Rolf De Marchi

Juni 27, 2009

Kulturfestival für Solche und Andere

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:53 am

Mit rund vierzig Kulturveranstaltungen brachte «Wildwuchs 09 - Das Kulturfestival für Solche und Andere» zum vierten Mal Künstlerinnen und Künstler mit und ohne Behinderung zusammen.

Als die schottische Schlagzeugerin Evelyn Glennie sich für die Aufnahmeprüfung an der Royal Academy of Music in London anmeldete, wollte man sie ihrer Taubheit wegen gar nicht erst vorspielen lassen. Ein Nervenleiden hatte ab dem 12. Lebensjahr das Hörvermögen der angehenden Musikerin auf 20% reduziert, so dass sich die Juroren der Akademie nicht vorstellen konnten, wie ein Mensch mit solch einer Behinderung hauptberufliche Musikerin werden könnte.
Doch Evelyn Glennie setzte sich durch und überzeuge die Experten schliesslich, dass man Töne nicht nur über die Ohren, sondern auch über ihre Schwingungen mit dem ganzen Körper, dessen Haut, den Händen, Armen, Füssen, den Schädelknochen des Kopfes etc. wahrnehmen kann. Nach ihrem erfolgreichen Studium an der Royal Academy of Music machte die Perkussionistin dann eine Musikkarriere, die ihresgleichen sucht. Nicht nur, dass Glennies Erfolg ein Umdenken an den Musikhochschulen Grossbritanniens bewirkte, wo musikbegabten Menschen mit einer Behinderung heute die gleichen Chancen bekommen wie die sogenannten Nichtbehinderten; durch ihren unkonventionellen Zugang zur Musik zeigte Glennie den Nichtbehinderten auch die Begrenztheit ihres Wahrnehmungsvermögens auf und half vielen, neue Wege für ein umfassenderes ,Hören’ von Musik zu finden.
Bei diesem Werdegang lag es nahe, diese Ausnahmemusikerin gemeinsam mit ihrem neuen Partner, den britischen Gitarristen Fred Frith zum diesjährigen Festival «Wildwuchs 09 - Das Kulturfestival für Solche und Andere» einzuladen. Glennie und Frith, der mit Fug als Gigant der frei improvisierenden Musikszene bezeichnet werden darf, haben gemeinsam eine CD eingespielt und stehen in geradezu idealer Weise für das Anliegen des Festivals, behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen zu bringen und sie mit der Frage zu konfrontieren: «Wenn die anderen anders sind - wie bin dann ich?»
Die beiden boten bei ihrem frei improvisierten Konzert in der Reithalle der Kaserne Basel ein Feuerwerk an emotionalen Abstufungen von zart ziselierten, atmosphärischen Klängen hin bis zu wilden Ausbrüchen vor allem von Evelyn Glennie, die wiederholt ihren vielen Schlaginstrumente explosionsartige Klangfluten entlockte. Fred Frith wiederum faszinierte vor allem durch sein experimentierfreudiges Spiel auf seiner Gitarre, die er oft auf seine Knie legte, um ihr mit unterschiedlichsten Werkzeugen und Gegenstände die kuriosesten Töne und Klänge zu entlockte, eine Spieltechnik, die der Musiker im Verlaufe der Jahre zur waren Meisterschaft entwickelt hat.

Die schwitzende Löwin

Ein weiterer Höhepunkt des diesjährigen Wildwuchs-Festivals bildete das Projekt «Die schwitzende Löwin» der Schweizer Frauenkultband «Les Reines Prochaines» in der Kaserne Basel, in dem die Frage des Anders-sein mit erfrischend anarchischem Witz abgehandelt wurde. Zu dieser fröhlichen Performance-Nacht hatten die nächstfolgenden Königinnen - zu denen übrigens in den frühen 90ern auch eine gewisse Pipilotti Rist gehörte - eine bunte Schar von behinderten und nichtbehinderten Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Die Reines selber führten als Maîtresses de Plaisir gewissermassen durch diesen fröhlichen Reigen von Kurzperformances mit viel Musik, Tanz, Theater, Literatur und bildender Kunst. Mal fantasierte Spiderman im Morgenmantel über die Gaumenfreuden des «Härdöpfelstocks», dann wiederum veranschaulichten die «blutjungen Transvestiten» mit einer komischen Mischung aus Tanz und Pantomime vorgelesene Kontaktanzeigen. Die Artistin Serenella Notta jonglierte mit lediglich zwei Kugeln perfekt choreographiert und mit viel Anmut zu klassischer Musik, anschliessend wurde jeder gravitationsbedingter Logik spottend an der Wand getanzt und Don Marco di Brasilia schliesslich stach mit seiner langen Lanze an der Decke hängende, wehrlose Ballons ab. Der wuchernden Fantasie dieses wilden Häufleins waren keine Grenzen gesetzt.

Neuland

Neben den grossen Abendkonzerten fanden im Verlaufe des neuntägigen Wildwuchs Festivals an verschiedenen Orten in der Stadt eine Vielzahl weiterer Veranstaltungen mit Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst aus der Schweiz, Europa und Korea statt, die alle Erwähnung verdienten. Stellvertretend sei das Gebärdensprachtheater «Neuland» erwähnt, das vom TheaterTraum Zürich mit Gehörlosen und Hörenden erarbeitet wurde. Das Stück war als Brücke zwischen Gehörlosen und Hörenden gedacht, die normalerweise in verschiedenen Welten leben. Mit Hilfe von Gebärde-, Laut- und Körpersprache sowie Texten und Videosequenzen gewährten gehörlose Schauspielerrinnen und Schauspieler mit kreativ ausgestalteten, kleinen Szenen eingebettet in ausdrucksstarke Bilder bewegende Einblicke in ihre Lebenswelt.
Musikalisch abgerundet wurde das Festival in der Reithalle der Kaserne Basel durch einen deftigen Leckerbissen der besonderen Art: Stiller Has und dessen Sänger Endo Anaconda mit seiner abgründig schrägen, oft die Realität verspottende Poesie stand gemeinsam mit der vom Basler Drummer Markus Fürst begründeten Art brut-Band «mark & bein» mit behinderten und nicht behinderten Musikern auf der Bühne, eine Mischung, die wiederholt ekstatische Momente eines archaisch anmutenden, schamanistischen Rituals heraufbeschwor.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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