Rolf De Marchi

September 14, 2008

Die Kraft der Wiederholung

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:01 am

Im Interview berichtet die Leiterin des Chors und Orchesters «Füreinander» Brigitte Giovanoli über das Projekt «Überalltag» mit szenischen Bildern zur 2. Sinfonie von Felix Mendelssohn.

Brigitte Giovanoli ist in Genf aufgewachsen, wo sie auch ein Klavierstudium absolviert hat. In Basel, wo sie seit 1971 lebt, hat sie Gesang und Chorleitung an der Musikakademie und an der Schola Cantorum Basiliensis studiert. 1988 gründete sie den Chor «Füreinander», der sich auf sakrale Musik spezialisiert hat und seit zehn Jahren vom halbprofessionellen Orchester «Füreinander» begleitet wird. Brigitte Giovanoli leitet auch den Kinderchor der Ecole Française de Bâle und das von ihr 2004 gegründete Vokalensemble Basilica.

Frau Giovanoli, Sie haben sich für das Jubiläumskonzert zum 20jährigen Bestehen des Chors «Füreinander» am kommenden Donnerstag in der Martinskirche etwas sehr Spezielles auf die Beine gestellt: unter Ihrer Leitung wird Ihr Chor mit dem Orchester «Füreinander» Ihr neustes Projekt «Überalltag» zu Aufführung bringen, bei dem Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809-1847) 2. Sinfonie B-Dur op. 52 «Lobgesang» mit szenischen Bildern verbunden wird, in denen der Chor auf der Bühne Wäsche waschen wird. Mendelssohns Sinfonik kombiniert mit Waschmaschinen, wie ist es zu diesem merkwürdigen Konzept gekommen?

Am Zürcher Schauspielhaus habe ich den jungen Regisseur Serge Honegger kennengelernt mit dem ich unbedingt was machen wollte. Ich habe ihm dann eine CD mit Mendelssohns 2. Sinfonie gegeben, worauf er mir eine Idee unterbreitete, die mich vom ersten Moment an fasziniert hat und meinem Bedürfnis, mal was ganz anderes zu machen, sehr entgegen kam: der Versuch, profaner Alltag mit Gotteslob zu verbinden. Dabei griff Serge Honegger auf die Metapher des Waschens zurück; Waschen, bügeln, Wäsche zusammenfalten, alltägliche Tätigkeiten, die vom routinemässigen Wiederholungen geprägt sind. Vieles im Alltag ist Wiederholung, bei der nichts Neues entsteht, die nur wieder holt wie eben das Wäsche waschen.

Und die Verbindung zu Mendessohns 2. Sinfonie, die gelegentlich wegen seines oratorienhaften zweiten Teils als «Sinfonie-Kantate» bezeichnet wird?

Auch im spirituell-sakralen Leben gibt es Wiederholungen wie das Gebet, die Litanei, das tägliche Psalmodieren der Mönche, was letztlich auf die Vertiefung in Gott und darüber hinaus auf die Offenheit gegenüber dem Göttlichen abzielt. Beim Wäsche waschen geht es um die säkularisierte äussere Sauberkeit, beim Beten um die spirituelle innere Erneuerung. Auf der Bühne sollen diese beiden Welten zusammengeführt werden, das Göttliche mit dem Alltäglichen, das Alltägliche mit dem Göttlichen verschmolzen und ausgesöhnt werden.

Es wird also tatsächlich auf der Bühne Wäsche gewaschen?

Nicht real natürlich, die Tätigkeit des Waschens, Bügelns und Wäschezusammenlegens wird nur angedeutet, wobei der Chor aus der Erhabenheit uniformer dunkler Kleidung in die Kleidung des Alltags hinaustritt. Dabei wird Mendelsohns spirituell-sakraler Lobgesang mit dem säkularisierten Lobgesang der alltäglichen Wiederholung symbolisiert durch das Wäsche waschen verknüpft.

Der Schlagzeuger Marc Rebetez ist an der Aufführung mitbeteiligt. Welche Rolle spielt er?

Marc Rebetez wird mit einem Schlagzeugsolo die beiden Hauptteile der Sinfonie, den sinfonisch-instrumentalen ersten Teil vom oratorisch-kantatenhaften zweiten Teil trennen und damit die Illusion der totalen Harmonie durchbrechen.

Der Konzertabend wird mit dem Valse triste von Jean Sibelius (1865-1967) abgeschlossen. Warum haben Sie dieses gerade mal 5 Minuten lange Stück noch angehängt?

Ich liebe es, ein Konzert ruhig ausklingen zu lassen, um damit die Leute wieder runter zu bringen, damit sie zufrieden und ausgesöhnt nach Hause gehen können.

Konzertdaten:
Donnerstag, 18. September 20 Uhr, Martinskirche Basel
Freitag, 19. September 20 Uhr, Martinskirche Basel

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 10, 2008

Lieder gegen die Kälte

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:39 am

Barbara Preusler und Aernschd Born initiieren den Song Contest «Lieder gegen die Kälte» gegen den sozialen Frost in der Schweiz.

«Das soziale Gewissen ziehe sich zurück, Ellenbogen prägen unser Leben», dies die Überzeugung des Basler Songpoeten Aernschd Born. Unter dem Mäntelchen Missbrauchsbekämpfung würden mehr und mehr Menschen, die eh schon am Rande der Gesellschaft stünden, noch weiter ins Abseits abgedrängt.
Aernschd Born will nun gemeinsam mit der seit 2003 in Basel lebende Berlinerin Barbara Preusler, die sich selber als «Vernetzerin» bezeichnet und die Kulturveranstaltungen verschiedenster Art organisiert, dieser wachsenden sozialen Kälte mit dem Projekt «Lieder gegen die Kälte» Paroli bieten. Die beiden Leiter des Songtheater «Kulturpavillon» am Grenzübergang Weil-Otterbach rufen alle Song-Autorinnen, Liedermacher, Singer-Songwriter, Slampoetinnen und Rapper der Schweiz dazu auf, mal nicht den eigenen Bauchnabel zu besingen sondern sich mit engagierten Texten in ihren Songs zur aktuellen Lage in der Schweiz zu äussern, wo Hilfsbedürftige und Schwache kollektiv angeklagt werden, Sozialschmarotzer zu sein, wo zwischenmenschliche Solidarität als humaner Kitsch abgetan wird und die «Guten und Netten» die eigentlich Bösen und Gemeinen sind.
In den kommenden Monaten sollen die Künstlerinnen und Künstler in vier Projekten Plattformen für ihre Lieder bekommen:
1. Projekt: Der Kulturpavillon veranstaltet vom 14.9.2008 - 22.2.2009 eine Literatur- und Konzertreihe mit gesellschaftsbezogenen Texten und «Liedern gegen die Kälte», bei denen Künstlern wie Dirk Zöllner, Christina Lux, Guy Krneta, Thomas C. Breuer, Simon Libsig, Aernschd Born und andere mehr auftreten werden.
2. Projekt: Die «Lieder gegen die Kälte» können im Rahmen eines Internet-Song-Contests auf www.liedergegendiekaelte.ch sowohl als YouTube-Clip ins Netz gestellt als auch von allen Interessierten gewählt werden. Die Gewinnerin, der Gewinner des Wettbewerbs wird am 13. Dezember 2008 einen Preis erhalten.
3. Projekt: Im Oktober 2008 werden vom Schweizerischen Volksarchiv der Uni Basel und dem Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie drei Seminare rund um das Thema «Lied und Politik» durchgeführt.
4. Projekt: Im Januar und Februar 2009 findet das «Surprise-Benefitz-Projekt» statt, bei dem in fünf Schweizer Städten zu Gunsten des Strassenmagazins Surprise Konzerte mit Prominenten und den Gewinnern des Internet Song Contest stattfinden werden.
Das ausführliche Programm zu «Lieder gegen die Kälte» wird sowohl an Orten, wo kulturelle Aktivitäten stattfinden als auch in vielen Restaurant, Bars etc. aufliegen. Des Weiteren können Infos auch über www.liedergegendiekaelte.ch bezogen werden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Eine vielseitige Programmsaison 2008/2009

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:21 am

Die künstlerische Leiterin der Baselbieter Konzerte Christiane Nicolet stellt die von ihr zusammengestellte neue Programmsaison 2008/2009 vor.

