Rolf De Marchi

November 30, 2008

Kreatives Feuer

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 5:14 am

Das Jürg Wickihalder Overseas Quartet überzeugte mit seinen abwechslungsreich ausgestalteten Kompositionen und Improvisationen.

«Furioso» hat das Jürg Wickihalder Overseas Quartet seine neuste CD getauft, die die Band mit einem stimmigen Konzert in der Kulturscheune Liestal präsentierte. Und in der Tat gab es da immer wieder Momente, die das Prädikat furioso absolut verdienten wie beispielsweise das Stück «Square» mit seinem eigenwilligen Thema und seiner deftigen Begleitung durch die Rhythmussektion oder der Titel «Warm up Party» mit seinem treibenden, an den Swing der 30er- und 40er-Jahre erinnernden Drive, der allerdings durch die relativ freie Themengestaltung erfrischend kontrastiert wurde. Neben Tangoklängen glaubte man gelegentlich sogar Anleihen bei der heimatlichen Volksmusik zu hören und dass die Band neben einem Stück des stilbildenden Altsaxophonisten Ornett Coleman auch eine Hommage an den wirkungsmächtigen Sopransaxophonisten Steve Lazy spielte, konnte nicht überraschen, war doch der musikalische Einfluss dieser Jazzgrössen auf die Musik des Quartetts unüberhörbar.
Nicht ganz Unschuldig am speziellen Sound des Overseas Quartet dürfte die unkonventionelle Besetzung der Band mit zwei Blasinstrumenten, Kontrabass und Schlagzeug gewesen sein. Ähnlich wie Gerry Mulligan in den 50ern verzichtet das Quartett auf ein Harmonieinstrument wie Piano oder Gitarre, was es den beiden Bläsern Jürg Wickihalder am Sopran- und Altsaxophon und dem Italiener Achille Succi am Altsaxophon und der Bassklarinette ermöglichte, ihre Soli melodisch und harmonisch freier auszugestalten. Zeichneten sich die Improvisationen von Achille Succi vorwiegend durch technische Raffinesse aus, überzeugte Jürg Wickihalter in seinen Soli vor allem durch seinen verblüffenden Reichtum an rhythmisch clever durchgestalteten Riffs und Sequenzen, die er gelegentlich auf geistreiche Weise mit schrägen Mehrklängen oder skurrilen Anblastechniken aufbrach.
Für die Rhythmusgruppe des Quartetts waren zwei Brüder zuständig: der aus New York stammenden Kevin Zubek an den Drums, dessen Spiel sich durch eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an die verspielten Kompositionen von Jürg Wickihalder auszeichnete, sowie der mit zupackendem Ton agierende Kanadier Mark Zubek am Bass, der sich über ein schepperndes Megaphon auch noch als wundervoll durchgeknallter Sänger erwies, bei dem sogar eine Tom Waits eine Scheibe hätte abschneiden können.
Einziger Wehrmutstropfen an diesem Abend: nur zirka 15 Nasen hatten zu diesem Konzert den Weg in die Kulturscheune gefunden; diese hervorragenden Band hätte wahrhaft ein grösseres Publikum verdient!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 25, 2008

Musik voll versöhnlicher Trauer

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:27 am

Gare du Nord: Das Mondrian Ensemble Basel spielte klassische und aktuelle Kompositionen der Neuen Musik.

