Rolf De Marchi

Januar 30, 2009

Kühl wirkender Interpretationsansatz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:03 pm

Die Pianistin Hélène Grimaud überzeugte bei ihrer Interpretation von Marice Ravels Klavierkonzert G-Dur nur bedingt.

Die Frage, ob die französische Pianistin Hélène Grimaud nun berühmter ist für ihr virtuoses Pianospiel oder eher für ihr Engagement für wildlebende Wölfe soll hier nicht erörtert werden, mögen sich kleingeistige Gemüter mit solchen Problemen herumschlagen. Dass die Dame allerdings hervorragend Klavier spielen kann, hat sie in ihrer gut zwanzigjährigen Karriere hinlänglich bewiesen und auch in ihrem von der AMG veranstalteten Konzert im Stadtcasino Basel hat sie einen weitern Beleg ihres Könnens abgelegt. Erstaunlich dabei war allerdings, dass der Pianostar trotz seiner Reputation und trotz Begleitung durch das renommierte Chamber Orchestra of Europe, das mit Fug zu den besten Sinfonieorchestern des Alten Kontinents gerechnet werden darf, den grossen Konzertsaal des Stadtcasinos nur wenig mehr als über die Hälfte seiner Liebhabern seiner Klavierkünste zu füllen vermochte.
Eine Perle der Pianoliteratur im 20. Jahrhundert stand an diesem Abend auf dem Programm: Marice Ravels (1875-1937) Klavierkonzert in G-Dur (1929-31), über das der Komponist einmal sagte, es sei «ein Konzert im echtesten Sinne dieses Gattungsbegriffs: Damit meine ich, dass es im Geist der Konzerte von Mozart und Saint-Saëns geschrieben ist».
Denn mit Allegramente überschriebenen Kopfsatz interpretierte Hélène Grimaud souverän mit locker wirkender Energie, zupackend begleitet vom Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Vladimir Jurowski, das das Spiel der Solistin mit Ravels flirrenden Instrumentalfarben und jazzangehauchten Rhythmen einfühlsam unterstützte. Beim zweiten mit Adagio assai überschriebenen, im Klassizismus fussenden impressionistischen Mittelsatz mit seinen ausufernden Kantillen spielte die Pianistin dann allerdings erstaunlich distanziert, maschinell fast mit wenig Agogik und Binnendynamik. Wenn man da die Interpretationsansätze von Alexis Weissenberg oder Philippe Entremont im Ohr hat, fällt es einem schwer, diese kühl wirkende Artikulationsweise von Grimaud bei der Wiedergabe dieser gefühlvollen Musik zu akzeptieren. Einigermassen entschädigt für diesen arg nüchtern anmutenden Mittelsatz wurde man dann allerdings durch die mit energetischer Vitalität aufgeladenen Interpretation des vorwärtstreibenden Schlusssatzes.
Neben Ravels brillant-schillerndem Klavierkonzert wirkten die ebenfalls an diesem Konzertabend vom Chamber Orchestra of Europe gespielten «Metamorphosen» für 23 Solostreicher von Richard Strauss (1864-1949) fast schon ein wenig bieder und verstaubt. Immerhin vermochte die ebenfalls gespielte Orchestersuite von Richard Strauss «Der Bürger als Edelmann» op. 60 in puncto kompositorischem Witz und Esprit mit Ravels Musik zufriedenstellend mitzuhalten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 28, 2009

Feurige Energie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:56 pm

Mit mitreissender Verve interpretierte das Bläserensemble Quintett Chantily Werke der Klassik und Romantik.

Die Kammermusik des grossen Dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865-1931) kam ausserhalb Dänemarks erst zur Aufführung, nachdem die Bedeutung seiner Sinfonien erkannt worden war. Neben vier Streichquartetten und 2 Sonaten für Violine und Klavier sowie ein paar weiteren kammermusikalischen Werken schrieb Nielsen auch das spieltechnisch dankbare Bläserquintett für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott op. 43 (1922). Dieses noch tief in der Spätromantik verhaftete Quintett war das einzige Werk des 20. Jahrhunderts, das das in Deutschland beheimatete Quintett Chantily auf das Programm seines Konzertes im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal gesetzt hatte.
Das 18. Jahrhundert wurde an diesem Abend durch Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791) repräsentiert, von dem das Quintett Chantily das Andante F-Dur KV 616 und das Allegro und Andante f-Moll für eine Orgelwalze KV 608 in Bearbeitungen von Guido Schäfer spielte. Die technisch recht anspruchsvollen Bearbeitungen wurden von den fünf Musikern mit verblüffender Präzision und fein austarierter, nie zu Übertreibungen neigender Agogik gespielt. Nicht wirklich überraschend wenn man bedenkt, dass das Ensemble aus fünf jungen Musikern besteht, die bereits verschiedene wichtige Preise abgeräumt haben und sich trotz jungen Jahren bereits fleissig in verschiedenen hervorragenden Kammerensembles und diversen Spitzenorchestern Europas herumtreiben.
Ganz besonders vermochten Pirmin Grehl (Flöte), Florian Grube (Oboe), Johannes Zurl (Klarinette), Dmitry Babanov (Horn) und Bence Boganyi (Fagott) ihr phänomenal präzises Zusammenspiel in einer Bearbeitung des Scherzos aus der Bühnenmusik «Ein Sommernachtstraum» op. 61 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) unter Beweis zu stellen. Zudem spielten die Fünf dieses lebhaft-quirlige Stück mit einer nonchalanten und dennoch packender Leichtigkeit, die atemberaubend war. Und vergleichbar hervorragenden Spitzenköchen, die aus einfachen Zutaten ein vortreffliches Mahl zaubern, verwandelten sie das kompositorisch nicht gerade vom Stuhl reissende Bläserquintett g-Moll von Paul Taffanel (1844-1908) mit ihrem farbenreichen Spiel doch noch in ein spannendes musikalisches Abenteuer.
Dass da das Quintett Chantily am Ende eine Zugabe geben musste, liegt auf der Hand. Mit feuriger Energie aufgeladen interpretierte das Ensemble noch eine Bearbeitung von Astor Piazzollas beliebtem Tango «Primavera Porteña», bei dem die fünf Bläser sogar gekonnt mit schräger Anblastechnik die scharfen Kratzgeräusche der Violine im Original des Tangomeisters Piazzolla kopierten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 22, 2009

Magie der Grossstadt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:32 pm

Begleitet von der basler sinfonietta stellen Jugendliche der WBS De Wette Basel in einer szenischen Tanzperformance ihre Gedanken zum Thema «Grossstadt» dar.

Mit energiegeladener Beweglichkeit, mal sich kreisförmig, mal sternförmig oder sich kontrolliert chaotisch bewegend, vollziehen gut zwei Duzend Jugendliche beiden Geschlechts auf einer grossen Bühne anspruchsvoll wirkende Tanzfiguren zwischen Modern Dance und Hip-Hop. Mal berühren sich die jungen Tänzer, dann stieben sie wieder auseinander, hüpfen in rhythmischer Dynamik auf der Stelle, um wenig später in standbildartigen Figuren zu erstarren, die problemlos einem Bildhauer als Vorlagen dienen könnten.
Nach ein paar klärenden Worten durch den Regisseur und Theaterpädagogen des Stadttheaters Basel Martin Frank wiederholen die jungen Tänzer - die meisten von ihnen dürften zwischen dreizehn und sechzehn sein - ihre Figuren, diesmal allerdings begleitet durch Musik aus einem Ghettoblaster: wilde, eruptive Klangexplosionen und sprudelnde Tonkaskaden des Orchesterwerks «Arcana (1927) des französisch-amerikanischen Komponisten Edgar Varèse (1883-1965).
Dies ist die Beschreibung einer der letzten Proben der Schülerinnen und Schüler der Schulklassen 2x und 2y der WBS De Wette nahe dem Bahnhof SBB in Basel. Zwei Mal soll diese Tanzperformance mit dem Titel «Arcana - der Code der Stadt» am kommenden Sonntag 25. Januar über die Bühne der im vergangenen Herbst in einer ehemaligen Lagerhalle eröffneten «Dreispitzhalle» an der Helsinkistrasse 5 auf dem Basler Gewerbegebiet Dreispitz gehen. Begleitet wird dieses «Education Projekt» von der auf eine rund hundertzehnköpfige Formation angewachsene basler sinfonietta, die das Tanzensemble live mit Varèses «Arcana» begleiten wird.
Grundmaterial für das Projekt waren Gedankenassoziationen der Jugendlichen zum Thema Grossstadt wie «Begegnungen, Bedrohung, Magie, Berührung und Verführung, Einsamkeit, Wohnraum, Kriminalität und natürlich Shoppen. All diese Assoziationen wurden von den jungen Tänzern gemeinsam mit der Choreographin Béatrice Goetz zu Tanzbildern verarbeitet, die anschliessen auf die Musik von Edgar Varèse abgestimmt zu einer zusammenhängenden Choreographie weitergesponnen wurden. Neben dem eruptiven Werk von Varèse, dessen Musik für die hektische Moderne der Grossstadt steht wie wohl keine andere im 20. Jahrhundert, wird zu den etwas harmonischeren Klängen der 3. Sinfonie des russischen Komponisten Sergej Prokofjew (1891-1953) an der weissen Wand der Dreispitzhalle noch ein Videofilm von Sibylle Ott zu sehen sein, in dem die Jugendlichen der Musikklassen der WBS De Wette an einschlägigen Orten Basels ihre Vorstellungen zum Thema «Grossstadt» zur Darstellung bringen.

Hier nochmals die wichtigsten Daten:

«Arcana - der Code der Stadt»
Educations Projekt Region Basel mit Schülern der WBS De Wette Basel
Termin: Sonntag, 25. Januar 2009, 11 Uhr und 19 Uhr
Ort: Dreispitzhalle, Helsinkistrasse 5, 4142 Münchenstein

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 12, 2009

Klangnebel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:13 pm

Gare du Nord / Die Komponisten und Musiker Gualtiero Dazzi, Bruno de Chénérilles und Fritz Hauser hatten zu einer aussergewöhnlichen Performance geladen.

Kaum vernehmbar wie aus dem Nichts setzte er ein, der elektronisch generierte zarter Ton, der mit zunehmender Lautstärke den abgedunkelten Konzertsaal der Gare du Nord mit einem sphärischen Klangnebel zu füllen begann. In der Mitte des Konzertpodiums standen vier asymetrisch aufgestellte, mit schwarzem Tuch bedeckten Tische auf denen eine schwer durchschaubares Sammelsurium an kleinen Perkussionsinstrumenten, Computern mit Bildschirmen, eine Tischgitarre, ein Keyboard, Mischpulte, Videokameras, Lampen, Mikrofonen und vieles mehr lag. Schräg über der Szenerie war eine an ein Sonnensegel erinnernde mehrere Quadratmeter umfassende weisse Leinwand gespannt. Links neben den Tischen wiederum waren ein gutes Dutzend unterschiedlich grosse, weisse Regenschirme auf Gestellen zu einer ausladenden, traubenartigen Einheit zusammenmontiert, die einem Pilz gleich ihren Hut in den Raum reckte. Zu guter letzt war ein Grossteil der alten Kinositze, die normalerweise im Auditorium angeschraubt sind, demontiert und rund um das Konzertpodium an der Wand wieder aufgestellt worden, was es dem Publikum ermöglichte, von allen Seiten Einblick in die Arbeit der Künstler zu nehmen.
«Nuages insolubles - Unauflösliche Wolken» lautete der Titel der Performance, zu der Gualtiero Dazzi (Elektr/Komp), Bruno de Chénérilles (E-Git/Elektr/Komp) und Fritz Hauser (Perc/Komp) in den Bahnhof für Neue Musik im Badischen Bahnhof geladen hatten. Die drei Musiker hatten sich für dieses Projekt mit den beiden jungen Videoperformerinnen Zahra Poonawala und Marie-Anne Bacquet sowie dem Videokünstler Robert Cahen zusammengeschlossen, die an diesem Abend für den optischen Teil der Performance zuständig waren.
Immer mehr also wallte der oben beschriebene sphärische Klangnebel von Lautsprechern wiedergegeben durch den Raum und mit der Zeit lagerten sich das sparsame tickelnde Perkussionsspiel von Fritz Hauser, das prickelnde Zupfen von Bruno de Chénérilles auf seiner Tischgitarre sowie weitere von Gualtiero Dazzi auf seinem Computer generierte Sounds in den Grundklang ein, so dass sich regelrechte Klanglandschaften aufzutürmen begannen, die sich gegenseitig langsam durch den Raum schoben.
Auf der Leinwand über und absolut hinreissend anzusehen auf dem Regenschirmpilz neben der Szenerie wiederum zauberten die Videokünstler mit Videokameras und einfachsten technischen Hilfsmitteln sowie mit vorbereiteten Fotografien feinziselierte Lichtmuster, die wie die Musik einem kontinuierlich laufenden, langsamen Veränderungsprozess unterworfen waren. Sich gegenseitig ergänzend schufen die sechs Künstler so im stilvollen Konzertraum der Gare eine bestrickende Mischung von Anmut und Modernität voll meditativer Ruhe, die nur gelegentlich von wilderen Klangkaskaden und Tonstürmen durchbrochen wurde. So schön kann Avantgarde sein!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Januar 9, 2009

Metamorphosen und Kriechtierattrappen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:56 pm

Gare du Nord / Das Elektronische Studio Basel präsentierte Kompositionsstudierende der Musikhochschule Stuttgart.

Mit einem intensiven Tongewitter eröffnete ein Trio bestehend aus Violine, Violoncello und Klavier das erste Stück des Konzertabends mit dem Titel «Nachtstrom XL», zu dem das elektronische Studio der Musik-Akademie Basel Kompositionsstudierende der Musikhochschule Stuttgart in die Gare du Nord im Basler Badischen Bahnhof eingeladen hatte. «Orders of Complexity» lautete der Titel dieses als erstes gespielte Werk des jungen Komponisten Ori Talmon, bei dem die Verbindung von akustischen Instrumenten mit elektronischer Klangerzeugung zur Anwendung gelangte. Die vom Klaviertrio gespielten Tongruppen und Klangkaskaden wurden via Mikrophone in einen Computer geleitet, dort mittels ausgeklügelter Software transformiert und über zwei Lautsprecher im Raum quasi als vierter Mitspieler wieder in die Musik des spielenden Trios eingeleitet.
Im Unterschied zum ersten Stück verzichtete der zweite auf dem Programm stehende Komponist Juan Berrios mit seinem Werk «Gelb» für Flöte, Klarinette, Vibraphon, Klavier, Violine und Violoncello gänzlich auf Elektronik. Das von Mitgliedern des Baikonur Ensemble der Musikhochschule Stuttgart unter der Leitung von Catharina Centofante gespielte Stück gemahnte steckenweise an die Musik von Anton Webern und Pierre Boulez, es kamen aber auch fast sphärisch wirkende Klangballungen mit Mikrointervallen zum Einsatz.
Nach zwei Uraufführungen von German Brull und Marina Khorkova gelangte das vermutlich gelungenste Werk des Konzerts zu Gehör: Marta Gentiluccis «As Far As The Eye Can See» für Schlagzeug und Elektronik. Im Unterschied zu verschiedenen anderen an diesem Abend gespielten Werke war hier die Vermischung von akustisch gespielten Instrumenten wie Gongs, Vibraphon, Tempelblöcke, Becken etc. mit elektronischen Klängen perfekt gelungen. Beim anschliessend gespielten Stück «Klee-Bild» von Beste Aydin für Viola, Violoncello, Kontrabass und Tonband wirkte die Elektronik eher wie zufällig beigefügt, wenig integriert in das Spiel der auf dem Podium agierenden Musiker.
Origineller war da die Komposition «Metamorphosen des Narziss» von Elena Anisimova, das durch unkonventionelle Spieltechniken auf dem von Clara Gervais gespielten Kontrabass überzeugte, der am Schuss des Stückes ganz kurz noch mit den Fingerkuppen «gespielte» Luftballon allerdings wirkte etwas aufgesetzt und deplaziert. Beim letzten interpretierten Stück von Steffen Krebber für ein Sextett mit elektronischem Zuspiel beschränkte sich die Originalität auf den ein wenig gesucht wirkenden Titel «Aufstieg und Fall ausserweltlicher Flug- und Kriechtierattrappen im 27. und 28. Jahrhundert».

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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