Rolf De Marchi

Mai 25, 2009

Harte Dissonanzen mit lyrischer Kantabilität

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:18 pm

Gare du Nord / Der Pianist Kolja Lessing interpretierte das gesamte Klavierwerk des russisch-schweizerischen Komponisten Wladimir Vogel.

In Kompendien und Publikationen über Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts fehlt er fast nie, der Name Wladimir Vogel (1896-1984). Nicht ganz zu unrecht, lebte doch Vogel nach langer Irrfahrt des Exils seit 1939 in der Schweiz, deren Staatsbürgerschaft er auch annahm. Dass allerdings Vogel als Sohn eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter in Moskau geboren wurde, erkennt man nicht nur an seinem Vornamen Wladimir, auch in seinen Kompositionen sind Spuren aus seinem russischen Geburtsland unüberhörbar.
Dies wurde deutlich bei zwei Konzerten des Pianisten Kolja Lessing im Bahnhof für Neue Musik, Gare du Nord, der zum ersten Mal eine Gesamteinspielung sämtlicher Klavierwerke von Wladimir Vogel vornahm. Im Besonderen Einflüsse des russischen Komponisten Alexander Skrjabin sind in seinen frühen Werken deutlich hörbar wie beispielsweise in den Stücken der «Nature vivante» (1917-1921), die mit ihrer ausufernden Harmonik oft auch die Grenze zur Atonalität ritzen. Beim Stück «Trepak» (1919) wiederum mit seinem an Sergei Rachmaninow gemahnenden kantablen Mittelteil, verwendete Vogel einen russischen Tanz als Grundlage.
Auch Konzepten der Programmusik war Wladimir Vogel nicht abgeneigt wie drei Stücke bewiesen, die Kolja Lessing unter dem Titel «Glocken» zusammengefasst hatte. Fast schon minimalistisch wirkte das drehende Glockenmotiv im Stück «Russische Glocken», das mit immer mehr motivischem Material angereichert zu einem intensiven Geläut verdichtete, um schliesslich in einem zarten Ritardando auszuklingen. Sinnlich auch die «Miniaturen aus dem Exil» (1933-1941), die streckenweise Assoziationen an Robert Schumanns «Kinderszenen» heraufbeschworen, dessen romantisierender Lyrismus allerdings immer wieder durch ungemein hart wirkende Dissonanzen durchbrochen wurde.
Die «4 Versionen einer Zwölftonfolge» (1973) wiederum bildeten einen deutlichen Beleg für die intensive Beschäftigung Wladimir Vogels mit der 12-Tontechnik von Arnold Schönberg. Zur Vermeidung kompositionstechnischer Kälte allerdings bemühte sich Vogel, ähnlich wie Alban Berg, diesem Werk durch melodischem Reichtum und raffinierter Klanggestaltung ein humanes Antlitz zu verleihen.
Höhe- und Schlusspunkt des ersten Konzertabends bildete die «Etude-Toccata» (1926), die mit ihren wild präludierenden Tonkaskaden hohe Anforderungen an die Spieltechnik des Pianisten stellte. Souverän und ohne einen Hauch der Unsicherheit bewältigte Kolja Lessing auch diese schwierige Aufgabe, was vom geneigten Publikum mit begeistertem Applaus goutiert wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Mai 17, 2009

Mit Herzen und Verstand

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 9:45 am

Das Forum Würth Arlesheim präsentiert Portraitfotografien grosser bildender Künstler des 20. Jahrhunderts.

«Bilder werden nicht mit der Kamera aufgenommen, sondern mit dem Herzen und dem Verstand.» Es gibt wohl kaum ein anderes Zitat, das mit so wenigen Worten so prägnant beschreibt, wie gute Fotografie zustande kommt wie dieses Diktum des amerikanischen Portraitfotografen Arnold Newman (1918-2006). Wie berechtigt es ist, Newman zu den wichtigsten und einflussreichsten Portraitfotografen des 20. Jahrhunderts zu rechnen, kann man in der soeben eröffneten Ausstellung «Art Faces - Künstlerportraits aus der Sammlung Würth» im Forum Würth, Arlesheim erfahren. Neben einer Portraitfotografie des dem abstrakten Expressionismus zugerechneten deutschen Malers Hans Hofmann hängt dort auch eine eindrückliche Aufnahmen des abstrakt malenden holländischen Künslers Piet Mondrian (1872-1944). Das Bild wurde von Arnold Newman unter Anlehnung an Mondrians rechteckigen Farbflächen und schwarzen Linien kontrastreich mit schwarzen Rechtecken im Hintergrund und eine das Bild senkrecht durchschneidenden leeren Staffelei im Vordergrund ausgestaltet.
Die Ausstellung «Art Faces» präsentiert eine Fotosammlung herausragender Portraitfotografien moderner und zeitgenössischer bildender Künstler, die seit 1975 vom Kunstfotografen François Meyer gemeinsam mit seiner Frau Jaqueline aufgebaut wurde. Meyer hatte sich zum Ziel gesetzt, weltweit möglichst viele zeitgenössische Künstler kennen zu lernen und zu fotografieren. Seine rund 80 Aufnahmen umfassende Sammlung mit Portraits von Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Richard Serra erweiterte Meyer durch weitere Bilder anderer Fotografen wie beispielsweise vom Basler Kurt Wyss.
Bis zum 3. Januar 2010 sind in der klug ausgestalteten Ausstellung im Forum Würth Arlesheim ein grosser Teil dieser rund 250 Bilder zu sehen. Dabei sind in einigen Fällen neben den Fotos auch Originalgemälde der Portraitierten gehängt, die einen direkten Quervergleich ermöglichen. So sind beispielsweise die abstrakten hell-dunkel Kontraste im Gemälde «Composition» (1953) des russischen Malers Serge Poliakoff in dessen Portraitfotografie von Denise Colomb durch intensives Licht-Schatten-Spiel wiedergespiegelt.
Ähnlich verfuhr auch der Fotograf Jean-Christian Bourcart bei der Portraitierung des irischen Malers Francis Bacon (1909-1992), dessen Gesicht durch beinahe brutal wirkende Licht-Schatten-Kontrastierung fast so verfremdet wirkt wie die entstellten und deformierten Figuren in seinen Gemälden. Leicht verrückt und surreal wiederum Salvador Dali, der seinen dünn gezwirbelten Schnauzer mit aufgesteckten Blüten in Blumen verwandelte hatte und im Wasser schwimmend mit aufgerissen Augen von Jean Dieuzaide abgelichtet wurde. Pablo Picasso andererseits liess sich in abgeklärter Pose mit einer kleinen Eule in der Hand auf Platte bannen. Jedes dieser faszinierenden Aufnahmen gewährt erleuchtende Einblicke in die Charaktere der Künstler und vermag den Menschen hinter den Kunstwerken zu zeigen. Für alle, die die Kunst der Moderne lieben, ist diese Ausstellung ein Muss!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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