Rolf De Marchi

Februar 25, 2008

Ein wahrer Ohrenschmaus

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:57 am

Kammermusik vom Besten bot ein gelungenes Konzert in der Reformierten Kirche Oberwil.

Schon der erste, wuchtig in den Kirchenraum geworfene Akkord lies erahnen, dass das folgende, von der Vereinigung der Oberwiler Musikfreunde in der Reformierten Kirche Oberwil organisierte Konzert ein interpretatorischer Leckerbissen werden würde. Und tatsächlich ging es in der gleichen Weise bei der Realisierung der Zehn Variationen über Wenzel Müllers Lied «Ich bin der Schneider Kakadu» op. 121a für Klaviertrio von Ludwig van Beethoven weiter. Wenn man von ein, zwei kleinen Unsicherheiten mal absieht, interpretierten Indira Koch an der Violine, Wolfgang Emanuel Schmidt am Violoncello und Michal Friedlander am Piano dieses Werk mit einem Schneid, der begeisterte.
Dass es beim anschließend gespielten Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier a-Moll op. 114 auf gleich hohem Niveau weiterging, liess schon Karl-Heinz Steffens erahnen, der der Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker ist, ein Job, der nur ein Musiker bekommt, der zur obersten Spitzenklasse gehört. Und auch hier wurde man nicht enttäuscht. Nicht nur dass er seinen Klarinettenpart formvollendet mit viel Gefühl spielte, er schien auch seinen Mitmusiker, den Cellist Wolfgang Schmid zu interpretatorische Höheflüge anzustacheln, brachte doch dieser im Adagio sein Cello regelrecht zum singen.
Und wie ausgezeichnet die Pianistin Michal Friedlander zu spielen vermochte, konnte man in Claude Debussys (1862-1918) Première Rhapsodie für Klarinette und Klavier erfahren. Dieses Werk ist von Debussy eigentlich mit Orchesterbegleitung geschrieben worden, doch die Pianistin vermochte mit ihrer einfühlsamen Interpretation erstaunlich schnell vergessen machen, dass der Solist Karl-Heinz Steffens auf seiner Klarinette ‚nur’ von einem Klavier begleitet wurde.
Ein letzter Höhepunkt dieses Konzertes bildete das Klaviertrio f-Moll op. 65 von Antonín Dvorák (1841-1904). Mit einer geglückten Mischung aus wohlüberlegtem Formwillen und emotionalem Engagement verwandelten die drei Interpreten Dvoráks leidenschaftliche Musik in einen wahren Ohrenschmaus. Im Besonderen das Adagio mit seinen ausladenden Melodiebögen geriet ausnehmend gut und das abschließende, mit kerniger Frische konturierte Allegro bildete den krönenden Abschluss dieses gelungenen Konzerts. Dass das Trio keine Zugabe spielte, verzieh man im sehr gerne, hatten doch die Musiker mit ihrem knapp zweistündigen Konzert mehr als genug geleistet.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 24, 2008

Konstellationen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:16 am

Mit einer Reihe von Konzerten sollen in den nächsten Wochen im Maison 44 Musik und Bildende Kunst interdisziplinär miteinander verschmolzen werden.

Als «interdisziplinäres Projekt» sind sie gedacht, die «Konstellationen 08», die vom 23. Februar bis zum 29. März 2008 in den Räumen des Maison 44 am Steinenring 44 in Basel durchgeführt werden. Mit seiner offen Haltung gegenüber Musik von heute, den aktuellen Bildenden Künsten, der Literatur und wissenschaftlichen Themen, hat das Maison 44 dieses Projekt mit Musik von Alfred Knüsel, Alfred Zimmerlin, Jean-Jacques Dünki und Helena Winkelman auf die Beine gestellt, bei dem auf spielerischer Weise akustische Kunstformen wie Musik und Sprache auf visuelle künstlerische Ausdrucksformen wie Bilder, Skulpturen und Installationen treffen. Die dabei auftretenden Begegnungen, Verbindungen und Polarisationen zwischen den verschiedenen Kunstformen sollen hierbei jeweils für die anderen Kunstgattungen sensibilisieren - Synästhesie lautet dabei das modische Schlagwort.
Zwischen den Installationen von Kitty Schaertlin, den Skulpturen von Ludwig Stocker und den Bildern von Gert Handschin, Giovanni Di Stefano und Marlise Mumenthaler ging die Vernissage zu dieser Veranstaltungsreihe in Form eines eigenwilligen Konzertes über die ‚Bühne’. Beim Betreten des Maison 44 fielen sofort die scheinbar wahllos über die Räume verteilten Notenständer und Instrumente auf. Nach ein paar einleitenden Worten durch die Leiterin der Maison 44 Ute Stoecklin eröffnete dann das Trio «selbdritt-von hier» mit einer Improvisation im ersten Stock des Hauses diese «Eröffnungs-Cortège». Einfühlsam begleitet von der Vibraphonistin Sylwia Zytynska und dem Violoncellisten Alfred Zimmerlin trug Marianne Schuppe teils gesprochen, teils gesungen Texte vor, die sie auf kreative Weise durch Wiederholungen und Zerstückelungen aufbrach und verfremdete. Zwischen cantablen Passagen und wilden, staccatohaften Wortfetzen bewegte sich Schuppes Gesang, unterlegt mit sphärischen Klangfeldern des Vibraphons oder kommentiert durch eruptive Tonkaskaden des Cellos. Schliesslich mischten sich aus Lautsprecher im Treppenhaus des Gebäudes noch elektronische Klänge in die Musik des Trios.
Kaum hatte das Trio «selbdritt-von hier» seine Improvisation beendet, erklang wie aus weiter Ferne aus dem Parterre des Maison 44 die Stimme des Baß-Baritons Sebastian Mattmüller. Er vermochte mit seiner Mischung aus meditativen, gelegentlich an den Gesang des japanischen No-Theaters erinnernden Vocalisen und intensiven Nonsense-Wortketten besonders zu überzeugen. Abgerundet wurde diese musikalische Darbietung durch mal impressionistisch, mal avantgardistisch wirkende Klaviermusik gespielt von Jean-Jacques Dünki sowie dem Spiel des jungen Hornisten Philip Schmelze, der vor allem durch seine stufenlos gespielten Clissandi überraschte.
Mehrfach ‚wanderte’ nun die Musik von einem Musiker zum anderen, vom Parterre in den ersten Stock und wieder zurück. Eine interessante Erfahrung war dies und man darf auf die weiteren Konzerte dieses Projektes «Konstellationen 08» gespannt sein.
Rolf De Marchi

Weitere geplante Konzerte im Rahmen der „Konstellationen 08“ sind:

So. 2.3.08, 17.00 Uhr
«Strappi»/Risse: Ein Projekt von Alfred Knüsel und Giovanni di Stefano

Fr. 7.3.08, 19.30 Uhr
Alfred Zimmerlin: «Zerstreut in Arbeit mit Wörtern» für Sopran, Klavier und Tonband, 1995/96. Texte: Elisabeth Wandeler-Deck, Leslie Leon, Sopran, Ingrid Karlen., Klavier

So. 16.3.08, 11.00 Uhr
Matinée: Hommage an die darstellenden Künstler von Alfred Knüsel und Alfred Zimmerlin

Sa. 29.3.08, 17.00 Uhr
Finissage: Improvisationen mit Alfred Knüsel (diverse Instrumente) und Alfred Zimmerlin (Violoncello).

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Humor und Melancholie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:15 am

Der Violinist Hansheinz Schneeberger und der Pianist Jean-Jacques Dünki interpretierten Werke von Robert Schumann.

