Rolf De Marchi

Mai 22, 2007

Pure Spielfreude

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:41 am

Das zu einem Quartett erweiterte Guarneri Trio Prag interpretierte Werk von Johannes Brahms und Antonín Dvorák.

«In der Musik von Brahms und von Dvorák gibt es immer wieder äusserst ausdrucksstarke Momente, wo sich Fenster zum Paradies eröffnen.» Diesen bezaubernden Vergleich machte Marek Jerie, der Violoncellist des Guarneri Trios Prag anläßlich eines Kammerkonzertes im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel, das das letzte der Saison in der Konzertreihe Kammermusik um halb Acht war. Das Trio, in dem neben Jerie noch Cenek Pavlík die Violine und Ivan Klánsky das Klavier spielen, wird mit Recht zum Besten gezählt, was man gegenwärtig in puncto klassischem Klaviertrio hören kann.
Augenscheinlich scheint nun aber das ungemein aktive Trio in seiner über 20-jährigen Geschichte so ziemlich sämtlich Literatur für seine Besetzung von Haydn bis Schostakowitsch abgegrast und auf CD gebannt zu haben, so das es sich auf der Suche nach neuen Herausforderungen mit der international gefragten Bratschistin Karine Lethiec zusammengetan und sich zu einem Klavierquartett erweitert hat.
Das Quartett g-Moll op. 25 für Klavier, Violine, Viola und Violoncello von Johannes Brahms packten die vier Musiker als erstes an. Dabei brauchte das Ensemble nicht, wie sonst häufig zu hören, den ganzen 1. Satz (Allegro), um sich einzuspielen; vom ersten Takt an waren die vier Musiker mit voller Anteilnahme und mit spürbarer Energie total präsent. Erstaunlich auch, wie selbstverständlich Karine Lethiec sich in das Trio einzufügen vermocht, so als ob sie schon immer Mitglied des Ensembles gewesen sei. Lebhaft und mit viel Spielwitz interpretierte das Quartett das darauffolgende Intermezzo, duftig-leicht das Andante und im abschließenden Rondo platzten die vier Musiker schier vor purer Lust am Musizieren.
Nicht minder großartig dann noch Antonín Dvoráks Quartett Es-Dur op. 87 für Klavier, Violine, Viola und Violoncello, dessen brillante und facettenreiche Musik das Ensemble in regelrechte kleinen Instrumentaldramen verwandelte.
Da war natürlich noch eine Zugabe fällig: mit leibenswürdigster Eleganz schloss das erweiterte Guarneri Trio Prag das ungemein bereichernde Konzert mit der populären Humoreske op. 101, No. 7 von Antonín Dvorák.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Mai 21, 2007

Ein Amerikaner in Rio

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:23 am

Der Jazzpianist Jeff Gardner gastiert als Artist in Residence im Bird’s Eye Jazz Club.

Der Jazzpianisten und Komponisten Jeff Gardner wurde 1953 in New York geboren, wohnt seit Jahren in Brasilien und hat unter andren mit Jazzgrössen wie Wayne Shorter, Freddie Hubbard, Eddie Harris und Steve Lacy gearbeitet.
Seine sensible Musik zeichnet sich durch eine ausgewogene Balance zwischen harmonischem Spiel und rhythmisch freien Konzeptionen aus, die immer neue musikalische Evolutionen in Gang setzen. Neben Jeff Gardner sehen Kontrabassist Stephan Kurmann und Drummer Michael Wipf auf der Bühne.

Mister Gardner, Sie sind in New York geboren, der Stadt, in der der Jazz nach Ansicht vieler zu Hause ist wie nirgend sonst, leben aber als Jazzmusiker in Brasilien. Warum?

(An einem Tee nippend beantwortet Jeff Gardner alle Fragen ruhig und bedächtig, wird aber auch sehr nachdrücklich bei Themen, die ihm wichtig sind.)
Die Jazzszene in New York und generell in den USA ist mir zu aggressiv, da wird mir zu sehr mit den Ellenbogen gespielt und der Kommerz ist mit zu dominant. Schon Ende der 70er-Jahren, als ich in Paris lebte, habe ich die Winter in Brasilien verbracht. Vom ersten Moment an fühlte ich mich wohl dort, die ganze lockere Lebensweise und natürlich die wahnsinns tolle Musik. Und die Liebe nicht zu vergessen, meine Frau ist Brasilianerin. Ich habe mich schließlich definitiv in der Nähe von Rio de Janeiro niedergelassen.

Sie haben in Paris bei der großen Koryphäe der Komposition Nadia Boulanger studiert. Wie kam es dazu?

Das ist eine lustige Geschichte. Meine Mutter hatte am Fernsehen eine interessante Sendung über Nadia Boulanger gesehen und mich angerufen, ich müsse unbedingt zu dieser Frau in den Unterricht gehen. Ich hatte bis dahin nie etwas von Nadia Boulanger gehört, bin dann aber trotzdem nach Paris gereist, habe bei ihr zu Hause vorgespielt und sie hat mich tatsächlich in ihre Klasse aufgenommen. Bei ihr habe ich vor allem gelernt, mit Harmonien umzugehen.

Sie haben mit vielen Jazzgrössen gespielt. Mit welchen von ihnen haben sie am liebsten zusammen gearbeitet?

(wie aus der Pistole geschossen) Mit Steve Lacy! Mit ihm habe ich zwei Doppel-CDs eingespielt und bei ihm habe ich Disziplin und frei Improvisieren gelernt. Und natürlich Eddie Comez und Billy Hart, mit denen ich meine erste CD eingespielt habe. Bei ihnen habe ich vor allem Selbstvertrauen gewonnen.

Und wie sind sie zu ihrem Engagement im Bird’s Eye Jazz Club gekommen?

Der künstlerische Leiter des Klubs, Stephan Kurmann, hatte eine CD von mir gehört und mich letztes Jahr für Projekte eingeladen. Da diese Zusammenarbeit erfolgreich verlief, hat er mich erneut als Artist in Residence im Mai verpflichtet, gemeinsam mit ihm am Kontrabass und Drummer Michael Wipf zu spielen, was ich ungemein gerne tue, sind die beiden doch hervorragende Musiker, die sehr sensibel auf meine rhythmischen Konzepte reagieren.

Und was genau kriegt man da zu hören?

Eine mit Brasilianischen und Kubanischen Rhythmen unterlegter Strait Jazz mit warmen Harmoniefolgen und Melodien voller Romantik.

Haben wir etwas vergessen?

Ja, meine Website, interjazz.com/jeffgardner/

Das Jeff Gardner Trio spielt noch am 22. und am 23. Mai jeweils um 20:30 im Bird’s Eye Jazz Club Basel.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Integrale Avantgarde

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:17 am

Das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Basel interpretierte Klassiker der französischen Avantgarde.

Mit einem tonlosen Streichgeräusch mit dem Bogen über die Saiten ihrer Bratsche begann Delphine Miesch das Werk «C’est un jadin secret, ma soeur, ma fiancée, une fontaine close, une source scellée…» für Viola solo vom französischen Komponisten Tristan Murail (1947). Mit der Zeit dann mischten sich erste, im zartesten Pianissimo gehaltene Töne unter die Streichgeräusche, die sich immer mehr zu einem mit Flageolett-Tönen durchzogenes Solostück auswuchsen. Nuancenreich trug die Bratschistin Miesch das Werk, mit dem sie den Konzertabend «Intégrales» in der Gare du Nord eröffnete, vor.
Anschliessend setzte das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Basel unter der Leitung von Marcus Weiß das Konzert mit «Oiseaux exotiques» für Klavier und Kammerorchester von Olivier Messiaen (1908-1992) fort. Wie so oft in seinen Werken hat Messiaen auch hier Vogelgesänge in Musik umgesetzt, die regelmässig von intensiven Rhythmen durchgeschüttelt werden. Mit kerniger Frische interpretierte Moritz Ernst den Pianopart und dem jungen Ensemble gelang es erstaunlich gut, der facettenreichen Instrumentierung Messiaens gerecht zu werden.
Noch konziser interpretierten die Musiker darauf unter der Leitung von Jürg Henneberger Edgar Varèse (1883-1965) «Intégrales» für 11 Blasinstrumente und 4 Schlaginstrumente, ein Werk, dass trotz seiner 80 Jahre immer noch frisch wirkt, als wenn es gestern geschrieben worden wäre. Klar konturiert und mit einer Wucht, die gelegentlich an die Schmerzgrenze ging, trug das Ensemble diesen genialen Monolith der frühen Avantgarde vor.
Als letztes stand «Les espaces acoustiques» für 18 Musiker von Gérard Grisey (1946-1998) auf dem Programm. Wesentlich ruhiger als des vorangegangenen Intégrales mit streckenweise fast meditativen Passagen, die aber immer wieder von wildwuchernden Crescendobergen durchbrochen wurden, endete das Stück schliesslich mit lautem Zuklappen von Instrumentenkoffern, geräuschvollem Putzen von Blasinstrumenten, Ausblasen von wäßrigen Tonlöcher und wildem Herumgeblättere in den Noten, was letztlich zur gänzlichen Erstarrung der Musiker in der Bewegungslosigkeit führte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Mai 20, 2007

Fest der Sinne

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:35 pm

Das Südwestdeutsche Kammerorchester interpretierte Werke von Mozart.

Eine familiäre, fast schon volksfestartige Stimmung herrschte in der katholischen Kirche Ettingen vor Beginn des von der Vereinigung der Oberwiler Musikfreunde organisierten «Mozartkonzerts» mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester unter der Leitung von Sebastian Tewinkel.
1950 war es gegründet worden, das Südwestdeutsche Kammerorchester und es hat in all den Jahren 200 Schallplatten und CDs eingespielt, weltweit Konzerttourneen durchgeführt, an vielen renommierten Festivals teilgenommen und mit Größen wie Maurice André, Dietrich Fischer-Dieskau und Yehudi Menuhin gespielt.
Wolfgang Amadé Mozarts Ouvertüre zur Oper Lucio Silla, KV 135 stand als erstes auf dem Programm und auch wenn beim interprπetatorische Ansatz des Orchesters kein speziell historischer Ansatz erkennbar war, gelang ihm dennoch eine erstaunlich lebhafte Interpretation dieses Werkes. Erfreulich dabei, dass in Folge großer Präzision beim Zusammenspiel eine bemerkenswerte Transparenz unter den einzelnen Stimmen gelang.
Mozarts anschließendes Klavierkonzert d-Moll, KV 466 bot dann der blutjungen, gerade mal 18 Lenze zählenden Pianistin Giulietta Koch Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Hatte das Orchester das im Piano gehaltene Spiel der jungen Interpretin zu Beginn des Werkes noch etwas laut überfahren, fanden sich Solistin und Ensemble nach ein paar Takten zu einer dynamischen Ausgewogenheit. Erstaunlich reif klang Giulietta Koch Interpretation, wobei sie ihre Solopartie mit einem klaren Konzept plastisch mit einer ausgewogenen Balance zwischen Beherrschung und Emotion souverän ausgestaltete.
Den Abschluss des gelungenen Konzertes bildete Mozarts Sinfonie C-Dur «Jupiter», KV 551. Da das Orchester jetzt auf das relativ leise Piano keine Rücksicht mehr nehmen mußte, legte es besonders bei den Tuttistellen energiegeladen los, was jetzt allerdings für die Holzbläser zum Problem wurde, gingen sie doch oft im lauten Orchesterklang unter. Ansonsten aber spielte das Südwestdeutsche Kammerorchester dynamisch klar konturierend, lebhaft, präzise und verwandelte so Mozarts Musik in ein Fest der Sinne.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Tonreiche Klangkaskaden

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:32 pm

Mit einem dem «Heiligen Geist» gewidmeten Konzert schloss das Orgelfestival Laufen 2007.

Als ob mehrere Dutzend Schleusen gleichzeitig geöffnete worden wären, floß einem gewaltigen Katarakt gleich ein mächtiger Klangstrom von der Orgelempore herab in den Kirchenraum und über das Auditorium hinweg, das in die wogenden Klangflut regelrecht eingetaucht wurde. «Apparition de l’église éternelle» hieß das Werk des französischen Komponisten Olivier Messiaen, das mit seinen ins Gigantische aufgetürmten Akkordschichtungen der eher nüchternen Interpretationsauffassung der Rumänischen Organistin Nicoleta Paraschivescu zu entsprechen schien. Ruhig und erhaben, sich viel Zeit lassend, spielte sie dieses eindrückliche Klangepos im Rahmen des Orgelfestivals Laufen 2007 in der Herz-Jesu-Kirche in Laufen. Dem Motto des Festivals «Trinitas» (Dreifaltigkeit Gottes) entsprechend fanden drei Konzerte mit den Titeln «Der Vater», «Der Sohn» und «Der Heilige Geist» statt. Das letzte dieser Konzerte eröffnete Nicoleta Paraschivescu mit «Komm, heiliger Geist, Herre Gott» BWV 651 von Johann Sebastian Bach. Hier erwies sich die eher nüchterne Musikauffassung der Interpretin allerdings eher als störend, wirkte Bachs Musik doch etwas leblos einer mechanischen Spieluhr nicht unähnlich heruntergeleiert; es waren kaum Dehnungen, Rubati oder Tempoänderungen zur musikalischer Ausgestaltung zu hören.
Wesentlich lebhafter klang da die anschliessende «Fantasie et Fuge» von Alexandre Pierre Françoise Boëly (1785-1858), ein bezauberndes kleines Werk mit präludierenden Elementen und einem raffiniert ausgestalteten, expressiven Fugenteil. Dank kluger Registerwahl gerieten die darauffolgenden «Deux danses à Agni Yavishta» von Jehan Alain (1911-1940) zu spannungsreichen kleinen Danses macarbres voll skurrilem Witz unterfuttert mit einer zwischen Mittelalter und Moderne pendelnden Harmonik.
Nach den verspielt und sehr virtuos klingenden «Feux Follets» op. 3 von Louis Vierne (1870-1937) spielte Nicoleta Paraschivescu zum Abschluß noch die Sonate d-Moll op. 36 des in Siebenbürgen (heutiges Rumänien) geborenen Paul Richter (1875-1950), ein eher bieder konzipiertes Werk, mit dem der gelungene Konzertabend und damit die 3. Auflage des Orgelfestivals Laufen ausklang.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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