Christiane Nicolet studierte Flöte am Parier Conservatoire National Superieur de Musique bei Gaston Crunelle und Jean Pierre Rampal sowie bei Aurèle Nicolet in Freiburg (D). 1964 gewann sie den Ier prix du Conservatoire Paris, wirkte als Solo-Flötistin beim Radio Sinfonie Orchester Basel und war als Musikproduzentin bei Schweizer Radio DRS2 tätig.

Frau Nicolet, nach welchen Kriterien stellen Sie das Programm für einen Konzertsaison zusammen?

Christiane Nicolet: Mein Programmkonzept erstreckt sich über mehrere Konzertsaisons. Ich versuche, gemeinsam mit den Künstlern ein Programm zu entwerfen und ein möglichst viele Stilrichtungen abdeckendes Repertoire vorzustellen. Junge Talente zu engagieren ist mir ein grosses Anliegen. Wiederholt ist es mir gelungen, einige von ihnen vor ihrem Aufstieg zum Weltstar nach Liestal zu holen.

Gibt es auch Musikrichtungen beziehungsweise Ensembles, die sie nicht programmieren würden?

Den zeitgenössischen Musikbereich lasse ich bewusst aus, da für Hörer, die diese Musikrichtung schätzen, ein ziemlich breites Angebot besteht wie beispielsweise das Festival Rümmlingen oder die Konzerte in der Gare du Nord. Ich bemerkte, dass bei unserem Publikum wenig Akzeptanz für zeitgenössische Musik besteht, was ich natürlich ein wenig bedaure. Ich kann es dennoch nicht lassen, hin und wieder ein modernes Stück ins Programm hineinzumogeln mit der Hoffnung, vielleicht doch ein Ohr für diese Musik zu öffnen.
Und zum zweiten Teil Ihrer Frage, es gibt keine Ensembles, die ich nicht programmieren würde. Im Gegenteil, es gibt mehr sehr gute Ensembles und Musiker als es mir möglich ist zu engagieren.

Wenn man das Programm der Saison 2008/2009 genauer anschaut, fällt auf, dass einige Namen wenig bekannter Komponisten auftauchen. Lohnt es sich, Werke solcher Komponisten dem Vergessen zu entreissen?

Sie haben Recht, manche Musik ist begründet in Vergessenheit geraten, weil sie schlecht ist. Wenn man sich aber genauer orientiert über solche unbekannten Werke, stellt man fest, dass es viele Neu- und Wiederentdeckungen gibt - ich denke hier besonders an die Musik von Komponistinnen -, die aus ganz anderen als qualitativen Gründen in der Versenkung verschwunden sind und bei denen es sich lohnt, sie zu Gehör zu bringen.

Sie haben sämtliche Konzerte in der Stadtkirche Liestal programmiert, obwohl dieser Konzertort wegen seines grossen Nachhalls für kleine Ensembles nicht sehr geeignet ist. Gibt es keine Zusammenarbeit mehr zwischen Ihnen und dem Museum.BL in Liestal, das über einen kleineren, für Kammermusik besser geeigneten Konzertsaal verfügt?

