Licht-Musik
Gare du Nord / Unter dem Titel «Lights» präsentierte das Ensemble Phoenix Basel ein vielseitiges Programm anspruchsvoller Werke englischer und französischer Komponisten.
Mit einem gewaltigen Schlag auf einen mehr als einen Meter messenden Gong brachte der Schlagzeuger des Ensemble Phoenix Basel in der kleinen Halle des ehemaligen Erstklaßbuffet des badischen Bahnhofs, der heutigen Gare du Nord das mit dunkler Patina überzogene, stilvollen Holztäfer an den Wänden bis in die letzte Fuge zum erzittern. Fast unendlich schien die Zeit des Ausklingens der gewaltigen Metallscheibe, als aus dem fast entschwundenen Ton zart und leise ein tiefer elektronischer Ton zu hören war, dessen Ursprung unverkennbar der mit einem Laptop aufgenommene und elektronisch verfremdete Gongton war. Immer höher schraubte sich der stehende, synthetische Klang, anfänglich zaghaft, dann aber immer intensiver und schliesslich durch ein sich schraubendes und windendes, komplexes Gewebe von wild durcheinander wuselnden Instrumentenstimmen durchflochten. Spannungsvoll und abwechslungsreich ging es dann weiter von lyrisch-zarten bis aggressiv-harten Klängen organisiert in teils offenen, teils in extrem verdichteten Strukturen.
«Inner Light I for 7 players and tape» lautete der Titel dieses clever gedrechselten Werkes, das der englische Komponist Jonathan Harvey 1973 geschrieben hatte und das von den Musikerinnen und Musikern des Ensemble Phoenix Basel souverän interpretiert wurde. Geleitet wurde das Konzert, das unter dem Titel «Lights» stand, von Jürg Henneberger, dem Schweizer Dirigenten für Neue Musik par excellence, der dem Igel im grimmschen Märchen gleich fast überall anzutreffen ist, wo Avantgardistisches zu Gehör gebracht wird.
Nicht minder großartig wie Jonathan Harveys Werk dann die folgende Komposition « Figures libres» (2001) für 8 Instrumente des französischen Komponisten Philippe Hurel (1955). Eine zentrale Grundfrage, die sich Hurel beim Schreiben diese Stückes stellte, war, «wie sich aus einer äusserst eingeschränkten Materialvorlage - im Grund ein 8-Noten-Motiv - gleichwohl ein ausgedehntes Ensemblestück schreiben lässt». Über stehenden Klängen eines Streichtrios eröffnete das Stück mit schnellen, rhythmisch unregelmäßig strukturierten und abgehackt wirkenden Tonfolgen in den Blasinstrumenten, die hohe Anforderungen an die Musiker in puncto Präzision stellten.
Zum Abschluss dieses Licht-Abends in der Gare du Nord hatte das Ensemble Phoenix noch «At first Light» (1982) für Kammerensemble mit 14 Musikern des englischen Komponisten George Benjamin programmiert. Benjamin hat in den 70er-Jahren bei Olivier Messiaen in Paris Kompositionsunterricht genossen und lebt heute in London, wo er am Royal College of Music unterrichtet. Das Werk «At first Light» ist eine Reaktion des Komponisten auf ein William Turner-Bild, indem er in diesem dreisätzigen Stück Klanglandschaften formt aus denen sich isolierte Klangobjekte aus einem hintergründigen Kontinuum von Farbschichten und harmonischen Strukturen herausheben. Das vom Ensemble mit atemberaubender Intensität gespielte, wechselvolle Werk pendelte zwischen sehr zarten, gelegentlich an die Harmonik eines Skrjabin erinnernden Momenten und extrem energetischen, manchmal sehr harten Passagen, die in puncto Lautstärke an die Grenze des Erträglichen gingen.
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung