Rolf De Marchi

Januar 29, 2008

Fesselndes Cembalorecital

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:38 pm

Der Cembalist Frédérick Haas vermochte durch sein zupackendes Spiel zu überzeugen.

Immer noch spuckt es in vielen Köpfen herum, das Vorurteil, dass das Cembalo wie eine gefühllose Nähmaschine ohne jeden musikalischen Ausdruck klinge. Dieses Vorurteil hat seine Wurzel in der Wiederentdeckung des Cembalos, das Ende des 18. Jahrhunderts vom Hammerklavier verdrängt wurde und Anfangs des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Bei dieser Wiederentdeckung des Cembalos orientierte man sich bei dessen Bau nicht an historischen Vorbildern, sondern am zeitgenössischen Klavierbau. So wurden Metallrahmen und andere moderne Materialien eingesetzt, was zwar die Lautstärke des Instruments erhöhte, den Klang aber leblos und starr erscheinen liess. Inzwischen hat sich dies in Folge der historisch orientierten Aufführungspraxis gänzlich geändert, orientiert sich doch der heutige Cembalobau fast gänzlich an historischen Instrument und verwendet heute beispielsweise den Holzrahmen, der einen viel wärmeren, flexibleren Ton zulässt.
Geradezu mustergültig konnte man dies bei einem Nachbau der Cembalobauers Christian Kuhlmann (Bremen) hören, der das Instrument einer Vorlage von Henri Hemsch (Paris 1751) nachempfunden hat. Dieses zweimanualige Cembalo mit seinem vollen, warmen Klang in den tieferen Lagen und einem fantastisch-hellen, fast glockenartigen Timbre in den hohen Lagen wurden vom französischen Cembalisten Frédérick Haas anläßlich eines Konzertes im Rahmen der «Cembalomusik in der Stadt Basel» im Münstersaal des Bischofshofs Basel gespielt.
Nebst der kleinen, aparten Suite V in E-Dur von Georg Friedrich Händel, die Haas einnehmend und lebhaft vortrug, interpretierte der Cembalist zupackend Johann Sebastian Bachs Englische Suite II in a-Moll, BWV 807. Geradezu rauschartig tobte sich der Mann im Prélude aus, fast zärtlich hingegen, die Möglichkeiten der Temponuancierungen gezielt einsetzend, die Sarabande, leidenschaftlich swingend die beiden Bourrées und die Gigue.
In eine ganz andere musikalische Welt wurde man von Frédérick Haas mit vier Sonaten des Bachzeitgenossen Domenico Scarlatti entführt. Glutvoll wirkte die Interpretation dieser oft experimentell wirkenden, raffiniert konstruierten Stücke mit ihren klug gesetzten Brüchen und Stimmungswechseln. Zwar spielte Haas nicht immer ganz fehlerfrei, dies tat aber der fesselnden Intensität des Vortrags dieser musikalischen Aperçus nicht den geringsten Abbruch. Nicht minder einnehmend gelangen dem Interpreten schließlich noch ein paar bezaubernde Stücke aus dem dritten Buch der «Pièces de clavecin» von François Couperin (1668-1733), mit denen Frédérick Haas sein rundum gelungenes Cembalorecital abschloß.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 28, 2008

Eine kleine Sensation

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:51 am

Unter dem Gastdirigenten Adolf Winkler zelebrierte das Neue Orchester Basel die österreichisch-schweizerische Freundschaft.

«Musikalische Nachbarschaftspflege Österreich - Schweiz» lautete der Titel des diesjährigen Winterkonzerts, das das Neue Orchester Basel (NOB) in der Martinskirche Basel veranstaltete. Die kleine Sensation an diesem Konzert war nun nicht etwa der Umstand, dass es überhaupt keinen musikalischen Bezug zur demnächst in den beiden benachbarten Ländern stattfindenden Fußballeuropameisterschaft gab, sondern der Umstand, dass das NOB nicht unter der Leitung seines Gründers Béla Guyas spielte, etwas, was schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen sein dürfte. Gerüchten zufolge ist Béla Guyas momentan dermaßen in vorfasnächtliche Aktivitäten verstickt, dass er doch tatsächlich sein Orchester vernachlässige und an den Gastdirigenten Adolf Winkler aus Wien abtrat.
Allzusehr ins Gewicht fiel das allerdings nicht, scheint doch Adolf Winkler ähnliche Vorstellungen über das Dirigieren zu haben wie Béla Guyas. Sauber und korrekt interpretierte er gemeinsam mit dem NOB Wolfgang Amadé Mozarts Sinfonie Nr. 5 in B-Dur, KV 22. Etwas zu weichgezeichnet geriet dabei allerdings der erste Satz (Allegro) und der zweite Satz (Andante) vermochte zwar durch seine plastische Dynamik zu überzeugen, eine spürbare, belebende Agogik war allerdings kaum zu vermerken. Beim dritten Satz (Allegro molto) dann vermochte das NOB doch noch durch zupackenderes Spiel zu überzeugen.
Nicht ganz unproblematisch war die anschließende Interpretation von Mozarts Violinkonzert Nr. 1, B-Dur, KV 207 durch die junge Violinistin Christina Gnägi. Vor allem in den ersten Takten wirkte ihre Violine zu hoch gestimmt, was in den Ohren geneigter Hörer ein nicht sehr angenehmer Effekt auslöste. Generell wirkte das Spiel von Christina Gnägi unsicher und etwas farblos, was möglicherweise auf nervositätsbedingte Unsicherheit zurückzuführen war, die eine ausdrucksstarke Interpretation verhinderte.
Erfreulich dann allerdings die Umsetzung der 9. Streichersinfonie in c-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), die zwar streckenweise auch ziemlich weichgezeichnet wurde, was Mendessohns Musik allerdings gut anstand. Besonders akzentuiert gelangen der erste und der vierte Satz, deren Ausführung jene Lebhaftigkeit spüren ließ, die man beim Mozart zu Beginn des Konzertes etwas vermißt hatte.
Rolf De Marchi

Januar 13, 2008

Die Lust der Einsamkeit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:33 am

Evelyn Tubb und Anthony Rooley interpretierten weniger bekannte englische Lautenlieder.

«The Anatomy of Melancholy» lautete der Titel eines 1621 erschienen Buches des englischen Schriftstellers Robert Burton (1577-1625), in dem er das Lebensgefühl Melancholie, ihre Geschichte, Ursache und Heilmöglichkeiten abhandelte. Dass dabei das Thema Einsamkeit eine wichtige Rolle einnimmt, ist kein Zufall, bildet sie doch eine der Grundlagen für die Melancholie und schein generell im Denken jener Zeitepoche und damit auch in der Dichtkunst ein zentrales Sujet gewesen zu sein, wie man anläßlich eines Konzertes im Rahmen der Basler Lauten Abende im Basler Zinzendorfhaus erfahren konnte, wo Evelyn Tubb (Gesang) und Anthony Rooley (Laute) Lieder jener Zeit interpretierten. Die an der Schola Cantorum Basiliensis unterrichtende Sopranistin Evelyn Tubb ist seit Jahren Mitlied des von Anthony Rooley gegründeten Consort of Musicke, das sich auf englische und italienische Vokalmusik der Renaissance spezialisiert hat.
In Anlehnung an Robert Burtons Buchtitel hatten das Duo den Abend unter das Motto «The Anatomy of Solitude» gestellt und in der Tat zog sich das Thema Einsamkeit durch praktische alle Liedtexte von englischen Dichtern des 16. bis 18. Jahrhunderts wie William Congreve, William Strode, Sir Philip Sidney oder Katherine Phillips, die an diesem Abend gesungen wurden. Vertont worden sind diese Text von meist weniger bekannten Komponisten wie John Hilton, Thomas Ravenscroft, John Eccles, Daniel Purcell, John Dowland und anderen mehr und als kleine Überraschung waren sogar ein paar Kompositionen im Stile Zeit von Anthony Rooley selber zu hören.
Und wie die beiden diese Musik nun interpretierten, geriet zu einem wahren Fest der Sinne, wurden diese expressiven Lieder von Evelyn Tubb doch nicht nur mit einer phänomenalen Ausdruckskraft gesungen, sondern auch mit einer an Grazie und Dramatik kaum zu überbietenden Gestik zusätzlich emotional aufgeladen. Von anmutig hingehauchten, feingliedrigen Motiven hin bis zu wildjubelnden Gefühlsausbrüchen war von der Sängerin mustergültig die gesamte Palette historisierender Vokalkunst zu hören.
Zart und einfühlsam von Anthony Rooley auf der Laute begleitet, schloss Evelyn Tubb diesen bewegenden Konzertabend mit dem sinnigen Titel «O Sweet Woods, the Delight of Solitariness».

Januar 10, 2008

Enorme dramatische Ausdruckskraft

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:25 am

Die Sängerin Dagmar Pecková interpretierte Lieder aus ihrer tschechischen Heimat.

Im Unterschied zu Antonín Dvorák, dessen sinfonische und kammermusikalische Werke in hiesigen Konzertsälen regelmäßig zur Aufführung gebracht werden, kann man Kompositionen von dessen tschechischen Landsgenossen Vítezslav Novák (1870-1949) bei uns kaum je hören, obwohl er von vielen zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerechnete wird.
Woran das möglicherweise liegt, konnte man anläßlich eines Konzertes im Rahmen der Kammermusik um Halb Acht im von rumpelndem Tramlärm und lauten Martinshörnern geplagten Hans Huber-Saal des in die Jahre gekommenen Stadtcasinos Basel erfahren. Begleitet von Vojtêch Spurny am Klavier interpretierte der Mezzosopran Dagmar Pecková mehrer Lieder aus Nováks Zyklus «Melancholische Liebeslieder» op. 38 (1906). Dabei wurde schnell klar, dass diese auf der Grenze von der Spätromantik in die freie Atonalität stehenden Lieder wegen ihren hochkomplexen Harmonie- und Melodiestrukturen alles andere als leicht zugängig sind, was vielleicht eine Erklärung für das mangelnde Interesse für diese Musik hier in der Schweiz sein könnte.
Mit großartigem Gespür für den exaltierten Expressionismus dieser Musik interpretierte Dagmar Pecková diese Lieder mit ihrer kraftvollen, dunkel timbrierten Stimme. Als wahre Meisterin des dramatischen Gesangs erwies sich dabei die tschechische Sängerin, die selbst die kleinsten emotionalen Nuancen in Text und Musik durch ausgeklügelte Gesangstechniken hervorhob. Einziger kleiner Wehrmutstropfen dabei war, dass sie es bei besonders gefühlsbetonten Stellen gelegentlich mit dem Vibrato übertrieb und vor lauter Auf und Ab der Stimme der genaue Ort des Tones nicht mehr ausgemacht werden konnte.
Nebst ein paar Liedern von Antonín Dvorák (1841-1904) sang die Pecková nicht minder ausdrucksstark noch ein paar Ausschnitte aus Gustav Mahlers (1860-1911) «Lieder eines fahrenden Gesellen», wobei hier vor allem Pianist Vojtêch Spurny durch sein luzides, sensibel auf seine Partnerin eingehendes Spiel auffiel.
Krönender Abschluss des Abends bildeten vier Lieder von Richard Strauss (1864-1949), bei denen Dagmar Pecková vor allem im Liebeshymnus op. 32 und im «Befreit» op. 39 nochmals auf höchst eindrucksvolle Weise ihre enorme dramatische Ausdruckspalette präsentieren konnte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 5, 2008

Kraah, Kraah

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 8:23 pm

Der Vokalkünstler Christian Zehnder präsentierte in der Kaserne sein neues, den weltmusikalischen Zeitgeist huldigende «Kraah Trio».

Fast schon zu einer untrennbaren siamesischen Einheit scheint der Vokalkünstler Christian Zehnder mit dem Bläser Balthasar Streiff zum Duo Stimmhorn verschmolzen zu sein. Doch Vorsicht, da gibt es noch ein zweites, weniger bekanntes Musikleben des Christian Zehnder. Neben Stimmhorn verfolgt der auf Obertongesang und alle Varianten des Jodelns spezialisierte Sänger und diplomierte Stimmpädagoge noch andere Musikprojekte wie diejenigen mit dem tuvinischen Quartett Huun-Hur-Tu oder dem südafrikanischen Obertonchor Noquolnquo. Er ist in verschiedenen Musikformationen als Sänger tätigt, arbeitet immer wieder in Theaterprojekten mit und realisiert Kompositionsaufträge für Film, Fernsehen und Radio.
Doch all diese Aktivitäten scheinen Christian Zehnder nicht mehr zu genügen, hat er sich doch zur Gründung eines neuen Trios entschlossen. Gemeinsam mit dem österreichischen Kontrabassisten Georg Breinschmid und dem Schlagzeuger Thomas Weiss hob er das «Kraah Trio» aus der Taufe, mit dem er gemeinsam mit Gastmusikern eine CD eingespielte. Inspiriert zu diesem Projekt wurde Zehnder durch das heisere «Kraah, Kraah» der äusserst klugen Rabenvögel, die von nicht wenigen Ornithologen als Krönung der Singvogelevolution erachtet werden!
Etwas Neues habe er machen wollen, hatte Christian Zehnder erklärt, so dass man neugierig in den ehemaligen Roßstall des Basler Kulturtempels Kaserne pilgerte, wo der Vokalkünstler mit seinem Kraah Trio und verschiedenen Gastmusikern zum Konzert geladen hatte. Neben Sänger Christian Zehnder, der oft auf diversen Saiteninstrumenten mitspielte, standen Drummer Thomas Weiss und Kontrabassist Michael Pfeuti (Georg Breinschmid ist inzwischen wegen Arbeitsüberlastung aus der Band wieder ausgestiegen) auf der Bühne.

Allerfeinster kammermusikalischer, unplugged gespielter Modaljazz mit allen möglichen stilistischen Einflüssen arabischen, indischen, afrikanischen und brasilianischen Ursprungs bekam man da in einem ansprechenden Konzert geboten. Gelegentlich hörte man sogar Anklänge an Klassische Musik wie beispielsweise das erste gespielte Stück «Schubert», eine Adaption von Schuberts Winterreise. Indisch hingegen klang es im «Room 53», in dem der Berner Gastmusiker Don Li auf seiner Metallklarinette ein melodisch-meditatives Solo blies. Eine weitere Bereicherung bildete schließlich noch der Gastmusiker Anton Bruhin, der mit seiner Maultrommel wiederholt eigenwillige Akzente setzte.
Umhüllt von diesem warmen Soundbett dann die Stimme von Christian Zehnder, der mit der gewohnten Stimmakrobatik manchmal fast Wort für Wort von einem Extrem ins andere wechselte: mal sprang er vom tiefsten Baß in die hohe Kopfstimme, mal pendelte er von rauh-heisser ins sphärische Flageolett, mal von ruhig-getragen ins virtuos Jodelnde und immer wieder war natürlich die Spezialität von Christian Zehnder, das spezifisch für seine Bedürfnisse entwickelte Obertonsingen zu hören.
Sehr schön, etwas brav und dem weltmusikalischen Zeitgeist angepasst wirkte das alles, so dass man sich mit der Zeit mehr und mehr auch mal nach schieferen, das streng diatonisch genähte Korsett sprengenden Klängen zu sehnen begann. Man kann nur hoffen hoffen, dass diese Zuwendung von Christian Zehnder zum kultivierten musikalischen Mainstream bloss vorübergehender Natur sein wird.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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