Rolf De Marchi

April 30, 2008

Von Höhepunkt zu Höhepunkt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:02 pm

Jazzfestival Basel 2008/ Der Kameruner E-Bassist Richard Bona und der amerikanische Gitarrencrack Mike Stern elektrisierten im Stadtcasino Basel.

Am Jazzfestival Basel vor einem Jahr vermochte der sichtbar unter Kopfschmerzen leidende Bassist Richard Bona das Konzert nur dank Medikamenten durchstehen. Das Versprechen, das Bona damals abgab, er werde bei nächster Gelegenheit das seiner Meinung nach missglückte Konzert nachholen, konnte er jetzt am Jazzfestival Basel 2008 im Festsaal des Stadtcasinos Basel einlösen. Und in der Tat wirkte der begnadete, 41jährige Bassist im Unterschied zu damals wie ausgetauscht.
In eine Familie von Musikern hineingeboren, wanderte Bona von seiner Heimat Kamerun nach Paris aus, wo sein Talent schnell entdeckt wurde. Bald wurde er auch in den USA zum gesuchten Bassisten, wo er mit nahezu jedem zusammen gespielt hat, der in der amerikanischen Jazzszene Rang und Namen hat.
Warum das so ist, bewies Richard Bona gemeinsam mit seinem Sextett bei seinem Konzert im Stadtcasino Basel, wo er seine wahnsinnige Technik auf dem Bass erneut unter Beweis stellte. Die grosse, 1987 verstorbenen Bass-Legende Jaco Pastorius, die in den 70ern des letzten Jahrhunderts das Spielen auf dem E-Bass revolutionierte, soll ihn einst zum Erlernen des Basses inspiriert haben, sagt Bona und tatsächlich glaubte man besonders bei Bonas unglaublich virtuosen Basssolos, die Anwesenheit von Jacos Geist zu verspüren.
Bona ist aber nicht nur ein begnadeter Bassist, auch seine Gesangskünste sind einzigartig. Jedes Mal, wenn er im Idiom seiner Heimat Kamerun mit seiner warmen Stimme im leisesten Pianissimo zu singen begann, lag sie in der Luft, die von der Kritik so viel beschworene ‚Magie’. Und wenn Richard Bona mit seinem mit phänomenal guten Musikern bestückten Sextett dann so richtig loslegte, gab’s kein Halten mehr, dermassen ging diese Mischung aus Funk, Latin und African Beats in die Beine. In diesen Momenten wünschte man sich die Bestuhlung im Festsaal zum Teufel!

Kaum weniger beeindruckend dann das anschliessende Konzert des Gitarrenheroen Mike Stern, der nach seinen Anfängen bei der legendären Jazzrockformation Bood, Sweat & Tears vor allem dank seiner Teilnahme am Live-Album «We Want Miles» (1982) an der Seite des exzentrischen Jazztrompeters Miles Davis mit seinen dynamischen Gitarrensoli Berühmtheit erlangte.
Nicht von ungefähr also, dass es in Sterns Konzert immer wieder Momente gab, wo man sich in diese grosse Zeit der Jazzfusion zurückversetzt glaubte. Hatte er zu Beginn noch eher im Jazzidiom mit einem kristall-klaren aber dennoch warmen Gitarrenton gestartet, wechselte der Gitarrist später immer häufiger zu einem rauheren, rockigeren Sound. Gemeinsam mit dem kreativ solierenden Tenorsaxophonisten Bob Franceschini und begleitet von einer mit enormem Druck spielenden Rhythmusgruppe mit Dave Weckl an den Drums und Anthony Jackson am Bass trieb Stern mit seinen immer rockiger klingenden Gitarrensoli den elektrisierenden Jazzfunk des Quartetts von Höhepunkt zu Höhepunkt. Dass übrigens Richard Bona bei Sterns Konzert noch einen kurzen Gastauftritt als Sänger hatte, konnte nicht überraschen, hatte doch Bona vor ein paar Jahren auch für Mike Stern mal den Bass gezupft.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 27, 2008

Lautenmusik voller Eleganz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:03 am

Der Lautenspieler Robert Barto interpretierte deutsche Lautenmusik des Barocks.

In Fachkreise gilt für viele Sylvius Leopold Weiss (1687-1750) als der Beste Lautenkomponist im deutschsprachigen Raum. Dass es neben Weiss aber auch noch anderer deutsche Komponisten gab, die ausgezeichnet für die Laute zu schreiben verstanden, bewies der Amerikaner Robert Barto, der unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis das Spiel der Laute erlernt hat. Zwar hat sich Barto unter den Liebhabern von Lautenmusik vor allem durch seine bislang acht CDs umfassenden Einspielungen aller Lautenwerke von Sylvius Leopold Weiss einen Namen gemacht, bei seinem Konzert im schönen weissen Saal des Zinzendorfhauses Basel aber spielte er auch Werke des deutschen Komponisten Esaias Reusner (1639-1679), dessen Kompositionen in puncto Eleganz und Modernität zwar nicht ganz an die Musik des jüngeren Weiss heranreichen, was allerdings den emotionalen Ausdruck betrifft ohne Problem mitzuhalten vermögen.
Bestens beobachten liess sich dies bei der 2. Suite g-Moll von Reusner, deren feinschichtige Strukturen Robert Barto mit seinem filigran ziselierten Spiel gefühlvoll herausarbeitete. Trotz interpretatorisch bedingter Agogik war der tänzerische Grundcharakter dieser mit Allemande, Courande, Sarabande etc. überschriebenen Sätze stets gut spürbar. Hatte die abschliessend gespielte Gigue von Esaias Reusners Suite einen eher heiteren Charakter, mutete die darauffolgende Ouvertüre aus der Sonata 52 c-Moll von Sylvius Leopold Weiss (1687-1750) mit seiner harmonisch raffinierten Architektur eher ernst und majestätisch an. Nach der darauffolgenden Courante und der Siciliana wirkte der letzte Satz, ein schnelles Presto, technisch sehr anspruchsvoll, was sich in Form von zwei, drei kleinen Unpässlichkeiten in Robert Bartos Spiel bemerkbar machte. Hatte dies auf die Freude beim Zuhören kaum einen Einfluss, schien der Interpret selber gar nicht zufrieden zu sein, wie ein kaum wahrnehmbares, unwilliges Kopfschütteln Bartos nach Ausklingen des Schlusstones vermuten lässt.
Nach der Pause jedoch schien sich der Lautenist wieder gefangen zu haben, wie seine weiteren, ansprechenden Interpretationen weiterer Werke von Esaias Reusner und Sylvius Leopold Weiss bewiesen. Zwei Mal wurde der Lautenmeister Robert Barto zu Zugaben herausgeklatscht und vermutlich hätte das begeisterte Publikum nicht locker gelassen, wenn der Musiker nicht ein paar abrundende Dankesworte an es gerichtet hätte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 24, 2008

Kreativer Zusammenstoss zweier Welten

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:37 am

Jazzfestival Basel 2008/ Lucas Niggli Zoom meets Arte Quartett bewies einmal mehr, wie lebendig und innovativ die Schweizer Jazzszene ist.

Drei Abende des Jazzfestivals Basel 2008 fanden im Bahnhof für Neue Musik, der Gare du Nord statt und segelten unter dem stilistischen Bezeichnung «Avantgarde», wobei streng genommen erst das letzte dieser drei Konzerte diese Kategorisierung wirklich verdiente: Lucas Niggli Zoom meets Arte Quartett. «Crash Cruise» lautete das Motto dieses Konzertabends und in der Tat stiessen da mit Wucht zwei musikalische Welten aufeinander und amalgamierten zu etwas faszinierend Neuem: die Neue Musik repräsentiert durch das Arte Quartett mit den vier Saxophonisten Beat Hofstetter, Sascha Armbuster, Andrea Formenti und Beat Kappeler und der Jazz vertreten durch Drummer Lucas Nigglis Trio Zoom mit Nils Wogram an der Trombone und Philipp Schaufelberger an der Gitarre.
Verblüffenden dabei, wie das klassische ausgebildete Arte Quartett, das sich eigentlich auf das Spielen von Neuer Musik spezialisiert hat, trotz ‚schönem’ klassischem Ton ohne Jazzphrasierung immer wieder Momente von unglaublicher Intensität schuf und oft einen Drive hinkriegte, den selbst gestandenen Jazzmusikern nicht besser hin gekriegt hätten. Mit phänomenaler Präzision wurden da die wildesten polyrhythmischen Irrwitzigkeiten aus Lucas Nigglis Feder wiedergegeben und wenn die Vier gelegentlich in ihr Spezialgebiet, das avantgardistische Fach wechselten, gab’s kein Halten mehr.
Spielte Mal das Arte Quartett alleine, mal das Trio Zoom für sich, wurde doch meist zusammen gespielt, wobei oft nicht klar war, wo komponierte Teile in freies Spiel und umgekehrt übergingen, was aber bei der durchgängig hohen Qualität dieser Musik letztlich keine Rolle spielte. Für den improvisatorischen Teil des Projekts Zoom meets Arte Quartett war einerseits der deutsche Posaunist Nils Wogram zuständig, der sowohl durch seine technische Brillanz als auch durch seine farbenreiche Obertonvoicings zu überzeugen vermochte; andererseits Philipp Schaufelberger mit seinem sehr persönlichen Gitarrestil, bei dem er meist in hohen Lagen spielend eine ausdrucksstarke, fast wehmütig wirkende Musiksprache einwickelt hat.
Bleib schliesslich noch das pulsende Herz des Projektes, der Drummer Lucas Niggli, auf dessen Begabung als Komponist bereits hingewiesen wurde. Er leitete die musikalischen Abläufe und begleitete seine Mitmusiker einfühlsam-zart mit den Händen bei den ruhigen Abschnitten, mit unglaublicher Wucht andererseits bei den Fortissimostellen. All jene, die behaupten, im Jazz gebe es nichts Neues mehr und man bekomme immer nur die gleiche aufgewärmte Sauce zu hören, die besuchen ein Konzert von Lucas Niggli Zoom meets Arte Quartett und sie werden mit Sicherheit ein musikalisches Damaskus-Erlebnis der Extraklasse haben.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 23, 2008

Weiche Balladen und elektrisierender Funk

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:33 pm

Sowohl lyrische als auch funkig-groovige Momente mit packender Intensität bot das «W. Muthspiel 4tet with J.P. Brodbeck» am Jazzfestival Basel 2008.

«Es ist zwar nett gemeint, aber zur Avantgarde gehören wir nicht!» meinte der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel anlässlich seines Konzerts im Basler Gare du Nord mit seinem Quartett mit dem Basler Pianisten Jean-Paul Brodbeck und den österreichischen Zwillingen Andreas und Matthias Pichler an den Drums und am Kontrabass. Vollmundig der Avantgarde des Jazz gewidmet waren sie angekündigt worden, die drei Konzertabende im Rahmen des Jazzfestivals Basel 2008, die im Bahnhof für Neue Musik, der Gare du Nord durchgeführt wurden.
Als dann allerdings das «W. Muthspiel 4tet with J.P. Brodbeck» mit dem ersten Stück loslegte, bestätigte sich Muthspiels Aussage und man bekam zwar hervorragend gespielten, aber dennoch ganz konventionellen, dem modernen Mainstream gewidmeten Jazz zu hören. Von Avantgarde keine Spur also und man begann sich bereits etwas enttäuscht zurückzulehnen und sich auf ein zwar schönes aber etwas braves Konzert einzustellen, als die Band das zweite Stück «Jackson’s Pocket» anspielte und man plötzlich wieder aufrecht auf seinem Stuhl sass, so elektrisierend war das, was die Band da spielte. Einen veritablen, in die Beine gehenden Funkgroove legten die beiden Pichler-Brüder da und mit Faszination lauschte man den kreativ ausgeführten Gitarrelicks von Wolfgang Muthspiel. Am meisten aber überraschte Pianist Jean-Paul Bordbeck, der sich in letzter Zeit mehr dem lyrischen Fach mit hübschen Klangfarbenbildchen gewidmet hatte: er bewies in diesem Stück wieder mal, dass auch er eine kraftvoll-zupackende Seite hat und als er sich gar seinem Synthesizer mit seinen wunderbar-ekligen Sounds zuwandte, gab es kein Halten mehr. Toll, was die Jungs da boten. In einer anschliessend gespielten, kitschfreien Ballade wiederum konnte Bordbeck seine lyrischen Stärken ausspielen und auch Muthspiel trat den Beweis an, dass er ein ausdrucksstarker Melodiker sein kann.
Auch wenn Muthspiels Quartett im Verlaufe des weitern Konzertes keinen Funkgroove mehr bot, gab es immer wieder intensive Momente, an denen nicht zuletzt die beiden Brüder Andreas und Matthias Pichler in der Rhythmusgruppe massgeblich beteiligt waren. Sauber und solide legten sie den musikalischen Teppich für Muthspiel und Brodbeck und bewiesen in gelegentlichen kurzen Solos, dass auch sie über eine hervorragende Spieltechnik verfügen. Im abschliessenden, dem romantischen Jazzpianisten Brad Mehldau gewidmeten Titel «Mehldau» dann holte «W. Muthspiel 4tet with J.P. Brodbeck» nochmals alles an packender Intensität heraus, was vom begeisterten Publikum mit Jubel und intensivem Applaus belohnt wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 22, 2008

Komplexität voller Witz und Humor

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:10 am

Gare du Nord / Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett unterhielt mit seiner eigenwilligen Mischung von anspruchsvollem Powersound mit überdrehten Rittergeschichten aus der Arthus Saga.

Der österreichische Komponist Gustav Mahler (1860-1911) liebte es, einprägsam-kurze, wie aus weiter Ferne klingende Trompeten und Hornsignale in seinen Sinfonien einzubauen. Dass nun das «Exorbitante Kabinett» den ersten Teil seines Konzerts im Rahmen des Jazzfestivals Basel in der Gare du Nord mit einem Quintett von Natur- und Jagdhörnern eröffneten, das über den Raum verteilt mit seien kurzen Motiven stark an Mahler erinnerte, war kein Zufall. Der 38jährige in Liestal geborene Leiter der 14-köpfigen Big Band, Kaspar Ewald, der auch für sämtliche Kompositionen der Formation verantwortlich ist, ist bekennender Gustav Mahler-Fan. Noch deutlicher wurde dies übrigens im zweiten Teil des Konzerts, wo Kaspar Ewald für sein Exorbitantes Kabinett gleich ein ganzes Lied aus Mahlers Wunderhornliedern, das im Original für Singstimme und Orchester geschrieben ist, für sein Exorbitantes Kabinett umgeschrieben hat.
Knackig-treibender Funk - Ewald steht auch auf die Musik von James Brown - bildet die Grundlage der Musik der Band, immer wieder überlagert allerdings mit stilistischen Elementen aus Rock (Frank Zappa), Jazz (Anthony Braxton), moderner Klassik (Igor Stravinsky) und Neuer Musik, was teilweise darauf zurückzuführen ist, dass Kaspar Ewald an der Basler Hochschule für Musik Komposition studiert hat und an der Jazzschule beim Pianisten Hans Feigenwinter in die Lehre ging.
Ewalds Musik zeichnet sich durch geradezu unheimliche Komplexität aus, die übrigens von der hervorragend besetzten Band nahezu makellos umgesetzt wurde. Druckvolle, harmonisch raffiniert notierte Bläserriffs seitens der fünfköpfigen Brass Section wurden ergänzt durch polyrhythmische und multimetrische Spielereien seitens der ebenfalls fünfköpfigen Saxophon Section. Ergänzt wurde das Ganze durch die Sängerin und Klarinettistin Regula Schneider sowie einer groovenden, ständig mit Taktwechseln und ungewöhnlichen Metren beschäftigten Rhythm Section bestehend aus Schlagzeug, E-Bass und Klavier.
Eine weitere Spezialität von Kaspar Ewald, der übrigens recht ungewöhnlich seine Band von einem Stuhl in der ersten Reihe der Zuhörer aus leitete, ist sein skurriler Humor, der sich nicht nur musikalisch äussert. Der Band Leader liebt es, seiner Musik programmatische Themen zu unterlegen. Waren es früher Themen wie Räuber oder Reptilien, sind es in seinem aktuellen Programm Ritter und ihre Geschichten, die dem Komponisten als Inspirationen für seine suitenartigen Werke dienten. Immer wieder trat der auf sympathische Weise exaltiert wirkende Ewald ans Mikrofon, um ausführlich zu berichten, welche Rittergeschichte gerade zu welchem Stück als Grundlage gedient hatte. Dies störte den Fluss der Musik zwar etwas, sorgte andererseits aber auch dank seinen skurrilen und humorvollen Ausschmückungen - das Publikum bog sich öfters vor Lachen - für ein gewisse Entspannung von der höchste Konzentration fordernden Musik.

Last but not least seien noch die beiden Nachwuchsformationen der Jazzschule Basel erwähnt, die als Vor- und Nachband tapfer versuchten, dem anspruchsvollen Powersound von Kaspar Ewalds Exorbitante Kabinett Paroli zu bieten. Sowohl das Mark Burkhalter Quintett aus auch das Trio Playmate mit seinem an die schwedische Band E.S.T. erinnernden Sound vermochten ordentlich zu überzeugen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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