gewürdigt werden konnte.
Der Abend wurde mit der 1950/52 in der Zwölftontechnik komponierten Sonate für Klavier eröffnet. Nach einer kurzen Einführung durch den Meier-Sachverständigen Professor Urs Peter Schneider, der das Werk als «Sonate der Katastrophe» bezeichnete, legte Pianist Dominik Blum los, wobei sich schnell herausstellte, das Meiers Musik alles andere als emotionslos ist (wie von ihm selber angestrebt). Häufig waren expressive, ausdrucksvolle Stellen zu hören, die von wilden Klangkaskaden durchbrochen wurden. Auch beim anschliessenden Bläserquintett, das letzte Werk übrigens, das Hermann Meier 1989 komponiert hat und den sieben Liedern (1950) waren immer wieder berührende Momente zu hören. Anspruchsvoll und schwierig wurde es dann mit dem in serieller Kompositionstechnik geschriebenen Klavierstück Nr. 2, wovon man sich dann allerdings in «Flächen» (1979) erholen konnte, ein faszinierendes Werk mit im ganzen Raum verteilten, teilweise mit Computer erzeugten Klangflächen und Tontrauben.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 25. September 2006

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