Rolf De Marchi

März 22, 2008

Tango durchweht von anderen Winden

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:48 pm

Eine gelungene Mischung von klassischem Tango mit modernen rhythmischen, har-monischen und melodischen Elementen sowie Elektronik präsentierte das «Orquesta Otros Aires» aus Buenos Aires.

«Santa Maria del Buen Ayer - Heilige Maria des Guten Windes» lautet der Name einer Schutzheiligen der Seefahrer, bei der sich die Gründer einer Neusiedlung für die günstigen Wetterbedingungen am Río de la Plata bedankten, indem sie ihren Ort Buenos Aires (Gute Winde) tauften. Ende des 19. Jahrhunderts dann mauserte sich die inzwischen zur Kapitale Argentiniens gewordene Stadt zum Geburtsort des Tangos. Und wenn sich nun einen Band «Orquesta Otros Aires» (Andere Winde) nennt, ist es wohl nicht schwer zu erraten, woher diese Band kommt. Richtig, aus Buenos Aires.
Eben diese vierköpfige Band spielte am zweiten Tag des OsterTango 2008, dem in-zwischen zur festen Basler Institution gewordenen alljährlichen Tangofestival um die Osterzeit. Jedoch im Unterschied zu den Konzerten der vergangenen Jahre im Grossen Saal des Volkshaus Basel konnte diesmal bei diesem Event getanzt werde. Und auch wenn Otros Aires eine recht moderne Form des Tangos darbot, artete die Musik nie in abstrakte Konzertmusik aus, zu der kaum noch getanzt werden kann, wie dass beim Tango Nuevo oft der Fall ist.
Im Gegenteil, nachdem vor dem Konzert noch viele der adrett gekleideten Damen in der Vorhalle und im Konzertsaal selber damit beschäftigt waren, ihre Turnschuhe oder schwerfälligen Stiefel auszuziehen und ihre zierlichen Füssen in mit hohen Stiftabsätzen bewehrte Riemchenpumps zu stecken, dauerte es nur wenige Minuten und das erste Paar wagte sich unter beifälligem Murmeln des Publikums auf die Tanzfläche. Und schon bald herrschte auf dem Parkett ein bezauberndes, schön anzusehendes Drehen und Schieben, bei dem jedes Paar zu einer vereinten Zweiheit mit einem ganz persönlichen Stil verschmolz, wobei viele der Damen sich der Führung ihres Tanzpartners anvertrauend mit geschlossenen Augen sich vollkommen in die Anatomie der Bewegung fallen ließen. Wären viele Paare eher dem Tango de Salón verpflichtet langsam-gemessen mit Bedacht auf Eleganz tanzten, wirbelten ein paar wenige eher im Stile des Tango Oriellero, dem wilden, explosiven Tanzstil aus den ärmlichen Vororten von Buenos Aires durch den Raum.
Mit fast kammermusikalisch zartem und unaufdringlichem Sound begleitete Otros Aires die wiegenden Paare. Zurückhalten der Gesang von Miguel di Genova, kompetent die harmonische und melodische Untermalung durch Pianist Diego Ramos, anregend die mit sparsam eingesetzten mit Synthesizer-Klängen unterlegten Rhythmen der Perkussionisten Manu Mayol und natürlich fehlte auch das klassischste Tangoinstrument überhaupt, das Bandoneón nicht, das von Omar Massa versiert gespielt wurde. Und wenn auch die Band öfters das Halbe-zwei-Viertel-Rhythmusschema des klassischen Tangos verließ und recht eigenwillige Rhythmen spielte, die gelegentlich ein Teil der Paare etwas zu irritieren schien, drückten die Tänzer trotzdem dem «Orquesta Otros Aires» ihre große Dankbarkeit für ein gelungenes Konzert aus, indem sie die Band am Schluß dreimal mit großem Applaus zu Zugaben zurück auf die Bühne holten.

Erschienen in der Basellandschaflichen Zeitung

März 19, 2008

Talentschmiede Musik-Akademie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:42 am

In diversen Förderklassen unterstützt die Musik-Akademie gezielt junge Talente für ein späteres Studium an einer Musikhochschule.

Zu den wohl wichtigsten Aufgaben, die die Musik-Akademie Basel zu erfüllen hat, gehört die Suche und die Förderung junger Talente unter den vielen Eleven, die die diversen Klassen der drei Abteilungen der Akademie besuchen. Talentierten Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren der Institute Allgemeine Musikschule Basel (AMB) und der Schola Cantorum Basiliensis (SCB) wird in Aufbauklassen (AK) nachhaltige musikalische Förderung geboten, die ihnen den Übertritt in die Klasse für Studienvorbereitung (KSV) ermöglichen soll. In den KSVs wiederum werden geeignete Jugendliche gezielt auf ein Studium an einer Musikhochschule vorbereitet.
In einem Konzert unter dem Titel «Lieder mit und ohne Worte» im Großen Saal der Musik-Akademie präsentierten siebzehn Schülerinnen und Schüler der Förderklassen, was sie bisher gelernt haben. Dabei erwies sich, dass vor allem bei den Gesangstalenten die Unterschiede recht groß sind, wobei berücksichtigt werden muss, dass sich das Talent junge Sänger später voll entwickeln kann als bei Instrumentalisten.
Noch mit zarten, noch etwas unsicher wirkenden Stimmen interpretierten beispielsweise die beiden Soprane Lia Andres und Tamara Landolf aus der Gesangsklasse Evelyn Tubb kompetent auf der Theorbe beleitet von Sam Chapmann Henry Purcells «Two daughters of his age stream». Besonders heraus gestochen aber hatte der Sopran Rebecca Lienhard, der intensiv und treffsicher das Stück «Namarie» des 20jährigen Begleiters am Piano, Demetre Gamsachurdia interpretierte, ein ansprechendes Werk, das irgendwo zwischen Debussy, Bartók und Georgien pendelte. Unter den Vokalisten am meisten aber überzeugte der Sopran Iris Bösiger, der von einem kompetenten jungen Ensemble begleitet mit warmer, den Raum füllender Stimme drei der «Schottischen und irischen Liedern» von Ludwig van Beethoven sang.
Bei den Instrumentalisten überzeugte vor allem am Violoncello Matthieu Gutbub, der besondrs in den tiefen Lagen sein Instrument mit großem Schmelz spielte, in den hohen Lagen allerdings mit der Intonation zu kämpfen hatten und diesbezüglich noch viel wird arbeiten müssen. Aber auch der sympathisch in Turnschuhen auftretende Flötist Samuel Rueff beeindruckte durch seinen kräftigen warmen Ton auf seinem Instrument. Die eigentliche Sensation aber war der vermutlich jüngste Teilnehmer des Konzerts, der Pianist Mathis Bereuter, der zwar mit ein paar kleinen technischen Fehlern, aber mit einem erstaunlich reifen Gefühl für fesselnde Interpretation zwei der «Lieder ohne Worte» von Felix Mendelssohn-Bartholdy zum Besten gab.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 18, 2008

Tango zum abtanzen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:31 pm

Auch das diesjährige Festival «OsterTango 2008» bietet ein buntes Programm rund um den Tango.

«Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.» Es gibt wohl keine andere Aussage über den Tango, die mit so wenigen Worten den Kern dieses Tanzes zum Ausdruck bringt wie der von Enrique Santos Discépolo (1901-1951), einer der bedeutendsten Komponisten des Tangos. Und dass dieser «traurige Gedanke» sich in den letzten hundert Jahren zur wohl beliebtesten Tanzform entwickelt hat - wenn man mal vom Walzer absieht - kann nicht wirklich überraschen, gibt es doch keine anderer Tanzgattung, die es auf diese Weise versteht, Grazie und Würde mit sinnlicher Erotik zu verbinden wie der Tango.
Kein Wunder also, dass es schon seit Jahren auch in Basel eine wachsende Gemeinde von «aficionados» gibt, die im Umfeld der Tangoschule Basel das ganze Jahr über Kurse und Tanzveranstaltungen durchführt, die jedes Jahr zu Ostern in einem Tangofestival gipfeln. Auch in diesem Jahr wartet das 9. internationale Festival «OsterTango 2008» wie schon die letzen Jahre mit einem bunten Programm auf.
Eröffnet wird das Festival am Donnerstag 20. März 2008 um 20:00 Uhr im Musikmu-seum Basel mit der Performance «Suenos de Tango». In einem Rundgang durch die Ausstellung «Bandoneon - Ein Instrument tanzt Tango» des Musikmuseums Basel erwartet die Besucher 17 in Szene gesetzte Traumbilder rund um den Tango. Dass der Abend anschließend mir einer «Eröffnungsmilonga» im Volkshaus Basel abgeschlossen wird, wo die Tangofans in einer langen Tangonacht kräftig abtanzen können, liegt auf der Hand.
Vom Freitag 21. März bis Montag 24. März kann dann jeweils um 13:00 Uhr im Kino Camera am Basler Claraplatz der Film «Tango Bar» (1988) reingezogen werden und anschliessend im Tango Treffpunkt im Volkshaus gegessen, geplaudert und natürlich Tango getanzt werden.
Am Freitagabend dann ein Konzert zum Mittanzen mit dem Orchester «Otros Aires», das auf spezielle Weise klassischen Tango mit elektronischen Beats verbindet, ein Event also, der vor allem die jüngeren aficionados ansprechen dürfte. Und was auf dieses Konzert folgt, bedarf eigentlich keiner Erwähnung mehr: eine lange, lange Tangonacht zum abtanzen.
Am Samstagabend 22. März werden im Theater Basel in der Tangoshow «Rumbos de Tango II» drei Tanzpaare aus Buenos Aires ihre selbst choreografierten Interpretationen des modernen Tangos präsentieren. Des weiteren wird das Orchester «Sexteto Marcelo Mercante» mit der Sängerin Lidia Borda aus Buenos Aires dem Abend seinen Stempel aufdrücken. Anschließen dann im Volkshaus… (siehe oben!).
Ein grosser Tangoball mit dem «Sexteto Marcelo Mercante» und Lidia Borda wird es am Sonntagabend geben. Höhepunkt des Abends wird eine Tangoshow mit Paolo Villarraza und Dana Frigoli sein, ein Tanzpaar, das zum Besten der argentinischen Tanzszene gerechnet wird.
Das Finale des OsterTango-Festival 2008 findet schliesslich am Montagabend statt, wo im Unternehmen Mitte in der Gerbergasse 30 ein Tangoabschlußfest stattfinden wird. Detailierte Informationen siehe www.tangobasel.ch

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 17, 2008

Emotion vs. Intellekt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:09 pm

In der Konzertreihe «Kritik» wird nach Konzepten zur Bewertung von frei improvisierter Musik gesucht.

«Kritik - Aspekte der Freien Improvisation 2008» lautet der Arbeitstitel einer vierteileigen Konzertreihe in der Imprimerie Basel, die sich mit der Frage beschäftigt, ob es Objektivität bei der Beurteilung von Musik gibt. Diese Frage stellt sich ganz besonders bei der frei improvisierten Musik, wo keine Partitur mit objektiv nachvollziehbaren Angaben vorliegt und die Musiker auf sie einfliessende Ideen von Spieltechnik, Klang, Reaktionsmuster, Form, Ablauf etc. zu einem sinnvollen Ganzen zusammen zu bringen versuchen. Streng genommen können nur die Musiker selber beurteilen, ob dies gelungen ist oder nicht. Beim zweiten Konzert dieser Reihe war es das René Krebs Trio, das die Aufgabe übernahm, dem Publikum und zwei «Kritikern» eine halbstündige freie Improvisation vorzuspielen.
Mit ein paar intensiven Tönen auf einem kleinen Muschelhorn eröffnete René Krebs die Improvisation, Töne, die wenig später in weit gespannte, stufenlose Schleifer nach oben und unten übergingen. Darauf stieg Nicolas Rihs ein, der den dünnen Hals seines Fagotts ohne Mundstück blies. Wie ein ruhender Pol zwischen den beiden experimentell spielenden Mitmusikern stieg schließlich der Oboist Hansjürgen Wäldele in die Improvisation mit ein. Während René Krebs wiederholt sein Instrument wechselte, mal griff er zu einem speziell präparierten Flügelhorn, mal zur Trompete und schliesslich noch zu einem riesigen, schön anzuschauenden Muschelhorn, um ihnen die eigenartigsten Töne und Klänge zu entlocken und auch Nicolas Rihs seinem Fagott ein Kesselmundstück aufsetzte und in avantgardistischen Klangkaskaden schwelgte, beschränkte sich Hansjürgen Wäldele eher auf spartanisch knapp gespielte Töne und Tonfiguren. Immer wieder war im Verlaufe dieser Performance die wohl wichtigste Regel bei freier Improvisation hörbar: wenn zwei das gleicht tun, setzt der dritte einen deutlichen Kontrapunkt; wenn beispielsweise zwei der Musiker ruhige Liegetöne spielen, legt der dritte abgehackte, schnelle Staccato-Ketten oder nervöse Trillerfiguren darüber.
Nach dem kurzen Konzert dann kommentierten unter der Leitung von Thomas Meyer zwei «Kritiker» das Gehörte. Der Essayist und Kritiker Sebastian Kiefer aus Berlin erklärte, dass ein intellektuelle Herangehensweise an frei improvisiert Musik für ihn eher hinderlich sei und ein emotionaler Zugang besser Resultate bei der Beurteilung dieser Musik bringen würde. Der Komponist Roland Moser wiederum erklärte vor allem die Neugier zur Leitidee bei der Bewertung dieser Musik: warum hat dieser Musiker jetzt gerade diese Phrase gespielt, warum jener nur einen Ton; und wie hat beispielsweise René Krebs sein Flügelhorn präpariert, an dessen Mundstück ein eigenartiges Plastiksäckchen hing. Die drei Musiker wiederum erklärten, dass sie sich beim Spielen in erster Linie von intuitiv-emotionalen Kriterien leiten ließen, wobei aber natürlich auch verstandesmäßig gefällte Entscheidungen über Spieltechnik und Form für eine gelungene Improvisation eine wichtige Rolle spielten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Musik voll kompositorischer Raffinesse

