Die Versuchungen des Hypnos
Das Quartetto di Venezia vermochte nur mit der Musik zu überzeugen, die einen Bezug zu seiner Heimat Italien hat.
Nicht ganz frei von Vorurteilen hoffte man beim Besuch des Konzerts im Rahmen der Kammermusik um halb acht im Hans Huber-Saal des Stadtcasino Basel darauf, Wolfgang Amadé Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421 in einer kontrastreich-schillernden, mit Dynamik aufgeladenen Version präsentiert zu bekommen, handelte es sich doch beim interpretierenden Quartetto di Venezia um Italiener, die für ihr Temperament berühmt sind. Doch leider wurde man etwas enttäuscht. Nicht das die Musiker Andrea Vio (Violine), Alberto Battistone (Violine), Luca Morassutti (Viola) und Angelo Zanin (Violoncello) schlecht gespielte hätten; wenn man von ein paar Unsicherheiten vor allem in der ersten Violine mal absieht spielte das Quartett das Werk präzise und sauber intoniert. Dennoch vermochte die Interpretation dieses Quartetts nicht recht zu überzeugen, betonten die vier Musiker mit ihrem süsslichen Spiel doch vor allem die zweifellos expressive Seite dieser Musik, von der versteckten innere Erregung aber, die beispielweise in der Motivik und in den schneidenden Dissonanzen im Stimmengewebe der Durchführung des ersten Satz steckt oder von der bewegenden Emotionalität im sechs Achtel-Variationssatz des abschliessenden Allegro war leider nicht viel zu verspüren.
Der sich dann einschleichende Verdacht allerdings, man werden den Rest des Abends damit verbringen müssen, die Versuchungen des Schlafgottes Hypnos abzuwehren, erwiesen sich glücklicherweise bald als falsch, als anschliessend das Quartett Hugo Wolfs (1813-1901) «Italienische Serenade» G-Dur zu Gehör brachte. Die wesentlich agiler wirkenden Musiker interpretierten dieses reizende kleine, nicht oft gespielte Werk mit der Tempobezeichnung «Sehr lebhaft» mit einer mit anregendem Spielwitz vorgetragnen Grazie, die aufhorchen liess.
Mit geschärften Sinnen lauschte man darauf dem Streichquartett e-Moll von Giuseppe Verdi, ein Werk, das der Maestro 1873 zu seinem Vergnügen als «Studie» komponierte und das er nicht zur Veröffentlichung freigeben wollte, erachtete er doch die Instrumentalmusik als eine «Sache der Deutschen». Das diese Komposition aber problemlos neben deutscher Kammermusik jener Zeit zu bestehen vermag, erwies sich bei deren Interpretation durch das Quartetto di Venezia. Lebhaft und mit gestalterischer Intelligenz interpretierten die vier Musiker dieses Werk: kontrastreich changierend zwischen lieblich und zupackend das Allegro, mit zart-erregendem Pulsen das Andante, mit rassiger Emphase das Prestissimo und mit federnder Dynamik das abschliessende Scherzo mit seinen raffinierten Fugato-Bewegungen, deren erstaunliche Modernität an die Kammermusik Dimitrij Schostakowitsch’ erinnerte.
Und siehe da, als Zugabe spielte das Quartetto di Venezia ein Potpourri voller Witz und Esprit von Dimitrij Schostakowitsch mit Arrangements aus der Ballettmusik «Das goldenen Zeitalter» mit solch sprühender Verve, dass das Vorurteil doch noch bestätigt wurde: sie haben Temperament, die Italiener!
Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung