Rolf De Marchi

April 29, 2009

Irrungen und Wirrungen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:45 pm

Der Schauspieler Wolfram Berger und das Bläserensemble Passion des Cuivres präsentierten eine gelungene Mischung von Literatur und Musik.

«Wenn ich ein Taugenichts bin, so werde ich in die Welt gehen und mein Glück machen», sagt sich der Müllerssohn, nachdem er von seinem Vater wegen seiner Untätigkeit aus dem Hause gewiesen wurde. Der junge Mann nimmt also seine Geige und verlässt sein Dorf ohne ein Ziel vor Augen zu haben. So beginnt die Novelle «Aus dem Leben eines Taugenichts» (1822/1823) des Lyrikers und Schriftstellers Joseph von Eichendorff (1788-1857), die vielen als Höhepunkt und Abschluss der deutschen Romantik gilt.
Diese mit feinem Humor gespickte fabulöse Erzählung wurde im Rahmen der Baselbieter Konzerte im letzten Konzert der Saison in der Stadtkirche Liestal vom österreichischen Schauspieler Wolfram Berger vorgelesen. Zusätzlich aufgelockert wurde die Lesung durch regelmässige musikalische Einschübe seitens des «Passion des Cuivres», ein auf historische Musikpraxis spezialisiertes Bläserquintett, das sich darum bemüht, die Musik der Romantik auf Instrumenten der Zeit wieder aufleben zu lassen.
Dabei erwies sich von Eichendorffs Novelle über den Taugenichts, der bei seiner Wanderschaft ins sonnige Italien einer wunderschönen, für ihn unerreichbar scheinenden Frau begegnet, in die er sich rasenden verliebt und die er schliesslich nach vielen Irrungen und Wirrungen glücklich in den Stand der Ehe führen kann, als gute Wahl. Immer wieder tauchen in der Erzählung, die von Wolfram Berger mit einer gelungene Mischung von gepflegter Aussprache und einem zarten Schuss Schnoddrigkeit vorgetragen wurde, Bezüge zur Musik auf. Wiederholt singt der Taugenichts ein Lied oder spielt auf seiner Geige, mal spielt der Kutscher, der den Helden in den Süden fährt, das Posthorn, mal tauchen Spielleute auf, die ein lustiges Liedchen musizieren. All diese Textstellen boten dem Ensemble Passion des Cuivres Anknüpfungspunkte, um mit Verve Werke von Felix Mendelssohn und dessen Gattin Fanny Hensel-Mendelssohn, von Hugo Wolf, Friedrich Theodor Fröhlich, Albert Sullivan und Ludwig Wilhelm Maurer vorzutragen.
Neben den beiden von Robert Vanryne und Fruzsina Hara gespielten Kornetten, der von Bernhard Meier geblasenen Posaune und dem von Steffen Launer intonierten Horn faszinierte dabei am meisten die von Erhard Schwartz gespielte Ophikleide, ein Blechblasinstrument mit Kesselmundstück, das allerdings nicht mit Ventilen sondern mit Klappen ähnlich dem Saxophon bestückt ist. Das Anfangs des 19. Jahrhunderts erfundene Instrument war vor allem in Italien, Frankreich und Grossbritannien im Gebrauch und wurde später durch die effizientere Ventiltuba verdrängt. Wenn auch die Ophikleide in Folge seiner unpräzisen Intonation dem Interpreten gelegentlich Probleme bereitete, vermochte sich das Instrument dennoch dank der deutlichen Ansprache der Töne ausgezeichnet in den Gesamtklang des Ensembles einzufügen und so die Transparenz der Musik zu erhöhen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 26, 2009

Eigenartige Sitten

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:26 am

Mit dem Patrizier Johann Friedrich Armand von Uffenbach begaben sich der Historiker Frank Legl und der Lautenist Anthony Bailes auf eine musikalische Reise durch des Europa des frühen 18. Jahrhunderts.

«Senesino singt unvergleichlich gut» schrieb der aus einer vermögenden Frankfurter Patrizierfamilie stammende Jurist, Kunstsammler und Musikliebhaber Johann Friedrich Armand von Uffenbach (1687-1769) anlässlich eines Opernbesuchs in Venedig im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts in sein Tagebuch. Diverse Reisen durch halb Europa hatte der wohlhabende Lebemann damals unternommen und seine Erlebnisse in seinen Reisetagebücher festgehalten. So auch jene Episode während des Karnevals in Venedig, wo von Uffenbach eine Oper besuchte und den berühmten Altkastraten Senesino singen hörte, der in London im Ensemble von Georg Friedrich Händel zum gefeierten Star avancierte.
Dass der in München wirkende Germanist und Historiker Frank Legel, der neben diverses Arbeiten im Bereich Literaturwissenschaft und Geschichte auch neue Erkenntnisse über den Lautenmeister Silvius Leopold Weiss veröffentlicht hat, gleich mehrere dieser interessanten und teilweise auch amüsanten Erlebnisberichte währen eines Konzertes im Rahmen der Basler Lauten Abende im Zinzendorfhaus Basel vortrug, war kein Zufall. Von Uffenbach war ein grosser Liebhaber der Laute, der jedes Mal, wenn er in einer grösseren Stadt einen längeren Aufenthalt hatte, auf die Laute spezialisierte Instrumentenbauer aufsuchte und bei Lautenmeister Unterricht auf seinem Lieblingsinstrument nahm. So erfuhr man beispielsweise, dass von Uffenbach sich ein halbes Jahr in Paris aufhielt, wo er Unterricht bei einem Mitglied der berühmten Lautenistenfamilie Gallot genoss.
Passend zu diesem Vortrag von Frank Legel über von Uffenbachs Lautenunterricht und die Familie Gallot wiederum trug der aus England stammende und unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis ausgebildete Lautenist Anthony Bailes zwei Lautenwerke von Jacques de Gallot (1625-1690) vor. Bailes, der in seiner Karriere mit vielen auf Alte Musik spezialisierten Grössen zusammengespielt hat und seit den 70er-Jahren zu den Pionieren der Wiederentdeckung der Laute gerechnet werden muss, spielte die schwermütige «Tombeau de Mr. Le Prince de Condé» mit tief empfundenem Einfühlungsvermögen. Der anschliessend interpretierten «Sarabande» wiederum entlockte der Interpret mit spielerischer Grazie die tänzerische Leichtigkeit, die in diesem Werk steckt.
Jede der von Frank Legl vorgetragenen Episoden aus von Uffenbachs Reiseberichten wurde von Anthony Bailes musikalisch auf der Laute passend untermalt. Zu den an Opernaufführungen jener Zeit herrschenden Sitten wie das lauthalse Singen im Parterre während auf der Bühne gesungener Arien, das Spucken vom Balkon auf die niederen Ränge oder das Schmeissen von Gegenstände auf die Bühne allerdings vermochte selbst Meister Bailes keine wirklich angemessene Musik zu finden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 22, 2009

Kunstwerke zum Musik machen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:43 pm

Es gibt sie noch, die Idealisten, die mit Kreativität und Hingabe gegen den zunehmenden Strom der Massenwaren ankämpfen: Der Instrumentenbauer Ossy Hürlimann in Ziefen ist einer von ihnen.

Jahrelang hat Ossy Hürlimann in der Chicago Dave Blues Band, jener Bluesband aus dem Ergolztal, die sich weit über die Grenzen der lokalen Bluesszene hinaus einen Namen erspielt hatte, den E-Bass gezupft. Und in all den Jahren war der junge Musiker nie recht glücklich mit den Instrumenten, die er spielte: mal lag der Bass gut in der Hand, aber der Ton des Geräts genügte ihm nicht; mal klang der Sound des Instruments gut, aber sein Handling war unpraktisch. Kurz: Ossy Hürlimann musste immer wieder Kompromisse eingehen, was ihn schliesslich dazu bewog, sein ganzes handwerkliches Geschick einzusetzen und ein eigenes, auf seine persönlichen Bedürfnisse abgestimmtes Instrument zu bauen.
All sein Wissen, das er sich während seiner jahrelangen Praxis als Bassist angeeignet hatte, plus das Know-how, das er sich über Fachliteratur zugelegt hatte, setzte er beim Bau seines Prototyps ein. Er besorgte sich Spezialwerkzeuge sowie eine Bridge, Tonabnehmer und sonstige Elektronik und begann mit der Arbeit. 2002 wagte er sich mit seinem Bass in die Proben seiner Band, später dann setzte er ihn auch bei Live-Konzerten ein. Und als er sowohl bei vielen Zuhörerinnen im Publikum als auch bei Musikern, denen er sein Opus One in die Hand drückte, auf ein positives Echo stiess, entschloss er sich, einen weiteren Bass zu bauen, worauf schon bald die ersten Bestellungen auch von Gitarren seitens praktizierender Musiker folgten.
Auf der Suche nach einem Label für seine Instrumente entschloss sich Ossy Hürlimann nicht ganz zufällig für den Namen Madera-Guitars. Madera steht einerseits im Spanischen für Holz, aus dem die Gitarren und Bässe gebaut sind, andererseits steht das Spanische selber auch für die zweite Muttersprache des Instrumentenbauers, der in Buenos Aires, Argentinien als Enkelkind schweizerischer Auswanderer geboren wurde. Aus wirtschaftlichen Gründen entschlossen sich die in Argentinien aufgewachsenen Eltern des inzwischen sechsjährigen Sohns in die alte Heimat zurückzukehren, wo der Sprössling in Magden und Gelterkinden den Rest seiner Kindheit verbrachte. Später ergriff er dann den Beruf des Sozialpädagogen und leitete eine Holzwerkstatt für Menschen mit einer Behinderung in Gelterkinden. Bei dieser Tätigkeit vergrösserte der angehende Instrumentenbauer sein Fachwissen zur Holzbearbeitung. Seine ersten Instrumente baute Ossy Hürlimann in seiner Freizeit, mehr und mehr Bestellungen zwangen ihn schliesslich, seine Tätigkeit als Sozialpädagoge zu reduzieren, um genügend Zeit zum Bau neuer Instrumente zu haben.
Mit jedem Instrument, das Ossy Hürlimann nach seinem ersten Bass nun baute, erweitere er sein Fachwissen. Er holte sich bei erfahrenen Schreinern genaue Kenntnisse über das fachgerechte Fällen von Bäumen, das richtige Aufsägen und das Lagern von Holz ein. Er studierte Fachliteratur und besuchte Kurse zur Holzkunde und zum effizienten Verbinden der unterschiedlichen Hölzer. Des Weiteren konsultiert er Lackierer, um die besten in Frage kommenden Lacke für seine Instrumente zu finden.
Dank diesem breiten, auf praktischer Erfahrung basierenden Fachwissen ist Ossy Hürlimann inzwischen in der Lage, jedem Musiker ein ganz persönlich zugeschnittenes, ‚massgeschneidertes’ Instrument zu bauen. Bevor der Experte mit dem Bau beginnt, führt er mit dem Kunden ein langes Gespräch über dessen ästhetischen Vorstellungen und Wünsche betreffs Sound und Form der Gitarre oder des Basses. Er lässt sich auch vom Musiker vorspielen, um dessen Handling des Instruments kennen zu lernen.
Je nach Vorlieben des Musikers wählt nun der Instrumentenbauer die Hölzer aus. Ein Teil dieser Hölzer, meist handelt es sich dabei um einheimische, hochstämmige Obstbäume wie Apfel-, Zwetschgen- oder Nussbäume, die von Bauern nicht mehr benötigt werden, fällt Ossy Hürlimann persönlich, schneidet sie auf und lagert das Holz nach genau auskalkulierten Kriterien zum Austrocknen. Andere Hölzer wie Esche, Erle, Olive und Tropenhölzer kauf er in der Regel dazu. Je nach gewünschter Klangeigenschaft und ästhetischem Aussehen des Instruments werden die unterschiedlich harten Hölzer teilweise mit Hohlkammern versehen in variierenden Schichten, Grössen und Massen zusammengeleimt und mit Verzierrungen ausgeschmückt. Mit Farbe kommen die Bodys selten in Berührung, meisten kommt nur Lack auf das Holz, um die Schönheit des Materials durch sich selbst wirken zu lassen. Bei der Elektronik wird einerseits bestmögliche Bedienungsfreundlichkeit angestrebt, andererseits soll ein möglichst natürlicher Sound erreicht werden, der den authentischen Klang der verschiedenen Hölzer möglicht unverfälscht herüberbringt. Erwähnt sei noch, dass der Instrumentenbauer auch Reparaturen und Modifikationen an fremden, nicht von ihm gebauten Instrumenten ausführt.
Bei alle dem strebt Ossy Hürlimann ein Höchstmass an Qualität zu vernünftigen Preisen der Mittelklasse an, so dass inzwischen nicht nur sein ehemaliger Mitmusiker «Chicago» Dave Rutschmann, der dem Jungunternehmer als Berater und Betreuer seiner Website zur Seite steht, gleich mehrer Madera-Gitarren spielt. Immer mehr Musiker entdecken diese wohltönenden Kunstwerke und wollen unbedingt solch ein Unikat ihr persönliches Eigen nennen.
Weitere Informationen über Ossy Hürlimanns Arbeit können über www.madera-guitars.ch bezogen werden.