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:26 am

Der Bach-Chor Basel brachte geistliche Werke des tschechischen Komponisten Jan Dismas Zelenka zu Aufführung.

Der Schweizer Oboist Heinz Holliger war wohl einer der ersten, der den Namen des tschechischen Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679-1745) in Westeuropa bekannt machte, in dem er in den 70er Jahren Schallplattenaufnahmen mit dessen sechs Triosonaten und seinen Orchesterwerken machte. Allerdings tauchen die Werke von Zelenka, der übrigens vom Zeitgenossen Johann Sebastian Bach verehrt wurde, immer noch zu selten in unseren Konzertsälen auf, so dass es dem Bach-Chor Basel zu danken ist, dass er für sein Konzert unter der Leitung von Joachim Krause und begleitet vom Barockorchester Capriccio Basel in der Martinskirche Basel zwei Werke dieses Komponisten auf seine Programm gesetzt hat.
Mit einem beeindruckenden, dramatischen Ostinato in den Bässen hob es an, das als erstes programmierte De Profundis in d-Moll (Psalm 130) von Jan Dismas Zelenka und schon nach wenigen Takten war klar, weshalb Bach diesen Meister der Tonkunst bewundere, hat doch Zelenka die einzelnen Chorstimmen dieses Werkes nach allen Regeln der Kunst ineinander verzahnt.
Wenn auch die Transparenz der raffinierten Stimmbewegungen dieser Komposition gelegentlich in der Menge des großen Chores etwas unterging - in der heutigen, historisch orientierten Musikpraxis ist es eher unüblich geworden, Werke des Barocks mit großem Chor aufzuführen, wie das seit dem 19. Jahrhundert noch bis vor kurzem praktiziert wurde -, gelang es dem Bach-Chor dennoch erstaunlich gut, das Werk mit Leben zu erfüllen.
Etwas weniger geglückt allerdings wirkte die Begleitung durch das Barockorchester Capriccio, das man schon wesentlich besser hatte spielen hören. Auch im anschließend interpretierten, umfangreicheren Requiem in d-Moll waren Intonationsprobleme bei den tiefen Streichern zu hören und die Einsätze waren auch nicht immer sehr präzise. Jedoch vermochte dies den positiven Gesamteindruck nicht sonderlich zu mindern, was übrigens teilweise auch auf die vier Gesangssolisten zurück zu führen war. Am meisten zu überzeugen vermochte unter diesen der Countertenor, der mit seinem silbrig-hellen Organ die Stimmlage des Altus sang. Interpretierte der Tenor Simon Witzig seine Partie mit klarer Stimme ohne falsch verstandene Dramatik, wirkte der Gesang des Soprans Rebecca Ockenden etwas dünn und das übertriebne Vibrato machte es auch nicht besser. Den Vogel abgeschossen aber hatte der Baß Michael Leibundgut, der mit seiner übersteigerten Theatralik in der Stimme einer verstaubten Wagner-Aufnahme der 50er Jahre hätte entsprungen sein könnte.
Es steht zu hoffen, dass sich durch dieses letztlich gelungene Konzert des Bach-Chores Basel auch andere Interpreten der Region sich dazu animiert fühlen, Kompositionen von Jan Dismas Zelenka in hiesigen Konzertsälen zu Aufführung zu bringen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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