Rolf De Marchi

April 29, 2007

Wahre Meisterschaft

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:18 pm

Jazzfestival Basel 2007 / Das Hans Feigenwinter New Trio und das Lisette Spinnler Sextett bewiesen das hohe Niveau der nationalen Jazzszene.

Fast mit der Besetzung eines klassischen Jazzklaviertrios spielte das Hans Feigenwinter New Trio bei seinem Konzert im Rahmen des Jazzfestivals Basel 2007 im Roßstall der Basler Kaserne, mit einem kleinen aber nicht unwesentlichen Unterschied allerdings: der Berner Wolfgang Zwieauer zupfte nicht den klassischen Kontrabass sondern einen E-Bass. Falls nun Puristen einwenden sollten, dies entspreche nicht der Tradition, sei diesen entgegengehalten, dass der E-Bass dank der akzentuierteren Ansprache der Saiten beim Zupfen des Instrument (der traditionelle Kontrabass klingt wesentlich weicher) dem Trio einen frischen, dynamischeren Sound verlieh. Virtuos und dennoch relaxt wirkte das Baßspiel von Zwieauer, der seine Riffs präzise mit den raffiniert konturierten Rhythmen des Luzerner Drummers Arno Troxler zu verzahnen verstand.
Und als Tüpfelchen darüber dann noch die klugen Voicings, Riffs und Licks von Hans Feigenwinter, der wie nur wenige zeitgenössische europäischen Jazzpianisten das Funktionale beim Umspielen der Akkorden mit dem Melodiösen beim Spiel mit lyrischen Tonkaskaden zu verbinden versteht. Dieses Trio ist ein Versprechen für die Zukunft.

Den zweiten Teil des mit «CH-Spezial» überschriebenen Abends bestritt die mittlerweile längst aus dem Status einer Newcomerin herausgewachsenen Sängerin Lisette Spinnler mit ihrem Sextett. Inzwischen wird die junge Baselbieterin zum Besten gerechnet, was die Schweiz in puncto Jazzgesang aufzuweisen hat. Vor allem für ihren in einer Art frei erfundenen Nonsenssprache gehaltenen solistischen Scat-Gesang ist sie bekannt geworden. Wer’s mag.
Dabei bewies aber Lisette Spinnler ihre wahre Meisterschaft gerade im vermutlich einzigen in normalem, verständlichem Englisch gesungenen Stück, einer Jazzballade mit dem Titel «Breez«. Sensibel und mit großem Können begleitet von Colin Vallon (Piano), Patrice Moret (Bass) und Michi Stulz (Drums) sang Lisette Spinnler mit einer warmen, flexiblen Stimme, wobei sie mit stupender Treffsicherheit die ausdrucksstark modellierten Vokale exakt auf die richtigen Tonhöhen zog und so die verborgenen Schönheit, die in der englischen Sprache steckt, hervorzauberte. Das non plus ultra dieser Ballade dann noch das Solo des Tenorsaxophonisten Alex Hendriksen, der mit weichem Subtone expressiv ins Instrument hauchte und so die rund siebzigjährige Tradition des Balladenspiels auf dem Tenorsaxophon von Coleman Hawkins bis James Carter aufblühen liess.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 28, 2007

Elegie kontra Rhythmus

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:07 am

Jazzfestival Basel 2007 / Das Jean-Paul Brodbeck Trios und das Dave Douglas’ Keystone Sextet präsentierten ihre unterschiedlichen Projekte.

Konträrer hätten die musikalischen Konzepte des Jean-Paul Brodbeck Trios und des Dave Douglas’ Keystone Sextet, die am gleichen Abend im Rahmen des Jazzfestivals Basel 2007 in der Reithalle der Kaserne Basel spielten, kaum sein können. Setzte das Jean-Paul Brodbeck Trio bei seiner Musik vor allem auf die sangliche Ausdruckskraft des Romantikers Pjotr Illijtsch Tschaikowsky, die das Trio geschickt in ein kammermusikalisches Jazzkleid zu gewanden verstand, vertraute das Dave Douglas Sextett in erster Linie auf seine kompakte, funky spielende Rhythmusgruppe, die mit einem enormen Power den Saal zum dampfen brachte.
Höchst delikat und mit Raffinesse also eröffnete das Jean-Paul Brodbeck Trio den Abend mit seinem neusten Projekt «Song of Tschaikowsky», in dem Lieder von Tschaikowsky rein instrumental ‚verjazzd’ werden. Von der Grundstimmung her erinnert das Brodbeck-Trio ein wenig an das klassische Klaviertriospiel eines Bill Evans in den 60ern, bezüglich der Melodik und der Harmonik allerdings geht das Basler Trio dank Einbezug von Tschaikowskys Musik eigene Wege, wobei die vertikale, harmonische Ebene zugunsten des horizontalen, melodischen Levels zurücktritt. Eine wunderbar gespielte, im eigentlichen Sinne ‚schöne’ Musik, die anfänglich total in den Bann zu schlagen vermag. Jedoch ähnlich wie jeden Tag Chateau Briand fängt auch ein fast ausschliesslich aus ansprechenden Jazzballaden bestehendes Programm mit der Zeit an zu genügen. Vielleicht sollte das Jean-Paul Brodbeck Trio auch mal die wildere, ruppigere Seite von Tschaikowsky Musik vermehrt berücksichtigen.
Inspiriert von den frühen Arbeiten des Stummfilmstars und Regisseurs Roscoe ‘Fatty’ Arbuckle Keystone präsentierte das anschließend spielenden Dave Douglas’ Keystone Sextet ein komplett anderes musikalisches Projekt. Basierend auf knackigem Funk spielte das Sextett einen Teil seiner Stücke konventionell, zwei kleine Musiksuiten allerdings mit ständig wechselnden Stimmungen und Grooves bildeten die Filmmusik zu zwei Stummfilmklassiker vom Anfang des 20. Jahrhunderts von Roscoe Arbuckle.
Das Konzept erwies sich als nicht ganz unproblematisch, fiel es einem doch oft schwer, sich auf beides gleichzeitig zu konzentrieren, sowohl auf die witzigen Filmchen, als auch auf den absolut geilen Sound der Band. Musikalisch jedenfalls vermochten Dave Douglas (Trompete), Marcus Strickland (Saxophone), Adam Benjamin (Fender Rhodes), Brad Jones (Baß), Gene Lake (Drums) und Olive (DJ) vollumfänglich zu überzeugen. Treibende, immer wieder zum Tanzen einladende Funkrhythmen mit dynamischen Soli wechselten regelmäßig mit eher offen gestalteten Abschnitten ab, in denen freieres, mit computergenerierten Loops und eingeschlauften Text- und Musikzitaten durchsetztes Spiel dominierte. Mit dieser Vorgehensweise vermochte das Dave Douglas Sextet die Spannung bis zum Ende des Konzertes voll durchzuziehen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 26, 2007

Anspruchsvolle Dame

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:43 am

Emma Kirkby und Anthony Bailes interpretierten Lautenlieder im Umfeld von Constantijn Huygens.