Haarig schwer zu spielen ist sie, die 2. Sonate für Violine und Klavier von Béla Bartók (1881-1945), die im Rahmen eines Konzertabends in der Gare du Nord im Badischen Bahnhof Basel erklang, zu dem das Mondrian Ensemble Basel geladen hatte. Im Besonderen das sich aus dem 1. Satz (Molto Moderato) entwickelnde Allegretto stellt nicht nur an die Interpreten, sondern auch an die Hörer höchste Anforderungen. Ausgelotet wurde dieses anspruchsvolle Werk von der Violinistin Daniela Müller, deren Spiel zu Beginn noch etwas unsicher und zurückhaltend wirkte, die aber an der anspruchsvollen Aufgabe mehr und mehr wuchs und schliesslich eine energiegeladene Interpretation zuwege brachte. Erheblich zum Gelingen dieses Werkes trug auch die luzide Begleitung der Pianistin Tamriko Kordzaia bei, die zwar gelegentlich an den Fortestellen ihre Partnerin mit ihrem intensiven Spiel etwas in die Defensive drängte, vor allem aber an den Pianostellen durch die warm leuchtende Expressivität in ihrer Wiedergabe zu überzeugen vermochte.
Die aktuelle Komponistengeneration wurde an diesem Abend durch den 1957 in Hamburg geborenen Detlev Müller-Siemens vertreten, der von 1991 bis 2005 eine Professur für Komposition an der Musikhochschule Basel inne hatte und gegenwärtig an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien eine Kompositionsklasse leitet. «Distant traces» für Violine, Viola und Klavier (2007) wurde von Daniela Müller, Tamriko Kordzaia und der zugezogenen Bratschistin Mariana Doughty zu Gehör gebracht. Das Stück zeichnete sich durch eine lebhafte Reihung kurzer ausdrucksstarker Motive aus, die mal rhythmisch vereint, mal in dynamischem Wechselspiel vorgetragen wurden.
Eine ganz andere Stimmung vermittelte da das abschliessend gespielte Trio für Violine, Horn und Klavier von György Ligeti (1923-2006), für dessen Wiedergabe sich das Mondrian Ensemble um den Gastmusiker Martin Roos am Horn erweitert hatte. Das als «Hommage à Brahms» konzipierte Werk eröffnete den 1. Satz (Andantino con tenerezza) mit einer fast schon choralartigen Thematik in der Violine, kontrastiert allerdings durch abweichend rhythmisierte Hornfiguren.
Geradezu atemberaubend dann der 2. Satz (Vivacissimo molto ritmico), ein Art polyrhythmischer Tanz von rasendem Tempo, den das Trio ohne erkennbare Anstrengung locker bewältigte. Nach dem 3. Satz (Alla marcia) klang das Werk im letzten mit «Lamento» überschriebenen Adagio-Satz aus, eine zäsurlos sich steigernde Passacaglia von selten gehörter Trauer, die zu guter Letzt in einem fast schon versöhnlich wirkenden zarten Morendo ausklang.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 24, 2008

Nach allen Regeln der Filmmusik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:01 am

Mit ihrem Projekt «Panzerkreuzer Potemkin» hat die Knabenmusik Basel die hohen Erwartungen vollumfänglich erfüllt.

Mit dem Projekt «Panzerkreuzer Potemkin» habe der Komponist David LeClair «2008 mit dem Stummfilm und der Knabenmusik Basel einen Glücksfall für die Basler Kulturszene initiiert, der seinesgleichen sucht». Diese hohe Erwartungen weckende Äusserung konnte man in den letzten Wochen in den Vorankündigungen zum Konzert der KMB im Stadtcasino Basel lesen. Und in der Tat vermochten sowohl die KMD als auch dessen Leiter und Komponist LeClair diesem Anspruch vollumfänglich gerecht werden.
David LeClair, Tubist im Sinfonieorchester Basel und Lehrer an der Musikhochschule Basel hat für die KMB, die er auch leitet, in über 1000 Stunden freiwilliger Arbeit eine neue Filmmusik zum cineastischen Meisterwerk «Panzerkreuzer Potemkin» des russischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein geschrieben, in dem sich während der russischen Revolution von 1905 Matrosen eines russischen Schlachtschiffs gegen das unmenschliche Regime ihrer zaristischen Offiziere auflehnen.
In monatelanger intensiver Arbeit hat sich das Jugendorchester auf diesen Moment vorbereitet und man hörte das. Mit erstaunlicher Präzision folgten die jungen Musikerinnen und Musikern den Anleitungen des Dirigenten LeClair, der seine Musik auf die Sekunde genau mit dem Film, der hinter dem Orchester auf einer grossen Leinwand lief, abgestimmt hatte und den Klangkörper mittels eines mit der Handlung des Films synchronisierten Pulsgebers über Kopfhörer leitete.
Nach allen Regeln der Filmmusik hatte Le Clair diese erstaunlich modern klingende Partitur gesetzt. Einzelne Figuren der Handlung wurden durch bestimmte Instrumentengruppen definiert, ruhige und friedliche Szenen eher durch die weicheren Holzbläser, lebhafte Massen- und Kampfszenen durch das härtere Blech und vor allem durch die wild wirbelnden Pauken, die der Filmhandlung zusätzliche Dynamik verliehen. Oft wechselte die Musik sogar auf Filmschnitte genau seinen Charakter und wenn der Schiffskoch mit dem Beil das faule Fleisch zerteilte, wurden dessen Beilschläge präzise mit Paukenschlägen untermalt.
Der eigentliche musikalische Höhepunkt bildete aber die berühmte Treppenszene, wo die zaristischen Kosaken das fliehende Volk von Odessa die Stufen runtertreiben und zusammenschiessen. Mit einem marschähnlichen treibenden Puls und wild durcheinander laufenden, den einzelnen Szenen wohl überlegt angepassten Motiven vermochten David LeClair mit seiner KMB diese Filmsequenz emotional aufzuladen. Man darf gespannt sein, ob es der Knabenmusik Basel auch in der Zukunft gelingen wird, ähnlich hohe Erwartungen zu schüren und genau so souverän zu lösen wie dieses Projekt «Panzerkreuzer Potemkin».

November 21, 2008

Eine unendlich tiefsinnige Performance

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:36 pm

Der Sound-Designer und Live-Performer Peter Philippe Weiss bot eine betont tiefschürfende Show mit wenigen musikalischen Überraschungen.

Unter dem Titel «Mindgames» stand die Performance des Filmmusikers, Sound-Designers und Performers Peter Philippe Weiss in der Imprimerie Basel. «You’ll hear what you’ve never seen before» wurde da volllippig angekündigt, ein multimediales Konzept voller Geschichten und Klangwelten mit Traumbildern, Fantasiewelten, Science-Fiction, Erotik und Thriller.
Neugierig also pilgerte man in die ehemalige Volksdruckerei, um sich von Peter Weiss «per Joystick Träume aus seinem Hirn in des eigenen Hirn downloaden zu lassen», wie der Performer sich zu Beginn seiner Show auszudrücken beliebte. «In der Fantasie des Publikums rumwühlen» würde er in seiner «geilsten Game», so erfuhr man und prompt stieg man mit ihm in seiner ersten, mit viel Pathos vorgetragenen wildwuchernden Geschichte in ein Raumschiff, um zu einer futuristischen, seitenverkehrt in den Lüften hängenden Stadt zu reisen, wo ein mysteriöser Liebesbrief geschrieben in einer ornamentalen Schrift der Entdeckung harte. Musikalisch unterlegt wurde diese abstruse Geschichte von düster sich vorwärtsschiebenden, elektronischen Klangmassen ab Computer, die im 4-kanal Surround-Verfahren auf das Publikum einfluteten, wobei Weiss auch mal kurz zur E-Gitarre griff, um handgemacht ein paar schräge Riffs beizusteuern.
Bedeutungsschwanger und mit aufgesetzt wirkender Dramatik wurde man dann mit einer unfertig wirkenden Sprache, die wohl trendy sein sollte, in «purpurne Nebel» entführt, in denen Peter Philippe Weiss davon träumte, ein Schmetterling zu sein und wo er den Fernseher zum Fenster rausschmiss, den Computer runter fuhr und das Handy in den Mikrowellenherd legte. Sehr, sehr kryptisch und wahnsinnig tiefsinnig kam das alles daher, der pädagogische Impetus dahinter glich aber dennoch eher einer Keule den einem Zeigefinger. Und alles wurde musikalisch untermalt mit den immer gleichen sinistren Klangströmen und Technobeats, nur gelegentlich unterbrochen von Vogelgezwitscher und Geräuschen eines Sommergewitters; die schier unbegrenzten Klangmöglichkeiten moderner Computertechnik wurde dabei kaum ausgeschöpft. Fast schon kitschig klangen da die seltenen Momente, wenn Weiss zur akustischen Gitarre griff, um in einer Dubidudu-Scat-Sprache ein Liedchen zu trällern oder am Flügel eine Stückchen irgendwo zwischen Eric Satie und Keith Jarret zum Besten zu geben.
Beinnahe ins unfreiwillig Komische wäre das Ganze gelegentlich abgeglitten, wenn da nicht die grossartigen Dias mit Bildern des Licht-Designers Heinz Schäublin und Projektionen des Videokünstlers Carlos Poete gewesen wären, die immer wieder eindrucksvoll auf Leinwände und Gazebahnen hinter dem Performer Peter Weiss projiziert worden wären. Die Bilder assoziierten florale Muster und bizarre, geometrische Techniklandschaften voll kühler Schönheit, die dem Projekt einen professionellen Anstrich verliehen. Zu Ehren von Peter Philippe Weiss sei doch noch nachgetragen, dass dessen Performance mit einem grossen Applaus und diversen Bravorufen quittiert wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 18, 2008

Ein (un)erwarteter Hammerschlag

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 8:53 pm

AVO-Session: «Jazz and more» lautete das Motto des Abends: für den Jazz war der deutsche Trompeter Till Brönner mit seiner Band zuständig, für das «more» der Frauenliebling und Pop-Grooner Michael Bolton.

«Schuster bleib bei deinen Leisten.» Da ist schon was wahres dran, an dem Spruch, wie man beim Konzert von Michael Bolton anlässlich der AVO-Session im Festsaal der Messe Basel erfahren konnte. So lange der Sänger in seinem angestammten Metier, dem Blue-Eyed-Soul blieb, jener Richtung der Soulmusik, die von weissen Musikern bestritten wird, war alles in der Ordnung. Wenn er beispielsweise mit seiner hellen, warmen, leicht angerauhten Stimme seinen Hit «Soul Provider» oder den Bee Gees-Klassiker «To Love Somebody» anstimmte, verzieh man ihm gerne, dass er wiederholt schwer in den Kitsch abdriftete. Kitsch auf so hohem Niveau zu produzieren, dem man nicht ohne Vergnügen zuhört, ist wahrhaft eine Kunst, die Respekt abverlangt. Sogar den grossen Klassiker «Sittin’ On The Dock Of The Bay» des Soulgiganten Otis Reding brachte Michael Bolton erstaunlich gut herüber.
Nicht unwesentlich zu diesem Erfolg trug Boltens hervorragende Begleitband bei, angefangen bei der sauber arbeitenden Rhythmusgruppe hin zu den vier mit schwarzen Minikleidchen ausstaffierten jungen Ladys, die nicht nur gut aussahen, nein, die auch noch hervorragend singen konnten und mit ihren Blasinstrumenten fetzige Bläserriffs hinzulegen verstanden.
Dass ganze lief dann aus dem Ruder, als Bolton sich dem Metier des Swings zuwandte und versuchte, möglichst nahe am Original Frank Sinatra-Songs nachzusingen. Also entweder arrangiert man diese Stücke neu und passt sie den Möglichkeiten seiner Stimme an, oder man lässt die Finger davon. Aber vom Berg Sinatra mit seiner unvergleichlichen Stimme ist bekanntlich schon manch anderer ziemlich heftig abgestürzt.
Doch es kam noch schlimmer, stimmte doch Bolten tatsächlich noch - horribile dictu - alleine, ohne die fachmännische Unterstützung durch Opernstar Luciano Pavarotti wie einst 1996 auf der CD «Pavarotti and Friends» Giacomo Puccini Arie «Nessun Dorma» aus der Oper Turandot an. Auch wenn man damit rechnen musste, traf es einen wie ein Hammerschlag. Glücklicherweise kehrte Michael Bolton bei seinen zuletzt gesungenen Songs wieder zu seinem angestammten Blue-Eyed-Soul zurück, so dass man sich von diesem niederschmetternden Schock wieder einigermassen erholen konnte.

Hervorragen gespielte Musik

Der zweite Act des Abends, der deutsche Trompeter Till Brönner mit seiner hervorragend besetzten Band vermochte schliesslich mit seiner mitreissend gespielten Musik die derangierten Nerven wieder gänzlich ins Lot zu bringen. Mit einem locker intonierten traditionellen Blues stieg die Band ein. Mehr noch als in diesem Blues überzeugte vor allem die Rhythmusgruppe in einem später gespielten Elektro-Funk à la Miles Davis, in dem Drummer Wolfgang Haffner, Perkussionist Roland Pfeil und Kontrabassist Dieter Ilg mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks zusammenarbeiteten und die Musik mit elektrisierender Energie aufluden.
Grossartig auch das Spiel von Till Brönner auf seiner Trompete: warm und weich, fast wie auf einem Flügelhorn blies er in den ruhigen, balladenhaften Stücken, kraftvoll zupackend in den schnelleren Kompositionen. Und vor allem in den seltenen Fällen, in denen sich die Band dem Hard Bop zuwandte, konnte man mit vollen Zügen Brönners stupende Spieltechnik bewundern.
Doch gerade dieser spieltechnische Ansatz erwies sich gelegentlich auch als Nachteil, neigte der Solist Brönner nicht selten dazu, in balladesken Stücken wie beispielsweise in klassischen Bossa Novas statt sich in ausdrucksstarken Melodielinien zu ergehen, seinem Instrument eine kaum mehr durchhörbare Flut an Tönen zu entlocken (Tenorsaxophonist Stan Getz hat einst gezeigt, wie man das macht).
Auch über Till Brönners Gesangskünste lässt sich mit Fug diskutieren. Zu offenkundig eiferte der Sänger dem gossen Vorbild Chet Baker nach, an dessen magische Gesangskünste er allerdings nicht heranreichte: zu wenig stimmliche Persönlichkeit, zu wenig Temperament war da zu hören. Aber auch wenn Till Brönner im Verlaufe seines Gigs keine wirklichen Überraschungen bot, vermochte er dennoch gemeinsam mit seine hervorragenden Band durch die hohe spieltechnische Qualität seiner Musik zu überzeugen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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