Die Kraft der Wiederholung
Im Interview berichtet die Leiterin des Chors und Orchesters «Füreinander» Brigitte Giovanoli über das Projekt «Überalltag» mit szenischen Bildern zur 2. Sinfonie von Felix Mendelssohn.
Brigitte Giovanoli ist in Genf aufgewachsen, wo sie auch ein Klavierstudium absolviert hat. In Basel, wo sie seit 1971 lebt, hat sie Gesang und Chorleitung an der Musikakademie und an der Schola Cantorum Basiliensis studiert. 1988 gründete sie den Chor «Füreinander», der sich auf sakrale Musik spezialisiert hat und seit zehn Jahren vom halbprofessionellen Orchester «Füreinander» begleitet wird. Brigitte Giovanoli leitet auch den Kinderchor der Ecole Française de Bâle und das von ihr 2004 gegründete Vokalensemble Basilica.
Frau Giovanoli, Sie haben sich für das Jubiläumskonzert zum 20jährigen Bestehen des Chors «Füreinander» am kommenden Donnerstag in der Martinskirche etwas sehr Spezielles auf die Beine gestellt: unter Ihrer Leitung wird Ihr Chor mit dem Orchester «Füreinander» Ihr neustes Projekt «Überalltag» zu Aufführung bringen, bei dem Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809-1847) 2. Sinfonie B-Dur op. 52 «Lobgesang» mit szenischen Bildern verbunden wird, in denen der Chor auf der Bühne Wäsche waschen wird. Mendelssohns Sinfonik kombiniert mit Waschmaschinen, wie ist es zu diesem merkwürdigen Konzept gekommen?
Am Zürcher Schauspielhaus habe ich den jungen Regisseur Serge Honegger kennengelernt mit dem ich unbedingt was machen wollte. Ich habe ihm dann eine CD mit Mendelssohns 2. Sinfonie gegeben, worauf er mir eine Idee unterbreitete, die mich vom ersten Moment an fasziniert hat und meinem Bedürfnis, mal was ganz anderes zu machen, sehr entgegen kam: der Versuch, profaner Alltag mit Gotteslob zu verbinden. Dabei griff Serge Honegger auf die Metapher des Waschens zurück; Waschen, bügeln, Wäsche zusammenfalten, alltägliche Tätigkeiten, die vom routinemässigen Wiederholungen geprägt sind. Vieles im Alltag ist Wiederholung, bei der nichts Neues entsteht, die nur wieder holt wie eben das Wäsche waschen.
Und die Verbindung zu Mendessohns 2. Sinfonie, die gelegentlich wegen seines oratorienhaften zweiten Teils als «Sinfonie-Kantate» bezeichnet wird?
Auch im spirituell-sakralen Leben gibt es Wiederholungen wie das Gebet, die Litanei, das tägliche Psalmodieren der Mönche, was letztlich auf die Vertiefung in Gott und darüber hinaus auf die Offenheit gegenüber dem Göttlichen abzielt. Beim Wäsche waschen geht es um die säkularisierte äussere Sauberkeit, beim Beten um die spirituelle innere Erneuerung. Auf der Bühne sollen diese beiden Welten zusammengeführt werden, das Göttliche mit dem Alltäglichen, das Alltägliche mit dem Göttlichen verschmolzen und ausgesöhnt werden.
Es wird also tatsächlich auf der Bühne Wäsche gewaschen?
Nicht real natürlich, die Tätigkeit des Waschens, Bügelns und Wäschezusammenlegens wird nur angedeutet, wobei der Chor aus der Erhabenheit uniformer dunkler Kleidung in die Kleidung des Alltags hinaustritt. Dabei wird Mendelsohns spirituell-sakraler Lobgesang mit dem säkularisierten Lobgesang der alltäglichen Wiederholung symbolisiert durch das Wäsche waschen verknüpft.
Der Schlagzeuger Marc Rebetez ist an der Aufführung mitbeteiligt. Welche Rolle spielt er?
Marc Rebetez wird mit einem Schlagzeugsolo die beiden Hauptteile der Sinfonie, den sinfonisch-instrumentalen ersten Teil vom oratorisch-kantatenhaften zweiten Teil trennen und damit die Illusion der totalen Harmonie durchbrechen.
Der Konzertabend wird mit dem Valse triste von Jean Sibelius (1865-1967) abgeschlossen. Warum haben Sie dieses gerade mal 5 Minuten lange Stück noch angehängt?
Ich liebe es, ein Konzert ruhig ausklingen zu lassen, um damit die Leute wieder runter zu bringen, damit sie zufrieden und ausgesöhnt nach Hause gehen können.
Konzertdaten:
Donnerstag, 18. September 20 Uhr, Martinskirche Basel
Freitag, 19. September 20 Uhr, Martinskirche Basel
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung