Rolf De Marchi

November 30, 2009

Mit umwerfendem Charme und humorvoller Koketterie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:21 pm

In einem Benefizkonzert zugunsten der Wärmestube «Soup&Chill» interpretierte die Opernsängerin Maya Boog alte deutsche Schlager voller Witz und Humor.

Dass die gegenwärtige Krise nicht nur aus unpersönlichen, statistische Zahlen besteht, die in den Medien herumgeboten werden, bekommen zuvorderst karitative Institutionen zu spüren wie die Wärmestube «Soup&Chill» neben dem Ausgang der Bahnhof-Passerelle im Basler Gundeldinger Quartier. Beherbergte die vom Verein für Gassenarbeit «Schwarzer Peter» im Dezember 2006 eröffnete, momentan provisorisch in einem Container untergebrachte Institution im ersten Jahr ihres Bestehens noch bis zu 30 Randständige täglich, ist die Zahl in den vergangenen Monaten auf gegen 70 hochgeschnellt. Gemäss der Präsidentin des Schwarzen Peters Claudia Adrario de Roche sei dies vor allem auf Arbeitslose zurückzuführen, die ihre Stelle verloren hätten und die hofften, bald wieder einen neuen Job zu ergattern und den Gang zum Sozialamt vermeiden zu können. Häufig hätten die Leute bis zu Öffnung des Containers um 16 Uhr noch gar nichts gegessen und seien froh um einen wärmenden Teller Suppe.
Im Laufe der Jahre hatte sich der intensiv von der Öffentlichkeit frequentierte Centralbahnplatz vor dem Basler SBB-Bahnhof zum Treffpunkt randständiger Menschen wie Obdachlose, Alkoholabhängige und Jugendliche der Punkszene oder rechtsorientierter Gruppierungen entwickelt. Da das Zusammentreffen solch unterschiedlicher Gruppen regelmässig zu Störungen und Konflikten mit gelegentlich aggressiven Auseinandersetzungen führte und die Randständigen im Winter warme und geschützte Orte im Bahnhof aufsuchten, eröffnete der Verein Schwarzer Peter 2006 die Wärmestube «Soup&Chill», um diesen bedürftigen Menschen in den kalten Wintermonaten zwischen 16 und 21 Uhr eine warme Bleibe in der Nähe des Bahnhofs zu bieten. Neben den SBB, die aus naheliegenden Gründen ein Interesse am Funktionieren dieses Etablissement hat, wird «Soup&Chill» vom Kanton Basel Stadt momentan mit Fr. 30′000.- unterstütz (über eine Erhöhung diese Betrags wird momentan im Basler Grossen Rat diskutiert), den gewaltigen Rest der Betriebskosten muss sich der Schwarze Peter bei Privaten und Firmen zusammenbetteln.
Eine eher erfreuliche Methode der Geldbeschaffung hat der Verein mit einem Benefizkonzert beschritten, in dem die Opernsängerin Maya Boog begleitet vom Pianisten Thomas Rabenschlag alte deutsche Schlager sang. Die Sängerin, die vor ein paar Wochen in der Opernproduktion des Schweizer Fernsehens «La Bohéme im Hochhaus» von Giacomo Puccini in der Rolle der Mimi brillierte, hatte sich spontan zu diesem Konzert bereit erklärt. Sie fühle sich, so erklärte Maya Boog, als vom Schicksal privilegierte, erfolgreiche Künstlerin verpflichtet, Solidarität zu üben mit Menschen, die in ihrem Leben weniger Glück hatten wie sie und am unteren Rand der Gesellschaft ein tristes Dasein fristen müssten.
Dass die Sängerin nicht nur eine hervorrage Opernsängerin ist, sondern auch hinreissend Schlager zum Besten zu geben versteht, bewies sie mit ihrem Konzert im Container von «Soup&Chill». Unter Verzicht von unangemessenem Opernpathos sang sie Schlager-Klassiker wie «Kann den Liebe Sünde sein?», «Irgend wo auf der Welt gibt’s ein wenig Glück», «Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehen» oder «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» in der Tradition einer Marlene Dietrich oder einer Zarah Leander. Die Herzen des Publikums aber gewann Maya Boog vor allem mit sprühenden Songs voller Humor wie «So ein Mann!», «Ich bin verrückt nach jedem Pianisten» oder «Die Kleptomanin», die sie mit solch umwerfendem Charme und humorvoller Koketterie vortrug, dass sei mit befreienden Lachsalven und Begeisterungsstürmen belohnt wurde.
Wieviel Geld das freigiebige Publikum am Ende des Konzerts für das Projekt «Soup&Chill» gespendet hat, konnte zwar nicht genau eruiert werden, das Häuflein Banknoten aber, das sich auf der Theke der Wärmestube auftürmte, war beachtlich.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 29, 2009

Die falsche Brille

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:45 pm

Mit seinen Gästen, dem Tablater Konzertchor und dem Orchester Les Temperaments, interpretierte der Motettenchor Region Basel Werke romantischer Komponisten.

