Rolf De Marchi

Juli 13, 2008

Ein Fest der Sinne

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:37 am

Stimmen-Festival / Trotz Absage entwickelte sich der erste Abend des Minifestivals «Viva Italia - Taranta Festa» zu einem rauschenden Volksfest.

Noch eine Stunde vor dem Konzert im antiken Theater Augusta Raurica in Kaiseraugst goss es dermassen aus Kübeln, dass man ernstliche Bedenken bekam, ob der Event im Rahmen des Stimmen-Festivals mit den wichtigen Vertretern der süditalienischen Taranta-Tradition Rione Junno, Cantori Di Carpino und Antonio Infantino überhaupt stattfinden kann. Und tatsächlich zeigte sich beim Eintreffen am Ort des Geschehens, dass das Konzert in Folge eines gewaltigen Orkans abgesagt worden war: 10 Zelte weggefegt, mehrere Marktstände zerstört, das Dach der grossen Bühne im Römertheater zerrissen, die Musikanlage wegen eindringendem Wasser funktionsuntüchtig; der Sturm hatte ganze Arbeit geleistet.
Breits wollte man enttäuscht den Rückzug antreten, als einem mitgeteilt wurde, dass einige der anwesenden Musiker im Festzelt oberhalb des Theaters spontan ein improvisiertes Konzert geben würden. Mit einer Mischung von Skepsis und Hoffnung also zum Zelt, in dem auf einem kleinen Platz zwischen einer Vielzahl von Tischen mit speisenden Menschen bereits ein Ensemble Zugange war, das mit fröhlichem Gesang, Tamburin, Gitarren sowie einer spritzig gespielten Metallklarinette eine Tanzgruppe begleitete, die einen wilden Tarantella auf den schwankenden Holzboden des Festzeltes legte. «I Solisti di Montemarano» mit ihren Tänzerinnen spielten einen unverwechselbaren Tarantella wie er seit Jahrtausende von den Hirten in den Bergen von Irpinia praktiziert wird.
Dann ging es Schlag auf Schlag weiter und immer mehr entwickelte sich dieses aus der Not spontan organisierte Ersatzkonzert zu einem rauschenden Volksfest, wo sich der kleine Platz zwischen den Tischen im ovalen, mit schön geformten Holzträgern erstellte Festzelt in einen kleinen süditalienischen Dorfplatz verwandelte, der den authentischen und intimen Charakter dieser Darbietungen sehr entgegen kam (was auf der grossen Bühne im Römertheater so vermutlich nicht möglich gewesen wäre).
Mehrere der Tanz- und Musikgruppen, die zu dem kleinen dreitägigen Festival «Viva Italia - Taranta Festa» innerhalb des Stimmen-Festivals im antiken Theater Kaiseraugst eingeladen worden waren, boten ihre regionalen Varianten des Tarantellas dar. Nach den Frauen aus Tamorra in der Region Neapel, die in ihren weitwallenden, naturfarbenen Leinegewändern die tanzenden Satyrn und Menaden auf den Hauswänden des antiken Pompejis wieder aufleben liessen, spielten die beiden Gruppen «Lingatere» und «Rione Junno» auf. Bei diesen beiden Ensembles fielen vor allem die jungen Musiker auf, die ähnlich wie in Argentinien beim Tango, in Spanien beim Flamenco oder bei der Musette in Frankreich dem globalisierten, anglo-sächsischen Musikeinheitsbrei etwas entgegensetzten wollen und sich wieder intensiv mit der Tradition der Tarante auseinandersetzten. Mit ihren modernisierten Varianten dieser mitreissenden Musik heizten die jungen Musiker den immer mehr werdenden Tänzerinnen und Tänzern dermassen ein, das man sich um die Stabilität des Festzeltes ernsthaft zu sorgen begann.
Denn krönenden Abschluss dieses rauschenden Fest der Sinne bildete Altmeister Antonino Piccininno, der strotz seines hohen Alters mit seinem kraftvollen Gesang das traditionelle Erbe der Tarante verkörpert und von den vielen anwesenden jungen italienischen Tänzern und Musikern fast schon wie ein Halbgott gefeiert wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 4, 2008

«Eine Stimme wie Samt und Seide»

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:43 am

Die Pop-Jazzsängerin Lizz Wright interpretierte ein stilistisch buntes Programm mit vorwiegend zarten Balladen.

