Rolf De Marchi

Dezember 18, 2006

Licht-Musik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:25 pm

Gare du Nord / Unter dem Titel «Lights» präsentierte das Ensemble Phoenix Basel ein vielseitiges Programm anspruchsvoller Werke englischer und französischer Komponisten.

Mit einem gewaltigen Schlag auf einen mehr als einen Meter messenden Gong brachte der Schlagzeuger des Ensemble Phoenix Basel in der kleinen Halle des ehemaligen Erstklaßbuffet des badischen Bahnhofs, der heutigen Gare du Nord das mit dunkler Patina überzogene, stilvollen Holztäfer an den Wänden bis in die letzte Fuge zum erzittern. Fast unendlich schien die Zeit des Ausklingens der gewaltigen Metallscheibe, als aus dem fast entschwundenen Ton zart und leise ein tiefer elektronischer Ton zu hören war, dessen Ursprung unverkennbar der mit einem Laptop aufgenommene und elektronisch verfremdete Gongton war. Immer höher schraubte sich der stehende, synthetische Klang, anfänglich zaghaft, dann aber immer intensiver und schliesslich durch ein sich schraubendes und windendes, komplexes Gewebe von wild durcheinander wuselnden Instrumentenstimmen durchflochten. Spannungsvoll und abwechslungsreich ging es dann weiter von lyrisch-zarten bis aggressiv-harten Klängen organisiert in teils offenen, teils in extrem verdichteten Strukturen.
«Inner Light I for 7 players and tape» lautete der Titel dieses clever gedrechselten Werkes, das der englische Komponist Jonathan Harvey 1973 geschrieben hatte und das von den Musikerinnen und Musikern des Ensemble Phoenix Basel souverän interpretiert wurde. Geleitet wurde das Konzert, das unter dem Titel «Lights» stand, von Jürg Henneberger, dem Schweizer Dirigenten für Neue Musik par excellence, der dem Igel im grimmschen Märchen gleich fast überall anzutreffen ist, wo Avantgardistisches zu Gehör gebracht wird.
Nicht minder großartig wie Jonathan Harveys Werk dann die folgende Komposition « Figures libres» (2001) für 8 Instrumente des französischen Komponisten Philippe Hurel (1955). Eine zentrale Grundfrage, die sich Hurel beim Schreiben diese Stückes stellte, war, «wie sich aus einer äusserst eingeschränkten Materialvorlage - im Grund ein 8-Noten-Motiv - gleichwohl ein ausgedehntes Ensemblestück schreiben lässt». Über stehenden Klängen eines Streichtrios eröffnete das Stück mit schnellen, rhythmisch unregelmäßig strukturierten und abgehackt wirkenden Tonfolgen in den Blasinstrumenten, die hohe Anforderungen an die Musiker in puncto Präzision stellten.
Zum Abschluss dieses Licht-Abends in der Gare du Nord hatte das Ensemble Phoenix noch «At first Light» (1982) für Kammerensemble mit 14 Musikern des englischen Komponisten George Benjamin programmiert. Benjamin hat in den 70er-Jahren bei Olivier Messiaen in Paris Kompositionsunterricht genossen und lebt heute in London, wo er am Royal College of Music unterrichtet. Das Werk «At first Light» ist eine Reaktion des Komponisten auf ein William Turner-Bild, indem er in diesem dreisätzigen Stück Klanglandschaften formt aus denen sich isolierte Klangobjekte aus einem hintergründigen Kontinuum von Farbschichten und harmonischen Strukturen herausheben. Das vom Ensemble mit atemberaubender Intensität gespielte, wechselvolle Werk pendelte zwischen sehr zarten, gelegentlich an die Harmonik eines Skrjabin erinnernden Momenten und extrem energetischen, manchmal sehr harten Passagen, die in puncto Lautstärke an die Grenze des Erträglichen gingen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 15, 2006

Förderung des Musiklebens

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:28 am

Mit einem Kammerkonzert wurde die Gründung einer neuen Musikstiftung gefeiert.

Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde oft in Orchestern minder begabten Violinisten eine Viola in die Hand gedrückt mit der Konsequenz, dass sie eine technisch weniger anspruchsvolle und musikalisch eher uninteressante Mittelstimme spielen mussten. Diese Zeiten sind glücklicherweise längst vorbei, werden doch heute Bratschisten mit der gleichen Seriosität auf ihrem Instrument ausgebildet wie die Violinisten. Der aus Albanien stammende junge Violaspieler Altin Tafilaj belegt dies, hat er doch unter andrem an der Basler Hochschule für Musik sein Instrument studiert und bei Gérard Wyss mit dem Konzertdiplom in Kammermusik abgeschlossen.
Gemeinsam mit der nicht minder begabten Pianistin Irina Georgieva, mit der er seit zwei Jahren ein Duo bildet und die ebenfalls ein Teil ihres Studiums an der Musik-Akademie Basel absolviert hat, gab Altin Tafilaj im prunkvoll renovierten «Salle Belle Epoque» des Hotels Les Trois Rois in Basel ein Konzert. Anlass für dieses Konzert bot die Gründung einer neuen Stiftung Namens «Pirolo», die sich die Förderung des Musiklebens in Basel und seiner Region zum Ziel gesetzt hat.
Als Eröffnungsstück spielte das Duo ein Intermezzo für Viola und Klavier des Musikfilm-Altmeisters Nino Rota. Nicht unsensibel interpretierten die Beiden dieses lyrische Werk, wobei allerdings die Viola streckenweise etwas träge wirkte und in ihrem Spiel gelegentlich kleine Intonationstrübungen zu hören waren. Sicherer gespielt dagegen klangen die darauffolgenden Märchenbilder für Viola und Klavier op. 113 von Robert Schumann, wobei vor allem das sensible, einfühlsame Spiel der Pianistin Irina Georgieva ins Gewicht fiel.
In den 3 Stücken aus «Die Stechfliege» des kapriziösen russischen Komponisten Dimitri Schostakovitsch traten zu Beginn wieder die bereits erwähnten Intonationsprobleme auf, das letzte der drei Stücke aber spielten die beiden mit der nötigen, federnden Leichtigkeit. Auch die abschließende Sonata op. 36 B-Dur von Henry Vieuxtemps (1820-1873) vermochten Altin Tafilaj und Irina Georgieva mit dem gebotenen Schuß Nonchalance auszugestalten. Trotz anhaltendem Applaus ließ sich das Duo nicht zu einer Zugabe erweichen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 13, 2006

Fleischgewordene Beredsamkeit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:08 pm

Im Theater Fauteuil feierte Roger Willemsen die Kunst des «gelungenen Scheiterns».

Als «fleischgewordene Hyperbel der Beredsamkeit» hat ihn einmal eine böswillig-spitze Feder des deutschen Feuilletons bezeichnet, den Roger Willemsen. Genau, das ist der Moderator, der nach dem Abgang von Daniel Cohn-Bendit bis vor kurzem den Literaturclub des Schweizer Fernsehens geleitet hat. Seit Anfang der 90er-Jahre pflügt der Kulturvermittler Roger Willemsen unter Volldampf über sämtliche Äcker der deutschen Medienlandschaft. Vor allem als Fernsehmoderator, aber auch als Essayist, Herausgeber, Übersetzer, Journalist und Interviewer duzender Promis hat er sich selber zum Promi hochgearbeitet. Jedoch gerade sein vor kurzem erschienenes Buch «Hier spricht Guantánamo », in dem Roger Willemsen engagiert unschuldige Ex-Häftlinge aus Guantánamo gesucht und interviewt hat, beweist, dass man dem Mann unrecht tut, wenn man ihn einfach nur als begnadeten intellektuellen Schwätzer abtun will.
Auf hohem sprachlichem Niveau begnadet reden allerdings kann Roger Willemsen in der Tat, wie man bei seinem Auftritt im Basler Theater Fauteuil erfahren konnte. Der Abend mit dem Titel «Und du so?» stand unter dem Motto des «gelungenen Scheiterns». Mit einer Kette von Begebenheiten vor allem aus der Jugendzeit Willemsens, aufgelockert mit Ausflügen in die Literatur und Politik, zeigte Willemsen in der Tradition des Stehgreif-Redens auf, dass das «wirkliche Leben» die besten Pointen bietet. Die meisten Lacher provozierte er vermutlich bei seinen selbstironischen Beschreibungen seiner meist gescheiterten, ersten Annäherungsversuche an das weibliche Geschlecht. Aber auch seine lebenslange Suche nach dem ultimativ genialsten Satz der Literaturgeschichte bot Stoff für viele Lacher. Skurril auch seine Umkehr des menschlichen Lebens: herausgehoben aus dem Grabe, Rückkehr aus der Senilität über das aktive Berufleben mit seinen Tücken hinein in das lockere Studentenleben und in die Härten der Pubertät, herab zum Säuglingsalter bis «Sie am Ende mit einem Schrei des Entzückens im Leib ihrer Mutter entschwinden». Originell und urkomisch!
Wenn man von ein paar Momenten mit einem zarten Hauch von Frauenfeindlichkeit und Überheblichkeit gegenüber fremden Kulturen mal absieht, ein restlos gelungener Abend.

Erschienen in der Basellandschaftliche Zeitung

Dezember 11, 2006

Musik voller Poesie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:25 pm

Das Sabeth Trio interpretierte impressionistische und zeitgenössische Musik.

1697 publizierte der französische Schriftsteller Charles Perraults die Märchensammlung «Les Contes de ma mère l’oye». Fünf dieser Märchen hat der französische Komponist Maurice Ravel (1875-1937) verwendet, um Klavierstücke mit dem Titel «Ma mère l’oye» für die Kinder eines befreundeten Ehepaares zu schreiben. Diese raffiniert-naiven musikalischen Charakterstückchen mit unterschiedlichen Märchen- und Tiergestalten hat Ravel drei Jahre später dann noch in eine Orchesterfassung gegossen.
Auf die bizarre Idee aber, diese Kinderstücke für Flöte, Viola und Harfe zu bearbeiten, ist Ravel nicht gekommen, das Sabeth Trio aus Basel allerdings schon (vermutlich aus Mangel an Originalliteratur für ihre außergewöhnlichen Besetzung). Und siehe da, das funktioniert ausnehmend gut, wie man anläßlich des von der Vereinigung der Oberwiler Musikfreunde organisierten Konzertes des Trios in der Reformierten Kirche in Oberwil erfahren konnte. Das 1988 gegründete Sabeth Trio mit Matthias Ebner (Flöte), Markus Wieser (Viola) und Mahalia Kelz (Harfe), das sich auf die Interpretation von französischem Impressionismus und zeitgenössischer Musik spezialisiert hat, erwiesen sich mit seiner Besetzung als ideal für Ravels perlend-irisierenden Musik.
Vielleicht eine Spur weniger genial aber dennoch sehr ansprechend die «Pastorales de Noël» (1943)des französischen Komponisten André Jolivet (1905-1974), die das Trio mit einer ausgewogenen Mischung von zarter Einfühlung und zupackender Kraft interpretierte. Wesentlich anspruchsvoller dann die Komposition «Laconisme de l’aile» für Flöte solo der in Paris wirkenden Finnin Kaija Saariaho (1952), wo Flötist Matthias Ebner gesprochener Text mit verschiedenen, in der zeitgenössischen Musik üblichen Spieltechniken wie Obertonmehrklängen, Flageoletts, Vierteltöne, Tonblenden etc. mischte.
Zum Anschluß dann noch das einzige Werk in Originalbesetzung Flöte, Viola und Harfe, die Sonate (1915) von Claude Debussy (1862-1916). Mit gestochen scharfer Klarheit setzte das Sabeth Trio diese Klang gewordenen Musik um, so dass man nach dem Konzert innerlich gewärmt den kalten Heimweg antreten konnte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Das Ende naht

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:31 am

Das Schweizer Bläserensemble aus Zürich spielte Wolfgang Amadeus Mozarts Serenade Nr. 10 B-Dur KV 361 «Grand Partita».

Gerade mal 20 Tage währt es noch, das Mozart-Jahr, letzte Gelegenheit also, es mit einem Konzert gebührend zu begehen. Um nicht weitere 250 Jahre auf den nächsten großen, runden Geburtstag des Meisters warten zu müssen, hat das Schweizer Bläserensemble - Neudeutsch «Swiss Wind Soloists» - diese letzte Chance genutzt und im Rahmen der Konzertreihe «Kammermusik um halb Acht» in der Martinskirche Wolfgang Amadeus Mozarts Serenade Nr. 10 B-Dur KV 361, die sogenannte «Grand Partita» für 12 Blasinstrumente und einen Kontrabass zur Aufführung gebracht. Das Schweizer Bläserensemble wurde 1996 gegründet und setzt sich mehrheitlich aus Musikerinnen und Musiker des Tonhalle-Orchesters und des Orchesters der Oper Zürich zusammen. Im Unterschied zur Schweizer Fußballnati, die ausschliesslich aus Einheimischen und im Schnellverfahren Eingebürgerten bestehen muss, sind nur etwa die Hälfte des Schweizer Bläserensembles Einheimische, der Rest stammt aus Europa, Südafrika und Japan.
Nachdem der Programmleiter von Radio DRS2, Arthur Godel eine mit anschaulichen Bildern gespickte kurze Einführung in Mozarts Serenade geboten hatte, eröffnete das Schweizer Bläserensemble diese raffiniert gedrechselte Instrumentationsstudie voll bezaubernder Klangpoesie und wuchernder Klangpracht. Feinfühlig und souverän bewältigte das dreizehnköpfige Ensemble den steten Wechsel unterschiedlichster Farbkombinationen zwischen Solo, abgestufter Begleitung und den Tutti aller Instrumente. Im besonderen der exquisite 3. Satz, das Adagio mit seinem kunstvoll gesponnen Klangteppich als Begleitung für die Solo-Linien gelang vortrefflich.
Etwas spannungslos, interpretatorisch aber ohne Makel spielte das Ensemble schliesslich am Ende dieser bewegenden Serenade den abwechslungsreichen Variationssatz mit seinen zahlreichen Solo-Episoden, der mit einem türkisch angehauchtes Rondo abschließt. Erst nach einem langen, intensiven Applaus, der schon kurz vor dem Abklingen stand, lies sich das Schweizer Bläserensemble erweichen, den 3. Satz, das legendäre Adagio nochmals zu wiederholen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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