Rolf De Marchi

Oktober 29, 2007

Pianomarathon

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:14 pm

Mit einem umfangreichen Klavierrezital eröffnete der Verein Oberwiler Musikfreunde die neue Saison.

Anläßlich eines «Pianomarathons», das von der Vereinigung der Oberwiler Musikfreunde in der Reformierten Kirche Oberwil durchgeführt wurde, bewiesen die sechs geladenen jungen Pianistinnen und Pianisten bei der Auswahl ihrer Stücke eine erstaunliche Reife. Die ansonsten meistens bei solchen Anlässen auftauchenden Namen wie Haydn, Mozart oder Beethoven suchte man vergebens auf dem Programm. Von Robert Schumann war die Sonate g-Moll op. 22 zu hören, von Fréderic Chopin die 24 Préludes op. 28 und von Franz Liszt wurde dessen Sonate h-Moll vom aus der Ukraine stammenden Pianisten Andriy Dragan mit verblüffender technischer Brillanz interpretiert.
Interessanter waren da zwei Stücke aus Olivier Messiaens «20 regard sur l’enfant Jésus» für Klavier, deren impressionistische Grundstimmung von Reto Reichenbach recht ordentlich getroffen wurde. Die anschließend vom selben Interpreten gespielte «Prélude, Choral et Fugue» von César Frank mutete allerdings etwas zu nüchtern interpretiert an.
Die von der Pianistin Christiana Brandner interpretierten Mazurken von Alexander Skrjabin wirkten zu Beginn noch etwas holperig, die darauffolgende Sonate-Fantasie gis-Moll op. 19 desselben Komponisten dagegen war technisch bestechend gespielt und bildete einen interpretatorischer Hörgenuß.
Und die Pianistin Giulietta Koch, die in der Region dank verschiedener Konzerte der vergangenen Monate keine Unbekannte mehr ist, hat sich auf Werke der Moderne konzentriert: von Arnold Schönberg spielte sie die Klavierstücke op. 19, von Béla Bartók die «Klänge der Nacht» und von Péter Eötvös «Kosmos». Nicht minder interessant die Wahl des Pianisten Moritz Ernst, der sich für die «Variationen und Doppelfuge über ein Thema von Arnold Schönberg» (1934) des österreichisch-tschechischen Komponisten Viktor Ullmann entschied, der bekanntlich in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde.
Den Abschluss dieses abwechslungsreichen Klavierrezitals, das unbedingt bei Gelegenheit wiederholt werden sollte, bildete die Pianistin und Komponistin Galina Vracheva, die mit ihrem Stück «Liederreigen» sowie mit Improvisationen den Abend abrundete.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 24, 2007

Filmisches Portrait eines reichen Künstlerlebens

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:15 pm

Im Foyer des Theater Basel präsentierten Regisseur Werner Zeindler und Produzent Peter Spoerri in einer Avantpremiere ihren Film «Georges Gruntz».

«Im Jazz kommt man immer wieder in einen neuen Raum mit zehn neuen Türen.» Mit diesem Satz, geäußert in einem Interview im Dokumentarfilm «George Gruntz», bringt der Jazzpianist, Komponist und Big Band-Leader George Gruntz prägnant zum Ausdruck, was ihn sein über 75jähriges Leben lang angetrieben hat, sich mit Haut und Haaren dem Jazz zu verschreiben. In einer «Soirée George Grunz» wurde der Film im Foyer des Theater Basels vor illustrem Publikum, unter dem sogar eine wiedergewählte Ständerätin ausgemacht werden konnte, als Avantpremiere präsentiert. (Die eigentliche Premiere wird am 9. Dezember im Klanghotel des Schweizer Fernsehens stattfinden.) In diesem Streifen haben der Regisseur Werner Zeindler und der Produzent Peter Spoerri viele wichtige Stationen im künstlerischen Leben des Jazzmusikers zu einem abwechslungsreichen, höchst informativen filmischen Portrait des Künstlers zusammengestellt.
Angefangen 1967 mit Aufnahmen eines Konzertes mit erstaunlich avantgardistisch anmutenden Klängen von Basler Piccolospielern und Trommlern mit einer Jazzband über Filmsequenzen von Grunz inmitten von Beduinen mit klassischen, arabischen Instrument (1968) zu Passagen mit der ersten George Gruntz Concert Big Band (GGCB) 1972. Dazwischen eingeschoben auch immer wieder kurze Statements des Musikers aus Interviews von vor 35 Jahren und heute, in denen er Einblicke in seine musikalisches Denken gewährt.
Am interessantesten aber für Musikinteressierte unter dem Publikum dürften wohl die Szenen mit Proben gewesen sein wie beispielsweise einem Workshop mit jungen Musikern, die unter der Leitung von George Gruntz und den Musiker der GGCB ein Programm für ein Konzert erarbeiteten. Sowohl hier als auch in Ausschnitten von Proben mit der NDR Big Band oder der GGCB konnte man viel über die interpretatorischen und kompositorischen Klangvorstellungen des Musikers George Gruntz erfahren. Aussagekräftig auch die Tatsache, dass der Komponist und Arrangeur Grunz trotz aller moderner Computertechnik mit raffinierten Notenschreibprogrammen nach wie vor Bleistift und Gummi verwendet, mit denen er seine Arrangements auf großformatigem Notenpapier festhält.
Nachdem die Filmcrew auf der Bühne präsentiert worden war, schloss George Gruntz mit seiner gewinnenden Art die ihm gewidmete Soirée noch mit einem gelungenen Live-Konzert ab.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 22, 2007

Preziosi des italienischen Barocks

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:32 pm

Ein vierköpfiges Ensemble spielte nebst Gioachino Rossini und Nicola Bacri Werke italienischer Barockkomponisten.

Der äussere Schein trügt: der Elefanten ist bekanntlich ein erstaunlich sensible Tier, das sich auch in schwierigstem Gelände mit erstaunlicher Grazie und Sicherheit fortbewegen kann. Nicht viel anders verhält es sich mit dem «Elefanten» unter den Streichinstrumenten, dem Kontrabass, wie der Bassist Wolfgang Güttler anläßlich eines Kammermusikabends im Museum Kleines Klingental bewies; in den richtigen Händen wird dieses schwerfällig wirkende Instrument zu einer leicht über die Noten hinweghüpfenden Gazelle voller Anmut.
Ganz speziell konnte man dies beim Duetto für Violoncello und Kontrabass von Gioachino Rossini (1792-1863) beobachten, das Güttler, der seit 1989 Solobassist des SWR Sinfonieorchesters ist, gemeinsam mit dem Violoncellisten Tytus Miecznikowski mit viel Spielwitz und einer stupenden Virtuosität zur Aufführung brachte. Das originelle, abwechslungsreiche Werk mit seinen vielen amüsanten Einschüben schien den beiden Musikern sehr zu entsprechen, spielten sie es doch mit sichtbarem Vergnügen, das auch beim Publikum große Heiterkeit auslöste.
Gemeinsam mit der Violoncellistin Ewa Miecznikowska spielte an diesem Konzertabend der Cellist Miecznikowski noch vom französischen Komponisten Nicola Bacri (1961) die Sonate d’Yver op. 82 für zwei Violoncelli, ein Werk, das stark an Klassiker der frühen Moderne wie Béla Bartók oder Alban Berg erinnerte.
Der eigentliche Schwerpunkt des Abends allerdings, der unter dem Titel «Preziosi» stand, bildete der italienische Barock. Das um den an der Schola Cantorum Basiliensis unterrichtenden Cembalisten Markus Hünninger zum Quartett erweiterte Ensemble spielte mit zunehmender Spielfreude, Präzision und gestalterischer Intelligenz Sonaten und Trios für zwei Violoncelli und Basso continuo von Benedetto Marcello, Giacobbo Basevi und Giovanni Battista Cirri.
Wie Meisterköche aus ein paar wenigen Zutaten ein Festmenü zaubern, interpretierten die vier Musiker zum Abschluss ein Trio des unbekannten Komponisten Martino mit solch einer erlesenen Ausdruckskraft, dass das relativ einfach gestaltete Werk zu einer waren musikalischen Delikatesse mutierte. Das Publikum war beim Schlußapplaus dermaßen begeistert, dass es nicht locker liess und die lange zögernden Musiker schliesslich doch noch einer kurzen Zugabe nötigte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 21, 2007

Gleich ein zart fliessenden Fluss

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:26 am

Mit einem abwechslungsreichen Spielplan eröffnete die Gare du Nord ihr dreitägiges Festprogramm zum 5jährigen Jubiläum und zum Start in die neue Saison.

Gut 20 Jahre ist es her, dass Christoph Marthaler zusammen mit Anna Viebrock seine legendären Theater-Produktionen «Ankunft Badischer Bahnhof» (1988) und «Stägeli ab, Stägeli uf» (1990) in den Räumlichkeiten des Badischen Bahnhofs realisierte und damit Grundlagen für seine Karriere legte. Mit von der Partie war damals der Klarinettist Ruedi Häusermann, der ebenfalls in der Theaterszene hängen blieb und zum anerkannten Regisseur, Musiker und Komponist avancierte.
Nun ist Reudi Häusermann in den Badischen Bahnhof zurückgekehrt, diesmal allerdings als Komponist. Vor 5 Jahren wurde im ehemaligen Bahnhofbuffet des Bahnhofs mit der Gare du Nord ein Konzertort für Neue Musik eingerichtet. Und um das 5jährige Jubiläum dieser mittlerweilen aus dem Basler Musikleben nicht mehr wegzudenkenden Institution gebühren zu begehen und gleichzeitig auch den Start in die neue Saison 2007/08 zu lancieren, wurde unter dem Motto «Zurückspulen und Vorlaufen» ein dreitägiges Festprogramm organisiert, bei dem auch Häusermanns Werkzyklus «ff LAUTLOS - Streichquartette I & II» als Uraufführung gespielt wurde. Interpretiert wurde dieses Kammerkonzert vom «Lautl. Quartett» (Berlin) und «Weshalb Forellen Quartett» (Zürich), mit denen Häusermann in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Theaterproduktionen zusammengearbeitet hat.
Beide Streichquartettensembles hatten auf der Bühne Platz genommen und wechselten sich beim Spielen gegenseitig ab oder spielten gelegentlich auch mal gemeinsam als Oktett. Variantenreich bewegte sich die Musik knapp eineinhalb Stunden nahezu ununterbrochen zwischen äußerstem Pianissimo und verhaltenem Piano. Tremolierende Auf- und Abwärtsbewegungen im Flageolett wurden von wolkigen Clusterklängen abgelöst, sanft drehende Walzerklängen gingen in marschähnliche Rhythmen über. Ununterbrochen war alles im Fuß, praktisch nie gab es Pausen und selbst kleinste Ausbrüche ins Mezzoforte konnten keine verzeichnet werden.
Von ganz anderem Kaliber war da die Sängerin Erika Stucky, die am gleichen Abend gemeinsam mit den beiden Tubaspielern Jon Sass und Sebastian Fuchsberger mit gewohnt anarchistischem Witz ihr neu erarbeitetes Programm «Suicidal Yodels» präsentiert, eine originelle Mischung von allen möglichen Formen des Jodelns mit Jazz, Pop und Ethno. Abgerundet wurde der Abend von einer Klanginstallation von SONOgames und einem «Festvortrag» des Performancekünstlers Peter Vittali, der sich dank seines skurrilen Surrealismus in seiner Darbietung als ziemlich heftige Attacke auf die Lachmuskeln erwies.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 18, 2007

Rosarot mit Tiefgang

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:51 am

Im Theaterstück «Hinterm Rosarot» beschäftigen sich Claudia Bischofberger und Eliane Vogel mit den Härten des Lebens.

«Was machsch du den doo?» lautet die Frage, die die erste namenlose Figur der zweiten stellt. «Ich bi» lautet die lapidare Antwort der zweiten anonymen Gestalt. Wer nun glaubt, nur weil der berühmte Zusatz des Herrn Philosoph René Descartes «Ich denke, also…» bei der Antwort fehlt, mangle es dem Theaterstück «Hinterm Rosarot» an Tiefgang, irrt. Augenscheinlich haben die beiden unter der Regie von Martha Zürcher agierenden Schauspielerinnen Claudia Bischofberger und Eliane Vogel, die sowohl für die Idee als auch das Konzept ihres Stücks zuständig sind, sehr viel über dessen Inhalt nachgedacht, was die Premiere des Werks im Rahmen der Plattform für neuen Bühnen-Produktionen aus der Region BL/BS im Theater Palazzo in Liestal beweist.
Das ‚Geworfen sein’ in eine Welt, beziehungsweise in ein Leben, das sich nur all zu oft den Möglichkeiten der Beeinflussung entzieht, scheint das oberste Thema des Stückes zu sein. Das fängt schon mit den Requisiten an: zwei leicht ovale, weiße Halbkugeln, kleinen Eskimoiglus nicht unähnlich, stehen im Zentrum der Bühne; glatt, rund, ohne erkennbare Angriffsfläche. Dazu kommen die Kostüme der beiden Schauspielerinnen: weiße, fast unendliche weitgeschnittene, sackartige Overalls, die die beiden Körper umhüllen, amorph und bar jeder Individualität. Jedoch gerade diese formlosen Kostüme erlauben des beiden, mit viel Witz durch vielseitige Variationen von Verformungen und unter akrobatischem Einbezug der beiden Halbkugeln einen kräftigen Schuß von Komik in das Stück hinein zu bringen.
Generell kommt trotz Tiefgründigkeit auch in den Dialogen der beiden Figuren die Posse nicht zu kurz. Kommunikationsprobleme auf Grund unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartung beispielsweise führen immer wieder zu drolligen Situationen, die zu herzhaftem Lachen reizen. Aber auch das (oft auch nur eingebildete) Ausgeliefertsein an fremde, nicht erkennbare Mächte, die auf das menschliche Leben Einfluß nehmen, wird thematisiert.
Und keines Falls sei die kongeniale Musik der Multiinstrumentalistin Christina Volk vergessen, die mit ihrer spröden Heiterkeit wesentlichen zum Erfolg des Stückes beiträgt.
Apropos weiße Halbkugeln: Am Ende des Stückes werden die beiden Teilsphären zusammengefügt und voila, ein großes Ei ist geformt, in dem die beiden Figuren über ein Loch Platz nehmen, um winkend und um die eigenen Achse rotierend schliesslich embrional zu entschwinden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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