«Humoreske für das Piano-Forte componirt und Frau Julie von Webenau geb. Baroni-Cavalcabo zugeeignet von Robert Schumann, 20stes Werk»; so lautete 1839 in originaler Orthographie des romantischen Komponisten Robert Schumann (1810-1856) der Titel des ersten gespielten Stückes, das vom Pianisten Jean-Jacques Dünki im Rahmen der Musikreihe «Titus beflügelt» in der Titus Kirche auf dem Basler Bruderholz zum Besten gegeben wurde. Der Konzertabend, den Jean-Jacques Düngi gemeinsam mit der Berner Violinkoryphäe Hansheinz Schneeberger absolvierte, stand unter dem Motto «Robert Schumann - Humor und Melancholie».
Und in der Tat bot schon die oben erwähnte Humoreske exemplarisch ein gelungenes Potpourri zart hingetupfter, wehmütiger Cantilenen und jubelnden, kantig gespielter Fortissimi, die von Jean-Jacques Dünki mit leidenschaftlichem Duktus konturiert wiedergegeben wurden. In den anschließend gespielten 6 Impromptus für das Pianoforte zu vier Händen dann eine kleine Überraschung, gehörten doch die dritte und die vierte Hand, die Jean-Jacques Düngi auf dem Flügel begleiteten, der Violinlegende Hansheinz Schneeberger, der sich bei der Interpretation dieser sechs bezaubernden Klavierstücke auch als ausgezeichneter Pianist erwies. Mit jugendlichem Feuer legten sich die beiden schon etwas gesetzten Herren mit sichtbarer Spielfreude ins Zeug, spielten die andächtigen Sätze mit feinsinniger Geschmeidigkeit und die lebhafteren Stücke mit federndem Furor.
Den eigentlichen Höhepunkt des Konzertabends bildete schliesslich der langsame 2. Satz aus Schumanns Violinkonzert d-Moll op. post. von 1853, den die beiden Musiker in Form eines Klavierauszuges interpretierten. Und auch wenn Hansheinz Schneeberger möglischerweise nicht mehr ganz über die technische Brillianz früherer Jahre verfügt, in Punkto Ausdruckskraft und emotionaler Intensität sucht der Altmeister immer noch seines Gleichen. Tiefe musikalische Lebensweisheit gesammelt während eines jahrzehntelangen, erfüllten Künstlerlebens sprach aus dieser schlichten Interpretation ohne falschen Pathos. Dieser lebenskluge Künstler ist nach wie vor ein Ereignis, das man sich keines Falls entgehen lassen sollte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 22, 2008

Kann Frei improvisierte Musik beurteilt werden?

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:57 pm

In einem Symposium in der Basler Imprimerie sollen Kriterien erarbeitet werden, die eine kritische Beurteilung Frei improvisierter Musik ermöglichen soll.

Wenn ein Musikkritiker die Aufführung eines klassischen Werkes wie beispielsweise Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie beurteilen muss, dann kann er Anhand einer Partitur mehr oder weniger objektiv überprüfen, ob die Interpreten die Vorgaben des Komponisten einhalten oder nicht: wird ein Piano wirklich Piano gespielt, wird ein vorgeschriebenes Ritardando ausgeführt oder nicht etc. Dass bei solchen Urteilen allerdings auch gefühlsbedingt, subjektive Kriterien hineinspielen, ist fast unvermeidlich.
Wesentlich schwierige sieht die Situation bei der sogenannten «Frei improvisierten Musik» aus, da diese ohne notierte Partitur mit objektiv beurteilbaren Angaben realisiert wird. Aus dem Moment heraus versucht der Musiker, die auf ihn einfliessende Ideen von Spiel- und Satztechnik, Klang, Rektionsmuster, Form, Ablauf etc. zu einem sinnvollen «Werk» zusammen zu montieren. Streng genommen weiss nur der frei improvisierende Musiker selber, ob seine Interpretation gelungen ist oder nicht. Für Aussenstehende ist bei einer Freien Improvisation kaum erkennbar, ob die Realisation der Ideen auch wirklich gelungen ist, was natürlich gerade für Musikkritiker ein großes Problem ist.
Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, ein Werk ohne Partitur oder Tonaufzeichnung halbwegs objektiv zu beurteilen, wird in den kommenden Monaten in insgesamt vier Veranstaltung in der Imprimerie an der St. Johanns-Vorstadt 19/21, Basel erörtert. Eingeladen zu diesem Projekt unter dem Titel «Kritik der Frei improvisierten Musik - wie kann Qualität beurteilt werden» haben die beiden in der freien Szene besonders aktiven Musiker Hansjürgen Wäldele und Nicolas Rihs. Morgen Sonntag 24. Februar wird um 11:00 Uhr in der Imprimerie das Harald Kimmig Trio mit Harald Kimmig (Violine), Hansjürgen Wäldele, Oboe) und Nicolas Rihs (Fagott) spielen. Deren Musik wird anschließend von den Komponisten Rudolf Kelterborn und Roland Moser beurteilt werden. Des weiteren ist auch ein vom Musikkritiker und Musikjournalist Thomas Meyer moderiertes Gespräch mit dem Publikum geplant.

Die weiteren Veranstaltungen sind:
Sonntag, 16. März 11h00: René Krebs Trio (René Krebs, Trompete/Hansjürgen Wäldele, Oboe/Nicolas Rihs, Fagott) mit Roland Moser/Sebastian Kiefer/Thomas Meyer
Sonntag, 20. April 11h00: Daniel Studer Trio (Daniel Studer, Violine/Hansjürgen Wäldele, Oboe/Nicolas Rihs, Fagott) mit Hansheinz Schneeberger/Rudolf Kelterborn/Thomas Meyer
Sonntag, 18. Mai 11h00: Philippe Micol Trio (Philippe Micol, Klarinette/Saxophon) mit Sebastian Kiefer/Hansheinz Schneeberger/Thomas Meyer

Februar 6, 2008

Von Punk keine Spur

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:03 am

Die Berner Jazzband «Hildegard lernt fliegen» präsentierte eine raffinierte Mixtur unterschiedlichster Musikstilrichtungen.

Wenn der Begriff Punk Jazz in die Runde geworfen wird, denkt man unweigerlich an jene kurzlebige Jazzbewegung, die gegen Ende der 70er-Jahre schräge Melodiebögen und frei improvisierte Instrumentensoli mit schnellen, geradlinig-harten Beats unerlegten, die stark an den damals aktuelle Punk Rock erinnerten. Und wenn nun ein vor zwei Jahren in Bern gegründetes Jazz-Sextett Namens «Hildegard lernt fliegen» in seiner Programmvorschau zu einem Konzert im Basler Bird’s Eye Jazz Club ankündigt, es spiele «Extended Punkjazz», dann geht man unweigerlich mit grosser Neugier in den lokalen Jazztempel. Jedoch was einem da erwartete, hatte mit einfach gestricktem Punk Rock nicht allzuviel zu tun, spielte doch diese Combo eher eine an Frank Zappas oder John Zorns Musik erinnernde, raffiniert gemischte Mixtur unterschiedlichster Musikstilrichtungen, unter denen der Punk allerdings kaum auszumachen war. Balkan Brass inspirierte Grooves, orientalisch angehauchte Klänge, schräge Bläserchoräle, gemächliches English Walz-Kolorit, schiefe Polkarhythmen und lockerer Swing hin bis zu schwarzem Soul und urchigem Blues, aufgepeppt mit eingeschobenen Free-Passagen wurden da zu originellen, manchmal alle paar Takte die Stimmung wechselnde Kompositionen zusammengezimmert.
Dies alles wurde von Matthias Wenger (Saxophon), Patrick Schnyder (Saxophon), Andreas Tschopp (Posaune), Marco Müller (Kontrabass) und Christoph Steiner (Schlagzeug) nicht nur virtuos und mit hinreißender Leidenschaft gespielt, auch der Humor kam bei ihrem Vortrag nicht zu kurz, wurden doch immer wieder kleine, vergnügliche Showeinlagen eingebaut, so dass man gelegentlich glaubte, eine auf höheres Niveau mutierte, zeitgenössische Reinkarnation der Band des legendären Musikspaßmachers der 40er-Jahre, Spike Jones vor sich zu haben.
Den Vogel abgeschossen aber hatte der Sänger der Band, Andreas Schaerer. Er überzeugte vor allem durch die fast unheimliche Vielseitigkeit seiner Stimme; nicht nur dass er die verschiedensten Blasinstrumente verblüffend echt nach machen konnte, auch seine Human-Beatbox-Künste hätten manchen Rapper alt aussehen lassen. Und wenn Schaerer gar mit seinem vor Witz sprühenden Skat-Gesang loslegte, machte sich stets eine erfrischende Heiterkeit im Auditorium des kleinen Clubs breit. «Hildegard lernt fliegen», sehr empfehlenswert da ein wohltuendes Vademekum gegen Winterdepressionen!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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