Es ist normal, dass wenn eine Jazz- oder Rockband an einem Konzert 16 Songs spielt, sich darunter höchsten zwei, drei langsame Balladen finden. Bei der seit ihrem Debütalbum «Salt» (2003) als neuer Star des Jazz gefeierten Sängerin Lizz Wright verhält es sich gerade umgekehrt, sie singt lauter Balladen, unterbrochen von gerade mal drei Songs in einem eher gemütlichen medium Uptempo; eine Feststellung, die man anlässlich des 2. Konzerts im Rahmen des Stimmenfestivals von Lizz Wright im Lörracher Burghof machen konnte.
1980 wurde die Sängerin im US-Staat Georgia als Tochter eines Pfarrers und Pianisten sowie einer Gospelsängerin geboren. Sie sammelte erste Erfahrungen in Kirchen- und Gospelchören, studierte Gesang an der Georgia State University in Atlanta und stieg 2002 bei zwei Konzerten zu Ehren von Billie Holiday in Chicago und Los Angeles gemäss LA Times als Unbekannte auf die Bühne, um sie eine Viertelstunde später als Star wieder zu verlassen.
Drei CDs sind seither von Lizz Wright erschienen, die sie auch weltweit bekannt gemacht haben und die internationale Musikkritik in puncto Lob ausrasten liess.
Wie sehr dieses Lob zutrifft bewies die Sängerin bei ihrem Konzert im Burghof bereits im ersten gespielten Song, dem Titelstück ihrer ersten CD «Salt». Nachdem die ansonsten hervorragend spielende Band sich in Folge des langsamen Pulses der Soul-Blues-Ballade erst nach ein paar Takten zum richtigen Timing zusammengefunden hatte, trat Lizz Wright fast engelsgleich in einem langen, wallenden, leicht transparenten Kleid, das bei der richtigen Beleuchtung zart ihre schlanke Figur durchschimmern liess, ans Mikrofon. Und in der Tat nahm einem schon nach wenigen Sekunden das in der Vorankündigung erwähnte «tiefe und gehaltvolle Timbre» ihrer Stimme gefangen. Mit wunderbar warmer Stimme und einer erstaunlichen Intonationssicherheit sowie einem grossartigen Gespür für die Feinmodulationen, die der gesungene Text erforderte, interpretierte sie diesen einfühlsamen Song. Oft verzichtete sie auf das warm geschwungenen Vibrato, was der Klarheit ihres Gesanges nur zu Gute kam.
Jedoch grade das Vibrato zeigt auch, dass selbst diese hervorragende Sängerin ihre Grenzen hat: in den eher seltenen Fällen, wo es im folgenden Programm von insgesamt 16 Songs - knapp die Hälfte stammten von ihrem neusten Album «The Orchard» - mal etwas lauter wurde, wurde ihr Vibrato extrem schneller, so dass es ein wenig an ein Farfisa-Örgeli erinnerte. Und auch in puncto Stimmvolumen kam sie dann an ihre Limits; an den kraftvollen Druck der oft als Vergleich herbeigezogenen Nina Simone reicht sie da nicht heran. Dies dürfte auch der Grund sein, warum sich Lizz Wright auf Balladen spezialisiert hat, wo sie alle Vorteile ihrer zweifellos hervorragend Stimme zu Geltung bringen kann. Wer vor allem Balladen mag, kam somit bei Lizz Wrights Konzert voll auf seine Kosten, wer’s allerdings auch mal gerne richtig fetzig hat, dürfte eher enttäuscht gewesen sein.
Kaum Anlass zu Kritik bot auch die Begleitband mit Jeremy Mage (Piano), Nicholas D’Amato (E-Bass), Chris Eddleton (Drums) und dem Gitarristen Brandon Ross, der ein paar wunderbar einfühlsame, iddenreiche Solos zum Besten gab. Abgesehen von den erwähnten Anfangsschwierigkeiten spielte die Band alle diese langsamen Songs mit einem erstaunlich präzisen Timing. Und in den seltenen Fällen, wo die Band mal richtig loslegen konnte wie im blusigen «Walk with me», bewiesen die vier Musiker, wie fantastisch sie grooven können.
Nach einem stilistisch bunten Programm mit Anklängen an Jazz, Gospel, Folk, Singer-Songwriter-Pop, R’n’B und vor allem immer wieder Soul und Blues beendete Lizz Wright ihr Konzert mit einer solo vorgetragene Interpretation des Klassikers «Amazing Grace», den die Sängerin fantasievoll nach allen Regeln der Kunst mit melismatischen Verzierrungen sowie farbenreichen Durchgangs- und Wechseltönen ausschmückte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 3, 2008

