Rolf De Marchi

September 25, 2007

Eine 20jährige Erfolgsgeschichte

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:32 am

Mit einem Jubiläumsfest feierte die von Ruth Widmer gegründete TheaterFalle ihr 20jähriges Bestehen.

«Theater und Musik gehören zur Bildung wie Mathe und Physik.» Peter Malama, Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt sprach diese hehren Worte anläßlich des Jubiläumsfestes 20 Jahre TheaterFalle (Motto: «Wir tauchen wieder auf!») in der Reithalle der Kaserne Basel. Gut solche Worte gerade von einem führenden Vertreter der Wirtschaft zu hören, sind doch in den vergangenen Jahren die musischen Fächer an den öffentlichen Schulen gerade auch seitens Exponenten der Wirtschaft mit ihren Forderungen nach mehr Fremdsprachen-, Mathe- und neuerdings sogar Ökonomie-Unterricht an den Grundschulen immer mehr unter Druck geraten.
Doch das ist hier nicht das Thema, um Ruth Widmer ging es vor allem in dieser Jubiläumsfeier, die energische Dame, die 1987 die TheaterFalle als professionelles Tourneetheater für Erwachsene und vor allem für Jugendliche gegründet hatte.
Und nicht nur Peter Malama war des Lobes voll über die Arbeit von Ruth Widmer, auch die Großrätin Brigitta Gerber sowie Ständerätin Anita Fetz schütteten in ihren Reden ihre Lorbeeren über das Haupt der Kämpferin aus, die in all diesen Jahren trotz großen finanziellen Problemen nie aufgegeben hatte und sich immer engagiert für ihr Forumtheater auf dem Gundeldinger Feld eingesetzte.
Und die Erfolgsbilanz dieser 20 Jahre geben ihr Recht: Mit 17 Produktionen - meist zu aktuellen, vor allem die Jugend betreffenden Themen, die unter aktivem Einbezug des Publikums weiterentwickelt wurden - konnte ein Publikum von rund 300′000 Personen erreicht sowie diverse Preise gewonnen werden (2003 beispielsweise der Kulturpreis des Kanton Basel-Landschaft). Insgesamt 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind durch diese Institution gegangen und haben ihren Teil zu diesem Erfolg beigetragen. Neben ihrer aktuellen Crew von rund 13 Personen, die bunt kostümiert auf der Bühne Aufstellung nahm, konnte Ruth Widmer auch viele der ehemaligen Kollegen im Publikum begrüßen.
Einziger Wehrmutstropfen dieser Jubiläumsveranstaltung war, dass nicht die kleinste theatralische Performance gezeigt wurde, was man doch eigentlich bei einer solchen Feier hätte erwarten dürfen. Eine kurze Tanzeinlage des Tänzers Viet Dang sowie die Segnung eines Basler Weidlings gefüllt mit bunten Luftballons unter einem Netz boten nur einen Hauch an Theatralik.
Zum Abschluss der Veranstaltung wurde das auf Rädern montierte Boot, das den Aufbruch der TheaterFalle in die Zukunft symbolisieren sollte, auf den Kasernenhof hinausgeschoben und die Luftballons vom Netz befreit, die sich sofort in den blauen Himmel davon machten. Mit einem enormen Knall wurde schliesslich auf dem dem Rhein zugewandte Gebäude der Kaserne ein gewaltiges Transparent entfaltet, auf dem der angekündigte «Durchbruch zum Rhein» zu sehen war.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 23, 2007

Wie eine sich öffnende Blume

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:18 am

Das Akademische Orchester Basel spielte Werke von bei uns wenig bekannten Englischen Komponisten.

Der englische Komponist Ralph Vaughan Williams (1872-1958) hatte in kennen gelernt, den Krieg. Im 1. Weltkrieg lag er in den Schützengräben Flanderns, im 2. war er wie Millionen andere Londoner den Bomben der Deutschen Luftwaffe ausgesetzt. Mit diesem Hintergrund schrieb Vaughan Williams 1943 seine 5. Sinfonie, nicht als Darstellung des Kriege mit all seiner Grausamkeit und Verzweiflung, sondern als Hymne an die Schönheit und den Frieden zur Überwindung des gnadenlosen Molochs konzipierte er dieses großartige Werk.
Sehr erfreulich ist es, dass das Akademische Orchester Basel (AOB) diese Sinfonie auf den Spielplan seines Konzertes «Contemporary English Composers» in der Martinskirche gesetzt hat; ist doch Ralph Vaughan Williams bei uns immer noch viel zu wenig bekannt.
Unter der Leitung von Raphael Immoos legten die Streicher des AOB einen dezenten Klangstrom, über den sich ein zartes, wie aus der Ferne erklingendes Hornthema erhob. Wie eine sich langsam öffnende Blume entwickelte der Satz sich weiter zur vollen Schönheit, um schliesslich wieder in die versöhnliche Stimmung der esten Takte zurückzukehren. Zwar waren gelegentlich Trübungen der Intonation vor allem bei den Bläsern zu hören, das hör und spürbare Engagement der Musizierenden ließen aber diese kleinen Unpäßlichkeiten schnell vergessen. Auch in den drei weiteren Sätzen vermochte das Orchester diese gewinnende Spannung aufrechtzuerhalten.
Nach der Pause dann zwei weitere Englische Komponisten, die sich der Neuen Klanglichkeit verschrieben haben. Wärend Rodney Newtons (1945) Konzert für Mandoline, Gitarre und Streichorchester nicht nur an barocke Vorbilder, sondern gelegentlich sogar an die Filmmusik von Ennio Morricone erinnerte, scheint sich Barry Mills mit seinem Konzert für Mandoline, Gitarre und Sinfonieorchester einer Art Neo-Impressionismus verschrieben zu haben, klang seine wunderbar fein ziselierte Musik doch oft wie eine modernere Variante Claude Debussys. Das Duo Birgit Schwab (Gitarre) und Daniel Ahlert (Mandoline) spielten souverän die Solo-Partien dieser beiden Konzerte, sensibel begleitet vom Akademischen Orchester Basel.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 17, 2007