«Diese Dame ist sehr anspruchsvoll.» Nein, nicht seine Partnerin, die Sopranistin Emma Kirkby, die er auf seinem Instrument begleitete, meinte Anthony Bailes mit seiner Bemerkung; die Dame, die er ansprach, war seine empfindliche Laute, die er in Folge des großen Publikumandrangs im schlicht-schönen Kirchensaal des Zinsendorfhauses an der Leimenstrasse in Basel und der sich daraus ergebenden Wärme und hohen Luftfeuchtigkeit ständig zwischen den gespielten Stücken nachstimmen mußte.
Das Konzert im Rahmen der Basler Lauten Abende stand unter dem Titel «Pathodia sacra et profana occupati», der Titel einer Liedersammlung des Holländischen Komponisten Constantijn Huygens (1596-1687). Nebst Werken aus diesem Florileg trugen Emma Kirkby und Anthony Bailes noch Werke aus Huygens Bekanntenkreis (Antoine Boesset, Nicholas Lanier, Jacques Gaultier, Johann Jakob Froberger) und Zeitgenossen (Jean Planson, Gabriel Bataille, Adriaen Valerius etc.) vor.
Die Sängerin Emma Kirkby hat sich seit den 70er-Jahren dank intensiver Zusammenarbeit mit vielen auf Alte Musik spezialisierten Spitzenensembles (Consort of Musicke, Academie of Ancient Music, London Baroque etc.) in die Crème der historischen Musikpraxis hochgesungen und Anthony Bailes darf heut zu Recht zu den großen Pionieren bei der Wiederentdeckung der vor allem im 16. und 17. Jahrhundert beliebten Laute gerechnete werden.
Nicht überraschend also, dass bei der Qualität dieser beiden Musiker das Niveau der interpretierten Musik auf höchster Stufe lag. Mit schönstem, akzentfreiem Französisch und Italienisch sang die englischsprachige Sängerin Kirkby diese Lieder, wobei sie traumwandlerisch sicher die Melodiebögen dynamisch differenziert durchgestaltete, die Plastizität der Texte mittels zarten Schattierungen im Stimmtimbre superb konturierte und die Modellierung der Verzierungen und Koloraturen präzise ausgeführte. Anthony Bailes wiederum reagierte auf jede kleinste Bewegungsänderung seiner Partnerin mit einfühlsamer Präzision und stützte mit seinem Flair für Melodik die Interpretationen Kirkbys solide ab. Mit seinem feinfühligen Rhythmusgefühl wiederum brachte er bei den dazwischengestreuten Lautensolostücken seine alte «Dame» wiederholt zum jugendlich-frischen, tänzerischen Pulsen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 19, 2007

Blues auf der Kirchenorgel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:54 am

Blues Festival Basel 2007 / Blues Harp-Spieler Roland van Straaten und Organist Mike Moling überraschten mit einem musikalisch breiten Programm.

Klein und preisgünstig ist sie, die 1823 entwickelte besonders in Volksmusiken beliebte Mundharmonika, die einst gerade auch unter stehts auf Achse befindlichen, notorisch armen Bluesmusiker in den USA große Verbreitung gefunden hat. Dabei haben die schwarzen Musiker auf diesem Instrument unglaubliche Spieltechniken entwickelt, die auch Schweizer Musiker zu faszinieren vermag, wie der Blues Harp-Spieler Roland van Straaten beweist, der im Rahmen des Blues Festivals Basel 2007 in der Stadtkirche Liestal vor lokaler Politprominenz - Baselbieter Erziehungs- und Kulturdirektor Urs Wüthrich und die Liestaler Stadtpräsidentin Regula Gysin waren anwesend - ein fulminantes Konzert gegeben hat.
Die eigentliche Überraschung dabei war, dass der in der Regel solo auftretende van Straaten für dieses Konzert den Jazzpianisten Mike Moling organisiert hat, der ihn auf der stadtkircher Orgel begleitete.
Nachdem der anerkannte Virtuose van Straaten im ersten Stück die gesamte faszinierende Palette der Klang- und Tonmöglichkeiten der Blues Harp präsentiert hatte, sang er begleitet von der Orgel den legendären Duke Ellington-Jazzklassiker «Mood Indigo». Wähnte man sich im Orgel-Vorspiel des Stückes noch für einen Moment in einem Bachchoral, drückte mehr und mehr dank Harmonik und Groove der Jazz durch. Schliesslich setzte van Straaten mit seiner warmen, leicht silbrigen Stimme ein und nach ein paar Takten der Orientierung, nur kurz waren ein paar Tuning- und Timing-Probleme zu hören, erlangte die erstaunliche Verbindung von Blues und Jazz mit einer «klassischen» Kirchenorgel ihre volle Wirkung.
Mit einem stilistisch überraschend breiten Programm - die Auswahl der Stücke bewegte sich von Blues über Jazz, von Tango hin bis zu indisch angehauchter Meditationsmusik - vermochten die beiden Musiker die Spannung bis zum Schluß des Konzerts auf hohem Niveau durchzuhalten. Dabei erwies sich van Straaten nicht nur als hervorragender Interpret auf der «Muulgyge» sondern auch als ein veritabler Showman, ein bunter Vogel, der sein Rad blendend zu schlagen versteht.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 16, 2007

Blues in der Kirche

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:11 am

Blues Festival Basel / In der Stadtkirche Liestal werden Roland van Straaten (Blues Harp) und Mike Moling (Kirchenorgel) einen Mix aus Blues und Jazz präsentieren.

Wenn zwei Musiker in der menschenleeren Stadtkirche Liestal auf einer Blues Harp und einer klassischen Kirchenorgel Blues und Jazz proben und der sonst einzig anwesenden Musikberichterstatter plötzlich eine ältere, wohlgenährte Dame wahrnimmt, die mit zwei Kleinkindern den Kirchenraum betritt, um diesen das Innere der Kirche zu zeigen, und wenn dann wenig später diese Dame überraschend aus einem unvermittelten inneren Impuls heraus zur Musik wie eine farbige Gospelsängerin in einem afroamerikanischen Gottesdienst mit ihren beleibten Hüften zu schwingen und zu rollen beginnt, da kommt man schon etwas ins Grübeln. Schon erstaunlich, wie es der Jazzpianist Mike Moling schafft, einem etwas in die Jahre gekommenen, schwerfälligem Instrument wie die Kirchenorgel Grooves und Rhythmen zu entlocken, die eine bodenständig-bürgerlich wirkende Durchschnittsschweizerin in der leeren Kirche zum Tanzen bringen.
Gemeinsam mit dem Blues-Harp-Spieler Roland van Straaten wird der Jazzpianist und Organist Mike Moling Morgen Mittwoch Abend in der Stadtkirche Liestal zeigen, was sie bei ihren Proben erarbeitet haben. Das Konzert, das übrigens auf Wunsch und mit behördlicher Unterstützung der Kulturdirektion Basel-Landschaft zustandekam, findet im Rahmen des Blues Festivals Basel 2007, das gestern Montag Abend im Grand Casino Basel mit Mr. Blues & The Tight Groove eröffnete worden ist, statt.
Roland van Straaten hat bereits vor einem Jahr in der Pauluskirche das Publikum mit einem Solokonzert auf der Blues Harp begeistert und für sein neustes Projekt «Basilica» den Pianisten Mike Moling engagiert. Moling hat unter anderen beim Jazzcrack Art Lande Piano studiert und ist seit Jahren in unterschiedlichen Formationen verschiedenster Stilrichtungen aktiv. Blues-Harpist van Straaten wiederum ist klassisch auf der Gitarre und in Komposition ausgebildet und ist schließlich der einzigartigen Ausdruckskraft des «Muulörgelis» erlegen. Er bemüht sich sei Jahren, dieses immer noch von vielen zu unrecht für nicht voll genommene Instrument von seinen althergebrachten Klischees und Einschränkungen zu befreien und ihm neue Wege musikalischer Interpretation zu eröffnen, wie sein Programm «Solo - The Art of Harmonica Playing» beweist, in dem er seine Erfahrungen mit zeitgenössischer Musik, Obertongesang und experimentellem Theater eingewoben hat.
In seinem aktuellen Projekt «Basilica» wird das Duo van Straaten/Moling nebst jazzigem Blues, Tango und orientalisch angehauchten Klängen auch mehrere Jazzstandards wie das legendäre «Mood Indigo» von Duke Ellington oder das unverwüstliche «Summertime» von George Gershwin präsentieren, die sie Dank der Kirchenatmosphäre, dem spezifisch «sakralen» Klanges der Orgel und der rauchigen Stimme von Roland van Straaten zu hymnischen Gospelgesängen erhöhen werden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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