Talent auf hohem Niveau

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:41 am

Begabte junge Musikerinnen und Musiker präsentierten, was sie in Seiji Ozawas Talentschmiede IMAS gelernt haben.

Als Orchesterleiter muss sich der 1935 geborenen japanische Dirigent und Komponist Seiji Ozawa längst nicht mehr beweisen, hat er doch in seiner knapp 50jährigen Karriere mehr als zehn weltbekannte Orchester geleitet und rund 400 teils mit höchsten Preisen prämierte Platten und CDs eingespielt. Augenscheinlich will der Maestro aber der Menschheit mehr hinterlassen als ‚nur’ eine Vielzahl von Tonträgern mit seinem Name darauf, hat er doch 2004 an den Ufern des Genfersees die International Music Academy Switzerland IMAS gegründet, eine Akademie zur Förderung besonders talentierter junger Musikerinnen und Musiker von angesehenen Konservatorien aus aller Welt.
Nach seinem Motto «Der beste Weg Musikstudenten auf den höchstmöglichen Level zu bringen, besteht darin, sie mit sehr erfahrenen Musikern zusammenzubringen» hatte Seiji Ozawa neben anderen berühmten Professoren auch Robert Mann, der Gründer des legendären amerikanischen Juilliard Quartet an den Genfersee geholt, um während zehn Tagen mit ausgewählten Kammermusiktalenten zu proben. Was während dieser Probezeit erarbeitet worden ist, präsentierten die jungen, meist wohl zwischen 20 und 25 Jahre alten Musiker in einem Konzert in der Fondation Beyeler in Riehen.
Ein wildes Sammelsurium einzelner aus ihrem Kontext herausgerissner Sätze verschiedenster Streichquartette wurde da gespielt, angefangen mit dem vorsichtig interpretierten Allegretto aus Wolfgang Amadé Mozarts Quartett B-Dur KV 589 über das fein-ziseliert, aber dennoch mit nachdrücklicher Präsenz gespielte Menuetto aus Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 5 hin zum Allegro con fuoco aus dem Streichquintett G-Dur von Antonín Dvorák, das tatsächlich von den jungen Musikern mit einem Feuer und einer Leidenschaft umgesetzt wurde, die begeisterte.
Neben einem akzentuiert gezeichneten Allegretto aus einem Streichquartett von Dimitrij Schostakowitsch war dann noch ein etwas leidenschaftsloses Andante von Franz Schubert, ein weiteres wesentlich intensiver ausgeführtes Andante sowie ein mitreissendes Allegro von Pjotr Tschaikowsky zu hören. Höhepunkt der Darbietungen bildete das geniale Allegro molto aus Ludwig van Beethovens Quartett C-Dur op. 59 Nr. 3, das von vier jungen Herren mit einem Enthusiasmus und einer Verve interpretiert wurde, die das Publikum in Jubel ausbrechen liess.
Schliesslich der Auftritt des Maestros Seiji Ozawa selber, der mit grossem Engagement und einer ungemein gewinnenden Art ein knapp dreissigköpfiges Streichorchester mit sämtlichen Eleven zusammen leitete. Mal kraftvoll-zupackend, mal leichtfüssig, dann wiederum gefühlig-schwelgerisch brachte das Ensemble das gelungenen Konzert mit der «Holberg Suite» des norwegischen Komponisten Edward Grieg zu einem fulminanten Abschluss.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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