Kühl wirkender Interpretationsansatz
Die Pianistin Hélène Grimaud überzeugte bei ihrer Interpretation von Marice Ravels Klavierkonzert G-Dur nur bedingt.
Die Frage, ob die französische Pianistin Hélène Grimaud nun berühmter ist für ihr virtuoses Pianospiel oder eher für ihr Engagement für wildlebende Wölfe soll hier nicht erörtert werden, mögen sich kleingeistige Gemüter mit solchen Problemen herumschlagen. Dass die Dame allerdings hervorragend Klavier spielen kann, hat sie in ihrer gut zwanzigjährigen Karriere hinlänglich bewiesen und auch in ihrem von der AMG veranstalteten Konzert im Stadtcasino Basel hat sie einen weitern Beleg ihres Könnens abgelegt. Erstaunlich dabei war allerdings, dass der Pianostar trotz seiner Reputation und trotz Begleitung durch das renommierte Chamber Orchestra of Europe, das mit Fug zu den besten Sinfonieorchestern des Alten Kontinents gerechnet werden darf, den grossen Konzertsaal des Stadtcasinos nur wenig mehr als über die Hälfte seiner Liebhabern seiner Klavierkünste zu füllen vermochte.
Eine Perle der Pianoliteratur im 20. Jahrhundert stand an diesem Abend auf dem Programm: Marice Ravels (1875-1937) Klavierkonzert in G-Dur (1929-31), über das der Komponist einmal sagte, es sei «ein Konzert im echtesten Sinne dieses Gattungsbegriffs: Damit meine ich, dass es im Geist der Konzerte von Mozart und Saint-Saëns geschrieben ist».
Denn mit Allegramente überschriebenen Kopfsatz interpretierte Hélène Grimaud souverän mit locker wirkender Energie, zupackend begleitet vom Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Vladimir Jurowski, das das Spiel der Solistin mit Ravels flirrenden Instrumentalfarben und jazzangehauchten Rhythmen einfühlsam unterstützte. Beim zweiten mit Adagio assai überschriebenen, im Klassizismus fussenden impressionistischen Mittelsatz mit seinen ausufernden Kantillen spielte die Pianistin dann allerdings erstaunlich distanziert, maschinell fast mit wenig Agogik und Binnendynamik. Wenn man da die Interpretationsansätze von Alexis Weissenberg oder Philippe Entremont im Ohr hat, fällt es einem schwer, diese kühl wirkende Artikulationsweise von Grimaud bei der Wiedergabe dieser gefühlvollen Musik zu akzeptieren. Einigermassen entschädigt für diesen arg nüchtern anmutenden Mittelsatz wurde man dann allerdings durch die mit energetischer Vitalität aufgeladenen Interpretation des vorwärtstreibenden Schlusssatzes.
Neben Ravels brillant-schillerndem Klavierkonzert wirkten die ebenfalls an diesem Konzertabend vom Chamber Orchestra of Europe gespielten «Metamorphosen» für 23 Solostreicher von Richard Strauss (1864-1949) fast schon ein wenig bieder und verstaubt. Immerhin vermochte die ebenfalls gespielte Orchestersuite von Richard Strauss «Der Bürger als Edelmann» op. 60 in puncto kompositorischem Witz und Esprit mit Ravels Musik zufriedenstellend mitzuhalten.
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung