Rolf De Marchi

Januar 31, 2007

Düsterschöne Verzweiflung

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:00 pm

Neben dem «Schweizer Holz Trio» überzeugte die Performance «Lost» durch ihre schockierend-ehrliche Darstellung.

Eine unbewegliche, an eine alte, kopflose Schaufensterpuppe erinnernde Gestalt, eingehüllt in einen schwarzen Mantel stand Rücken nach vorne im Halbdunkel des hinteren Bühnenraumes, anfänglich kaum beachtet vom zahlreich erschienene Publikum, das endlich Punkt Acht Uhr in die ehemalige Industriehalle der Imprimerie Basel eingelassen wurde. Als dann wenig später der Schlagzeuger Sheldon Suter die vom Forum für Improvisierte Musik und Tanz präsentierte Performance mit dem Titel «Lost» eröffnete und seiner große Standtrommel mit einem Violinbogen ein giftiges Kratzen zu entlocken begann, fing die Figur im Hintergrund an sich zu bewegen. Musikalisch zusätzlich begleitet vom frei improvisierenden Trompeter und Sounddesigner Marco von Orelli schoben unendlich langsam die verkrümmt wirkenden Beine die anonyme Gestalt mit einer lethargischen Drehung nach vorne ins spärliche Licht, wo sich schliesslich der Körper der Tänzerin und Performerin Flavia Ghisalberti in seiner ganzen furchterregenden Schönheit präsentierte.
Gleichsam wie in zähflüssiges Glas eingegossen und mit spastisch verkrümmt wirkenden Gliedmassen begann die Tänzerin mit einem fast gänzlich entblösten, in einem hellen, schmutzigen Grau geschminkten, extrem verletzlich wirkenden Körper einen mit schauspielerischen und pantomimischen Elementen durchsetzten ‚Zeitlupen-Tanz’, der nahezu die gesamte Palette menschlicher Tragik und Leidens zum Ausdruck brachte und an erbarmungsloser Brutalität, dunkler Anmut, abgrundtiefer Verzweiflung und düsterer Erotik kaum zu überbieten war. Eine schockierend eindrückliche Darstellung des hilflosen Geworfenseins des Menschen in eine gnadenlose Welt, die keinen im Publikum kalt liess, war man doch zwischen abscheuerregendem Degout und größter Faszination hin und her gerissen.
Geradezu erholsam dann der zweite Teil des Konzerts, als das «Schweizer Holz Trio» bestehend aus drei gestandenen Kämpen der Schweizer Jazz- und Frei Improvisierten Musik-Szene, der Bassklarinettist Hans Koch (Koch, Schütz, Studer), der Sopran- und Tenorsaxophonist Urs Leimgruber (OM, Arte Saxophon Quartett) und der Altsaxophonist Omri Ziegele (Billiger Bauer) mit einer hemmungslosen Frische drauflos zu improvisieren begannen. Von sensibel zart bis extrem hart wurden von den drei Musikern sämtliche Möglichkeiten der Geräusch- und Tonerzeugung ihrer Instrumente ausgelotet. Da wurde geschnalzt, geslapt, geknurrt, gequiekt, dass es eine Freude war; Balsam für eventuell vorausgegangene seelische Blähsuren.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 29, 2007

Anspruchsvoller Jazz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:30 pm

Das Jazztrio Vein überzeugte durch seine kompositorisch raffiniert verschachtelte Musik.

Zweifelsohne gehört das Trio Vein momentan zum innovativsten, was die Region in puncto Jazz zu bieten hat. Nun haben die beiden Zwillingsbrüder Michael (Piano) und Florian Arbenz (Drums) gemeinsam mit Thomas Lähns (Baß) ihre dichte, spannungsgeladene Musik auf eine CD gebannt, die sie im Basler Kulturrestaurant Parterre aus der Taufe gehoben haben. Dass sowohl die CD als auch das Konzert musikalisch zu überzeugen vermochten, kann eigentlich nicht überraschen, wenn man bedenkt, dass alle drei Musiker des Trios mit Jazzgrössen wie Greg Osby, Bennie Maupin oder Wolfgang Puschnig, um nur die wichtigsten zu nennen, die Bühne geteilt haben. Was nun aber wirklich überraschen könnte ist die Tatsache, dass es alle drei Musiker schaffen, sich auch im klassischen Bereich souverän zu bewegen, etwas, was nur ganz wenige Musiker auf die Reihe bringen; Zusammenarbeit mit Musikerpersönlichkeiten wie Pierre Boulez, Paul Sacher und Heinz Holliger seien hier genannt.
Gerade dieser Klassikbezug erweist sich einerseits als großer Vorteil für die Musik des Klaviertrios, das sich stilistisch irgendwo zwischen der balladesken Lyrik eines Bill Evans und der kompromisslosen dissonanten Härte eines Cecil Taylors bewegt. Raffiniert verschachtelte, kompositorisch immer wieder überraschende Teile, die durch Rhythmuswechsel und Änderungen der Grooves das Aufkommen von Langeweile verhindern, zeichnen die Musik von Vein aus.
Die hohe Komplexität der Musik und auch der Klassikbezug brachten aber andererseits während des Konzertes den Nachteil mit sich, dass der größere Teil des Trios meist geradezu hypnotisch an seinen Noten klebte, worunter leider die Spontaneität etwas zu leiden hatte. Möglicherweise ein dummes Vorurteil, aber gerade die Stücke, wo alle drei Musiker ohne Noten spielten, vermochten emotional am meisten zu überzeugen; eine erfrischend respektlose, tonal fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Version des Jazzklassikers «All The Things You Are» sei als Beleg dieser Behauptung angeführt. Hier begann die Musik des Trios wirklich zu leben und die in den vorangegangenen Stücken etwas vermißte Emotionalität und Spontaneität wurde doch noch spürbar.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oboenklänge

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:29 pm

Durch unglückliche Wahl der Werke vermochte das Oboenorchester Camerata auletica nicht zu überzeugen.

Bereits am Hofe Ludwigs XIV. wurde sie intensiv gepflegt, die Musik für Holzblasinstrumente. Nebst diversen anderen Orchestern mit Blasinstrumente war vor allem ein Ensemble bestehend aus Oboen und Fagotten, die «Douze grand Hautbois du Roi» beliebt. In Frankreich hat sich die Tradition des Oboen-Consorts bis heute erhalten, was
2004 knapp zwanzig Musikerinnen und Musiker des Doppelrohrblattinstruments dazu veranlaßt haben dürfe, unter der Leitung von Martin Gebhardt ein erstes Schweizer Oboenorchester, die Camerata auletica zu gründen, um Bearbeitungen und Arrangements aber auch «die fast vergessenen Trouvaillen der für diese Besetzung existierenden Literatur wieder zu Gehör bringen.»
Bei diesem hohen Anspruch war man dann beim Konzert des kleinen Orchesters in der Karthäuserkirche Basel um so mehr überrascht, keine einzige Originalkomposition für Oboenensemble auf dem Programm zu finden. Im Gegenteil wurden Arrangements von Werken gespielt, die sich als ziemlich heikel für diese Besetzung erwiesen.
Problematisch schon das erste Werk, ein Concerto grosso in C-Dur von Antonio Vivaldi, wo das begleitende Oboenorchester keinen nennenswerten klanglichen Kontrast zu den beiden logischerweise ebenfalls von Oboen gespielten Solostimmen bildete. Wirklich fragwürdig wurde es dann bei einer Bearbeitung eines Divertimentos (B-Dur KV 240) von Wolfgang Amadé Mozart. Mozarts Divertimenti sind raffiniert austarierte Kunstwerke, in denen jedes Instrument einfach besetzt ist und mit seiner spezifischen Klangqualität einen unverwechselbaren Beitrag zum Gesamtklang leistet. Nicht nur, dass der klug konzipierte Mozartsche Originalklang durch die gleichtönenden Oboen und Englischhörner beeinträchtigt wurde, auch die Mehrfachbesetzung der einzelnen jeweils nur für ein Instrument gedachten Stimmen störte die klare Durchhörbarkeit der Musik.
Nicht besser erging es diesbezüglich der armen Suite in a-moll BWV 1067 von Johann Sebastian Bach, wo vor allem die bezaubernde Bourrée I und die leichtfüßige Badinerie in ein undefinierbares Klangewusel verwandelt wurden. Unbegreiflich, dass die Camerata auletica sich mit solch fragwürdigen Bearbeitungen von vollendeten Originalen abgibt, wo es doch angeblich Originalliteratur gibt, die spezifisch für Oboeninstrumente mit ihren fantastischen klanglichen Eigenschaften geschrieben worden ist. Ganz abgesehen davon, dass es auch für die Zuhörerschaft interessant gewesen wäre, solche bei uns unbekannte Musik kennen zu lernen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 28, 2007

Kraftvolle Märsche und zartfließende Bläserklänge

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 6:52 am

Auf beachtlich hohem technischem Niveau präsentierte die Stadtmusik Basel ein breitgefächertes musikalisches Programm.

Mit einem erstaunlich vielseitigen musikalischen Programm wartete sie auf, die Stadtmusik Basel, die gemeinsam mit der SMB Big Band im Großen Musiksaal des Stadtcasinos Basel unter ihrem Dirigenten Philipp Wagner ihr alljährliches Galakonzert 2007 gab. Neben mitreißenden Stücken wie einem Galopp des Tschechen Bedrich Smetana oder einer taff gespielten Polka mit dem Titel «Tanz der Bürokraten» von Dimitrij Schostakowitsch waren auch bekannte Ohrwürmer wie der «Tanze der Rohrflöten» aus er dem Ballett «Der Nußknacker» von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu hören. Wohltuend dann die Bulgarischen Tänze op. 35 des Tessiner Komponisten Franco Cesarini, die fast gänzlich ohne übertriebene osteuropäische Musikklischees auskommen.
Hatte das Orchester zu Beginn noch etwas zaghaft und zurückhaltend gespielt, geriet es von Stück zu Stück immer mehr in Fahrt, um schliesslich vor der Pause mit dem Werk «Bou-Shu» des Japaners Sastoshi Yagisawa einen kraftvollen Konzertmarsch hinzulegen. Die Komposition zeichnete sich vor allem durch seine wuchtigen Akzentuierungen in den Pauken aus, die dem Stück ein wenig den magisch-pulsierenden Charakter einer japanischen Taiko-Performance einhauchten.
Auf die etwas bombastisch geratene «Olympic Fanfare and Theme» von John Williams folgten zwei liebenswerte Filmmusiken des Engländers Ron Goodwin: das allbekannte «Miss Marple Theme» mit seinen Cembaloklängen, die der Musik einen putzig-verstaubten Charakter verleihen und vor allem die Musik zum Film «Monte Carlo or Bust», ein kleines Potpourri unterschiedlicher Charakterstücke voller Witz und Esprit ein wenig in der Tradition des englischen Vaudevilles. Mit viel Verve und beachtlich hohem technischem Niveau interpretierte das Amateurorchester diese vergnüglichen Werke. Nur wenig später dann eine weitere Überraschung: ein äusserst sensibel ausgefeiltes Arrangement des Stücks «Oblivion» des Argentinischen Tangomagiers Astor Piazzolla. Mit weichfließenden Bläserklängen begleitete die Stadtmusik in diesem balladesken Stück ein artifizielles, mit melancholischem Unterton gezeichnetes Solo auf dem Sopransaxophon. Dass die Stadtmusik Basel schliesslich nach einer «Rock Fantasy» in den Zugaben mit dem gleich zwei Mal gespielten «Radetzkymarsch» doch noch ins traditionelle Blasmusikrepertoire zurückfiel, verzieh man ihr dann gerne. Das Publikum jedenfalls dankte es ihr mit kräftigem Mitklatschen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 25, 2007

Nordisches Feuer

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:14 am

Mit Kammermusik aus Skandinavien vermochte das Nathan Quartett nur bedingt zu überzeugen.

«Ich glaube, dass Musik dann grossartig ist, wenn der Zuhörer irgendwann den Schimmer der
Ewigkeit durch das Fenster der Zeit erahnen kann.» Dieses pathetische Zitat äusserte der in unseren Gefilden weniger bekannte finnische Komponist Einojuhani Rautavaara (1928). In Finnland selber allerdings wird er von vielen für den besten einheimischen Tonkünstler seit Jan Sibelius gehalten, weshalb er gelegentlich als finnischer «Nationalkomponist» gehandelt wird. Kritischere Geister hingegen werfen ihm romantisierender Mystizismus mit Hang zu kitschiger Klangfärberei und Melodieseligkeit vor.
Dass diese Vorwürfe gegen Rautavaara nicht ganz gerecht sind, beweist dessen 1. Streichquartett (1952), das vom Nathan Quartett im Rahmen seines Konzertes unter dem Titel «Nordlichter» im Zunftsaal des Schmiedenhofs in Basel zur Aufführung gebracht wurde. Zwar waren Romantizismen in der Musik des Meisters nicht zu leugnen, streckenweise fühlte man sich tatsächlich in die Musik des 19. Jahrhunderts versetzt, immer wieder wurde man aber von wilder Rhythmik und harten Dissonanzen in die Neue Musik Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgeholt.
Sowohl das Streichquartett von Rautavaara als auch das vorher gespielte Quartett d-moll op. 56 von Jan Sibelius wurden von Dana Anka (Violine), Lisa Lammel (Violine), Roswitha Killian (Viola) und Boris Matchin (Violoncello) zwar sauber und korrekt interpretiert, jedoch wirkte ihr Spiel etwas kraft- und emotionslos.
Doch dann nach der Pause war er urplötzlich doch noch da, der Moment, wo es Klick macht im Kopf, wo man schlagartig hell wach wird nachdem man eine dreiviertel Stunde lang gegen den Schlaf angekämpft hat. Zum Schluss des Abends brachte das Nathan Quartett Eduard Griegs Quartet g-moll op. 27 zu Gehör, ein bewegt-abwechslungsreiches Werk voller innovativer Ideen mit raffiniert kombinierten spritzigen Themen und kantigen Motiven. In diesem Werk hatte das Nathan Quartett schliesslich doch noch seine wahre künstlerische Herausforderung gefunden, kam es dann doch noch kräftig zum flackern, das feu sacré, genährt durch packende Intensität, ungewöhnliche Spannkraft und tiefer Emotionalität.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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