Rolf De Marchi

November 30, 2006

Indian Book

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:49 pm

Gemeinsam mit dem Tablaspieler Udai Mazumdar präsentieren in der Unternehmen Mitte JOPO und Ingeborg Poffet ihr aktuelles «Indian Book-Projekt».

Der Saxophonist und Baßklarinettist JOPO und seine Frau, die Akkordeonistin und Sängerin Ingeborg Poffet, beide Komponisten und in Basel lebend, gründeten 1989 das «Duo fatale». In seinen mit wilden Improvisationen aufgemischten Eigenkompositionen streift das Duo durch die Avantgarde und lotet dabei auch intensiv ethnologischen Tiefen aus, «Weltmusik» im eigentlichen Sinne des Wortes. Ihren reichen musikalischen Erfahrungsschatz, den die beiden von ihren vielen Reisen aus Indien mitgebracht haben, haben sie zum «Indian Book» verarbeitet, das nun diesen Herbst neben einer CD auch in gedruckter Form veröffentlicht und an diesem Wochenende in der Unternehmen Mitte Basel in drei Konzerten präsentiert wird.

Ingeborg, JOPO, wie hat das mit der Musik bei euch angefangen?

Ingeborg Poffet (IP): Ich bin als Musikerin zur Welt gekommen (lacht). Nach Flöte und Klarinette bin ich auf das Akkordeon gestoßen und habe mit 4 mein erstes Konzert gegeben. Schon mit 11 begann ich mich intensiv für Avantgarde zu interessieren, da es aber fast nichts an Neuer Musik für Akkordeon gab, war ich schon damals gezwungen, eigene Stücke zu schreiben.

JOPO: Zuerst habe ich mit 13 angefangen, Baß zu spielen, als ich ein paar Jahre später in England an einem Musikgeschäft vorbeilief, das ein einsames Saxophon in der Vitrine stehen hatte. Zuerst ging ich daran vorbei, doch dann, keine Ahnung warum, ging zurück und kaufte es. Nach jahrelangem intensivem Jazzstudium habe ich dann vor allem in der alternativen Szene gespielt.

Und wie habt ihr euch kennengelernt?

IP: 1989 an einer Kunstausstellung in Frenkendorf, wo JOPO eine Soloperformance machte. Als ich ihn sah, war ich hin und weg. Und als ich ihn einige Minuten später genial Saxophon spielen hörte, war für mich der Fall klar.

JOPO: Wir haben uns dann zu einer Session getroffen, wo es total gefunkt hat. Daraus ist eine inzwischen 17-jährige intensive Partnerschaft und Zusammenarbeit geworden.

Und wie seit ihr eigentlich auf den Namen «Duo fatale» gekommen?

IP: Wir wollen mit unserer Musik dem Publikum einen radikalen Spiegel vorhalten, den Leuten gewissermassen ihre fatale Seite bewußt machen. Dabei ist uns wichtig, nicht in irgendwelche stilistische Schablonen zu denken. Ein Teil unserer Musik ist auf Noten fixiert, dabei ist uns aber die Improvisation als Ausdruck der Freiheit und der spontanen Inspiration mindestens so wichtig.

Euer aktuelles Projekt steht unter dem Titel «Indian Book».

IP: Seit Jahren sind wir regelmässig in Indien, wo wir Konzerte geben und an Festivals spielen. Wir bleiben dann immer noch ein paar Wochen länger, um Kontakte mit einheimischen Musikern zu knüpfen, mit ihnen zu spielen und von ihnen zu lernen. Als Resultat all dieser Erfahrungen haben wir im Frühjahr 2000 die CD «Indian Book» eingespielt, die wir jetzt erneut als Remix-CD veröffentlicht haben (Indian Book Remix 2006, Xopf 034). Dazu sind jetzt im Herbst 2006 die Noten von Indian Book beim Verlag Augemus in Deutschland erschienen.

Und um diese Relaunch gebührend zu begehen, habt ihr eine kleine Konzertreihe in der Unternehmen Mitte organisiert?

JOPO: Genau, wir werden dort gemeinsam mit dem Tablaspieler Udai Mazumdar, der sich an der Seite von Ravi Shankar einen Namen gemacht hat, unser Indian Book-Projekt live vorstellen. Leute, unbedingt an unser Konzert kommen, ihr würdet sonst etwas verpassen.

Konzertort: Unternehmen Mitte Basel
Konzertdaten: 01.12.2006 20:30 / 02.12.2006 19:00 / 03.12.2006 17:00

Weiter Infos: www.duofatale.ch

Loderndes Feuer neuer Alter Musik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:16 am

In der Stadtkirche Liestal präsentierte das Ensemble La Cecchina Musik des Frühbarocks.

Als Ende des 16. Jahrhunderts die mittelalterliche Mehrstimmigkeit einen kaum mehr zu überbietenden Grad an Komplexität erreicht hatte - der Schritt zu Atonalität stand wohl kurz bevor -, kam es im Kreis des florentiner Grafen Giovanni de Bardi da Vernio zu wilden philosophischen Spekulationen über eine neue Art der Musik im Sinne der Antike. Bald schon begannen auch praktizierende Musiker wie Jacopo Peri und Ludovico Viadana mit neuen Musikformen zu experimentieren, was schließlich zum instrumental begleiteten einstimmigen Gesang führte, der sogenannten Monodie. Als schliesslich Giulio Caccini 1602 einen Band monodischer Kompositionen in die Welt schickte, die berühmten «Nuove musiche», war der neue Stil, der letztlich auch die Kunstform Oper ermöglichte, nicht mehr aufzuhalten.
Der äusserst kreativen Musikrevolution jener Epoche um 1600 hatte das Basler Barockensemble La Cecchina sein Konzert im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal gewidmet. Neben Kompositionen des bereits erwähnten Giulio Caccini (1550-1618) waren auch hinreissende Vokalwerke von dessen kaum minder innovativen Tochter Francesca Caccini (1587-1645) zu hören.
Mit klarer Stimme gesungen wurden diese Werke vom Sopran Ana Arnaz, versiert begleitet von Josué Meléndez (Zink), Sophie Vanden Eynde (Theorbe), Masako Art (Barockharfe), Brigitte Gasser (Viola de gamba) und David Blunden (Cembalo). Sehr ansprechend unterstützt vom Ensemble, einzig die gelegentlich etwas zu üppig ausgefallene Ausgestaltung des Basso continuos irritierte etwas, sang Ana Arnaz diese Musik mit einwandfreier Intonation und präzise gestalteten Agréments. Das «lodernde Feuer» allerdings, das in der Komposition «Ardo infelice» beschworen wurde, vermißte man bei den Interpretationen der Sängerin vor allem in der ersten Hälfte des Konzertes gelegentlich etwas.
Als Zwischenmusik zu den Vokalwerken von Vater und Tochter Caccini spielte das Ensemble noch Instrumentalwerke von Alessandro Piccinini (1566-1638), des in Rom wirkenden Johann Kapsberger (ca. 1580-1651) und Girolamo Frescobaldi (1583-1643), dessen Stücke von Josué Meléndez auf der Zink mit weichem, warmem Ton und großer interpretatorischer Präzision ausgestaltet wurden. Das abschließende «Ecco ch’io verso il sangue» von Francesca Caccini gelang letztlich ausnehmend gut und es war nun auch bei der Sängerin Ana Arnaz ein kräftigeres Flackern interpretatorischen Feuers zu spüren.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 29, 2006

Musikalisch hochstehender Mainstream-Jazz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:10 am

Auch in diesem Jahr setzt das JAZZ BY OFF BEAT/JAZZSCHULE BASEL in der kommenden Saison 2006/07 auf bewährte Musiker und Bands.

Seit über dreißig Jahren steht das Lable Jazz by Off Beat/Jazzschule Basel für Konzerte mit modernem Jazz von meist hervorragender Qualität in der Region. Hat die Organisation anfänglich noch ‚nur’ alle ein, zwei Monate ein Jazzkonzert organisiert, ist das Jazz by Off Beat-Team schon vor Jahren dazu übergegangen, gemeinsam mit der der Musik-Akademie angegliederten Jazzschule Basel alljährlich im Frühling ein umfangreiches, auch national beachtetes Jazzfestival zu organisieren, dem ein paar einzelne Konzerte, sogenannte «Prefestivals» vorangehen.
Wie schon in der vergangenen Saison, wo musikalisch hochstehender Mainstream-Jazz von John Scofield, Joshua Redman, Mare Nostrum oder der Gruntz Bigband zu hören war - das Avantgardeduo Feldman-Courvoisier mit seiner anspruchsvollen Musikkost bildete die löbliche Ausnahme -, wird auch in der kommenden Saison 2006/07 sowie am Jazzfestival vom 23. April - 6. Mai 2007 niveauvoller Jazz zu hören sein.
Schon am Sonntag 3. Dezember 2006 geht’s mit der Bigbandleaderin, Komponistin und Arrangeurin Maria Schneider, die gegenwärtig zum Besten gerechnet wir, was der amerikanische Bigbandjazz in der Tradition eines Gil Evans zu bieten hat, los.
Ansonsten ist das Programm in mehrere Themenschwerpunkte unterteilt: Der erste dieser Schwerpunkte liegt aus Anlaß des 40. Todestages des großen Tenorsaxophonisten John Coltrane auf dem Saxophon, angefangen mit dem jungen Multisaxofonist Chris Potter, der am 1. Januar 2007 im Foyer des Theater Basel mit einer Mischung aus den aktuellen Stilen der New Yorker Szene: Funk, Electric Jazz und «Postcoltrane-Music» zu hören sein wird. Weitere «Saxgiganten» wie Charles Lloyd, Rick Margitza, Kenny Garrett, George Robert werden zu hören sein.
Ein weiterer Themenschwerpunkt liegt aus Anlaß des vor 90 Jahren geborenen stilbildenden Jazzpianisten Thelonious Monk auf dem Piano. Angefangen bei der großen Pianistin, Arrangeurin und Bandleaderin Carla Bley aus den USA über Geri Allen Enrico Pieranunzi, Esbjörn Svensson bis zu Lokalmatadoren wie Hans Feigenwinter und Jean Paul Brodbeck werden ihr Können unter Beweis stellen.
Schwerpunkte wie «Africa Forever» mit Lisette Spinnler mit ihrem Afrika-Projekt, Dee Dee Bridgewaters African Orchestra und E-Bassist Richard Bona mit seiner neuen Band; «Groove, Funk and Electronics», wo in der Kaserne neben der stimmungsvollen US-Band «The Groove Collective» auch verschiedene, spannende Funk und ElectricJazzbands der Jazzschule Basel spielen werden und ein Konzert unter dem Titel «Film und Jazz» werden das Programm abrunden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Musik voll erhabener Schönheit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:07 am

Die indische Sängerin Lakshmi Shankar trug Lieder im klassischen Khyal-Stil vor.

