Rolf De Marchi

März 31, 2009

Ein überzeugender Einstand

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:13 pm

Obwohl man beim Eröffnungskonzert des Blues Festival Basel 2009 nur wenig klassischen Blues zu hören bekam, vermochten Sängerin Lisa Doby und Gitarrist Ian Parker voll zu überzeugen.

Ein paar Leute aus dem Show Business hätten ihn mal dazu überredet, keine depressiven Songs mehr zu schreiben, berichtete der begnadeten Gitarrist Ian Parker anlässlich des Eröffnungskonzerts des 10. Blues Festivals Basel im Grand Casino Basel. Darauf hätte er angestrengt versucht, ein Happy Boy zu sein und Happy Songs zu schreiben, erzählte das Gitarrentalent aus dem Englischen Birmingham weiter, was ihm allerdings gänzlich misslungen sei, worauf er sofort wieder ein paar depressive Songs geschrieben habe.
Nun, gar so deprimierend, wie diese Worte vermuten lassen, ist es an diesem Abend dann doch nicht geworden. Dafür sorgte schon die US-Sängerin Lisa Doby mit ihrer vierköpfigen Band, die das Konzert, das unter dem Motto «Blues & Rock» stand, eröffnete. Zwar rätselte man praktisch während des ganzen Auftritts der begabten jungen Sängerin, warum sie an das Blues Festival eingeladen worden war, bekam man doch fast bis ans Ende ihres Auftritts keinen einzigen Song zu hören, der klar als Blues erkennbar war. Dennoch vermochte Lisa Doby, die übrigens ihre Karriere als Backup Sängerin bei Patricia Kaas gestartet hat, mit ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrer warmen, leicht rauchigen Stimme zu überzeugen. Ruhige, fast unplugged wirkende Rocksongs mit einem starken Souleinschlag dominierten zu Beginn ihr Programm. Dabei bekam man erstaunlich klug arrangierte Klangbilder zu hören wie beispielsweise der Song «Time» von ihrer CD «Free to Be», in dem sensibel die flüchtig zerrinnende Zeit mit dem Picking der Gitarre und den Obertönen des E-Basses dargestellt wurde.
Im weitern Verlauf des Konzerts dann dominierten immer mehr knackigen Funkrhythmen wie im legendären John Fogerty-Hit «Proud Mary» oder im ungemein reizvoll arrangierten Lennon/McCartney-Klassiker «Eleanor Rigby». Den absoluten Höhepunkt aber bot Lisa Doby mit ihrer ersten Zugabe, dem Aretha Franklin-Song «Dr. Feelgood (Love Is A Serious Business)», wo der Blues dann doch noch voll zu seinem Recht kam und die Sängerin die ganze soulige Ausdruckskraft ihrer Stimme grossartig unter Beweis stellen konnte.
Mehr als nur Spurenelement von Blues waren wiederholt in den Songs des anschliessend auftretenden Britischen Gitarristen Ian Parker mit seinen drei Begleitmusikern zu hören. Clever konstruierte Songs meist im klassischen Strophe-Refrain-Schema wie «Winding River» oder «In The Morning» mit kernig gespielten, unkomplizierten Bassriffs von Steve Amadeo und klaren Drumbeats von Wayne Proctor überlagert von akzentuiert groovenden Chords des Keyboarders Morg’ Morgan bildeten das Geheimnis seiner gut durchhörbaren Musik. Vorwiegend Songs von seiner letzten live eingespielten CD «The Official Bootleg» und dem vorgängigen Album «Where I Belong» bekam man da zu hören. Die unverkennbaren Einflüsse des Blues aber kamen vor allem in Songs wie «Take My Hand», «People Come, People go», «Love So Cold» und natürlich in den Klassikern von Blind Willie Johnson (1902-1945) wie beispielweise «The Soul Of A Man» zur Geltung; und natürlich in den phantastischen, vom Blues regelrecht durchtränkten virtuosen Gitarrensoli von Ian Parker himself.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Gläsern-zarte Klanggespinste

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:44 am

Neben einer Komposition des Avantgarde-Klassikers Luciano Berio brachte das Ensemble Cercles neuere Werke zeitgenössischer Komponisten zu Gehör.

Die Texte des französischen Dichters Stéphane Mallarmé (1842-1898) scheinen über besondere musiktaugliche Qualitäten zu verfügen, die schon manchen Komponisten in den Bann geschlagen haben. Claude Debussy, Maurice Ravel, Darius Milhaud, Pierre Boulez, um nur die wichtigsten zu nennen, haben Gedicht von Mallarmé vertont. Und der Reiz, diese Poesie in Musik zu setzen, scheint bis heute ungebrochen zu sein, wie die «Trois Poemes de Stéphane Mallarmé» (2009) von Victor Cordero (1971) beweisen, die vom vierköpfigen Welschen L’ensemble Cercles bei einem Konzert in der Gare du Nord zur Aufführung gebracht wurden.
Voll in der Tradition seiner grossen Vorgänger stehend, hat sich der Katalanischen Komponist Victor Gordero als erstes an das Gedicht «Placet Futile» gewagt, das schon von Debussy und Ravel adäquat vertont wurde. Mit gläsern-zarten Klanggespinsten begleiteten Serge Vuille an der Marimba, Julien Annoni am Vibraphon und Manon Pierrehumbert an der Harfe den in freier Melodik gesetzten Text, der vom Sopran Clara Meloni mit klarer Stimme vorgetragen wurde. Beim darauffolgenden Lied «Eventail» bearbeitete die Harfenistin Pierrehumbert die Saiten ihres Instruments mit einer Stimmgabel, wodurch sie fremdartige mit Ziehtönen durchsetzte Klänge generierte, die an die japanische Zither Koto erinnerten. Das dritte Mallarmé-Gedicht schliesslich hatte Komponist Gordero in ein üppiges Klanggestrüpp unterschiedlichster Perkussionsinstrumente wie Xylophon, Röhrenglocken, Gongs und Pauken eingebettet.
Die vier jungen Musiker des Ensemble Cercles wurden in Neuchâtel und La Chaux-de-Fonds ausgebildet und hatte sich 2006 formiert, um das hinreissende Werk «Circles» des italienischen Komponisten Luciano Berio (1925-2003) zur Aufführung zu bringen. Dieses sprühende Werk voller Spielwitz, in dem Berio Gedichte des US-amerikanischen Dichters Edward Estlin Cummings (1894-1962) auf originelle Weise vertont hat, wurde vom Quartett ebenfalls mit Verve wiedergegeben. Neben den schräg-verdrehten Vokalpartien vermochten die wiederholt einsetzenden, wilden Klangorgien auf den Perkussionsinstrumenten besonders zu beeindrucken.
Neben diesen beiden Werken wurde an diesem Konzertabend des Ensemble Circles in der Gare du Nord noch die «Fractions du silence huitieme livre» (1998) nach Gedichten von André du Bouchet (1924-2001) und komponiert von Bertrand Dubedout (1958) zu Gehör gebracht.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 29, 2009

Mit einigem Vergnügen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:38 am

Das Neue Orchester Basel hatte für sein Frühlingskonzert Werke der Klassik und Romantik auf das Programm gesetzt.

Inzwischen dürfte sich allgemein herumgesprochen haben, dass das laufende Jahr 2009 ein «Haydn-Jahr» ist, da der grosse Meister der Wiener Klassik Joseph Haydn (1732-1809) vor zweihundert Jahren gestorben ist. Diesem Jubiläum vermochte sich auch das Neue Orchester Basel bei seinem Frühlingskonzert unter der Leitung seines Gründers Bela Guyas in der Martinskirche Basel nicht zu entziehen und hatte deshalb Haydns Sinfonie Nr. 89 in F-Dur (1787) auf das Programm gesetzt.
Etwas brav und konturlos wirkte die Wiedergabe dieses Werks, bei dem es sich vermutlich um eine Gelegenheitsarbeit Haydns handelte, verwendete dieser hier doch zwei Sätze aus seinem zwei Jahre zuvor geschriebenen Konzert für zwei Lyren, Hörner und Streicher. Immerhin vermochten die Bläser durch deutliche Präsenz zu überzeugen, bei den Violinen allerdings, die vor allem mit jungen, noch etwas unerfahren wirkenden Musikerinnen und Musikern besetzten waren, gerieten im Besonderen im Kopfsatz (Vivace) die schnellen Läufe in Folge uneinheitlichen Spiels wiederholt undeutlich und diffus.
Wesentlich besser schnitt das NOB bei der Begleitung des Solisten Dimitri Ashkenazy ab, der mit Bravour Carl-Maria von Webers (1786-1826) Klarinettenkonzert Nr. 2 Es-Dur op. 74 (1811) interpretierte. Fast wie ein Katalysator schien das mitreissende Spiel des Klarinettisten auf das Orchester zu wirken, das nun erheblich zupackender musizierte, ohne dabei je den Solisten in Bedrängnis zu bringen. Mit makelloser Technik wiederum interpretierte Dimitri Ashkenazy seinen Solopart, dynamisch sorgfältig abgestuft und unter Verzicht von übertriebener Agogik, zu der Webers Musik die Interpreten gelegentlich zu verleiten vermag. Im Besonderen im Schlusssatz (Alla polacca), der mit seinen rhythmischen Finessen zum anspruchsvollsten der gesamten Klarinettenliteratur gerechnet werden muss, vermochte der Interpret mit seiner stupenden Spieltechnik zu überzeugen.
Mittlerweile eingespielt konnte sich das NOB noch an das letzte Werk seines Frühlingskonzerts wagen: Die Sinfonie Nr. 2 in Es-Dur (1855) des französischen Komponisten Charles Gounod (1818-1893), der vor allem durch seine Oper «Faust» Berühmtheit erlangt hatte. Bei der Interpretation dieses der klassischen Tradition verpflichteten, wohlproportionierten Werks war ein durchdachtes Konzept spürbar und auch wenn die Violinen vor allem im 2. Satz etwas schwerfällig wirkten und immer noch mit Intonations- und Präzisionsproblemen zu kämpfen hatten, hörten man doch dem Neuen Orchester Basel bei der Wiedergabe von Gounods wohlklingender Musik mit einigem Vergnügen zu.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 25, 2009

Sentiment ohne Kitsch

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:03 pm

Das Klavierduo Vilija Poskute und Tomas Daukantas überzeugte sowohl in puncto Ausdruckskraft als auch ihrer perfekt abgestimmter Virtuosität.

Théodore Dubois, seines Zeichens Direktor des Conservatoire de Paris, meinte um 1900 gegenüber dem französischen Tonsetzer Gabriel Fauré, dass dieser sich keine Illusionen über die musikalische Begabung des angehenden Komponisten Maurice Ravel (1875-1937) machen solle. Wie sehr sich dieser Mann im Talent seines jungen Landsmanns getäuscht hat, konnte man exemplarisch in einem Konzert des Klavierduos Vilija Poskute und Tomas Daukantas im Rahmen der Kammermusik um Halb Acht im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel erfahren.
Einem feinen Parfumduft gleich liess das Duo mit fast schon an Magie grenzender Zartheit das ununterbrochen sich wiederholende, larmoyant absinkende 4-Ton-Motiv des «Prélude à la nuit» aus Ravels «Rhapsodie espagnole» (1907) aus dem Flügel aufsteigen. Mit bewegender Ausdruckskraft zauberte Vilija Poskute die zwischen Melancholie und Hoffnung pendelnden Kantilenen der Oberstimme über das abwärts schraubende Ostinatomotiv.
Wesentlich fröhlicher dann die scherzoartige Malagueña mit ihren jubilierenden Einwürfen und die etwas bedächtigere Habanera mit ihren tangoartigen Verschleifungen. Im turbulenten Feria-Finale schliesslich lieferte das Duo einen Beweis für seine mit phänomenaler Präzision vorgetragenen stupenden Virtuosität.
Neben der dem Impressionismus zuzurechnenden Musik von Ravel hatte das Duo vor allem Werke der Romantik programmiert. Angefangen mit dem für seine süffigen Harmonien und Melodien bekannte Camille Saint-Saëns (1835-1921), von dem sie drei Stücke aus dessen bekannteste Oper «Samson und Dalila» in vierhändigen Bearbeitungen von Paul Dukas spielten. Klang das Prélude dieses als erstes realisierten Werks noch etwas unsicher, holten die Interpreten mit perfekt aufeinander abgestimmter Agogik alles an Sentiment aus dem «Mon cœur s’ouvre à ta voix», ohne dabei auch nur für einen Moment dem Kitsch zu verfallen. Bei der «Danse bacchanale» wiederum brillierte das Duo mit der schon erwähnten Virtuosität.
Neben Felix Mendelssohns makellos gespielten «Andante und Allegro brillant» op. 92 und Franz Schuberts «Fantasie» f-Moll op. 103 interpretierte das Paar noch die bezaubernden «Jeux d’enfants» op. 22 von Georges Bizet (1838-1875). Mit offensichtlichem Spielwitz holten die beiden alles aus diesen 12 kompositorischen Kleinoden mit ihrem raffiniert verschachteltem Wechselspiel zwischen den Stimmen, ohne dabei auch nur einen Hauch von Unsicherheit erkennen zu lassen.
Dass nach soviel Brillanz und Virtuosität der an genialer Sentimentalität kaum zu überbietende «Schwan» aus dem «Le Canaval des animaux» von Camille Saint-Saëns sowie einer der eingängigen Slawischen Tänze von Antonín Dvorák vom Klavierduo Vilija Poskute und Tomas Daukantas als Zugaben gegeben werden mussten, liegt da auf der Hand.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 23, 2009

Schwelgen in vergangenen Zeiten

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:02 am

Stadtcasino Basel / Der schottische Folkbarde Donovan zelebrierte in seinem Konzert vorwiegend die grossen Hits in den 60er-Jahren.

Talent hat sie, ohne Zweifel, die 27-jährige Singer-Songwriterin Lole aus Neuchâtel, die als Support Act das Konzert des schottischen Folkbarden Donovan im Stadtcasino Basel eröffnen durfte. Sich selber auf dem Elektropiano und auf der akustischen Gitarre begleitend, sang die junge Lady mit warmer Stimme à la Amy Mcdonald einfühlsame Songs über die Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens. Eine gute Sache, könnte man meinen, wenn da nicht jeder Song praktisch genau gleich geklungen hätte, wie der vorangegangenen - alle gleich schnell (oder je nach Sichtweise gleich langsam), die meisten in deprimierendem Moll - kurz: nach dem dritten Song begann die Musik von Lole etwas zu langweilen.
Von anderem Kaliber war da der Main Act des Abends Donovan, der mit seinen Songs, die er ohne Band solo mit seiner Gitarre vielseitig vortrug, sowohl musikalisch als auch mit seinen Lyrics zu überzeugen vermochte. Mal schneller, mal langsamer, mal in Dur, auch mal in Moll, gelegentlich auch mal mit Mundharmonika waren seine Balladen und Songs verfasst und seine Texte behandelten nicht nur ernstere Themen wie die Liebe oder zarte Sozialkritik, sie zeichneten sich zwischen durch auch mal durch feinen Humor aus.
Fast ein wenig wie eine musikalische Autobiographie hatte der 1946 im schottischen Glasgow geborene Donovan sein Programm ausgestaltet: Die ersten Songs «Catch the Wind», «Colours», «Sunny Goodge Street», «Donna, Donna» - alles Stücke von seinen ersten zwei Alben im Jahre 1965 - sowie der damals auf einer EP erschiene Hit «The Universal Soldier» zeigten deutlich die Roots des Sängers im englischen und vor allem im amerikanischen Folk der frühen 60er-Jahre auf, Woody Guthrie und Bob Dylan seien als Einfüsse genannt. Des weiteren spielte Donovan «Jennifer Juniper» und «Hurdy Gurdy Mann», die er, so berichtete der Künstler, während seiner gemeinsam mit den Beatles gemachten Reise nach Indien zum Guru Maharishi 1968 geschrieben hatte.
Auch sonst präsentierte der Sänger neben wenigen neueren Songs vorwiegend Hits aus seiner erfolgreichsten Zeit in der zweiten Hälfte der vom ‚Summer of Love’ und vom ‚Flower Power’ geprägten 60er-Jahre: «Season of the Witch» «Wear your Love Like Heaven», «Mellow Yellow», «There is a Mountain» etc., was von der treuen, auch schon eine wenig angegrauten Fangemeinde mit Jubel begrüsst wurde. Dass Donovan erst ganz zum Schluss seines Konzertes den 1968-Heuler «Atlantis» sang, dürfte wohl kein Zufall gewesen sein, war dies doch der einzige Hit des Barden, der es damals auf den ersten Platz der Schweizer Hitparade geschafft hatte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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