Rolf De Marchi

März 28, 2007

Hinreißend gespielter Jazz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:42 pm

Das Daniel Blanc Quartet überzeugte mit gepflegtem Jazz.

Es gibt nicht wenige Jazzmusiker, die Zeit ihres Lebens immer nur für andere Musiker in deren Formationen spielen und praktisch nie eine eigene Band unter eigenem Namen auf die Beine stellen. Über Jahre hinweg schien es, als ob auch der renommierte Basler Altsaxophonist und Flötist Daniel Blanc sich in dieser Rolle als «Musician’s Musician» an der Seite von so hervorragenden Musikern wie Joe Haider, George Gruntz oder Lars Lindvall zufrieden geben und darüber hinaus keine weiteren Ambitionen entwickeln würde.
Doch schliesslich scheint ihn doch noch der Ehrgeiz gepackt zu haben und er hat eine eigene Band mit erstklassigen Musikern zusammengestellt, mit der er ins Studio ging und eine CD mit dem Titel «Blue Blanc» aufnahm. Und wie es sich gehört, hat das Daniel Blanc Quartet seine neue CD in einem Realease-Konzert im Bird’s Eye Jazz Club vorgestellt. Dabei präsentierten die vier Musiker eine stilistische Mischung zwischen dem Bebob eines Thelonious Monks und dem gepflegten Blue-Note-Sound eines Herbie Hancocks der 60er-Jahre.
Und was die vier Musiker in punkto Musikalität und Virtuosität da boten war schon hinreißend, angefangen mit dem expressiven Altsaxophonsound von Dani Blanc selber, der vor allem in den Balladen mehr an den fetten Ton großer Tenorsaxer wie Coleman Hawkins oder John Coltrane erinnerte den an den von Altsaxophonisten wie beispielsweise eines Charlie Parkers oder eines Lee Konitz’. Regelrecht den Vogel abgeschossen aber hatte er im einen oder anderen Jazz-Bluesstück, wo er sich als wahrer Meister der Bluesimprovisation erwies.
Und dass der Pianist Jean-Paul Brodbeck ein begnadeter Erfinder ausdrucksvoller Voicings und melodischen Patterns ist, bestätigte sich erneut. Nicht minder spannend auch die Solos des fantastischen Bassisen Giorgos Antoniou, die vor Witz und Originalität strotzten. Drummer Michael Wipf schliesslich glänzte mit seinem präzisen, innovativen Spiel, wobei er aber nie mit zu viel Schnickschnack den Fluß der Rhythmusgruppe störte. Unter dem Strich ein großartiges Konzert bei dem man sich einzig einen gelegentlichen stilistischen Ausbruch in neuere Jazzgefilde nach Mitte der 60er-Jahre gewünscht hätte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 27, 2007

Kein schlechtes Orchester

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:17 am

Das neue Orchester Basel spielt vorwiegend Musik der Wiener Klassik.

Seine 25. Konzertsaison feiert es dieses Jahr, das Neue Orchester Basel, das bis dato von seinem Gründer Béla Guyas geleitet wird. Auf und ab ist es mit diesem Orchester gegangen in diesen Jahren und des öfteren sind die Leistungen des Ensembles und dessen Dirigenten Guyas von der Musikkritik arg zerzaust worden. Aber auch wenn nicht immer alles perfekt gerät und das Orchester seine Schwächen hat, so schlecht, wie gelegentlich behauptet wird, ist das NOB nun wirklich nicht.
Dass das Orchester seine Sache auch gut machen kann, bewies es in seinem «Frühlingskonzert» in der Reformierten Kirche Arlesheim, wo es Joseph Haydns Symphonie Nr. 94 G-Dur «Mit dem Paukenschlag» spielte. Intonationsmässig sauber gespielt, beim Zusammenspiel relativ einheitlich (bei den Streichern haperte es manchmal ein bißchen) wurde gerade bei den Einsätzen allerdings einer der Schwächen des Orchesters hörbar, sie klangen gelegentlich leicht verwackelt und unpräzise.
Ähnlich verhielt es sich bei Wolfgang Amadé Mozarts Klavierkonzert in D-Dur KV 451, dessen Solopart souverän von der 19-jährigen Pianistin Aglaia Graf gespielt wurde.
Schliesslich noch ein grundlegendes Problem des Orchester, das man am besten beim dritten gespielten Werk des Abends, einer Opern-Ouvertüre von Domenico Gimarosa (1749-1801) beobachten konnte: die etwas in die Jahre gekommene Musikauffassung der 70er- und 80er-Jahre, die von NOB gepflegt wird. In den letzten Jahren sind dank historischer Musikpraxis immer mehr oft junge Orchester auf den Plan getreten, die eine neue Interpretationskultur etabliert haben. Gerade Werke des 17. und 18. Jahrhunderts werden heute von vielen Ensembles frecher und spritziger gespielt, Staccati prägnanter, Akzente schärfer, Melodiebögen kraftvoller und ausladender interpretiert und dies meist zum Vorteil der Musik, die auf diese Weise entstaubt wird und in einem neuen Farbenkleid erstrahlen kann.
Zugegeben, diese Thematik ist vermutlich Geschmackssache, aber vielleicht könnte es trotzdem nicht schaden, wenn das Neue Orchester Basel sich mal kundig machen und seinen Interpretationsansatz hinterfragen würde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 26, 2007

Jubelnder Hymnus

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:58 pm

Das Internationale Klaviertrio überzeugte durch seine enorme Intensität.

Präsentiert die Vereinigung der Oberwiler Musikfreunde in seinen regelmässig veranstalteten Konzerten in der Reformierten Kirche Oberwil an sich schon gute Musikerinnen und Musiker, hat sie für das letzte Konzert eine ganz besondere Perle an Land gezogen und offeriert: das internationale Klaviertrio. Allein die Liste der vielen Preise und Konzerte, die die drei Musiker dieses Trios - Denis Goldfeld (Violine), Wolfgang Emanuel Schmidt (Violoncello), Eldar Nebolsin (Piano) - aufzuweisen haben, macht schwindlig: Orchester wie die New York Philarmonic, Chicago Symphony Orchestra, Ceveland Orchestra sowie Namen wie Isaac Stern, Mstislav Rostropovitch, Vladimir Ashkenazy und Ricardo Chailly werden da genannt, um nur die wichtigsten zu nennen.
Dieses hochkarätige Trio also spielte an seinem Konzert in der Reformierten Kirche Oberwil als erstes Werk das Divertimento à 3 in B-Dur KV 254 von Wolfgang Amadé Mozart. Wirkte der 1. Satz (Allegro assai) noch etwas unterkühlt, ganz offensichtlich brauchten die Drei einen kurze Aufwärmphase, war im anschließenden Adagio bereits eine ordentlich warme Brise zu verspüren. Das abschließende Rondeaux liess dann allerdings nicht mehr da Geringste zu wünschen übrig.
Beim Trio Nr. 1 H-Dur op. 8 von Johannes Brahms blühten die drei Musiker dann vollends auf, die hohe Expressivität in Brahms Musik schien den Herren sehr zu liegen. Mit wachsender Spannkraft und zunehmender Verve interpretierten sie diese Musik, jedes Mal, wenn man glaubte, eine weitere Steigerung der Intensität sei nicht mehr möglich, legte das Trio nochmals zu. Beide Streicher zeichneten sich durch einen kernig-kraftvollen Ton aus und erfreulicherweise hatte der Pianist Eldar Nebolsin den Flügel nur halb geöffnet, so dass er auch an den Fortestellen nicht zu laut war und sein Instrument wunderbar mit den beiden Streichinstrumenten vermolz.
Das letzte gespielte Werk, Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Trio a-Moll op. 50 mit seiner gelungenen Mischung von Kraft und elegischem Gefühlsüberschwang kam den drei hervorragenden Interpreten nicht minder entgegen. Im Besonderen die 8. Variation, eine ausgedehnte Fuge, verwandelte das Internationale Klaviertrio in eine jubelnden Hymnus, den das Trio zu großen Freude des Publikums gleich anschließend als Zugabe nochmals wiederholte.
Rolf De Marchi

Balkan-Gypsy-Klezmer

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:58 pm

Das Trio Weliona präsentiert auf seiner neuen CD «Paprika» einen wilden Musikmix vom Balkan.