Mit einem ordentlich grossen, letztlich absolut unnötigen Wermutstropfen endete die Interpretation der 7. Sinfonie h-Moll «Die Unvollendete» von Franz Schubert (1797-1828) durch das Orchester Les Temperaments unter der Leitung von Ambros Ott im Grossen Saal des Goetheanums Dornach. Dabei hatte sich das Orchester vorher ordentlich gut durch dieses sensible Werk geschlagen. Melodisch und harmonisch transparent mit fein nuancierter Dynamik schiffte Ambros Ott seine Musikerinnen und Musiker unspektakulär aber solide durch das zwei Sätze umfassende Werk, das Schubert als «meine Symphonie» bezeichnet hatte, die er allerdings nie vollendete.
Und dann auf der Zielgeraden in den letzten Takten des zweiten Satzes spielte eine der 17 Violinistinnen gleich mehrere Schläge lang einen Ton dermassen daneben, dass es in den Ohren schmerzte. Nicht nur, dass die Dame vermutlich die falsche Brille auf der Nase hatte, so dass sie wohl ein Vorzeichen falsch interpretierte, sie kostete den Ton auch noch genüsslich aus, statt ihn sofort abzubrechen.
Leider waren auch in der anschliessenden Wiedergabe von Anton Bruckners (1824-1896) dritten Messe in f-Moll mehrmals Intonationsprobleme in den Violinen zu hören. Bestechend klar allerdings das Spiel der Blasinstrumente, die durch Präzision zu überzeugen vermochten. Auch an den sängerischen Leistungen des Tablater Konzertchors aus St. Gallen, der sich gemeinsam mit dem gastgebenden Mottenchor Region Basel zu einem rund 80-köpfigen Chor vereinigt hatte, gab es nichts auszusetzen. Zwar litt die Beweglichkeit der Stimmen etwas unter der Grösse des Chors, die Textverständlichkeit allerdings war erstaunlich gut.
Zufriedenstellend waren auch die Darbietungen der Solostimmen. Der ansonsten korrekt singende Sopran Anita Monti bekundete zwar etwas Mühe mit dem präzisen Ansingen hoher Töne und die silbrige Stimme des Tenors Paolo Vignoli ging bei den Fortestellen gelegentlich etwas unter, gänzlich überzeugend allerdings der Bass Martin Bruns mit seiner kraftvollen, sauber intonierten Stimme und der Alt Andrea Weilenmann liess bei den wenigen Worten, die er singen durfte, auch nicht anbrennen.
Gespalten also verliess man am Ende den Konzertsaal des Goetheanums, hatte man doch über weite Stecken gut gespielte Musik gehört, die allerdings wiederholt durch unnötige Fahrlässigkeit getrübt wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 25, 2009

Mit an Magie grenzender Perfektion

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:33 pm

The Nash Ensemble of London überzeugte sowohl durch perfekte Technik als auch durch aussergewöhnliche Ausdruckskraft.

In den vergangenen Jahren haben vor allem Musikwissenschaftlerinnen die verschlungenen Pfade der Musikgeschichte nach Komponistinnen durchforscht, die es wert sind, dem Vergessen entrissen zu werden. Dass darunter einige fantastisch schillernde Perlen sind bewies The Nash Ensemble of London mit seinem Konzert im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal, bei dem es das Klaviertrio d-Moll op. 11 von Fanny Hensel-Mendelssohn (1805-1847) zu Gehör brachte. Dieses Werk vermochte vor allem im ersten Satz «Allegro molto vivace» durch seine abwechslungsreiche Ausgestaltung zwischen elegisch-sentimentalen und ungemein rassigen Passagen zu überzeugen.
Nicht zuletzt dank der makellosen Interpretation durch das Trio Marianne Thorsen (Violine), Paul Watkins (Violoncello) und Ian Brown (Klavier) kam diese grossartige Musik zum Leuchten. Von der ersten Sekunde an zeigten die drei Musiker volle Präsenz, spielten die elegischen Partien mit inniger Ausdruckskraft ohne dabei ins Süssliche zu verfallen, die energischen Partien kraftvoll-zupackend ohne grob zu werden.
Dass Fanny Hensel-Mendelssohns kompositorischen Fähigkeiten selbst den Vergleich mit ihrem nicht minder genialen jüngeren Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) zu scheuen braucht, konnte man an diesem Abend im direkten Vergleich erfahren. Mit schier an Magie grenzender Perfektion spielte das um den Pianisten Ian Brown reduzierte und um die Violinistin Malin Broman und den Bratschisten Lawrence Power zum Streichquartett ergänzte Ensemble das Streichquartett a-Moll op. 13 von Felix Mendelssohn. Jede feinste dynamische Nuance, jede kompositorische Finesse, selbst kleinste Rubati wurden durch intensiven Blickkontakt zwischen den Musikern genaustens abgestimmt. Was dabei aber am meisten verblüffte war die Tatsache, dass bei dieser Interpretation trotz grösster spieltechnischer Vollendung und phänomenaler Transparenz der emotionale Gehalt dieser hervorragenden Musik nicht im geringsten litt. Musikalische Wendungen wurden kontrastreich mit Emotion ausgeführt, Melodiebögen mit kantabler Sinnlichkeit schwungvoll gezeichnet, dynamischen Abschnitte mit kantiger Spannkraft aufgeladen: nicht das Geringste gab es da auszusetzen!
Einziger kleiner Kritikpunkt dieses Abends vielleicht die diskussionswürdige Programmierung von Erich Wolfgang Korngolds (1897-1957) Klavierquintett E-Dur op. 15, mit dem The Nash Ensemble of London das Konzert abschloss. Der aus Österreich stammende, in Hollywood zu Ehren gekommene Komponist Korngold mag ja ein brillanter Filmmusiker gewesen sein und auch sein Violinkonzert mag absolut hörenswert sein, in puncto kompositorischer Raffinesse aber vermochte dieses Quintett im Vergleich zu den vorangegangenen Schöpfungen der Geschwister Mendessohn trotz erstklassiger Interpretation nicht recht zu überzeugen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 18, 2009

Kontrastreiche Fäden

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:33 am

In der Gare du Nord brachte das diesjährige Aserbaidschan gewidmete Festival Culturescape aserische und georgische Kammermusik zu Gehör.

Nach vielleicht drei Minuten endete das Streichquartett Nr. 2 der 1951 im aserbaidschanischen Baku geborenen Komponistin Rahilia Hasanova mit einem dramatischen Abbruch: Die gesundheitlich angeschlagene Bratschistin des in Köln beheimateten Minguet Quartetts Aroa Sorin war gezwungen, ihr Spiel abzubrechen und sich schnell hinter die Bühne zu begeben, um sich zu erholen. Für ein paar Minuten war unsicher, ob das Konzert im Rahmen des Festivals Culturescapes Aserbaidschan in der Gare du Nord weitergehen würde. Mit folkloristisch wirkender Motivik in der 1. Violine hatte dieses Streichquartett vielversprechend begonnen. Nach ein paar Takten begann die 2. Violine einen kontrastierenden zweiten Faden dazuzuspinnen, ergänzt schliesslich durch die dunkle Bratschenstimme, die dann allerdings unvermittelt abbrach.
Schliesslich kehrten die vier Musiker wieder auf die Bühne zurück und der 1. Violinist des Minguet Quartetts Ulrich Isfort erklärte, dass das Werk ähnlich weiter gehen und dass es einen ekstatischen Schluss geben würde, denn das Quartett allerdings nicht mehr spielen könne, um Frau Sorins Gesundheit zu schonen. Immerhin aber brachte das kleine Ensemble noch das Werk «Mugham-Sayaghi» der persönlich anwesenden aserischen Komponistin Franghiz Ali-Zadeh (1947) zu Gehör. Das farbenreiche Werk baute auf einem einfachen, mit Schleiftönen durchsetzten melodischen Pattern im Violoncello auf, dessen Motiv schrittweise in höheren Lagen von den anderen Instrumenten aufgenommen und variiert wurde. Nach einer längeren Weiterentwicklung mit vielen volksmusikalischen Anklängen wurde das abwechslungsreich gestaltete Werk mit dem Anfangspattern zum Abschluss gebracht. Und dass Frau Ali-Zadeh nicht nur eine kluge Komponistin sondern auch eine hervorragende Pianistin ist, bewies sie mit der Wiedergabe ihrer Komposition «Music for Piano», die ihr grosse fingertechnische Virtuosität abforderte.
Bekanntlich hat sich das Festival Culturescapes das Ziel gesetzt, jedes Jahr einen anderen in der Schweiz unbekannten musikalischen Kulturraum im Osten des eurasischen Kontinents vorzustellen (nächstes Jahr wird China zu Gast sein). Und obwohl in diesem Jahr Aserbaidschan auf dem Programm stand, wurden an diesem Konzertabend im «Bahnhof für Neue Musik» noch ein Werk des georgischen Komponisten Giya Kancheli gespielt. Der für seinen neoromantischen, mit archaischem Mystizismus aufgeladenen Schönklang berühmte Kancheli war 2003 bei der ersten Georgien gewidmeten Ausgabe von Culturescapes der «Star» des Festivals. Seine Komposition «Night Prayers» für Streichquartett allerdings fiel im Vergleich zu den restlichen gespielten Werken dieses Abends etwas ab, war doch dieses Stück zu sehr von sich dauernd wiederholenden und daher schnell durchschaubaren Kompositionsmustern geprägt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 16, 2009

