Rolf De Marchi

August 26, 2007

Kein Kleinmeister!

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:49 am

Im Rahmen des Internationalen Orgelfestival Basel 2007 interpretierte die Organistin Bine Katrine Bryndorf Werke von Dietrich Buxtehude.

Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde Dietrich Buxtehude (1637-1707) von sogenannten Musikfachleuten zum «Kleinmeister» zwischen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach degradiert. In den vergangenen Jahren allerdings hat sich dank intensiver Erforschung des Werkes des Norddeutschen Komponisten selbst in den verstaubtesten Köpfen von Musikwissenschaftlern und Musikkritikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass Buxtehude in puncto kompositorischem Raffinement seinem jüngeren Kollegen Bach kaum nachsteht und bezüglich Musikalität und Ausdruckskraft locker mit diesem mithalten kann.
Momentan kann man dies auf einzigartige Weise im «Internationalen Orgelfestival Basel 2007» erfahren, wo anläßlich des 300. Todestages von Dietrich Buxtehude auf verschiedenen Orgeln der Region in neun Konzerten sämtliche Orgelwerke des Meisters von verschiedenen Organisten interpretiert werden. Gespielt von der Dänischen Organistin Bine Katrine Bryndorf waren im vierten Konzert dieses Festivals in der Heilig Kreuz Kirche in Binningen zehn dieser Werke zu hören. Frau Bryndorf ist Lehrbeauftragte an der Universität Wien und hat eine Professorenstelle an der Royal Danish Academy of Music in Kopenhagen inne.
Wirkte das als erstes gespielte «Präludium in e» sowie das anschliessende «Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl» noch etwas holperig - die Rubati schienen etwas zu abrupt und einzelne unvermittelt gesetzte Fermaten störten den Fluß etwas - gelang es der Interpretin immer besser, Buxtehudes großartige Musik melodisch und harmonisch transparent in ein klar erkennbares Bett zu gießen, langsame Partien warm und ausdrucksstark, schnellere Stücke gestochen scharft und konzise auszugestalten.
Geschmack bewies Bine Katrine Bryndorf auch bei der Wahl der Register, wie man besonders gut bei der «Aria in C» beobachten konnte, wo sie gelungen die einzelnen Variationsteile durch markante Klangfarben von einander abhob. Krönender Abschluss bildete das «Präludium in g», das nach einer wild-mäandrierenden Einleitung in ein abschließendes, mächtiges Klanggebäude einmündete.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

August 23, 2007

Das Leben als Konstrukt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:41 am

Mit seiner Theaterperformance in englischer Sprache «The First Cut» pendelt der Schauspieler Phil Hayes mit seine Biographie zwischen Dichtung und Wahrheit.

«Good evening. My Name is Phil Hayes.» Mit diesen eher ungewöhnlichen Worten eröffnete der englische Schauspieler Phil Hayes im Theater Roxy Birsfelden seine Theaterperformance «The First Cut»; ungewöhnlich desshalb, weil es eher unüblich ist, dass sich ein Schauspieler in einem Theaterstück mit seinem richtigen Namen vorstellt. Gerade darin jedoch liegt das Raffinement in diesem gut einstündigen, gänzlich in Englisch gehaltenen Stücks: das Spiel mit der Autobiographie des Schauspieler, die mit frei erfundenen, wild wuchernden Assoziationen und Fantasiegebilden durchwoben wird, wobei die Grenzen zwischen beiden Bereichen letztlich fließend, nicht mehr erkennbar sind.
Doch wenden wir uns zuerst den gesicherten biografischen Daten von Phil Hayes zu. 1966 in England geborene, studierte er Creative Arts an der Newcastle Upon Tyne Polytechnic. Danach reiste er rund um die Welt mit Natural Theatre, Urbanauts und Cocoloco Performance. Seit 1998 lebt er in Zürich und arbeitet als freischaffender Künstler in den Bereichen Theater, Performance und Musik. Unter anderem arbeitete er mit Regina Wenig für Bad Hotel in Zürich, in «Mit Feldstecher und Kopfhörer - ein Performanceabend» des Rimini Protokolls in Berlin und für treibstoff 05 in Basel inszenierte er «Waiting for Rod».
Diese trockenen Daten sagen allerdings wenig über den Menschen Phil Hayes aus. Wie schwierig allerdings die Persönlichkeit des Schauspielers zu fassen ist, beweist das Stück «The First Cut». Hayes imaginiert darin einen Unfall, der ihn (beziehungsweise der Theaterfigur Phil Hayes) das Gedächtnis kostete, was schliesslich zur Feststellung «I don’t know who I am» führt. Die wenigen Lebensdaten, die er von Freunden und medizinischen Experten erhält, befriedigten ihn nicht, so dass er beschliesst, eine Reise in seine biografischen Vergangenheit zu machen.
Auf seiner Reise stösst Hayes immer wieder auf kurze, schrullige, auf eine im Hintergrund der Bühne plazierten Leinwand projizierten Video-Sequenzen von Verwandten und Freunden, die über seine Jugenderlebnisse oder von seinen Charaktereigenschaften berichten, die aber letztlich durch ihre teils konträren Folgerungen das Bild seiner Persönlichkeit eher vernebeln als sie zu konturieren. Auch die erzählten Geschichten werden teilweise wiederholt und mit unterschiedlichen Schlüssen ausgestattet, womit Hayes klug aufzeigt, wie sehr der Zufall die Biographie eines Menschen prägt.
Wie fragmentiert-bruchstückhaft Erinnerung ist, zeigt Phil Hayes auch mit hunderten von auf der Bühne ausgebreiteten Fotos, die gefrorene Momente aus seinem Leben zeigen. Wahllos hebt er einzelne dieser Bilder auf, wirft einen kurzen Blick darauf, um sie mit zwei, drei Sätzen zu kommentieren: Geburtstag der Mutter, Ferien in Frankreich, Schwimmen in der Schule etc.; Short Cuts eines ganz normalen Lebens.
Phil Hayes Stück «The First Cut» zeigt auf gelungenen Weise auf, wie sehr die menschliche Biographie ein von vielen Lücken durchsetztes Konstrukt von Dichtung und Wahrheit ist, unsystematisch, fragmentiert und von Wunschbildern geprägt. Dass übrigens Phil Hayes nicht nur ein guter Schauspieler ist, sondern auch ausgezeichnet singen kann, bewies er mit dem abschließenden Popsong, den er begleitet von mehreren Musikern auf der Leinwand zum Schluß seiner Theaterperformance zum besten gab. Das Stück wird heute Freitag 24. 8. und Morgen Samstag 25. 8. jeweils um 20.00 Uhr im Roxy wiederholt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

August 19, 2007

Die Liebe mit all ihren Facetten

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:23 am

Münchenstein / Die neuen Helden der Schweizer Musikszene Plüsch, Baschi und Bettina Schelker heizten ihren Fans am Open Air «Park im Grünen» ein.

Die Liebe war das zentrale, alles dominierende Thema am zweiten Abend des Open Air «Park im Grünen» in Münchenstein, bei dem neben der Berner Band Plüsch auch zwei lokale Acts - Bettina Schelker und Baschi - spielten. Beschäftigte sich die Baslerin Bettina Schelker in ihren relativ einfach konzipierten Songs neben geglückter Liebe («Wenn du lachst») sich oft auch mit gescheiterter oder abwesender Liebe, zelebrierte der Liebling aller Schweizer Mamis und ihre Kinder, der kuschelige Gelterkinder Baschi alias Sebastian Bürgin mit seinen süßen Pfusibäckli und seinen Kulleraugen vor allem seine große Liebe zum einfachen Volk. Etwas breiter wiederum faßten Plüsch ihren Liebesbegriff, die sich in ihren Texten auch mit geliebten verstorbenen Menschen befaßten und verlorener Freundschaft auseinander setzten.
Musikalisch am einfachsten gezimmert waren die Songs von Baschi, deren Qualität von eingefleischten Musikfreaks immer wieder in Zweifel gezogen wird. Meist viertaktige Riffs mit selten mehr als drei, vier Akkorden, selten von ein B-Teil durchbrochen, prägen diese Stücke. Eingängige Musik fürs Gemüt eben, nicht mehr aber auch nicht weniger. Die Fans jedenfalls goutierten Baschis fröhlichen, manchmal etwas tapsig wirkenden Vortrag durch Mitsingen und synchronem Schwenken gereckter Arme in die Luft. Mögen alle intellektuellen, kulturchauvinistischen Hunde laut bellen, Baschi national zieht mit seiner rockenden Karawane auf seinem musikalisch genügsamen Weg unbeirrt weiter der Sonne des Glücks entgegen.
Nicht viel komplexer wirkten auch die auf Mundart, Deutsch und Englisch vorgetragenen Songs von Bettina Schelker, die ein wenig im Stile amerikanischer Singer-Songwriter gestrickt schienen, bei den Liedern mit deutschen Texten glaubte man gelegentlich sogar Anklänge an die Neuen Deutschen Welle der fernen 80er zu hören. Begleitet vom amerikanischen Gitarristen Jeff Aug und dem Deutschen Perkussionisten Niko Lai trug Bettina Schelker ihre Lieder unplugged mit leidenschaftlichem Feuer vor.
Musikalisch am meisten zu überzeugen vermochte die Berner Band Plüsch, die ihre Stücke der Tradition des Berner Rocks gemäss meist in sich von einander abhebenden Vers- und Refrainpartien unterteilen. Neben klassischem Berner Rock waren auch Reminiszenzen an Funk («Wieso») und jazzrockigen Einflüssen («Isch es wäge mir») zu hören und die Backing Vocal-Chörli, mit denen die Begleitmusiker den Gesang des Leadsängers Andreas Ritschard ummantelten («Jede Tag u jedi Nacht»), hätten selbst die legendären Queen kaum besser hingekriegt. Und mit dem a-cappella vorgetragenen «Schwein gha» gereichten sie fast sogar der deutschen Band «Die Ärzte» («Männer sind Schweine») zu Ehre.
Apropos Liebe, die ja bekanntlich auch viel mit Geschlecht zu tun hat. Es fiel wieder einmal auf, dass an diesem Abend neben dreizehn Musikern männlichen Geschlechts gerade mal eine Frau (Bettina Schelker) die Bühne zum dampfen brachte. Diesbezüglich schneidet ja sogar unser Nationalrat besser ab. Mehr Rockmusikerinnen braucht das Land!

Erschiene in der Basellandschaftlichen Zeitung

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