Erschienen in der Sonntagszeitung

April 20, 2009

Der Geist von Esbjörg Svensson

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:55 am

Neben der Schwedischen Sängerin Victoria Tolstoy vermochte in der «Scandinavian Opening» des Jazz Festivals Basel 2009 vor allem der Gitarrist Ulf Wakenius zu überzeugen.

Am 14. Juni 2008 ist er bei einem Tauchunfall nahe bei Stockholm ums Leben gekommen, der bekannte schwedische Pianist und Komponist Esbjörg Svensson, der mit seinem Pianotrio EST (Esbjörg Svensson Trio) in den vergangenen Jahren am Jazz Festival Basel fast schon Dauergast war. Jedoch auch wenn der Pianisten nicht mehr persönlich am der soeben angelaufenen aktuellen Ausgabe des Jazz Festivals dabei sein konnte, so schwebte doch sein Geist über dem Konzert mit dem Titel «Scandinavian Opening - Remember Esbjörg Svensson», das im Stadtcasino Basel über die Bühne ging.
Der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius hat vor kurzem zusammen mit dem Radio String Quartet Vienna RSQV eine CD mit dem Titel «Love is Real» eingespielt, die er seinem verstorbenen Landsmann Svensson gewidmet hat; naheliegend also, diesen hervorragenden Musiker, der schon mit Jazzgrössen wie Milt Jackson, Herbie Hancock, Joe Henderson und vor allem dem Fingerakrobaten Oscar Peterson zusammengearbeitet hat, zum Festival einzuladen. Und natürlich hatte Wakenius auch das RSQV (Bernie Mallinger, Violine; Johannes Dickbauer, Violine, Cynthia Liao, Viola; Asja Valcic, Cello) mitgebracht, das ebenfalls diesen Frühling eine ungewöhnliche CD mit dem Titel «Celebrating the Mahavishnu Orchestra» veröffentliche. Mehrere Stücke dieser CD brachte das Streichquartett zu Aufführung wie «A Lotus on Irish Sream» oder eine Bearbeitung des Mahavishnu-Klassiker «Birds of Fire», die zwar an die urwüchsige Energie des Originals der legendären Jazz-Rock-Fusionband nicht ganz heranreichte, die aber dennoch durch ihre eigenwillige Interpretation zu überzeugen vermochte.
Auch Ulf Wakenius spielte zu Beginn mehrere Solostücke wie das auf einem Dänischen Volkslied beruhende «In the Silence of the Wood» oder der dem Tastenvirtuosen Oscar Peterson gewidmete «Blues for Oscar»; und Esbjörg Svensson kam durch eine gelungene Interpretation des Stücks «Witchi-tai-to» auch zu Ehren.
Die von Ulf Wakenius und dem Radio String Quartet gemeinsam interpretierten Stücke vermochten allerdings nur bedingt zu überzeugen, teils weil die Arrangements etwas uninspiriert wirkten, teils weil das Spiel des Quintetts ein wenig brav ausfiel. Immerhin aber vermochten die fünf Musiker am Ende doch noch mit einer hinreissenden Version der Svensson-Komposition «Dodge the Dodo» zu begeistern.

Auch der zweite Act des Abends scheint sich langsam zu einem Dauerbrenner des Basler Jazz Festivals zu Entwickeln. Nicht verwunderlich, garantiert doch die schwedische Sängerin Victoria Tostoy nicht nur dank ihres guten Aussehens und ihrer entfernten Verwandtschaft mit dem grossen russischen Schriftsteller Leo Tolstoy eine grosse Besucherzahl, auch ihre schöne Stimme vermag zahlreiche Fans anzulocken. Besonders zu überzeugen vermochte bei Konzert der Sängerin allerdings ihre Begleitband, die nicht nur sensibel zu begleiten verstand, die vor allem auch in den Solopartien durch ungemein reiches Spiel und einer mitreissenden Energie zu begeistern vermochte.
Victoria Tostoy, die an diesem Abend auch mehrere Songs ihrer neusten CD «My Russian Soul» zum Besten gab, brillierte mit ihrer schönen, schlanken Stimme, der man allerdings den Vorwurf nicht ersparen kann, dass sie ein wenig zu sauber und zu glatt ist und dass es ihr an der für den Jazz so wichtigen persönlichen Charakteristik und Individualität fehlt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 11, 2009

Ein nährstoffreicher Humus

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:00 am

Das auf Alte Musikpraxis spezialisierte Ensemble Capricornus interpretierte ein abwechslungsreiches Programm barocker Meister.

Immer wieder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die Schola Cantorum Basiliensis als ungemein fruchtbaren Nährboden für die Entstehung neuer, auf historische Aufführungspraxis spezialisierter Ensembles erwiesen. Eines der jüngsten, ungemein kräftigen Pflänzlein, das diesem nährstoffreichen Humus 2006 entsprossen ist, ist das Ensemble Capricornus, das sein hohes interpretatorisches Niveau in einem Karfreitagskonzert unter dem Titel «Am heiligen Grab» in der Heilig Kreuzkirche in Binnigen unter Beweis stellte. Das Ensemble hat sich vor allem auf die Musik des Barocks spezialisiert, nicht überraschend wenn man bedenkt, dass die Mitglieder von Capricornus auch in führenden Barockorchestern wie dem Freiburger Barockorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Capriccio Basel mitspielen.
Hoch dramatisch mit wuchtigen Akkorden, die zusätzlich mit würzigen Dissonanzen gespickt waren, stieg das Ensemble Capricornus unter der Leitung des ersten Violinisten Peter Barczi in den mit «Lamento: Largo» überschriebenen Kopfsatz der Sinfonia Funebre f-Moll des italienischen Barockkomponisten Pietro Locatelli (1695-1764) ein. Nach dem locker gespielten «Alla breve» mit seinem fugenartig verwobenen Stimmennetz, interpretierte das Ensemble den anschliessenden mit «Grave» überschriebenen Satz mit subtil ausgestalteten dynamischen Schattierungen. Zupackend-kräftig dann die beiden lebhaften, abschliessenden Sätze, bei denen jede Spielpause, jedes Rubato, jede Beschleunigung oder Verlangsamung des Tempos mit traumwandlerischer Präzision ausgeführte wurde; Phrasierungs- und Artikulationstechnik höchster Vollendung gepaart mit sensibler Ausdruckskraft ergaben so ein Klanggemälde perfekt austarierter musikalischer Harmonie. Mit leidenschaftlichem Duktus trugen anschliessend die Streichinstrumente des Ensembles noch Antonio Vivaldis Sinfonia al Santo Sepolcro vor.
Bei der Wiedergabe der bekannten Arie «Es ist vollbracht» von Johann Sebastian Bach bekam das Ensemble Capricornus Verstärkung durch Kerstin Kramp an der Barockoboe und dem Sänger Ulrich Schütte, der mit seiner kraftvoll-tragenden Bassstimme locker den Kirchenraum füllte und gelegentlich sogar das dezent begleitende Instrumentalensemble fast bis zur Unhörbarkeit übertönte.
Hatten der Sänger Ulrich Schütte und das Ensemble Capricornus bei dieser Arie offenbar noch differierende Vorstellungen von Dynamik, wirkte die am Ende des Konzerts interpretierte Bach-Kantate «Ich hab genug» BWV 82 in jeder Beziehung wesentlich ausgewogener, so dass man über die vereinzelt auftretenden, kleinen Intonationsprobleme des Sängers gerne hinwegsehen mochte. Elegant und transparent mit feinsinnigem Gestaltungssinn gespielte Werke des österreichischen Komponisten Johann Heinrich Schmelzer (1623-1608) und des deutschen Wahlengländers Georg Friedrich Händel (1685-1759) rundeten das abwechslungsreiche Programm trefflich ab.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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