Rolf De Marchi

August 29, 2008

Schweizer Saxophon Colossus

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:58 pm

Von der Sängerin Ann Malcolm begleitet und von einem solide spielenden Klaviertrio unterstützt bewies der Tenorsaxophonist Andy Scherrer sein Können.

Seitdem die Saxophonlegende Sonny Rollins 1956 sein als Meilenstein des Jazz geltendes Album «Saxophone Colossus» veröffentlicht hat, wird dieser Titel häufig auch zur Bezeichnung grosser Jazzsaxophonisten verwendet. Auch wenn solche Titel manchmal zu oft eingesetzt zu werden, im Falle des Schweizer Tenorsaxophonisten Andy Scherrer schein die Bezeichnung Saxophone Colossus angebracht zu sein, gibt es doch momentan in der Schweiz vermutlich keinen anderen Saxophonisten, der diesem grossartigen Musiker in puncto Hardbopspiel in der Tradition eines Sonny Rollins oder eines John Coltranes das Wasser reichen kann.
Als Indizienbeweis für diese These sei das von einem grosszügigen Mäzen gesponserte eintrittsfreie Konzert im Pavillon des Basler Schützenmattparks angeführt, wo der 62jährige, aus der Ostschweiz stammende Andy Scherrer, der übrigens ein paar Jahre am Konservatorium Basel bei Iwan Roth Saxophon studiert hat, zusammen mit der Sängerin Ann Malcolm, dem aus Lausanne stammenden Pianisten Colin Vallon, dem Westschweizer Bassisten Patrice Moret und dem in Deutschland lebenden Drummer Dejan Terzic ein mehr als zweistündiges Programm hinlegte.
Bereits beim lebhaften Dizzy Gillespie-Klassiker «Woody ‚n’ you» und mehr noch beim folgenden «Bebbi», ein Stück, das der seit 20 Jahren in Basel lebende und wirkende südafrikanische Drummer Makaya Ntshoko geschrieben hat, stellte Scherrer seine Improvisationskünste unter Beweis. Grossartig, wie der Saxophonist eine gelungene Mischung zwischen eher der Melodie verpflichteten kantablen Passagen und der flinken Fingertechnik verschriebenen Abschnitten fand, wobei er gerade bei den fingertechnisch schnellen Partien mit seiner natürlichen Nonchalance zu überzeugen vermochte, mit der er die kniffligsten Riffs und Licks spielte; keinen Moment wirkte sein Spiel technisch-kalt heruntergespielt wie das bei vielen anderen Saxophonisten der Fall ist.
Beim anschliessend zu hörenden Chic Corea-Stück «Highwire» stiess dann die in Basel lebende und an der Jazzschule unterrichtende amerikanische Sängerin Ann Malcolm zur Band. Leider kämpfte die Sängerin dann in den anschliessend gespielten Stücken etwas mit der Intonation, was sich allerdings schlagartig besserte, nachdem in der Pause von einem Techniker der Bühnensound für die Sängerin besser eingestellt worden war.
Besonders zu überzeugen vermochte die Band aber bei den Balladen wie beispielsweise dem wohl meistgespielten Klassiker «Body and Soul» oder die Filmmusik zum letzten Tango in Paris, wo Andy Scherrer das Publikum mit seinem sensiblen Spiel einzunehmen vermochte, klug unterstützt vom Pianist Colin Vallon mit seinen harmonisch raffiniert ausgestalteten Klangflächen.
Last but not least sei noch die Rhythmusgruppe mit dem bewährten Kontrabassisten Patrice Moret und dem 28 Jahre jungen Drummer Dejan Terzic erwähnt, die während dem ganzen Konzert ein solides Fundament für die Solisten legte. Gebührend mit dem Thelonious Monk-Stück «Evidence» schloss das Quintett sein vom Wetterglück begünstigte Konzert vor dem Pavillon im Basler Schützenmattpark.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

August 13, 2008

Mehr als ein Sturm in einer Teetasse

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:11 am

Im Fluss / Ein mit einem kräftigen Schuss Irish Folk aufgemischtes rockig-popiges Programm präsentiert Shirley Grimes auf dem Rheinfloss.

Eine Art rückwärts laufende Tour d’horizon durch ihr Musikschaffen absolvierte Shirley Grimes während ihres Konzertes im Rahmen des Musikfestivals «Im Fluss» auf dem Rheinfloss oberhalb der Basler Rheinbrücke. Spielte die irische Singer-Songwriterin zu Beginn ihres Auftritts mit ihrer vierköpfigen Begleitband vor allem Songs von ihrem neusten, vergangenen Februar erschienen Album «Sweet Rain», tourte sie im weitern Konzertverlauf immer weiter zurück durch ihre Musikkarriere, bis sie schliesslich mit dem letzten interpretierten Song «The Water Is Wide» bei ihrem 1993 erschienen Debüt-Album «Songs Of Seas And Ferries» anlangte.
Mit 18 Jahren reiste die aus einem kleinen irischen Dorf stammende, heute 35jährige Sängerin Shirley Grimes zu Besuch einer Schweizer Freundin nach Bern, wo sie hängen blieb. Sie hatte gute Musiker um sich versammelt und über die Jahre fünf CDs veröffentlicht, auf denen sie neben Pop und Rock auch starke Einflüsse aus der grossen Musiktradition ihrer irischen Heimat verarbeitet hat. Und dass Shirley Grimes mittlerweile mit Recht zu den beliebtesten Acts gerechnet werden darf, die die Schweizer Rockszene momentan zu bieten hat, beweist ihr dichtes Konzertprogramm über das ganze Land, das man auf ihrer Website (www.shirleygrimes.com) nachlesen kann.
Mit «Face In The Dirt» also eröffnete Shirley Grimes und ihre Band das Konzert, das glücklicherweise in ein kurzes, trockenes Zeitfenster fiel an diesem verregneten Tag. Im klassischen Strophe-Refrain-Schema war dieser Song arrangiert, durchsetzt mit kurzen, in irischem Kolorit gehaltenen Instrumentalteilen, die unisono vom Gitarristen Oli Hartung und dem Flötisten Joe McHugh wiedergegeben wurden, der hier allerdings nicht zu einer seiner klassischen irischen Whistles griff, sondern den selten zu hörenden irischen Dudelsack, die Uillean Pipe spielte. Unterlegt wurde dies alles durch eine schlichte Basslinie, lüpfig gespielt vom Bassisten Wolfgang Zwiauer und unterstützt durch das rhythmisch transparente Spiel des Drummers Sami Baur.
Weitere ähnlich gestrickte Songs wie «Washing Day», «Kitchen Window» sowie das Titelstück der aktuellsten CD «Sweet Rain» folgten. Das anschliessend gespielte «Storm In A Teacup» fiel dann mit seinen mit Filzschläger und Handfläche gespielten Beats auf den Drums etwas aus dem Rahmen, kam der warmen, intonationssicheren und modulationsfähigen Stimme von Shirley Grimmes aber sehr entgegen.
Dann ging es zurück in die Vergangenheit mit dem schnellen, in die Beine gehenden «Mc Guires Bus of Broken Dreams» (1998) mit seinem starken Irish-Touch und «Tongue Tied» (2004), das vermutlich rockigste Stück des Programms. Nach «Dance Of The Mermaids» (1998) schloss Shirley Grimes ihr stimmungsvolles Konzert mit dem bereits erwähnten traditionellen irischen Song «The Water Is Wide», den die Sängerin solo sang. Unter sparsamer Verwendung kleinster melismatischer Verzierrungen arbeitet sie mit feinem Gespür die Dramatik, die in der weitgeschwungenen Melodik dieses Songs steckt, heraus. Kaum fertig, begann es wieder zu regnen. Perfektes Timing!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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