Rolf De Marchi

Juli 23, 2007

Zartlyrische Songs und wildkreischende Gitarrenklänge

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:40 am

Stimmen Festival 2007/Der Berner Singer-Songwriter Stephan Eicher und die Hamburger Indierockband Tocotronic boten ein abwechslungsreiches Programm.

Nein, den «Eisbären», der Song, mit dem er 1980 zusammen mit der Combo «Grauzohne» seinen ersten Erfolg feierte, hat er nicht gesungen, der Stephan Eicher, anläßlich seines Konzertes im Rahmen des Stimmen Festivals 2007 auf dem Marktplatz von Lörrach. Aber sein vermutlich größter Hit «Déjeuner en paix», mit dem er 1991 sogar die französischen Charts erobert hatte, der durfte natürlich nicht fehlen. Seit den 80er-Jahren ist Stephan Eicher mit seinen in Englisch, Französisch, Deutsch und Mudart gesungenen Songs in Frankreich fast so bekannt geworden wie in seiner Schweizer Heimat.
Eichers musikalische Entwicklung verlief vom Punk über den Synthesizerpop hin zu Rockchansons, die er mit rauher Stimme wirkungsvoll interpretiert. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, auf kluge Weise Elemente unterschiedlichster Musiktraditionen in seine Arrangements einzubauen. So hat er für sein Stimmen-Konzert zwei Trompeter mitgebracht, die dem Sound wiederholt einen mexikanischen Touch verleiten. Und wenn das Banjo zum Einsatz kam, glaubte man Anklänge an die legendäre «Anthology of American Folk Music» zu hören. Dabei war sich Eicher auch nicht zu schade, Coversongs wie der Kulthit «Campari Soda» der Schweizer Gruppe Taxi mit Material der englischen Rockgruppe Radiohead aufzumischen oder ein melancholisches Chanson von Edith Piaf mit fröhlichen, englischen Vaudeville-Klängen zu unterfuttern.
Nicht überraschend, dass bei Eiches Spiel die balladesken Momente im Vordergrund standen. Oft unplugged, zart von seinen Mitmusikern begleitet, trug er seine lyrischen Songs vor, wobei allerdings die Textverständlichkeit infolge mangelhafter Abmischung durch die Technik nicht optimal war. Und in den leider etwas selten Stücken, wo mal richtig losgerockt wurde, überzeugte die Band durch ihren professionell vorgetragenen Druck, dessen mitreißender Groove total in die Beine ging.

Wilde Gitarrenklänge

Fast noch verheerender wirkte sich die schlechte Abmischung der Singstimme auf die zweite Band des Abends aus. Die 1993 in Hamburg gegründete Indierockband Tocotronic zeichnet sich vor allem durch ihre dem sozialen, teilweise sogar dem politischen Engagement verpflichteten Texte aus. Trotz intensivem Hinhören konnten meist nur einzelne Wortfetzen wahrgenommen werden, wobei der wohl als ‚cool’ gedachte, verzerrte Gesangsstil von Sänger Dirk von Lowtzow auch noch sein Schärfchen dazu beitrug, die Textverständlichkeit auf nahezu Null zu reduzieren; paradox, wenn man bedenkt, dass die Band doch eigentlich eine Message rüberbringen will.
Immerhin vermochte Tocotronic musikalisch zu überzeugen. Ihre einfachen, drei bis vier Akkorde umfassenden Riffs wurden mit zwei Gitarren gedoppelt vorgetragen, wodurch die Musik mit vorwärtsdrängender Power aufgeladen wurde. Eigentlicher Höhepunkt des Konzertes von Tocotronic bildete die Zugabe, die in einem chaotisch-wilden Klanginferno kreischender Gitarren und konfus geschlagenen Schlagzeugwirbeln endete, das die britischen Rockgruppe «The Who» in den 60er-Jahren kaum besser hingekriegt hätte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 19, 2007

Experimentell aufgemischter Mainstreamjazz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:21 pm

Das Colin Vallon Trio verknüpfte souverän modalen Post-bob-Jazz mit frei improvisiertem Experimentaljazz.

Ein wenig wie eine in Ketten gelegte Raubkatze ist er einem vorgekommen, der 1980 in Yverdon geborene Jazzpianist Colin Vallon, als er im vergangenen Mai anläßlich des Jazz by Off Beat-Festivals die Basler Jazzsängerin Lisette Spinnler bei ihrem musikalisch recht brav gestrickten Siawaloma-Projekt begleitete. Dass Colin Vallon auch ganz anders kann, wenn man ihn von der Kette lässt, bewies er im Bird’s Eye Jazz Club Basel mit seinem «Colin Vallon Trio» mit Patrice Moret am Kontrabass und Samuel Rohrer an den Drums.
Zwar bildete auch bei diesem in klassischer Jazzklaviertrio-Besetzung agierenden Ensemble ein an den Post-bop-Jazz eines Herbie Hancocks der 60-Jahre erinnerndes modal-harmonisches Korsett die Basis des Musizierens, doch immer wieder lösten die drei Musiker die enge Schnürung, um in wilde, frei improvisierte Räume auszubrechen.
Diese Vorgehensweise barg zwar das nicht immer vermeidbare Risiko des Auseinanderbrechens beim Spiel in sich, gelegentlich tauchten auch Längen auf, die Momente der Langeweile aufkommen liessen, dafür wurde man aber regelmässig durch spannungsreiche, intensive Ausbrüche ins Experimentelle bis über die Grenzen der Tonalität hinaus entschädigt.
In Stücken mit prägnanten Titeln wie «Babylon», «Zombie» oder «Istambul», die neben dem Fundament Jazz auch Einflüsse aus afrikanischen und orientalischen Musikstilen erkennen ließen, agierte Drummer Samuel Rohrer zart und sensibel in den balladesken Passagen, jazzrockig-explosiv in den intensiven Abschnitten. Bassist Patrice Moret wiederum liess sich auch von einer gerissenen Saite nicht aus der Ruhe bringen und spielte einfach souverän auf den drei verbliebenen Strings weiter.
Pianist Colin Vallon schliesslich brillierte mit verblüffenden Akkordverbindungen in der Linken, die er oft mit freizügigem «Outro-Spiel» weite außerhalb der üblichen Skalen in den Sololinien der Rechten innovativ kommentierte. Nicht selten bearbeite er wild die Tasten mit den Handflächen, um dem Flügel clusterartige Klänge zu entlocken oder er präparierte die Saiten seines Instruments nach dem Vorbild des amerikanischen Komponisten John Cage mit verschiedenen Materialien, um Farbvaleurs zu erzeugen, die an ein verstimmtes, balinesisches Gamelanorchester erinnerten.
Das Colin Vallon Trio mit seiner kreativen Verbindung von Mainstream mit Avantgardistisch-Experimentellem, eine spannungsgeladene Musik, die man von lokalen Bands leider eher selten zu hören kriegt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 2, 2007

Anspruchsvolle musikalische Kost

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:02 am

Das Duo «Two Voices» spielte vorwiegend moderne Musik für Klarinette und Violoncello.

Es gibt Instrumente, die sich paarweise prächtig zu ergänzen scheinen. Die Klarinette und das Violoncello bilden diesbezüglich ein ideales Paar, wie man anläßlich einer Matinée in der Reihe «Solothurnisches» im Heimatmuseum Schwarzbubenland in der alten Kirche Dornach erfahren konnte. Dabei wurde deutlich, dass die beiden Instrumente einerseits dank einer gewissen Verwandtschaft des Timbres in den gemeinsamen Registern gut miteinander verschmelzen, andererseits aber in den tiefen, beziehungsweise in den hohen Registern doch kontrastreich genug sind, um Spannung zu schaffen.
Demonstriert wurde dies vom Duo «Two Voices» mit Marc Bätscher an der Klarinette und Ursula Hächler am Violoncello. Bätscher studierte unter anderem an der Musik Akademie Basel und ist in verschiedenen Klassikformationen tätig. Ursula Hächler wurde in Zürich und Luzern ausgebildet und hat sich auf Kammermusik spezialisiert.
Nachdem sich das Duo an einem etwas blaß wirkenden Duo von Ludwig van Beethoven warm gespielt hatte, wurde mit der Uraufführung des Stückes «Minus One (2007) des jungen Schweizer Komponisten Cyrill Schürch (1974) wesentlich schwerere Kost serviert. Mit im Forte gespielten, harten, dissonanten Akkorden begann das Stück, dessen drei Sätze intelligent und abwechslungsreich ausgestaltet wirkten. Tonalere, rhythmisch einheitliche Passagen wechselten mit atonalen, fast polyphon verschrängten Abschnitten, sehnsuchtsvoll-lyrische Momente wurden von dissonant-wilden Stellen abgelöst. Dieses herausfordernde Werk schienen sich auch belebend auf die beiden Musiker auszuwirken, interpretierten sie jetzt wesentlich lebhafter und dynamischer.
Bot das anschliessende «Musikalische Blumengärtlein und Leyptziger Allerley» (1927) mit neun humoristisch komponierten Charakterstücken von Paul Hindemith wieder etwas leichtere Kost, bildete die abschließend gespielte Sonata (1947) für Klarinette und Violoncello der bei uns leider unbekannten englischen Komponistin Phyllis Tate (1911-1985) einen Leckerbissen, der den vorangegangenen Werken in puncto Abwechslung und Originalität um nichts nachstand.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 1, 2007

Einzigartige Glissandotechnik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:39 am

Begleitet von Anindo Chatterjee an den Tablas brachte der Sarodspieler Ken Zuckerman sein Instrument zum Singen.

«Es wäre vielleicht besser, wenn Sie nicht atmen würden.» Diese Bemerkung äußerte mit einem breiten Lächeln der in Basel wohnhafte amerikanische Musiker Ken Zuckerman anläßlich eines Konzertes mit indischer Musik im «Salon de Musique» an der Birmannsgasse in Basel. Natürlich war diese nicht ganz Ernst zu nehmende Äußerung nicht gegen das Publikum gerichtet, sondern bezog sich auf die von Zuckerman gespielte Sarod, ein zur Lautefamilie gehörendes Instrument, das sich zu einem der beliebtesten Saiteninstrumenten in der klassischen Indischen Musik entwickelt hat. Der aus Teakholz geschnitzte, mit einem Ziegenfell bespannte Korbus des Instruments reagiert äusserst empfindlich auf Wärmeschwankungen und hohe Luftfeuchtigkeit, die im kleinen «Salon de Musique» wegen der Atemluft schnell extrem anstieg war, was den Musiker dazu zwang, während des Spiels praktisch alle fünf Minuten sein Instrument nachzustimmen. Dies störte den Vortrag allerdings nicht wesentlich, ist die indische Musik doch hauptsächlich improvisiert, so dass diese kurzen Stimmungen als Momente der Entspannung im Spiel empfunden werden konnten.
«Madhu Malati» hieß der erste Raga, der von Ken Zuckerman und seinem Compagnion Anindo Chatterjee an den Tablas gespielt wurde. Der für die Zeit des frühen Abends gedachte Raga stammt vom Großmeister der Sarod, Ali Akbar Kahn, der ihn aus drei traditionellen Ragas zusammengestellt hat und ihm eine 16 Schläge umfassende Tala, eine zyklisch wiederholte rhythmische Struktur unterlegt hat.
Großartig, wie Zuckerman in der Alap, der unbegleiteten Einleitung in den Raga, die Sarod mit ihrem bundlosen, metallenen Griffbrett, das eine einzigartige Glissandotechnik ermöglicht, zum Singen brachte. Im Hauptteil, der Gat dann setzte Anindo Chatterjee an den Tablas mit der Rhythmusbegleitung ein und das Spiel wurde immer schneller und virtuoser. Mit zunehmender Spielfreude, die beiden Instrumentalisten überraschten sich immer wieder gegenseitig mit unerwarteten, bravourösen Spiel- und Rhythmusfiguren, schlossen die beiden Musiker mit zwei weiteren Ragas das fesselnde Konzert ab.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Einzigartige Glissandotechnik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:39 am

Begleitet von Anindo Chatterjee an den Tablas brachte der Sarodspieler Ken Zuckerman sein Instrument zum Singen.

«Es wäre vielleicht besser, wenn Sie nicht atmen würden.» Diese Bemerkung äußerte mit einem breiten Lächeln der in Basel wohnhafte amerikanische Musiker Ken Zuckerman anläßlich eines Konzertes mit indischer Musik im «Salon de Musique» an der Birmannsgasse in Basel. Natürlich war diese nicht ganz Ernst zu nehmende Äußerung nicht gegen das Publikum gerichtet, sondern bezog sich auf die von Zuckerman gespielte Sarod, ein zur Lautefamilie gehörendes Instrument, das sich zu einem der beliebtesten Saiteninstrumenten in der klassischen Indischen Musik entwickelt hat. Der aus Teakholz geschnitzte, mit einem Ziegenfell bespannte Korbus des Instruments reagiert äusserst empfindlich auf Wärmeschwankungen und hohe Luftfeuchtigkeit, die im kleinen «Salon de Musique» wegen der Atemluft schnell extrem anstieg war, was den Musiker dazu zwang, während des Spiels praktisch alle fünf Minuten sein Instrument nachzustimmen. Dies störte den Vortrag allerdings nicht wesentlich, ist die indische Musik doch hauptsächlich improvisiert, so dass diese kurzen Stimmungen als Momente der Entspannung im Spiel empfunden werden konnten.
«Madhu Malati» hieß der erste Raga, der von Ken Zuckerman und seinem Compagnion Anindo Chatterjee an den Tablas gespielt wurde. Der für die Zeit des frühen Abends gedachte Raga stammt vom Großmeister der Sarod, Ali Akbar Kahn, der ihn aus drei traditionellen Ragas zusammengestellt hat und ihm eine 16 Schläge umfassende Tala, eine zyklisch wiederholte rhythmische Struktur unterlegt hat.
Großartig, wie Zuckerman in der Alap, der unbegleiteten Einleitung in den Raga, die Sarod mit ihrem bundlosen, metallenen Griffbrett, das eine einzigartige Glissandotechnik ermöglicht, zum Singen brachte. Im Hauptteil, der Gat dann setzte Anindo Chatterjee an den Tablas mit der Rhythmusbegleitung ein und das Spiel wurde immer schneller und virtuoser. Mit zunehmender Spielfreude, die beiden Instrumentalisten überraschten sich immer wieder gegenseitig mit unerwarteten, bravourösen Spiel- und Rhythmusfiguren, schlossen die beiden Musiker mit zwei weiteren Ragas das fesselnde Konzert ab.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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