Rolf De Marchi

Dezember 24, 2007

«Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!»

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:38 pm

Begleitet von einem versierten Orchester interpretierte an zwei Konzertabenden die Basler Münsterkantorei Johann Sebastian Bachs monumentales Weihnachtsoratorium.

Streng genommen handelt es sich beim Weihnachtsoratorium BWV 248 von Johann Sebastian Bach (1685-1750) gar nicht um ein Oratorium sondern um einen Zyklus von sechs Kantaten, den Bach für die drei Weihnachtstage 1734/35 geschrieben hat. Dass Bach beim Schreiben dieses Werkes häufig auf Chöre und Arien zurückgriff, die er zuvor schon in weltlichen Werken verwendet hatte - der bekannte Eingangschor «Jauchzet, frohlocket» beispielsweise hat er dem Eingangschor der Glückwunschkantate BWV 214 «Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!» entnommen - ist ihm wiederholt zum Vorwurf gemacht worden, wobei übersehen wird, dass das sogenannte Parodieverfahren, dass wiederverwenden von vorhandenem Tonmaterial beim Komponieren neuer Werke über viele Jahrhunderte bis in Bachs Zeit eine Selbstverständlichkeit war.
Auf zwei statt auf drei Konzertabende hatte die Basler Münsterkantorei seine Aufführung dieses umfangreichen Werkes im Basler Münster reduziert. Unter der Leitung von Stefan Beltinger und begleitet von einem versiert klingenden, vorwiegend mit historisierenden Instrumenten bestückten Orchester eröffnete die Basler Münsterkantorei am ersten Abend das Konzert mit dem locker und beschwingt vorgetragenen Eingangschor «Jauchzet, frohlocket». Danach setzte der Tenor Sebastian Hübner mit klarer, schlanker und gut verständlicher Stimme ein, um in der Rolle des Evangelisten darüber zu berichten, wie Maria und Joseph sich auf Befehl des Kaiser Augustus nach Bethlehem begaben, um sich zählen zu lassen.
Auf ein Recitativo folgte die Alt-Arie «Bereite dich Zion», die mit volltönend-warmer Stimme von Christina Merz vorgetragen wurde. Auch die wenig später folgende Arie «Grosser Herr, o starker König» wurde vom Baß Marcus Niedermeyr kraftvoll gesungen, im tiefsten Register allerdings wirkte seine Stimme etwas schwach und unsicher. Ambivalent schließlich auch der Sopran Christine Esser, der zwar mit schöner Stimme sang, die Verständlichkeit des Textes aber oft in ein schwer verständliches Nuscheln untergehen lies.
Nicht hoch genug kann die Leistung des Orchesters mit seinen teilweise aus dem Kammerorchester Basel und dem Capriccio Basel zusammengestellten Mitgliedern gelobt werden. Nahezu makellos - einzig in den Blechbläsern waren ein, zwei Mal kleine Intonationstrübungen zu hören - und mit mitreißendend-pulsendem Schwung interpretierte das Ensemble diese großartige Musik.
Nachdem in der 2. Kantate ein Engel die Hirten auf die Geburt Jesu hingewiesen hatte, folgte das eindrücklich von der Basler Münsterkantorei gesungene Jubilieren der Heerscharen der Engel mit seiner melismareichen Tutti-Fuge «Ehre sei Gott in der Höhe.» In der 3. Kantate schließlich der eigentliche Höhepunkt des Oratoriums, die Anbetung des Kindes durch die Hirten in der Christnacht.
Der zweite Konzertabend eröffnete mit der 4. Kantate, wo Jesus beschnitten wird, gefolgt vom 5. und 6. Teil mit der bekannten Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenland, die das Christuskind anbeteten und dem bösen Herodes, der das Kind ermorden will. Begleitet von feierlichen Paukenklängen und schallenden Trompeten schloss die Münsterkantorei Basel diese eindrückliche Interpretation des Bach’schen Weihnachtsoratoriums mit dem Schlusschoral, in dem Jesus als Überwinder von «Tod, Teufel, Sünd und Hölle» beschrieben wird.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 17, 2007

Weihnachtliche Bläserklänge

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:08 pm

Das Ensemble für Alte Musik «Les Cornets Noir» spielte weihnachtliche Musik das 17. Jahrhunderts.

Der Zink ist ein Musikinstrument aus Holz, das zu den Blechblasinstrumenten gerechnet wird. Klingt paradox, erklärt sich aber aus der Tatsache, dass der Zink wie eine Trompete mit einem Kesselmundstück geblasen wird. Da dieses vor allem ab Mitte des 16. bis ins späte 17. Jahrhundert beliebte Instrument in der Regel aus zwei oft gekrümmten Hälften zusammengesetzt und mit schwarzem Leder umwickelt wird, wird es auch als «schwarze Zink» (franz. cornet noir) bezeichnet.
Dies als Erklärung für den Namen des Ensemble «Les Cornets Noir», das im Rahmen eines von den Freunden alter Musik Basel organisierten Konzertes in der Predigerkirche mit dem Titel «Uns ist ein Kind geboren» weihnachtliche Musik des 17. Jahrhunderts spielte. Dieses auf alte Musik für Zink spezialisierte Ensemble wurde von den beiden Musikern Bork-Frithjof Smith und Gebhard David gemeinsam mit andren Absolventen der Schola Cantorum Basiliensis gegründet.
Schon das erste vom Ensemble gespielte Werk, eine Intrada von Samuel Scheidt liess festliche Stimmung aufkommen. Neben der beteiligten Schwalbennestorgel hatten zwei Violinen, ein Cello, zwei weich klingende Barockposaunen und die bereits erwähnten Zinkspieler Smith und David Stellung auf dem Letter über dem Publikum bezogen. Einem weihnachtlichen Bläserensemble auf einem Kirchturme gleich beschallten die Musiker den Kirchenraum mit Scheidts feierlicher Musik. Bei der anschliessenden «Exultavit cor meum» von Heinrich Schütz wäre eigentlich der Tenor Kopie van Rensburg als Solist vorgesehen gewesen, leider war dieser erkrankt, so dass kurzfristig der Sopran Siri Karoline Thornhill einspringen musste, die ihre Aufgabe mit Bravour löste. Mit sauberer Intonation und einer warmen aber dennoch kraftvollen Stimme und mit einem sparsam eingesetzten, leichten Vibrato sang sich die Sängerin ausdrucksstark und treffsicher durch die schwierigsten Triller und Verzierrungen. Weitere hervorragend interpretierte Werke von Komponisten wie Diedrich Buxtehude, Claudio Monteverdi und Johann Hermann Schein folgten.
Bei den zwischen diesen Stücken eingeschobenen Instrumentalwerken meist italienischer Komponisten wiederum konnte man vor allem die Virtuosität der beiden Posaunisten Detlef Reimers und Eckart Wiegräbe sowie der Zinkspieler Smith und David bestaunen und je länger je mehr wunderte man sich, wie es überhaupt möglich war, dass der Zink mit seinem unvergleichlich weichen, angenehm klingenden Ton im Verlaufe der Musikgeschichte je aus dem Sortiment der gespielten Instrumente hatte verschwinden können.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 14, 2007

Ströme elektronischer Musik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:50 am

Das Elektronische Studio Basel präsentierte seine neusten Arbeiten.

Bereits die 34. Version von NACHTSTROM ist über die Bühne der Gare du Nord gegangen, jene regelmäßige Veranstaltung, in der das Elektronische Studio der Hochschule für Musik Basel präsentiert, was in monatelanger Tüftelei mit Computern, Kabeln, Mikrofonen und sonstigem, oft selber entwickeltem Gerät erarbeitet wurde.
Als erstes stand «Music for Contrabass and Computer» (1995) von Cort Lippe auf dem Programm, bei dem die Kontrabassistin Clara Gervais ihr Instrument mit dem Bogen und den Händen bearbeitete, die Töne per Mikrofon abgenommen und elektronisch verfremdet wurden. Klanglich nicht ohne Spannung war diese Performance, besonders originell allerdings war sie nicht, hatte man doch ähnliches schon oft gehört. Das anschließend realisierte «Dégoût “Étude pour la vélocité et le filtrage”» (2007) für Tonband von Teresa Carrasco klang vielversprechend, dauert aber keine fünf Minuten, da plötzlich die Elektronik aussetzte und sie trotz gutem Zureden nicht mehr reanimiert werden konnte.
Sehr stimmungsvoll viel Benedikt Schiefers «Kanon» für Cello und Elektronik aus, bei dem Ellen Fallowfield mit dem Cello via Computer meist eher zarte, sphärische Klangstrukturen schuf. «I’m sitting in a room» (1970) von Alvin Lucier für Stimme und Tonbandgerät, bearbeitet und vorgeführt von Luzius Gysin beruht auf dem Prinzip der stetigen Wiederholung eines kurzen Textes ab einem klassischen Tonbandgerät, wobei die Stimme ständig auf dem Band gedoppelt wird, was ein stetig zunehmendes Echo und eine Abnahme der Tonqualität zur Folge hat. Die Stimme wird immer undeutlicher und verkommt mehr und mehr zu einer Art verfremdeten Melodie, die leiser und leiser schließlich im Rauschen verschwindet.
Das wohl originellste «Werk» des Abends bildete die «tape music?» (2007) von Lorenz Schuster, bei dem nebst der obligaten Live-Elektronik ganz besonders spezielle Instrumente zum Einsatz kamen: gewöhnliche Klebebänder nämlich, wie sie von uns allen oft mehrmals täglich eingesetzt werden. Genüßlich begann Schuster, Klebebänder über zwei Mikrofonen geräuschvoll von der Rolle abzukratzen, los- ab- und durchzureißen und in Bündeln mit intensivem Rascheln zu reiben. Die unterschiedlichsten Geräusche wurden dann mittels Sampling auf dem Laptop zu witzig-skurillen Klanglandschaften aufgetürmt und durchgeknetet. Am Donnerstag 24. Januar 2008 geht übrigens in der Gare du Nord «NACHTSTROM XXXV» mit dem visuellen Künstler, virtuosen Turntablist und Meister analoger und digitaler Klangquellen «eRikm» über die Bühne.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Ströme elektronischer Musik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:50 am

Das Elektronische Studio Basel präsentierte seine neusten Arbeiten.

Bereits die 34. Version von NACHTSTROM ist über die Bühne der Gare du Nord gegangen, jene regelmäßige Veranstaltung, in der das Elektronische Studio der Hochschule für Musik Basel präsentiert, was in monatelanger Tüftelei mit Computern, Kabeln, Mikrofonen und sonstigem, oft selber entwickeltem Gerät erarbeitet wurde.
Als erstes stand «Music for Contrabass and Computer» (1995) von Cort Lippe auf dem Programm, bei dem die Kontrabassistin Clara Gervais ihr Instrument mit dem Bogen und den Händen bearbeitete, die Töne per Mikrofon abgenommen und elektronisch verfremdet wurden. Klanglich nicht ohne Spannung war diese Performance, besonders originell allerdings war sie nicht, hatte man doch ähnliches schon oft gehört. Das anschließend realisierte «Dégoût “Étude pour la vélocité et le filtrage”» (2007) für Tonband von Teresa Carrasco klang vielversprechend, dauert aber keine fünf Minuten, da plötzlich die Elektronik aussetzte und sie trotz gutem Zureden nicht mehr reanimiert werden konnte.
Sehr stimmungsvoll viel Benedikt Schiefers «Kanon» für Cello und Elektronik aus, bei dem Ellen Fallowfield mit dem Cello via Computer meist eher zarte, sphärische Klangstrukturen schuf. «I’m sitting in a room» (1970) von Alvin Lucier für Stimme und Tonbandgerät, bearbeitet und vorgeführt von Luzius Gysin beruht auf dem Prinzip der stetigen Wiederholung eines kurzen Textes ab einem klassischen Tonbandgerät, wobei die Stimme ständig auf dem Band gedoppelt wird, was ein stetig zunehmendes Echo und eine Abnahme der Tonqualität zur Folge hat. Die Stimme wird immer undeutlicher und verkommt mehr und mehr zu einer Art verfremdeten Melodie, die leiser und leiser schließlich im Rauschen verschwindet.
Das wohl originellste «Werk» des Abends bildete die «tape music?» (2007) von Lorenz Schuster, bei dem nebst der obligaten Live-Elektronik ganz besonders spezielle Instrumente zum Einsatz kamen: gewöhnliche Klebebänder nämlich, wie sie von uns allen oft mehrmals täglich eingesetzt werden. Genüßlich begann Schuster, Klebebänder über zwei Mikrofonen geräuschvoll von der Rolle abzukratzen, los- ab- und durchzureißen und in Bündeln mit intensivem Rascheln zu reiben. Die unterschiedlichsten Geräusche wurden dann mittels Sampling auf dem Laptop zu witzig-skurillen Klanglandschaften aufgetürmt und durchgeknetet. Am Donnerstag 24. Januar 2008 geht übrigens in der Gare du Nord «NACHTSTROM XXXV» mit dem visuellen Künstler, virtuosen Turntablist und Meister analoger und digitaler Klangquellen «eRikm» über die Bühne.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Dezember 11, 2007

Klezmer at its Best

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:09 pm

Mit ihrer Rückbesinnung auf den Klezmer der früheren Jahre begeisterte die Basler Klezmerband Kolsimcha (Ex-World Quintet) im Fauteuil-Theater ihre treue, lokale Fangemeinde.

1986 gründete in Basel der bekannte Jazzsaxophonist und Drummer David Klein zusammen mit Josef Bollag eine Band, die sich der Pflege des Klezmers verschrieb, jener Musik, deren Wurzeln im osteuropäischen Judentum bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht und die vor allem an Hochzeiten gespielt wird. Auch Kolsimcha spielte anfänglich vorwiegend an Hochzeiten, dann wechselte Bollag ins Management, die Band wuchs auf 5 Mitglieder heran und begann, mehr und mehr auch international die Konzertsäle zu füllen. Und dann 2002 die Katastrophe für viele Fans der Band. Aus dem Bedürfnis heraus, sich stilistisch weiter zu entwickeln änderte sie ihren bewährten Namen Kolsimcha (Stimme der Freude) in World Quintet, und dies zu einem Zeitpunkt, wo der Rummel um die sogenannte Weltmusik bereits ihren Zenit überschritten hatte. Es wurde mit verschiedensten Stilrichtungen herumexperimentiert und der Anteil des Jazz zu Ungunsten des Klezmers verstärkt. Und uups, auf einen Schlag waren alle Konzertsäle wieder leer. Nach und nach begannen sich die Säle dann aber wieder zu fülle, aber dennoch setzten Diskussionen ein, die schließlich mit dem Abgang des langjährigen Gründungsmitgliedes, des Drummers David Klein sowie - Back to the Roots gewissermassen - der Rückbenennung der Band in Kolsimcha endeten. Die Fachwelt kratz sich am Hinterkopf, die Fans aber sind glücklich, wie man im bis auf den letzten Platz besetzten Basler Kleintheater Fauteuil erfahren konnte, wo die Band auf heimatlichem Boden ihr 20-jähriges Jubiläum mit einem bejubelten Konzert zelebrierten.
Ein Melodica blasend und gefolgt von den anderen Bandmitgliedern, betrat Pianist Olivier Truan die Bühne, um mit dem Stück «On the Move», das Bezug nimmt auf das ständige Unterwegssein der Berufsmusiker zu Konzerten und Festivals, den Abend zu eröffnen. Ein knackig-groovender Baßriff von Daniel Fricker kam dazu, ein swingender Rhythmus vom neuen Schlagzeuger Christoph Straumann und schließlich die beiden Bläser der Combo,
der Klarinettist Michael Heitzler und Flötist Niki Reiser, die mit einem Thema einsetzten, dessen Tonskala wie für den Klezmer typisch, an Zigeunermoll erinnernde. Wie «On the Move» sind die meisten der im ersten Set gespielten Stücke auf der neusten CD der Band mit dem Titel «Noah» zu finden.
Oft mit atemberaubend irrwitzigem Tempo rasten die fünf Musiker durch ihr Programm, deren grossartig arrangierten Stücke meist aus der Feder des Pianisten Olivier Truan und teilweise auch vom Klarinettisten Michael Heitzler stammen. In Stücken wie «Noah», «A bout de souffle» oder «The Chase», ein Duostück mit Klarinettist Michael Heitzler und Flötist Niki Reiser kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus über die Präzision und die phänomenale Technik der Musiker dieser Band. Jedoch auch sehr zarte und besinnliche Momente gab es immer wieder wie das melancholische «Those Very Short Moments (of Absolut Happiness)» über die Vergänglichkeit der Liebe oder «Jerusalem», ein Hymnus an die heilige Stadt der Juden, Muslime und Christen.
Wir wollen hoffen, dass es dieser phänomenalen Band auch in Zukunft auf so großartige Weise gelingen wird, den Klezmer weiterzuentwickeln, ohne dabei deren Wurzeln zu verraten und vor allem hoffen wir, dass Kolsimcha nie wieder der Schnapsidee verfallen wird, den Bandnamen zu ändern. (Aber die Wege des Herrn sind ja bekanntlich unergründlich)!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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