Die Konzertsaalsituation in Liestal ist sicher nicht ideal und ich muss hier Kompromisse machen. Die Stadtkirche bietet auf dem Podium und im Saal den grössten Raum und die Akustik wird allgemein als angenehm empfunden, wenn der Saal voll ist. Das Proben im leeren Raum allerdings ist problematisch und bereits bei einer Oratoriumsbesetzung wie beispielsweise bei Händels Saul wird der Platz mehr als eng. An eine grössere sinfonische Besetzung ist also aus Platz- und akustischen Gründen nicht zu denken.
Für kleine Besetzungen ist der Museumssaal sicher besser. Die Konzerte, die dort stattgefunden haben, wurden jeweils wiederholt mit einem freien Tag für die Musikerinnen und Musiker dazwischen. Ich habe da das Problem, dass ich hochqualifizierte Ensembles nicht für zwei Konzerte bezahlen kann und es ist ihnen nicht zuzumuten, einen ‚leeren’ Tag dazwischen einzulegen, der für sie mit erheblichen Aufenthaltskosten verbunden ist.

Am Dienstag, 23. September 2008 findet in der Stadtkirche Liestal ein Konzert mit dem Fagottisten Sergio Azzolini und der Capriccio Basel statt. Warum sollten die Leute dieses Konzert auf keinen Fall verpassen?

Klaus Thunemann, früher Solo-Fagottist des NDR-Sinfonieorchesters und Professor an der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik in Berlin hat in den 70er Jahren das Fagott gewissermassen hoffähig gemacht, so dass es als Soloinstrument die volle Akzeptanz neben den anderen Blasinstrumenten errungen hat. Sergio Azzolini, der bei Thunemann Unterricht genossen hat, überbietet inzwischen seinen Lehrer an Tonschönheit und Virtuosität und ich freue mich, dass wir ihn an diesem Konzertabend engagieren konnten.

Gibt es unter den bis im Frühling 2009 insgesamt sieben geplanten Konzerten eines, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Sie liegen mir eigentlich alle gleich am Herzen. Aber das Konzert mit dem Violinisten Kolja Blacher und dem Pianisten Vassilji Lobanov am 17. Februar 2009 möchte ich unserem Publikum ans Herz legen. Diese beiden Künstler mit ihrer subtilen Musikalität werden an diesem Abend das vermutlich anspruchsvollste Programm bieten, das für die Hörerschaft einen angenehme Herausforderung sein wird.

Programm in Liestal 2008/2009

1. Konzert: 
Dienstag, 23. September 2008, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Sergio Azzolini Fagott, Capriccio Basel
Werke von: G.Ph. Telemann, J.W. Hertel, C.Ph.E. Bach, C.H. Graun

2. Konzert: 
Dienstag, 21. Oktober 2008, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Trio Sortilège, Vicent Morelló Broseta Flöte, Julia Dinerstein Viola, Anton Sie Harfe
Werke von: J. Ibert, G. Fauré, M. Kugel, C. Debussy, M. Bonis, S. Gubaidulina, M. Ravel

3. Konzert: Dienstag, 25. November 2008, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Sabine Bauer Cembalo, Karl Kaiser Traversflöte, La Stagione Frankfurt, Michael Schneider Leitung
Werke von: C. Stamitz, G.A. Benda, J.G. Graun, F.I. Beck

Extrakonzert: 
Mittwoch, 17. Dezember 2008, 19.30 Uhr, Stadtkirche Liestal
Es spielen: Camerata Vocale Freiburg, Kammerorchesterbasel, Heike Heilmann Sopran, Marijana Mijanovic Alt, Julian Prégardien Tenor, Markus Flaig Bass, Winfried Toll Leitung
Werke von: J.S. Bach

4. Konzert: 
Dienstag, 27. Januar 2009, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Quintett Chantily, Pirmin Grehl Flöte, Florian Grube Oboe, Johannes Zurl Klarinette, Dmitry Babanov Horn, Bence Boganyi Fagott
Werke von: P. Taffanel, W.A. Mozart, F. Mendelssohn Bartholdy, C. Nielsen

5. Konzert: 
Dienstag, 17. Februar 2009, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Kolja Blacher Violine, Vassilji Lobanov Klavier
Werke von: W.A. Mozart, L. Janácek, J.S. Bach, D. Schostakowitsch

6. Konzert: 
Dienstag, 24. März 2009, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Es spielen: Vogler Quartett ( Tim Vogler Violine, Frank Reinecke Violine, Stefan Fehlandt Viola, Stephan Forck Violoncello), Chen Halevi (Klarinette),
Jascha Nemtsov (Klavier)
Werke von: S. Prokofjew, G. Krejn, J. Achron, J. Chajes, F. Mendelssohn Bartholdy

7. Konzert: 
Dienstag, 28. April 2009, 19.30 Uhr, Stadtkirche, Liestal
Werke und Arrangements von: Passion des Cuivres,
Wolfram Berger (Erzähler)
Werke von: R. Schumann, H. Wolf, J. Bellon, L. Maurer und anderen

Erschienen in der Basellandschaftliche Zeitung

September 8, 2008

Musik voll einnehmender Emotionalität

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:59 am

Die Basler Vokalsolisten und das «Il desiderio» Ensemble für Alte Musik überzeugten mit Claudio Monteverdis Marienvesper.

Neben seinen drei Opern wie der «L’Orfeo» dürfte die Marienvesper (1610)- der komplette Titel lautet «Vespro della Beata Vergine da concerto composto sopra canti fermi» - wohl die bekannteste und am häufigsten zu Aufführung gebrachte Werk des italienischen Komponisten Claudio Monteverdi (1567-1643) sein. Der Grund liegt wohl darin, dass die Komposition in Form und Besetzung so abwechslungsreich, farbig und ausdrucksstark angelegt ist, dass sie selbst den Vergleich mit einem Requiem eines Mozarts oder Verdis nicht scheuen muss.
Und wenn man dieses an sich schon aussergewöhnliche Werk noch auf einem so hohen interpretatorischen Niveau präsentiert bekommt, wie dass beim Konzert der Basler Vokalsolisten begleitet vom «Il desiderio» Ensemble für Alte Musik unter der Leitung von Sebastian Goll im Basler Münster der Fall war, dann wird diese Musik wahrhaft zu einem einzigartigen Ereignis, das zu geniessen ein Privileg ist. Sowohl in den Solopartien wie beispielsweise das «Nigra sum», das sauber intoniert und mit treffsicher ausgeführten Verzierrungen sehr ansprechend gesungen wurde, als auch in den vom ganzen Chor interpretierten Passagen beeindruckten die Basler Vokalsolisten durch präzise Intonation, luzide Durchhörbarkeit und vor allem durch grosse Ausdruckskraft; kurz: der 16-köpfige 2002 gegründete Chor überzeugte durch seine grosse Professionalität.
Nicht minder lobenswert aber auch die Leistungen des 15-köpfigen «Il desiderio» Ensemble für Alte Musik, das eine faszinierende Mischung zwischen gestochener Klarheit und höchst einnehmender Expressivität hinbekam. Dies dürfte wohl nicht zuletzt auf die Leitung von Sebastian Goll zurückzuführen sein, dessen kompetent wirkendes Dirigat es dem Orchester und auch dem Chor ermöglichte, die vielen Wechsel zwischen harmonisch ausladenden, langsameren Abschnitten und tänzerisch leichtbeschwingten Passagen, zwischen homophonen und polyphonen Abschnitten, zwischen Solo- und Tuttistellen mit verblüffender Leichtigkeit nachzuvollziehen. Mit Leuchtkraft erstrahlte der IV. Psalm, das Duo Seraphim wurde mit rührender Emotionalität aufgeladen und Passagen wie das Nisi Dominus, das Audi coelum oder das Magnificat wurden durch Echoeffekte mittels kluger Verteilung einzelner Musiker im Kirchenraum sphärisch überhöht.
Krönender Abschluss bildete das Magnificat, das im kleinen nochmals die ganze Meisterschaft Monteverdis illustriert und dessen mit vielen Melismen angereichte Schlusszeile «Sicut erat in principio, et nunc et semper, et in saecula saeculorum. Amen» von den Basler Solosolisten und dem Il desiderio-Ensemble mit einer nicht zu überbietenden und alles klärenden Glut vorgetragen wurden, die das Auditorium nachdenklich und erfüllt zurückliess.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 5, 2008

Hip Hop at his Best

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:50 pm

Bei seinem Saison-Eröffnungskonzert präsentierte die Kuppel eine stattliche Riege hervorragender Rapperinnen aus den USA.

Der Hip Hop ist eigentlich schon ein erstaunliches Phänomen: Während die meisten anderen Stilrichtungen der Rock- und Popmusik nach ein paar Jahren wieder abebben und aus dem Mainstream in die Bedeutungslosigkeit verschwinden, erfreut sich der Hip Hop seit seinem Auftauchen aus dem afroamerikanischen Subproletariat der New Yorker Bronx in den 70er-Jahren bis heute einer immer noch wachsenden Beliebtheit unter Jugendlichen in der ganzen Welt, wo immer neue Hip Hop-Szenen mit eigener lokaler Ausprägung entstehen.
Dies ist in Basel mit seiner besonders aktiven Hip Hop-Community nicht anders, so dass es nicht überraschend ist, dass sich eine zahlreiche junge Fangemeinde zu später Stunde in der Basler Kuppel versammelte, um gleich mehrere Vertreterinnen des Hip Hop abzufeiern, die momentan in Europa unter dem Motto «We B Girlz (USA)» on Tour sind. Und dass die in der Hip Hop-Szene eher selten anzutreffenden Frauen dem Publikum genau so einheizen können wie ihre männlichen Kollegen, bewies die Rapperin Stacy Epps aus Atlanta, die das «Season Opening-Konzert» in der Kuppel eröffnete. Dabei erwies sich die Sängerin, die übrigens von einem powervoll spielenden Drummer und der DJane Shortee assistiert wurde, nicht nur als hervorragende Rapperin, auch das Metier des samtigen Soulgesangs, mit dem sie ihren Rap immer wieder wohltuend aufbrach, beherrschte sie hervorragend.
Phänomenal auch die Scratch-Künste von DJ Shortee, die als wahre Meisterin ihres Faches den Plattenteller unglaublich virtuos tanzen lies und ihrem «Instrument» unglaubliche Sounds und Rhythmen entlockte.
Etwas ruhiger, fast schon laid back singend dann die Rapperin Invincible aus Detroit, die vor allem durch ihren starken Einbezug des Publikums in ihre Performance überzeuge: innert wenigen Minuten hatte sie die an sich schon gute Stimmung in der Kuppel bis zum Siedepunkt aufgeheizt, was es dem anschliessend rappenden Doktor der Psychologie Roxanne Shanté leicht machte, die tanzende Gemeinde in den Sack zu stecken. Die New Yorkerin hatte vor über 20 Jahren im Alter von 14 einen Blitzstart in der Hip Hop-Szene hingelegt, um sich anschliessen aus dem Musik-Business zurückzuziehen und Psychologie zu studieren; trotz Psychologie-Praxis in New York mag sie aber das Rappen nicht lassen; sie überzeugte vor allem durch das extreme Tempo, mit dem sie ihre Lyrics vortrug.
Einen etwas schwereren Stand hatte dann Bahamadia alias Antonia Reed aus Philadelphia, war doch Mitternacht längst vorbei und zeigten sich selbst bei den eingefleischtesten Fans erste Ermüdungserscheinungen. Das änderte sich aber schnell, als DJ Shortee schliesslich endgültig das Zepter übernahm, um mit ihren von virtuosem Scratching durchsetzten knalligen Beats und Rhythmen die sich anbahnende Lethargie wegzublasen und die Kuppel in einen dampfenden Hexenkessel zu verwandeln.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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