Rolf De Marchi

Oktober 31, 2009

Die Versuchungen des Hypnos

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:45 pm

Das Quartetto di Venezia vermochte nur mit der Musik zu überzeugen, die einen Bezug zu seiner Heimat Italien hat.

Nicht ganz frei von Vorurteilen hoffte man beim Besuch des Konzerts im Rahmen der Kammermusik um halb acht im Hans Huber-Saal des Stadtcasino Basel darauf, Wolfgang Amadé Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421 in einer kontrastreich-schillernden, mit Dynamik aufgeladenen Version präsentiert zu bekommen, handelte es sich doch beim interpretierenden Quartetto di Venezia um Italiener, die für ihr Temperament berühmt sind. Doch leider wurde man etwas enttäuscht. Nicht das die Musiker Andrea Vio (Violine), Alberto Battistone (Violine), Luca Morassutti (Viola) und Angelo Zanin (Violoncello) schlecht gespielte hätten; wenn man von ein paar Unsicherheiten vor allem in der ersten Violine mal absieht spielte das Quartett das Werk präzise und sauber intoniert. Dennoch vermochte die Interpretation dieses Quartetts nicht recht zu überzeugen, betonten die vier Musiker mit ihrem süsslichen Spiel doch vor allem die zweifellos expressive Seite dieser Musik, von der versteckten innere Erregung aber, die beispielweise in der Motivik und in den schneidenden Dissonanzen im Stimmengewebe der Durchführung des ersten Satz steckt oder von der bewegenden Emotionalität im sechs Achtel-Variationssatz des abschliessenden Allegro war leider nicht viel zu verspüren.
Der sich dann einschleichende Verdacht allerdings, man werden den Rest des Abends damit verbringen müssen, die Versuchungen des Schlafgottes Hypnos abzuwehren, erwiesen sich glücklicherweise bald als falsch, als anschliessend das Quartett Hugo Wolfs (1813-1901) «Italienische Serenade» G-Dur zu Gehör brachte. Die wesentlich agiler wirkenden Musiker interpretierten dieses reizende kleine, nicht oft gespielte Werk mit der Tempobezeichnung «Sehr lebhaft» mit einer mit anregendem Spielwitz vorgetragnen Grazie, die aufhorchen liess.
Mit geschärften Sinnen lauschte man darauf dem Streichquartett e-Moll von Giuseppe Verdi, ein Werk, das der Maestro 1873 zu seinem Vergnügen als «Studie» komponierte und das er nicht zur Veröffentlichung freigeben wollte, erachtete er doch die Instrumentalmusik als eine «Sache der Deutschen». Das diese Komposition aber problemlos neben deutscher Kammermusik jener Zeit zu bestehen vermag, erwies sich bei deren Interpretation durch das Quartetto di Venezia. Lebhaft und mit gestalterischer Intelligenz interpretierten die vier Musiker dieses Werk: kontrastreich changierend zwischen lieblich und zupackend das Allegro, mit zart-erregendem Pulsen das Andante, mit rassiger Emphase das Prestissimo und mit federnder Dynamik das abschliessende Scherzo mit seinen raffinierten Fugato-Bewegungen, deren erstaunliche Modernität an die Kammermusik Dimitrij Schostakowitsch’ erinnerte.
Und siehe da, als Zugabe spielte das Quartetto di Venezia ein Potpourri voller Witz und Esprit von Dimitrij Schostakowitsch mit Arrangements aus der Ballettmusik «Das goldenen Zeitalter» mit solch sprühender Verve, dass das Vorurteil doch noch bestätigt wurde: sie haben Temperament, die Italiener!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 29, 2009

Etwas für Musical-Muffel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:43 pm

Im Musical Theater Basel ist momentan der absolut sehenswerte Broadway-Klassiker «West Side Story» in der Originalversion von 1957 zu sehne.

Es gibt unter den wohl Tausenden von Musicals, die je geschrieben wurden vermutlich nur eines, das als «das» Musical überhaupt bezeichnet werden kann: Leonhard Bersteins (1918-1990) «West Side Story». Das Stück überzeugt nicht nur musikalisch mit seiner gelungenen Mischung von viel Bernstein mit einem kräftigen Schuss Jazz, einer Prise Latin und verfeinert mit einem melodieseligem Hauch Puccini, auch in puncto Handlung fehlt nichts, packten doch Buchautor Arthur Laurents und Gesangstexter Stephen Sondheim alles rein, was es für eine gute Story braucht: Liebe, Drama und viel Action (William Shakespeares Romeo und Julia winken aus der Ferne).
Dazu kam bei der Uraufführung 1957 die hinreissende Tanzchoreographie von Jerome Robbins, die bis heute nichts an Faszination eingebüsst hat, wie man unjüngst im Musical Theater Basel erfahren konnte. Dort fand die Basler Premiere der «50th Anniversary World Tour» diese Broadway-Klassikers statt, der gemäss Aussage der Veranstalter dieser Tour möglichst originalgetreu in der englischsprachigen (mit deutschem Untertitel versehene) Version von 1957 wiedergegeben wurde.
Zum bis heute andauernden Erfolg dieses Werkes dürfte auch die zeitlose Aktualität des Stoffes beigetragen haben: Ausgrenzung von Minderheiten und Gewalt gegen Andersdenkende. Für die paar wenigen, die die Handlung noch nicht kennen: Zwei Jugendbanden, die amerikanischen Jets und die puertoricanischen Sharks, kämpfen hasserfüllt um die Herrschaft auf den Strassen von Manhattan in New York. Tony von den Jets und Maria von den Sharks verlieben sich ineinander. Doch dann wird Tonys bester Freund Riff in einem Straßenkampf von Marias Bruder Bernardo, dem Anführer der Sharks, getötet. Aus Rache sticht Tony auch Bernardo nieder. Das Drama nimmt seinen Lauf.
Mit lupenreiner Präzision und mitreissendem Drive legte das rund 25-köpfige Ensemble unter der Leitung von Donald Chan im Orchestergraben mit Leonhard Bernsteins genialem Sound los und prompt wirbelten knapp 20 durchtrainierte junge Tänzer als Jets und Sharks mit wilden Drehungen und Sprüngen in einem faszinierend anzusehenden Kampf perfekt choreographiert durcheinander.
Die Produktion überzeugte aber nicht nur mit ihren erstaunlich realistisch wirkenden Tanzszenen, die den Hass und die Aggressivität zwischen den Jugendlichen sinnlich fühlbar machten, auch bezüglich Schauspiel und Gesang gibt es wenig auszusetzen. Einzig Scott Sussman in der Rolle des verliebten Tony nervte gelegentlich etwas mit seinem übertriebenen, oft unstabil wirkenden Vibrato. Ali Ewoldt als Maria wiederum bestach mit ihrer zwar etwas dünnen, ansonsten aber makelos-reinen Stimme. Am meisten aber überzeugte die farbige Sängerin Oneika Phillips in der Rolle des puertoricanischen Girls Anita, die gemeinsam mit anderen Sängerinnen eine Version des legendären Songs « I Like To Be In America!» hinlegte, die in puncto sängerischer Verve und schauspielerischem Witz kaum überboten werden kann. Alle topp gesetzten Tänzer und Schauspieler dieser erstklassigen Aufführung verdienten Erwähnung, was aus Platzgründen leider nicht möglich ist. Kurz: Diese Produktion vermag sogar Musical-Muffel aus der Reserve zu locken. Chapeau!

Die «West Side Story» im Original kann im Musical Theater Basel fast täglich noch bis zum 22. November 2009 genossen werden.

Oktober 27, 2009

Mit federnder Leichtigkeit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:59 am

Gemeinsam mit dem Solisten Mikael Ericsson am Violoncello und unter der Leitung von Jana Vlachová interpretierte das Tschechische Orchester vorwiegend Werke Tschechischer Komponisten.

Es gibt Klassikliebhaber, die behaupten, dass nur Interpreten aus dem Heimatland eines Komponisten letztlich befähigt seien, dessen Musik adäquat umzusetzen. So fragwürdig diese Behauptung ist (es liessen sich Hunderte von Beispielen anführen, die das Gegenteil beweisen), so steckt doch auch ein Körnchen Wahrheit in ihr, wie das Tschechische Kammerorchester bewies, das gemeinsam mit Mikael Ericsson am Violoncello unter der Leitung von Jana Vlachová im Rahmen der Baselbieter Konzerte-Reihe in der Stadtkirche Liestal ein Konzert mit Werken Tschechischer Komponisten gab.
Zu Beginn des ersten gespielten Werks des Abends, Leoš Janáčeks (1854-1928) Suite für Streichorchester (1877), wirkte das Spiel des 12-köpfigen Streicherensembles, das das Orchester aus Prag nach Liestal geschickt hatte, zwar noch etwas unsicher und distanziert: im ersten Satz Moderato waren mehrere Intonationstrübungen zu hören und das anschliessende Adagio wirkte noch etwas unterkühlt, im anschliessenden Andante con moto allerdings waren dann erste Anwandlungen von Vitalität zu verspüren.
Auf angemessener spieltechnischer Höhe schliesslich war das akzentuiert gespielte Presto mit seinem eingeschobenen Andante, das das Ensemble kontrastreich und mit Gefühl auflud. Der Höhepunkt der Suite bildete das mit elegischer Expressivität ausgestaltete zweite Adagio, dem das energisch interpretierte, abschliessende Andante folgte, in dem aber leider wieder Intonationsprobleme zu hören waren.
Im anschliessend gespielten Konzert für Violoncello und Orchester von Josef Reicha (1752-1795) wirkte der Schwedische Cellist Mikael Ericsson als Solist. Im ersten mit Allegro moderato überschriebenen Satz schien der Interpret nur knapp an seinen spieltechnischen Fähigkeiten entlang zu spielen, waren doch verschiedene Unsicherheiten in der Intonation und wiederholt nicht ganz sauber angespielte Töne zu hören, die technisch anspruchsvolle Solokadenz dagegen interpretierte der Solist korrekt. Die emotionalen Stimmungen im darauffolgenden Largo lotete er dann allerdings sensibel aus und am abschliessenden, vom Orchester mit beschwingter Leichtigkeit begleiteten Rondo ist nichts auszusetzen.
Zur wahren Grösse schliesslich lief das kleine Orchester mit der Interpretation von Antonín Dvoráks (1841-1904) Serenade E-Dur für Streichorchester op. 22 (1875) auf. Kontrastreich ausgedeutet das Moderato, tänzerisch leicht das Tempo di Valse, mit feurigem Aplomb das Scherzo, ausdrucksstark das Larghetto und nuancenreich-federnd das abschliessende Finale, Dvoráks Musik schien dem Tschechischen Orchester besonders gut zu liegen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 26, 2009

Singende Filmstars

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:52 am

Eines haben die beiden Stars des zweiten Konzerts im Rahmen der AVO Session Jane Birkin und Kevin Costner gemeinsam: beide starteten ihre Karriere als Filmschauspieler.

Nein, ihren wohl grössten Hit, der sie 1969 als Sängerin berühmt machte, das skandalumwitterte «Je T’Aime Moi Non Plus», hauchte und stöhnte Jane Birkin bei ihrem Auftritt an der AVO Session im Festsaal der Messe Basel nicht, was sowieso nicht sinnvoll gewesen wäre, fehlte doch ihre leidenschaftlich-verzehrende Liebe von damals an ihrer Seite, der 1991 verstorbene Serge Gainsbourg, mit dem sie den Song damals aufgenommen hatte. Aber andere ihrer Hits wie «Quoi», «Ford Mustang», «Amours Des Fientes», «Yesterday Yes A Day» oder ihre musikalische Liebesbezeugung an die Zeit ihrer ersten Erfolge «Ex-Fan des Sixties» hauchte die englische Wahlpariserin mit ihrem immer noch unüberhörbaren britischen Akzent ins Mikrofon.
Begleitet von einem meist kammermusikalisch spielenden vierköpfigen Ensemble mit einem elegischen Violoncello, Gitarren, Kontra- oder E-Bass und Klavier bestätigte die Grand old Dame des französischen Chansons die Faszination, die von ihrem Gesang immer noch ausgeht. Ähnlich wie die Piaf verfügt Jane Birkin über keine schöne Stimme: zerbrechlich und brüchig wirkt sie, in den hohen Lagen in puncto Intonation eher unsicher. Und dennoch, oder gerade deshalb strömt sie eine unerklärliche Magie aus, die durch die oft mit politischem Engagement aufgeladenen französischen und englischen Texte voller Poesie noch verstärkt wird. Wiederholt zauberte das «Enfant d’hiver» mit ihrem Gesang Stimmungen voller Melancholie, Herbst und Nebel in den Konzertsaal.

Etwas ins Grübeln kam man zumindest am Anfang des anschliessenden Auftritts von Kevin Costner, dem Filmstar, der mit Streifen wie «Die Unbestechlichen», «Der mit dem Wolf tanzt» oder «Perfect World» Filmgeschichte geschrieben hat und augenscheinlich auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen zur Musik gewechselt hat. Der Hollywoodstar konnte er es nicht lassen, vor Konzertbeginn einen rund zehnminütigen Videoclip mit Szenen aus seinen wichtigsten Filmen vorzuführen. Irritierend dabei, dass dieser Streifen mit einer wahren Blutorgie von mindestens fünfzehn hart aneinander geschnittenen, brutalen Erschiessungsszenen aus diversen Filmen Costners begann. Hat das der Schöpfer eines so einfühlsamen Films wie «Der mit dem Wolf tanzt» nötig? Und wäre es nicht angebracht gewesen, dass sich der Filmschauspieler und Regisseur erkundigt, wie halbwegs normal gepolte Mitteleuropäer bezüglich solch fragwürdiger Gewaltverherrlichung ticken?
Der Skurrilitäten nicht genug: als der Film zu Ende war, kam Kevin Costner begleitet von pompösen Synthesizer-Fanfaren im Stile Hollywoods winkend und händeschüttelnd von hinten in den Saal herein wie weiland der Präsident der Vereinigten Staaten bei seinem Eintritt in den Washingtoner Kongress zur State of the Union, der Rede zur Lage der Nation.
Anschliessen, als Costner mit seiner von drei Gitarren dominierte Band «Modern West» dann endlich mit einem nicht allzu umwerfenden «Midwestern-Roots-Rock» garniert mit einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Country-Musik loslegte, wurde es dann doch noch ziemlich banal. Jeder der gespielten Songs, von denen die meisten auf seiner ersten und einzigen CD «Untold Truths» zu finden sind, lief mit wenigen Variationen in der Chordfolge und meist im gleichen Tempo nach dem immer gleichen klassischen Strophe-Refrain-Schema, selten mal mit einer Bridge durchbrochen, ab, was die Musik schnell durchschaubar und bald ziemlich langweilig machte.
Auch Costners Gesangskünste hielten sich in Grenzen: jedes Mal, wenn er alleine sang, wirkte seine Stimme farblos und intonationsmässig unstabil. Meist allerdings wurde der Star von seinen Mitmusikern, die hervorragend zu Singen verstanden, mit Backing Vocals gestützt, wodurch Costners Gesang an Stabilität gewann. Sogar die zahlreichen (weiblichen) Fans im Publikum schienen von Kevin Costners Darbietung nicht recht überzeugt zu sein, hielt sich doch auch deren Begeisterung erstaunlich stark in Grenzen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 25, 2009

Rhythmen jenseits von Ibiza

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:05 am

In seiner diesjährigen Ausgabe präsentierte das Shift Festival für elektronische Künste auf dem Basler Dreispitzgelände ein abwechslungsreiches Musikprogramm.

Mit einer zuckersüssen Version von Camille Saint-Saëns «Aquarium» aus der bezaubernde Suite «Le Carnaval des animaux» stieg sie ein in das Eröffnungskonzert des diesjährigen Shift Festival auf dem Basler Dreispitzareal, die österreichische, in New York lebende Thereminspielerin Dorit Crysler. Zur Erinnerung, das Theremin ist ein 1919 vom Russen Lev Sergejewitsch Termen erfundenes elektronisches Musikinstrument, das ein wenig an eine «singende Säge erinnert. Über zwei Antennen werden elektromagnetische Felder erzeugt, die mit den Händen so beeinflusst werden können, dass Töne entstehen. Von ein paar vereinzelten Rückfällen in den Kitsch mal abgesehen, spielte Dorit Crysler anschliessend mehrere eher dem Indie-Rock verpflichteten Songs, in denen die Lady nicht nur mit ihren verblüffenden Sounds auf ihrem ungewöhnlichen Instrument brillierte, auch mit ihren Gesangskünsten vermochte die Sängerin recht passabel zu überzeugen.
Neben einer Ausstellung auf dem Dreispitzgelände mit künstlerischen Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Verschränkung und Verbindung von Magie und Technologie auseinandersetzte, präsentierte auch das diesjährige Shift Festival «aufstrebende Shooting Stars und legendäre Pioniere der Elektronischen Musik», wie die Basler Improvisations-Band La Prise, die am folgenden Abend zu hören war. Momente ekstatischer Intensität waren da zu erleben, wenngleich das Projekt nicht all zu originell war, hat man solche Rhythmusorgien auf Mistkübeln und Ähnlichem schon wesentlich interessanter gehört. Auch hatte man das Gefühl, all die Samplers und Laptops, die auf der Bühne rumstanden, wurden mit ihren enormen Potential an Klangmöglichkeiten nie richtig ausgenutzt.
Das Musikrad neu erfunden hat da der elektronische Singer-Songwriter Volta Vital zwar auch nicht, der in der Lounge des Festivalgeländes ein «Kopfhörerkonzert» über im Publikum verteilte Kopfhörer gab, immerhin vermochte er aber durch kompositorischen Witz und textlicher Originalität seiner Songs zu überzeugen. Mit seinem Sampler und Laptop gerierte er Sounds, die an die Kargheit der frühen Kraftwerk erinnerte, garniert mit naiv wirkenden in Dialekt gesungen Songtexten, die aber in puncto bissiger Selbstironie und skurrilem Witz kaum zu überbieten waren. Eindeutig einer der Lichtblicke dieses Festivals.
Wesentlich mehr zum Einsatz kam die Elektronik beim Duo des Soundtüftlers Kieran Hebden und dem gestandenen Jazzdrummer Steve Reid, das mit seiner Verschränkung von elektronischen Klängen mir kräftigen Schlagzeugrhythmen in seinem rund einstündigen Improvisations-Set immer wieder spannungsgeladenen Momente voller Energie auf die Bühne wuchtete. Was allerdings die Band Ebony Bones an einem der elektronischen Kunst und Musik verpflichten Festival verloren hatte, wurde nicht ersichtlich, könnte diese Combo doch an jedem x- beliebigen Rockfestival spielen. Nur dass die Band neben zwei zugegebenermassen druckvoll spielenden Drummer auch über zwei Synthesizer-Spieler verfügte, die vorwiegend wummernde Bassriffs in den Saal drückten, reicht da wohl nicht.
Am letzten Festivalabend spielten die beiden Weltraumforscher Christian Pfluger und Roland Strobel eine im ersten Augenblick etwas arg naiv und musikalisch unbedarft wirkende Musik, die aber mit der Zeit doch ihren Reiz entwickelte, wenn man sich auf ihre karge Ästhetik einliess. Vorbereitete Rhythmus-Pattern überlagert mit einfachen, meist auf akustischen Instrumenten wie Melodika, Akkordeon oder Xylophon gespielte Melodiebögen waren da zu hören.
Eines der interessantesten Projekte an diesem Festival dürfte das deutsche Avantgarde-Duo Cluster gemeinsam mit der Thereminspielerin Dorit Chrysler gewesen sein, in dem frei improvisiert fast schon meditativ fliessende elektronische Klanglandschaften voll mysteriöser Sprödigkeit und Herbheit gemalt wurden.
Eher dem Experimentellen offen schöpfte der Hamburger Musiker und Elektroniker Felix Kubin die Möglichkeiten der Elektronik wesentlich besser aus als diverse andere Künstler an diesem Festival. Mit erfrischender Chuzpe mischte er die unterschiedlichsten Stile von Pop über Trip Hop hin bis klassischem Swing zu komplexen Stücken zusammen, die er mit originellen Klängen und Sounds aufmischte. Und bevor schliesslich gegen Ende des Shift Festivals die DJs endgültig das Zepter übernahmen, liess der Veteran der deutschen Technobewegung und Exmitglied von Palais Schauenburg Thomas Fehlmann seine Drum Machine von der Leine und heizte mit knackig-kernigen House-Rhythmen jenseits von Ibiza und Kommerz ein.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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