«Eröffnungskonzert»

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:54 am

Mit Werken aus Barock und Klassik eröffnete das Neue Orchester Basel die Saison 2007/2008.

Als Vielschreiber ist er in die Musikgeschichte eingegangen, der vorwiegend in Hamburg wirkende Georg Philipp Telemann (1681-1767); etwa gleichviele Stücke soll er hinterlassen haben, wie seine Zeitgenossen Bach und Händel zusammen. Dass bei solch einem Output auch ziemlich viel Mittelmäßiges herausgekommen ist, kann da nicht wirklich überraschen. Dennoch täte man Telemann unrecht, wenn man ihr einfach als zweitklassigen Komponisten abtun würde, lassen sich doch in seinem gewaltigen Oevre auch bezaubernde Perlen finden, wie das Konzert für Altblockflöte und Orchester F-Dur beweist, das vom Neuen Orchester Basel (NOB) unter der Leitung seines Gründers Béla Guyas anläßlich des «Eröffnungskonzertes» zu Saison 2007/2008 in der Martinskirche Basel zur Aufführung gebracht wurde.
Den Solopart dieses Konzertes wurde von der jungen Blockflötistin Mira Gloor, die schon am «Podium der Jugend» anfangs 2007 in Oberwil ihr Können unter Beweis gestellt hatte, gespielt. Souverän und ohne nennenswerte Probleme meisterte die Schülerin der Schola Cantorum Basiliensis auch wenig später das Konzert für Sopranino-Blockflöte und Orchester a-Moll von Antonio Vivaldi. Neben diesen beiden Werken interpretierte das NOB noch Tomaso Albinonis Sinfonia Nr. 3 in G-Dur. Über weite Strecken wirkten diese drei Barockkompositionen etwas starr und nicht besonders inspiriert gespielt, wenn man mal von den beiden Menuetten in Telemanns Konzert absieht, dessen leichtes Pulsen der Musik ein tänzerisches Element vermittelte.
Um so größer daher die Überraschung nach der Pause, als das NOB das Allegro der Symphonie Nr. 43 Es-Dur «Merkur» von Joseph Haydn ausführte. Mit einem Mal war ein klarer, gestalterischer Wille spürbar, das Metrum wurde plastischer, die dynamische Ausgestaltung konturierter und die Artikulation akzentuierter ausgeführt; unverhofft wurde ein Hauch von Feu sacré spührbar. Und wenn man von ein paar verwackelten Horneinsätzen und bei schnellen Partien nicht immer ganz unisono ausgeführten Streicherpassagen mal absieht, vermochte das NOB diese erstaunliche Spannkraft bis zum abschließenden Finale durchzuhalten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Momentimprovisationen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:53 am

Erneut bewies Jazzpianist Hans Feigenwinter in einem gelungenen Solo-Konzert sein Talent.

Zweifellos hat er sich mittlerweile in die Crème der Schweizer Jazzpianisten hochgearbeitet, der Basler Hans Feigenwinter. Nicht nur als hervorragender, innovativer Instrumentalist, auch als höchst kreativer Komponist hat sich der 42jährige Musiker einen Namen gemacht wie das umfangreiche Werk «TANK» (2001), eine Sammlung von Instrumentalsongs für großes Ensemble beweist. In unzähligen Formationen hat er mit hervorragenden nationalen und internationalen Musikern wie Saxophonist Joe Lovano zusammengespielt.
Dass aber Hans Feigenwinter nicht nur ein ausgezeichneter Ensemblespieler ist, sondern auch solo auf dem Piano zu überzeugen versteht, konnte man im neu eröffneten Konzertort «Piano di Primo al Primo Piano» im Dorfkern von Allschwil erfahren. «Momentimprovisationen» lautete der Titel der Veranstaltung und in der Tat spielte der Pianist rund anderthalb Stunden Musik aus dem Moment inspiriert. Dabei wurde schnell klar, dass sich Feigenwinter nicht nur intensiv mit dem enormen Fundus an Harmonien großer Jazzpianisten auseinander gesetzt hat, sondern sich vermutlich auch für Meistern der neueren Klassik interessiert, glaubte man doch öfters in dessen Improvisationen Anklänge an Claude Debussy, Eric Satie oder Olivier Messiaen zu hören.
Selten an die Grenze zu Atonalität gehend - der avantgardistische Freejazzpianist Cecil Taylor scheint nicht zu Feigenwinters Vorbildern zu zählen - hat der Pianist unter zutun eigener Ideen alle diese Einflüsse auf höchst kreative Art zu einem persönlichen Stil weiterentwickelt. Immer wieder tauchten in den Improvisationen einfache, aber klug ausgestaltete Motive auf, die der Solist variationsartig weiterentwickelte. Häufig sang der Pianist die Motive auch leise mit, was die Intensität der Musik noch steigerte. Dass die aus dem Moment improvisierte Musik von Hans Feigenwinter trotz Fehlen wilder, anachischer Ausbrüche nie langweilig wurde, lag wohl daran, dass jedes Mal, wenn das Spiel langweilig oder klischiert zu werden drohte, der Solist immer wieder eine überraschende, harmonische Wendungen fand, mit der er die Musik in eine neue, noch spannendere Dimension hob.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 12, 2007

Das Gewicht lieg auf «traditionellem Repertoire»

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:22 pm

In der Reformierten Kirche Reinach startet am 15. September das Neue Orchester Basel in die neue Konzertsaison 2007/2008.

«Ziel des NOB ist, einem breiten Publikum Konzerte mit vorwiegend harmonischer Musik […] anzubieten. Daraus ergibt sich das Programmprofil des Orchesters: eine Mischung aus traditionellem Repertoire und Raritäten.» Diese programmatische Selbstdefinition des Neuen Orchesters Basel (NOB) kann im Vorwort von dessen «Generalprogramm 2007/2008» nachgelesen werden. In den insgesamt 6. geplanten Konzerten der kommenden Saison nimmt in der Tat das traditionelle, harmonische Repertoire wie gewohnt beim 1982 von dessen Leiter Béla Guyas gegründeten NOB einen breiten Raum ein. Namen von Komponisten des Barocks (Tomaso Albinoni, Antonio Vivaldi, Georg Philipp Telemann), der Klassik (Joseph Haydn, Luigi Boccherini, Wolfgang Amadé Mozart, Ludwig van Beethoven) und der Romantik (Franz Schubert, Felix Mendessohn-Bartholdy, Pjotr Illijtsch Tschaikowsky, Jules Massenet, Edward Grieg) stehen da auf dem Programm. Wenn man vom italienischen Komponisten Ottorino Respighi (1879–1936) mal absieht, dessen bezaubernde 3. Tanzsuite «Antiche Danze ed Arie - Alte Weisen und Tänze» (1931) am 12. Dezember 2007 in der Martinskirche zu hören sein wird, tauchen keine Werke des 20. Jahrhunderts in diesem Programm auf (Komponisten wie Claude Debussy, Zoltán Kodály oder Igor Stravinskys sind offensichtlich nicht «traditionell genug»).
Bezüglich der versprochenen Raritäten fällt die Bilanz allerdings wesentlich magerer aus. Der deutsche Komponist Otto Nicolai (1810-1849), der bekanntlich die Oper «Die lustigen Weiber von Windsor» geschrieben hat, kann kaum als Unbekannter bezeichnet werden. Von ihm wird im Frühlingskonzert am 8. und 9. März in Laufen und in Basel das Concertino für Trompete und Orchester Es-Dur zu hören sein. Der einzige bei uns nahezu unbekannte, programmierte Komponist ist Karol Kurpinski (1785-1857) mit seinem Klarinettenkonzert, in Polen allerdings ist auch er kein Unbekannter, gilt er doch dort als einer des bedeutendsten Komponisten des Landes.
Ein weiters Versprechen allerdings, die Förderung junger Talente, löst das Neue Orchester Basel wie schon in den vergangenen Jahren lobenswert ein. So wird beispielsweise am Eröffnungskonzert am 15. und 16. September in der Reformierten Kirche Reinach und in der Martinskirche die junge Blockflötistin Mira Gloor zu hören sein, die schon am «Podium der Jugend» anfangs 2007 in Oberwil ihr Können unter Beweis gestellt hatte. Des weiteren wird am 17. und 18. November die 19jährige Cellistin Isabel Gehweiler aus Lörrach Luigi Boccherinis 2. Cellokonzert spielen und die Geigerin Christiane Gnägi am 26. Januar in der Stadtkirche Liestal Wolfgang Amadé Mozarts Violinkonzert Nr. 1 in B-Dur, KV 207.
Wie schon in den vergangenen Jahren setzt also das Neue Orchester Basel auch in der kommenden Saison auf Altbewährtes, das gut ankommt und niemandem weh tut Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dessen Dirigent Béla Guyas bei Ferdinand Leitner und vor allem bei Michael Gielen Orchesterleitung studiert hat; Gielen gilt als einer der grössten Kapazität für die Aufführungspraxis der Musik des 20. Jahrhunderts.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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