Mehr noch als in der klassischen europäischen Musik die Symphonie oder die Sonate, bildet der Raga die zentrale Musikform in der klassisch-indischen Musik, wobei die Bezeichnung «Musikform» dem Raga nur teilweise gerecht wird, bedeutet der Begriff doch « Farbe, Leidenschaft» und steht auch für ein tonal-melodisches Skalenmodell, einer Tonskala, die nach festgelegten melodisch-thematischen Regeln «improvisatorisch» ausgestaltete wird. Jeder dieser Ragas repräsentiert bestimmte Gefühlsinhalte (Freude, Liebe, Friede, Traurigkeit etc.) und wird bestimmten Tages- und Jahreszeiten zugeordnet.
Es ist daher nur konsequent, dass der Leiter des Ali Akbar College of Music Basel und Sarod-Virtuose Ken Zuckerman für seine im Grossen Saal der Musik-Akademie Basel organisierte Matinée mit klassischer Indischer Musik «Morning Ragas» programmiert hat. Zu diesem Konzert hat er die Grand Old Lady unter den Sängerinnen des nordindischen Khyal-Stils eingeladen: Lakshmi Shankar. Doch bevor die große Sängerin ihr Kunst präsentierte, legte Ken Zuckerman begleitet vom Tablavirtuosen Swapan Chaudhuri mit einem in einem eher ersten Modus gehaltenen Raga einen Beweis seiner Könnerschaft auf dem Sarod vor, ein Lauteninstrument, das sich im Unterschied zur Sitar durch einen warmen, dunklen Ton auszeichnet.
Von geradezu erhabener Schönheit dann die Stimme von Lakshmi Shankar, mit der die Sängerin mehrer Lieder im Khyal-Stil vortrug, der klassischen Hindustani Gesangstradition schlechthin. Begleitet vom Tablavirtuosen Swapan Chaudhuri und Ken Zuckerman, der ein kleines Harmonium spielte, sang Lakshmi Shankar diese Lieder mit einer erdig-dunklen Stimme voller Wärme in den tiefen Lagen, mit einem hellen Timbre von fast mädchenhafter Klarheit in den hohen Lagen. Mit ihrer großen Ausdruckskraft bewies Lakshmi Shankar, das die menschliche Stimme unschlagbar das schönste aller Instrumente ist.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Ein musikalisches Panoptikum

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:03 am

Der 75-jährige Komponist Rudolf Kelterborn nutzte seine «Carte blanche» für einen anregenden Konzertabend.

Dass der Komponist Rudolf Kelterborn anläßlich seines 75. Geburtstages von der Musik-Akademie Basel für ein Konzert im Grossen Saal der Akademie eine «Carte blanche» erhalten hat, ist kein Zufall, hat der Klangforscher doch an diesem Institut seine ersten Studienjahre verbracht (1950-1952), später dort als Theorielehrer unterrichtet (1955-1960) und schließlich sogar die Musik-Akademie geleitet (1983-1994). Unter der Leitung von Jürg Henneberger wurde dieses Akademie-Konzert von Dozierenden und Studierenden der Hochschule für Musik Basel unter Beizug von Gästen ausgeführt.
Dass Kelterborn zu Beginn des Konzertes als erstes die «Sonate I a due violinie basso continuo in do minore» von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) ins Programm genommen hatte, wurde von ihm in einem späteren kurzen Gespräch zu den Werken des Abends mit Bachs für seine Zeit revolutionäre Harmonik begründet, die ihn fasziniere.
Dann stand Kelterborns eigenen Komposition «Ensemble-Buch III - Eine zyklische Kammermusik mit zehn Instrumenten» (1997) auf dem Programm. Im ersten Satz mit dem Titel «Impuls» wechselten extrem harte, im lautesten Fortissimo und auf höchsten Lagen tutti gespielte Pizzicato -Töne mit im Pianissimo gespielten, zarten Klangfarben ab. Die darauffolgenden sechs Sätzen dieses aufwühlenden Werkes boten ebenfalls ein musikalischen Panoptikum an unterschiedlichsten Klangvariationen, wechselnd zwischen fragilen Tongespinsten voller ätherischen Erregtheit, zarten wie schrägen Klangfarben sowie dichten Tongeflechten von höchster Intensität.
Nach mehreren von Studierenden mit erstaunlich hoher interpretatorischer Qualität vorgetragenen Liedern von Ludwig van Beethoven, Václav Jan Tomásek und Franz Schubert schloss das Konzert mit Rudolf Kelterborns «Goethe-Musik» für Frauenstimme und acht Instrumente nach Texte von Goethe, Goethes Mutter und Goethes Frau Christiane Vulpius (2000).

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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