Zartlyrische Songs und wildkreischende Gitarrenklänge
Stimmen Festival 2007/Der Berner Singer-Songwriter Stephan Eicher und die Hamburger Indierockband Tocotronic boten ein abwechslungsreiches Programm.
Nein, den «Eisbären», der Song, mit dem er 1980 zusammen mit der Combo «Grauzohne» seinen ersten Erfolg feierte, hat er nicht gesungen, der Stephan Eicher, anläßlich seines Konzertes im Rahmen des Stimmen Festivals 2007 auf dem Marktplatz von Lörrach. Aber sein vermutlich größter Hit «Déjeuner en paix», mit dem er 1991 sogar die französischen Charts erobert hatte, der durfte natürlich nicht fehlen. Seit den 80er-Jahren ist Stephan Eicher mit seinen in Englisch, Französisch, Deutsch und Mudart gesungenen Songs in Frankreich fast so bekannt geworden wie in seiner Schweizer Heimat.
Eichers musikalische Entwicklung verlief vom Punk über den Synthesizerpop hin zu Rockchansons, die er mit rauher Stimme wirkungsvoll interpretiert. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, auf kluge Weise Elemente unterschiedlichster Musiktraditionen in seine Arrangements einzubauen. So hat er für sein Stimmen-Konzert zwei Trompeter mitgebracht, die dem Sound wiederholt einen mexikanischen Touch verleiten. Und wenn das Banjo zum Einsatz kam, glaubte man Anklänge an die legendäre «Anthology of American Folk Music» zu hören. Dabei war sich Eicher auch nicht zu schade, Coversongs wie der Kulthit «Campari Soda» der Schweizer Gruppe Taxi mit Material der englischen Rockgruppe Radiohead aufzumischen oder ein melancholisches Chanson von Edith Piaf mit fröhlichen, englischen Vaudeville-Klängen zu unterfuttern.
Nicht überraschend, dass bei Eiches Spiel die balladesken Momente im Vordergrund standen. Oft unplugged, zart von seinen Mitmusikern begleitet, trug er seine lyrischen Songs vor, wobei allerdings die Textverständlichkeit infolge mangelhafter Abmischung durch die Technik nicht optimal war. Und in den leider etwas selten Stücken, wo mal richtig losgerockt wurde, überzeugte die Band durch ihren professionell vorgetragenen Druck, dessen mitreißender Groove total in die Beine ging.
Wilde Gitarrenklänge
Fast noch verheerender wirkte sich die schlechte Abmischung der Singstimme auf die zweite Band des Abends aus. Die 1993 in Hamburg gegründete Indierockband Tocotronic zeichnet sich vor allem durch ihre dem sozialen, teilweise sogar dem politischen Engagement verpflichteten Texte aus. Trotz intensivem Hinhören konnten meist nur einzelne Wortfetzen wahrgenommen werden, wobei der wohl als ‚cool’ gedachte, verzerrte Gesangsstil von Sänger Dirk von Lowtzow auch noch sein Schärfchen dazu beitrug, die Textverständlichkeit auf nahezu Null zu reduzieren; paradox, wenn man bedenkt, dass die Band doch eigentlich eine Message rüberbringen will.
Immerhin vermochte Tocotronic musikalisch zu überzeugen. Ihre einfachen, drei bis vier Akkorde umfassenden Riffs wurden mit zwei Gitarren gedoppelt vorgetragen, wodurch die Musik mit vorwärtsdrängender Power aufgeladen wurde. Eigentlicher Höhepunkt des Konzertes von Tocotronic bildete die Zugabe, die in einem chaotisch-wilden Klanginferno kreischender Gitarren und konfus geschlagenen Schlagzeugwirbeln endete, das die britischen Rockgruppe «The Who» in den 60er-Jahren kaum besser hingekriegt hätte.
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung