Rolf De Marchi

Februar 18, 2009

Phänomenales Zusammenspiel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:23 pm

Mit phänomenaler Virtuosität interpretierte der Violinist Kolja Blacher gemeinsam mit dem Pianisten Vassilij Lobanov ein stilistisch ausgewogenes Programm.

Es kommt nicht so selten vor, dass Musiker beim Spielen zu wenig Zeit zum Umblättern ihrer Noten haben. Oft lösen die Interpreten dieses Problem, in dem sie drei, vier oder gar fünf Seiten aneinander kleben und diese auf zwei neben einander aufgestellte Notenständer legen. Dass allerdings ein Musiker gleich zehn Notenblätter neben und übereinander fast bis zur Plakatgrösse zusammenklebt und auf zwei wackelige Notenständer stellt, dass hat nun wirklich Seltenheitswert.
Kolja Blacher heisst der Mann, seines Zeichens begnadeter Violinist, der anlässlich seines Konzertes im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal ein solches zusammengeklebtes Konvolut an Notenblättern im Hintergrund der Bühne aufstellte. Blacher unterrichtet an der Hamburger Musikhochschule Violine und Kammermusik und hat mit vielen führenden Orchestern und Dirigenten zusammengespielt.
Und während man nun neugierig darauf wartete, was es wohl mit diesen Noten auf sich hatte, interpretierte Kolja Blacher gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Vassilji Lobanov am Piano mit Verve Johann Sebastian Bachs Sonate E-Dur für Violine und Basso Continuo. Hier wie schon zuvor bei der Violinsonate B-Dur KV 454 von Wolfgang Amadé Mozart verblüfften die beiden durch die unglaubliche Präzision ihres Zusammenspiels. Mit fast traumwandlerischer Sicherheit stimmten die beiden Musiker jedes thematische Wechselspiel, jedes Rubato, jede dynamische Veränderung auf das genauste aufeinander ab.
Fantastisch auch, wie es den Interpreten gelang, Mozarts Musik von den oft zu hörenden übertriebenen Süsslichkeiten und Überbetonungen der quirligen Verspieltheit zu entschlacken, ohne dabei aber mechanisch-kalter Reproduktion zu verfallen. Im Gegenteil gelang es dem Duo aufs angenehmste, die Sonate mit angemessener Wärme, Leichtigkeit und Energie aufzuladen und so Mozarts Musik ungemein gerecht zu werden.
Auch Leos Janáceks (1854-1928) Sonate für Violine und Klavier gelang den beiden ausnehmend gut und Bachs Violinsonate verwandelten die beiden in ein wahres Gedicht. Im Besonderen das Adagio ma non tanto wurde von Kolja Blacher mit inniger Ausdruckskraft interpretiert ohne dabei auch nur für einen Moment in die Nähe des Kitsches zu geraten.
Doch schliesslich zur Lösung des Rätsels der zusammengeklebten Noten: Um das Allegretto aus Dimitrij Schostakowitsch (1906-1975) Sonate G-Dur für Violine und Klavier op. 134 handelte es sich dabei, ein Stück, das technisch höchst anspruchsvoll und mit atemberaubendem Tempo praktisch ohne Pause durchgespielt werden muss. Dieser wahnsinnige Kraftakt löste Kolja Blacher und sein Partner Vassilji Lobanov mit solcher Bravour, dass sich das Publikum zu einem spontanen Zwischenapplaus hinreissen liess, was allerdings vom Violinisten mit einem leichten Schatten des Unmuts auf dem Gesicht quittiert wurde.
Wieder versöhnt spielte der Maestro mit seinem Partner am Ende des Konzertes noch als Zugabe den an Anmut und Grazie kaum zu überbietenden 1. Satz aus César Francks (1822-1890) Sonate für Violine und Klavier A-Dur.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 11, 2009

Druckvolles Powerplay

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:24 am

Bird’s Eye Jazz Club Basel / Neben dem Klaviertrio Friedli-Fontanilles-Stulz vermochte vor allem das Ostschweizer Quartett Jalazz zu überzeugen.

Mit einer regelrechten Klangorgie eröffnete das Ostschweizer Quartett Jalazz den zweiten Set des Konzertabends im Bird’s Eye Jazz Club in Basel: Pianist Fabian Mueller traktierte mit beiden Händen die Saiten im Inneren seines Flügels, mit druckvoller Intensität bearbeitete Bassist Dusan Prusák die Saiten seines Instruments mit dem Bogen, Drummer Jan Geiger drückte auf seinem Schlagzeug eine Flut an Rolls, Schlägen und Beats in den Raum und über alledem legte Stefan Widmer mit seinem Altosax ein an Intensität kaum zu überbietendes Feuerwerk an Trillern, Glissandi und Tonkaskaden im Flageolettbereich.
Fast etwas Befreiendes hatte dieses Powerplay von Jalazz nach dem ersten Set des Friedli-Fontanilles-Stulz-Trios an diesem Abend im Rahmen der Suisse Diagonales Jazz 2009, die an 20 Veranstaltungsorten im Lande zehn junge Schweizer Jazzformationen präsentiert. Spieltechnisch brillant, ohne Zweifel, hatte das Klaviertrio um Pianist Olivier Friedli mit Fernando Fontanilles am Bass und Michael Stulz an den Drums das Konzert mit dem ersten Set eröffnet. Auch waren wiederholt originelle Themen zu hören wie beispielsweise in den Stücken «Spring Nose» oder «Playground», in denen durch unerwartete Breaks sowie überraschende Groove- und Tempowechsel raffiniert die Hörerwartungen hinters Licht geführt wurden. Ganz besonders auch überzeugte das Trio mit seinen Balladen wie «And She Saw the Light» oder «Travelling East», die es mit anrührender Sensibilität vortrug. Jedoch trotz aller hochstehenden Spieltechnik wirkte die Musik von Friedli-Fontanilles-Stulz im Besonderen in den Solos über weite Strecken auch etwas brav und zu sehr nach den standardisierten Regeln der Jazztheorie gespielt.
Von ganz anderem Kaliber war da Jalazz, das sich stilistisch auf einem wesentlich breiteren Feld bewegte: Von rockigen Beats über Hard und Free Bob hin bis zu jede harmonische Regel sprengendem freien Spiel war da zu hören. Neben den klugen Arrangements und dem hochstehenden Können der vier Musiker auf ihren Instrumenten vermochte Jalazz vor allem durch seinem enormen Druck zu überzeugen, mit dem das Gespielte vorgetragen wurde. Wenn Pianist Fabian Mueller improvisierte, wagte er sich weit vor in die Chromatik und sobald Saxophonist Stefan Widmer mal sein Altosax beiseite legte und zum Tenor griff, war man überwältigt von dessen klangvoll-sonoren Ton und dessen tonal weitgespannten Licks, Riffs und Sequenzen. Es ist zu hoffen, dass man auch in Zukunft noch öfters dieses formidable Quartett zu hören kriegt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 6, 2009

Songs und Melodien

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:56 pm

Gare du Nord / Hans-Peter Frehner und das Ensemble für Neue Musik Zürich präsentierte zusammen mit «Friends» ein buntes Potpourri verschiedenster stilistischer Zutaten.

Möglich, dass der eine oder andere Zuhörer bei Konzert des «King Ubu’s Farewell Ensemble II» in der Gare du Nord ein wenig enttäuscht war. Zumindest diejenigen, die gehofft hatten, es würde an diesem Konzertabend des Ensembles für Neue Musik Zürich, das sich eigentlich gemeinsam mit «Friends» hinter dem «King Ubu-Ensemble» verbarg, ähnlich fies und radikal zu und her gehen wie in Alfred Jarrys 1896 uraufgeführtem Stück «Ubu roi», sahen sich vielleicht getäuscht. Für das Ensemble und dessen Leiter Hans-Peter Frehner, der das an diesem Abend gespielte Werk «Songs & Melodies» für zwei Stimmen und grosses Ensemble komponiert hat, stand wohl eher das «Farewell» von ubu roi im Vordergrund.
Immerhin gab es aber doch ab und zu Momente, wo der perverse, zum König avancierte Kleinbürger Ubu kurz sein Haupt erhob, wo harte, schräge Akkorde vom Ensemble in den schönen Konzertsaal der Gare gestemmt wurden oder wo die 12 Musiker in wildes, frei improvisiertes Spiel ausbrachen.
Über viele Jahre seine Musikerlaufbahn hat der Leiter des Ensembles für Neue Musik Zürich Hans-Peter Frehner (1953) einen Zettelkasten mit Musikfragmenten und Melodien verschiedenster stilistischer Provenienz aufgebaut. Diesen Fundus hat er nun für sein Ubu-Projekt geplündert und zu einer Art Suite von gut einer Stunde zusammengebastelt. Dementsprechend bekam das geneigte Publikum ein stilistisch buntes Potpourri serviert, zusammengestückelt aber dennoch nie epigonal, erfrischend frech, kompositorisch gelegentlich etwas naiv aber vielleicht gerade deshalb auch so anregend.
Mal wähnte man sich in einem Arrangement des grossen Big Band-Leaders Gil Evans, dann wieder glaubte man sich in einem Tune des frühen Vienna Art Orchestra der 70er versetzt, als dieses noch mehr als einfach nur sehr gut war. Generell erinnerte die Musik oft an die Filmmusik der 70er-Jahre, wo häufig fetter, schräger Big Band-Sound zum Einsatz kamen. Mal waren popige Melodien und Riffs zu hören, mal avantgardistische Klanglandschaften, dann wieder waren Fetzten Schweizer Volks-Musik zu hören.
Der Erfolg der Komposition «Songs & Melodies» war nicht zuletzt auch der hervorragenden Besetzung des Ensembles zu verdanken. Neben dem 6-köpfigen Ensemble für Neue Musik Zürich hatte Hans-Peter Frehner auch mehrere «Friends» wie den Saxophonist Raphael Camenisch (Ensemble Phoenix) sowie den Jazzdrummer Lucas Niggli (ZOOM), den Gitarrist Philipp Schaufelberger (ZOOM) und den Trompeter Mats Spillmann (Mats-up) eingeladen, die für die relativ seltenen improvisierten Solos zuständig waren. Besonders erfrischend aber waren die beiden Sängerinnen Kornelia Bruggmann und Anna Trauffer anzuhören, die vor allem durch ihre natürlich wirkende Spontaneität zu überzeugen vermochten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 4, 2009

Stilistisch überraschend vielseitig

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:37 pm

Die neue CD «Kin’ de Lele» der Basler A-cappella-Vokalgruppe «The Glue» zeichnet sich durch musikalische Originalität und sprachlichem Witz aus.

Rund zwölf Jahre ist es her, dass sich fünf junge Burschen, die bei der Knabenmusik Basel die Kunst des gepflegten Chorgesangs erlernt hatten, zu einem Gesangsensemble zusammenschlossen, um sich dem A-cappella-Gesang zu widmen. «The Glue» wie sich das junge Ensemble nannte, sang anfänglich vorwiegend Covers, die sie an Geburtstagen und Hochzeiten vortrug. Im Laufe der Jahre allerdings entwickele die Gesangstruppe immer mehr stilistische Eigenständigkeit, was mit dazu beitrug, die fünf Sänger in der Schweiz und auch im benachbarten Deutschland bekannt zu machen.
Auch die verschiedenen personellen Ab- und Neuzugänge seit der Gründung von «The Glue» 1997 dürfte zur stilistischen Weiterentwicklung beigetragen haben. Neben dem Tenor Jonas Göttin ist nur noch der zum Chorleiter und Musiklehrer ausgebildete Bariton Olivier Rudin von der Urbesetzung 1997 übrig geblieben. Neuzugänge sind der Bariton Tumasch Clalüna, der Bass Gregor Beermann, der Bass und Beatboxer Florens Meury sowie seit 2008 das neuste Mitglied, der Sänger und Beatboxer Florian Volkmann, der den Master in Komposition und Arrangement gemacht hat.
2001 veröffentlichte «The Glue» ihre erste CD «mundwerk» mit bekannten Songs und Eigenkompositionen. Nach zwei weiteren Alben präsentierte die A-Cappella-Gruppe 2005 ihre vierte CD «Boca Juniors», seither wartet die stetig wachsende Fan-Gemeinde vergeblich auf eine weitere Silberscheibe der Vokalkünstler. Doch das lange Warten hat sich gelohnt, hat das inzwischen auf sechs Mann angewachsenen Ensemble schliesslich doch noch einen neue, selbst produzierte CD eingesungen. «Kin’ de Lele» lautet der Titel dieser Scheibe, der nicht ganz zufällig Assoziationen an Afrika weckt, sind doch im gleichnamigen Titelstück starke Anklänge an die reiche südafrikanische Chortradition zu hören.
Generell zeichnen sich die Songs auf dieser CD durch eine grosse stilistische Bandbreite aus. Von in irischem Gesangsstil fussenden Songs wie «I Just Missed Bus 146» hin zu jazzigen Grooves wie im «Johnny Balboa» sind da zu hören. Italorock taucht im liebevoll gestalteten «Giovanni, Silvio e la Sorella» auf und im witzig angelegten «Schnitzel» wird man atmosphärisch auf den Wiener Prater versetzt. Originell arrangiert auch die wenigen Covers auf dem Tonträger wie beispielsweise der legendäre von Jonny Cash gecoverte Animals-Song «Ring of Fire», den «The Glue» witzig zu einer Ennio Morricone-Parodie verwurstet hat.
Verschiedene dieser Songs hat das Gesangsensemble an aufnahmetechnisch überraschend unkonventionellen Orten aufgenommen. «Sackpfeifen auf dem Bau» beispielsweise wurde neben einer Baustelle eingesungen, auf der eine laut summende Zementmaschine zu hören ist, deren kontinuierlicher Sound als Bordunklang diente. Für «Lällekeenig» wiederum begaben sich die Sänger in ein Basler Trämli, um zwischen der Schifflände und der Rheingasse eine Kurzfassung des Titelsongs «Kin’ de Lele» einzusingen. Nicht zuletzt vermag die neue CD von «The Glue» auch durch die Originalität der Texte zu überzeugen, die sich gelegentlich durch Tiefgang, meist aber durch sprühenden Witz auszeichnen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

0.206 sekunden WP 1.5    xhtml css