Phänomenales Zusammenspiel
Mit phänomenaler Virtuosität interpretierte der Violinist Kolja Blacher gemeinsam mit dem Pianisten Vassilij Lobanov ein stilistisch ausgewogenes Programm.
Es kommt nicht so selten vor, dass Musiker beim Spielen zu wenig Zeit zum Umblättern ihrer Noten haben. Oft lösen die Interpreten dieses Problem, in dem sie drei, vier oder gar fünf Seiten aneinander kleben und diese auf zwei neben einander aufgestellte Notenständer legen. Dass allerdings ein Musiker gleich zehn Notenblätter neben und übereinander fast bis zur Plakatgrösse zusammenklebt und auf zwei wackelige Notenständer stellt, dass hat nun wirklich Seltenheitswert.
Kolja Blacher heisst der Mann, seines Zeichens begnadeter Violinist, der anlässlich seines Konzertes im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal ein solches zusammengeklebtes Konvolut an Notenblättern im Hintergrund der Bühne aufstellte. Blacher unterrichtet an der Hamburger Musikhochschule Violine und Kammermusik und hat mit vielen führenden Orchestern und Dirigenten zusammengespielt.
Und während man nun neugierig darauf wartete, was es wohl mit diesen Noten auf sich hatte, interpretierte Kolja Blacher gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Vassilji Lobanov am Piano mit Verve Johann Sebastian Bachs Sonate E-Dur für Violine und Basso Continuo. Hier wie schon zuvor bei der Violinsonate B-Dur KV 454 von Wolfgang Amadé Mozart verblüfften die beiden durch die unglaubliche Präzision ihres Zusammenspiels. Mit fast traumwandlerischer Sicherheit stimmten die beiden Musiker jedes thematische Wechselspiel, jedes Rubato, jede dynamische Veränderung auf das genauste aufeinander ab.
Fantastisch auch, wie es den Interpreten gelang, Mozarts Musik von den oft zu hörenden übertriebenen Süsslichkeiten und Überbetonungen der quirligen Verspieltheit zu entschlacken, ohne dabei aber mechanisch-kalter Reproduktion zu verfallen. Im Gegenteil gelang es dem Duo aufs angenehmste, die Sonate mit angemessener Wärme, Leichtigkeit und Energie aufzuladen und so Mozarts Musik ungemein gerecht zu werden.
Auch Leos Janáceks (1854-1928) Sonate für Violine und Klavier gelang den beiden ausnehmend gut und Bachs Violinsonate verwandelten die beiden in ein wahres Gedicht. Im Besonderen das Adagio ma non tanto wurde von Kolja Blacher mit inniger Ausdruckskraft interpretiert ohne dabei auch nur für einen Moment in die Nähe des Kitsches zu geraten.
Doch schliesslich zur Lösung des Rätsels der zusammengeklebten Noten: Um das Allegretto aus Dimitrij Schostakowitsch (1906-1975) Sonate G-Dur für Violine und Klavier op. 134 handelte es sich dabei, ein Stück, das technisch höchst anspruchsvoll und mit atemberaubendem Tempo praktisch ohne Pause durchgespielt werden muss. Dieser wahnsinnige Kraftakt löste Kolja Blacher und sein Partner Vassilji Lobanov mit solcher Bravour, dass sich das Publikum zu einem spontanen Zwischenapplaus hinreissen liess, was allerdings vom Violinisten mit einem leichten Schatten des Unmuts auf dem Gesicht quittiert wurde.
Wieder versöhnt spielte der Maestro mit seinem Partner am Ende des Konzertes noch als Zugabe den an Anmut und Grazie kaum zu überbietenden 1. Satz aus César Francks (1822-1890) Sonate für Violine und Klavier A-Dur.
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung