Rolf De Marchi

Oktober 25, 2006

Totenmesse voller Hoffnung

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:10 am

Mit Gefühl für Dramatik interpretierte der Cantate Konzertchor «Ein deutsches Requiem» von Johannes Brahms.

Beim Lesen des Programms des Basler Cantate Konzertchors zu seinem Konzert in der Martinskirche Basel mit Johannes Brahms «Ein deutsches Requiem« op. 45 reagierte man anfänglich mit Enttäuschung, führte der Chor das Werk nicht in der Orchesterfassung mit seinem klangmalerischen Reichtum auf, sondern «nur» in der Londoner Fassung für Chor und Klavier zu vier Händen. Die Enttäuschung hielt sich dann allerdings in Grenzen, wurde der Klavierpart von Nadia Carboni und Paul Suits doch so feinfühlig und mit emotionalem Engagement gespielt, dass man zeitweilig den Orchesterklang nicht mehr vermißte.
Zwischen 1861 und 1868 hatte Brahms das Werk komponiert, wobei der Titel «Requiem» nicht ganz Ernst genommen werden darf, handelt es sich dabei nicht um eine streng von der römisch-katholischen Liturgie geprägten, klassischen Totenmesse mit Kyrie, Gloria und Credo, sondern vielmehr um eine assoziative Auseinandersetzung mit der Tragik des Todes unter der Verwendung von freigewählten Worten aus der Bibel gegossen in die Form einer Chorkantate.
Dass dieses Werk mit seiner romantisch anmutenden Gegenüberstellung von Vergänglichkeit und Ewigkeitshoffnungen, von Trauer und Trost nicht nur bei Brahms Zeitgenossen große Wirkung gehabt hat, ist weiter nicht überraschend, hat das Werk doch bis heute kaum an Eindruckskraft eingebüßt, wie man anläßlich der Konzertes des zirka 80-köpfige Cantate Konzertchor unter der Leitung von Johannes Tolle erfahren konnte. Der Chor vermochte trotz seiner relativen Größe mit erstaunlicher Transparenz in den Stimmen und einer wunderbar wogenden Dynamik in der Stimmführung zu überzeugen. Besonders gut konnte man beispielsweise im 3. Teil hören, dessen Musik über den Psalm 39 mit packender Dramatik interpretiert wurde. Der Solopart des 3. Teils wurde übrigens vom Bariton Thomas J. Mayer sauber intoniert gesungen, wobei allerdings in den tiefen Lagen etwas mehr Druck wünschbar gewesen wäre.
Vom leisen Klangteppich des Chorgesanges begleitet erhob dann noch im 5. Teil der Sopran Tatjana Gazdik mit einem ausgeprägten Vibrato seine kraftvoll-helle Stimme. Dynamisch und ausdrucksstark sang anschließen der Cantate Konzertchor den 6. Teil, dem dramatischen Höhepunkt des Requiems, wo die Überwindung des Todes durch die Auferstehung beschworen wird, um endlich zart und versöhnlich mit dem 7. Teil, dem Epilog abzuschließen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 25. Oktober 2006

Hommage an die Farbe Blau

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:44 am

Mit einem musikalisch-literarischen Potpourri zelebrierte Claudia Sutter die Farbe Blau.

Schon seit Jahren veranstaltet die Basler Pianistin und Sängerin Claudia Sutter in ihrem privaten Salon Hauskonzerte, in denen sie ihre musikalischen Darbietungen noch mit Lesungen literarischer Texte zu erweitern pflegt. Zum ersten Mal nun wagte sich Frau Sutter aus ihrem intimen Privatsalon hinaus in die Öffentlichkeit, beziehungsweise auf die Bühne des Basler Teufelhofes, wo sie unter dem Pseudonym Catrina Bleu im Rahmen ihrer Konzertreihe «Le piano bleu» ihr aktuelles Programm «Mein blaues Klavier» präsentierte.
Als roter, pardon, blauer Faden in diesem Programm diente der Künstlerin die Farbe Blau mit all ihren Facetten. So spielte sie als erstes auf ihrem mit blauen Tüchern drapierten Piano eine höchst vergnügliche Version der «Schönen blauen Donau» mit breiten Rubati und gedehnten Pausen, die dem beschwingten Werk Leben einhauchten.
Des weiteren spielte Catrina Bleu Nocturnes von Frédéric Chopin, diverse Lieder von Barbara, Charles Trenet, Bernhard Eichhorn sowie drei in perfektem Französisch gesungene Chansons, die aus der Feder von Claudia Sutter selber stammten. Geradezu musikkabarettistische Fähigkeiten bewies die Interpretin mit Liedern wie «Zwei Herzen im Dreivierteltakt» von Robert Stolz oder Friedrich Holländers legendäres Lied «Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt».
Zwischen diesen Musikstücken las Madame Bleu ein kluggewähltes Potpourri unterschiedlichster Texte, die sich mit der Farbe Blau beschäftigten. Hinreissende Gedichte von Else Lasker-Schüler, Georg Trakl, Hermann Hesse und anderen mehr, aber auch lehrreiche Informationen über die Konstruktionsweise eines Klaviers oder wie im Mittelalter die Farbe Blau unter Zuhilfenahme von Unmengen von Urin hergestellt wurde, trug Catrina Bleu vor, so dass man nach dem Konzert sowohl künstlerisch befriedigt als auch um ein paar geistreiche Einsichten klüger zum Verzerr der speziell zum Anlaß angebotenen «Assiette bleue au fromage» im Restaurant des Teufelhofes schreiten konnte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 25. Oktober 2006

Oktober 21, 2006

Ein Oratorium der eher makaberen Art

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:17 pm

In der Evangelischen Kirche Arlesheim inszenierte ein rund 50-köpfiges Ensemble eindrücklich Mozarts Judith-Oratorium.

Vor allem im Barock bildete die blutige Enthauptung des Holofernes durch die schöne Jüdin Judith ein beliebtes Thema für Maler wie Gemälde von Artemisia Gentileschi, Caravaggio oder Michelangelo eindrücklich beweisen.
Aber auch der junge Wolfgang Amadeus Mozart scheint von dieser makaberen Geschichte angetan gewesen zu sein, wie das szenische Oratorium «Judith oder Gott spricht durch die Menschen» (1771) beweist. Mit einer gelungenen Inszenierung wurde das Werk unter der musikalischen Leitung von David Wohnlich von Solosängern, dem Kammerchor Arlesheim sowie dem Kammerorchester Concertino Basel in der Evangelischen Kirche Arlesheim zur Aufführung gebracht.
Wir erinnern uns der fiktiven Geschichte: Der assyrische General Holofernes überzog den vorderen Orient mit mörderischem Krieg, um schließlich die jüdische Bergstadt Betulia zu belagern. Um die Stadt zu retten, suchte die jüdische Witwe Judith Holofernes in seinem Lager auf, betörte ihn mit ihrer außerordentlichen Schönheit und schnitt ihm in der anschließenden «Liebesnacht» den Kopf ab. Die assyrischen Truppen stieben Tags darauf in panischer Flucht auseinander. Diesen Stoff hatte der Italiener Pietro Metastasio in ein Libretto gegossen, das Mozart als Grundlage für sein Werk diente.
Eröffnet wurde das Konzert mit einer von Band gespielten Lesung des Anfangs der Judith-Geschichte. Anschließend wurde Mozarts Oratorium in Tranchen gespielt, regelmässig unterbrochen durch weitere, brutal laute Lesungen, die leider den besinnlichen Charakter der Musik etwas beeinträchtigten.
Sauber und mit warmen Alt interpretierte Andrea Weidenmann die Rolle der Judith. Etwas zwiespältig dagegen der Tenor Gerhard Nennemann, der mit ausdrucksstarker, kraftvoller Stimme die Partie des jüdischen Fürsten Ozia sang, wobei die Koloraturen nicht immer präzise saßen und die Zieltöne gelegentlich nicht sauber getroffen wurden. Die beiden Soprane Brigitte Schweizer und Marion Ammann vermochten problemlos zu überzeugen während dagegen der Baß Robert P. Koller als Achior etwas farblos wirkte.
Abgesehen von ein paar kleineren, rhythmischen Unstimmigkeiten beeindruckte auch der Kammerchor Arlesheim. Begleitet vom anfänglich noch etwas braven, dann aber mit immer mehr Verve spielenden Kammerorchester Concertino Basel mündete das zirka 25-köpfige Gesangsensemble schließlich eindrücklich in die mit viel Scheinwerferlicht feierlich inszenierte ‚Schlußapotheose’ des gelungenen Oratoriums.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 21. Oktober 2006

Oktober 9, 2006

Enthusiastisch gefeierte Liebeskäfer

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:35 pm

Mit gewohnter Routine brachten die Lovebugs die ausverkaufte Basler Kaserne zum kochen.

Eigentlich sollten die «Lovebugs» bei der Auswahl ihrer Vorgruppe etwas vorsichtiger sein, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, eines Tages vom eigenen Support Act an die Wand gespielt zu werden. Es hätte jedenfalls nicht viel gefehlt und diese Katastrophe wäre bei ihrem Konzert im Rahmen ihrer aktuellen Schweizer Tournee in der Kaserne Basel eingetreten. «The Paces» hieß die junge Band aus Luzern mit ihren vier gerade mal zwanzigjährigen Musikern, die eine erstaunlich erfrischende Mischung von rauhem Indie-Pop mit Anklängen an die britischen Sixties, Punk, Wave und Grunge bot. Gute, meist klar durchstrukturierte Arrangements, die einzig daran litten, dass sie gelegentlich etwas zu dicht instrumentiert waren, zeichneten ihre Musik aus. Mal abgesehen von ein paar verwackelten Tempowechseln vermochte die Band vor allem dank ihres Sängers Nicolas Chèvre mit seiner klaren, ausdrucksvollen Stimme zu überzeugen.
Mit ihrem frechen Sound also bildeten «The Paces» die eigentliche Überraschung des Abends. Die «Bugs» hingegen überzeugten vor allem mit ihrer gewohnt professionellen Routine. Mit Gefühl spielten die Basler Britpopper ihre gut geölten Songs (Angel Heart, Music Makes My World Go Round, Under My Skin, Everybody Knows, Avalon etc.) und es gab sogar einige Stücke, die richtiggehend «fetzten». Und die zahlreich erschienenen enthusiasmierten Bugs-Fans - die ausverkaufte Kaserne soll 1300 Tickets verkauft haben, was vermutlich viel Kohle in die klamme Kasse des Hauses gespült haben dürfte - feierten ihre Stars der Art, dass die Liebeskäfer schließlich doch noch ihren Support Act zu übertrumpfen vermochten.
Aber immerhin, vielleicht gelingt den Baslern auf ihrer kommenden Deutschlandtournee ja das, was «The Paces» nur fast gelungen ist, als Vorgruppe den Main Act «Reamonn» in Grund und Boden zu spielen. Wie? Nicht möglich? Ach so, ja, stimmt, dass hätten wir ja fast vergessen, die Reamonn-Tournee mit den Lovebugs im Vorprogramm ist wegen einer Kehlkopfentzündung von Sänger Rea Garvey gecancelled worden. Schade, so können die Bugs nicht beweisen, dass sie die bessere Band sind, hat doch deren Frontman Adrian Sieber einmal vor ein paar Jahren behauptet, «…wir schreiben die besseren Songs als die Beatles und die Stones zusammen und sehen besser aus als die Spice Girls…». Mit Sicherheit also hätten sie die Reamonns pulverisiert zurückgelassen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung am 9. Oktober 2006

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