Schon sei Jahren findet in unseren Gefilden eine regelrechte Invasion südosteuropäischer Musik aus dem Balkan statt. Nicht überraschend wenn man bedenkt, mit was für einem Potential an emotionaler Tiefe und vor allem an jubelnder Lebensfreude und quirligem Spielwitz diese Musik ausgestattet ist. Da ist es auch naheliegend, dass sich inzwischen immer mehr auch einheimische Musikerinnen und Musiker wie beispielsweise das Trio Weliona von dieser lebensbejahenden Musik haben infizieren lassen.
Das Trio Weliona - der Name steht in der Sprache der osteuropäischen Roma für Violine - besteht aus den Schweizerinnen Brigitte Oling (Gesang, Flöte, Violine, Percussion) und Elisabeth Wanzenried (Violine, Akkordeon, Gesang) sowie der Irländerin Betty Otter (Kontrabass, Tambura, Gesang). Alle drei haben eine solide Musikausbildung genossen und sich mit Haut und Haaren der Musik aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Albanien sowie dem Klezmer und der Musik der Sinti und Roma verschrieben.
Gemeinsam mit zwei befreundeten Musikern, Igor Bogoev (Oralbaß, Kanna, Darabuka) und David Märki (Cymbal) haben die drei Musikerinnen eine CD mit dem Titel «Paprika» aufgenommen. Da alle drei Multiinstrumentalistinnen sind, zeichnet sich die CD durch musikalische Vielfalt aus, die durch dreistimmige kleine, von der archaisch klingenden, bulgarischen bäuerlichen Gesangstradition beeinflußte A-Cappella-Chorstücke zusätzlich aufgelockert werden. Die ursprüngliche Musik des Balkan wird von den drei auf eigene und neue Art uminterpretiert und inspirierte sie auch zu originellen Eigenkommpositionen voll ansteckender Heiterkeit.
Mag sein, dass die Musik des Trio Weliona strengen musikethnologischen Kriterien bezüglich der Volksmusik aus Südosteuropa nicht ganz zu genügen vermag. Wen allerdings solch kleinkarierte Einwände nicht kratzen und wer einfach nur aufgestellte Musik hören möchte, der gehe am am 1. April 2007 ins Neue Theater am Bahnhof Dornach zur CD-Taufe und fälle doch einfach ein eigenes Urteil. Oder man höre sich die CD «Paprika» an und wenn sie gefällt, kaufen!
Rolf De Marchi

März 23, 2007

War Freud anwesend?

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:50 am

Mit Musik vor allem rund um die Wiener Jahrhundertwende fesselte die Camerata Variabile Basel.

«Von Brahms bis Freud» lautete der Titel eines Konzertabends der Camerata Variabile Basel in der Gare du Nord. Was Brahms betrifft, war die Sache klar, spielten doch Helena Winkelman (Violine), Raphael Sachs (Viola), Christoph Dangel (Violoncelle) und Stefka Perifanova (Klavier) dessen Klavierquartett in c-Moll op. 60 (1975) in einer grossartigen Interpretation. Im Besonderen der mit Andante überschriebene, langsame 3. Satz - ein Meisterwerk in puncto liedhafter Melodik - wurde von den vier Musikern mit rührender Ausdruckskraft gespielt, wobei in erster Linie die Pianistin Perifanova durch ihr nuancenreiches, den leiseren Streichinstrumenten feinfühliges angepaßtes Spiel auffiel.
Generell zeichnete sich das Programm dieses Konzertabends durch seine groß musikalische Vielseitigkeit aus. So folgte beispielsweise auf Gustav Mahlers feinfühligen, im spätromantischen Duktus gehaltenen Klavierquartettsatz in a-Moll (1878) die anspruchsvollen 4 Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 (1913) von Alban Berg, energiegeladen gespielt von der Klarinettistin Karin Dornbusch. Und auf die höchst vergnüglichen, im dreiviertel Takt gehaltenen «Steyrischen Tänze» des Johann Strauss-Zeitgenossen Joseph Lanner (1801-1843) in einer Bearbeitung für Klarinette, Saxophon (Sascha Armbruster), Violine und Klavier folgte in gleicher Besetzung komponierte Quartett op. 22 (1930) des Schönbergschülers Anton Webern, ein an Konzentration und Spannkraft kaum zu überbietendes Werk.
Schliesslich gab es mit der Komposition «Eclairs de Memoire» für Klarinette, Saxophon, Violine, Violoncello und Klavier des deutschen Komponisten Friedemann A. Treiber (1971) noch eine Uraufführung. Trotz neutönerischen Klängen zeichnete sich dieses Werk über weite Strecken durch expressionistische, fast lyrische Momente mit teils minimalistischen Anklängen aus.
Ach ja, fast hätten wir ihn vergessen, den im Motte des Konzertabends erwähnten Sigismund Freud. Seine unterbewusste Anwesenheit konnte gemäss Programmheft nur mit viel Vorstellungskraft im Wiener «Jahrhundertwendeabgrund» in der gespielten Musik erahnt werden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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