Ein durchdachtes Gesamtkonzept

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:54 pm

Trotz spieltechnischer Mängel vermochten Solist Mathias Inoue und das Orchester Dornach durch zupackende Interpretationen zu überzeugen.

Auf Grund ihres durchgehend freundlichen, bisweilen sogar heiteren Tons wird sie gelegentlich als «Pastorale» tituliert, die 2. Sinfonie von Johannes Brahms (1833-1897). Diese Etikettierung scheint nicht unproblematisch, ist doch dieses Werk durchstrukturiert wie Brahms 1. Sinfonie und von ländlich-pastoralen Assoziationen ist nichts zu bemerken. Dass es in diesem Werk aber auch Stellen gibt, die ein zupackendes Spiel erfordern, konnte man im Konzert des Orchester Dornach im fast bis auf den letzten Platz besetzten Grossen Saal des Goetheanums in Dornach erfahren.
Nicht dass das mit Profimusikern verstärkte Amateurorchester perfekt gespielt hätte: immer mal wieder waren kleine Unsicherheiten wie das nicht sauber koordinierte Anblasen der Töne durch die Bläser zu Beginn des ersten Satzes, Intonationsprobleme, das nicht immer perfekte Zusammenspiel und das gelegentliche Schleppen der Streicher in einzelnen kurzen Abschnitten zu hören. Je länger je mehr aber ignorierte man diese kleinen Unpässlichkeiten, war doch bei dieser Interpretation ein durchdachtes Gesamtkonzept zu verspüren, das einen in den Bann schlug. Der Dirigent des Orchesters Jonathan Brett Harrison dürfte wohl der Hauptverantwortliche für diese geglückte Realisierung dieser Sinfonie gewesen sein, der vermutlich alles, was das Orchester Dornach an rassiger Schwerelosigkeit zu leisten vermag, herausholte.
Auch das delikate Unterfangen, Joseph Haydns Sinfonie G-Dur Hob, I: 27 zu interpretieren, gelang erstaunlich gut. Nicht matt und schwerfällig, wie man diese vortreffliche Musik immer noch gelegentlich zu hören kriegt, im Gegenteil, erstaunlich lebendig und schillernd brachte das Orchester dieses Werk zu Gehör; Dirigent Harrison scheint genau zu wissen, was in der historisch orientierten Musikpraxis in den vergangenen dreissig Jahren über die bestmögliche Interpretation von Joseph Haydns Musik herausgefunden worden ist.
Wie bei Haydn war auch beim dritten auf dem Programm stehenden Werk, Wolfgang Amadé Mozarts Konzert für Violine und Orchester in G-Dur, KV 216, nicht alles perfekt. Dennoch auch hier überzeugend, wie das Orchester den 20jährigen, talentierten Basler Geiger Mathias Inoue begleitete, der trotz gelegentlichem Kampf mit der sauberen Intonation vor allem im langsamen Mittelsatz mit seinen ausdrucksstarken Schmelz in seinem Ton bestach. Im Besondern in der kurzen Solokadenz brachte der junge Musiker seine Violine zum Singen. Dieses junge Talent wird man in Zukunft vermutlich noch öfters zu hören bekommen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

0.284 sekunden WP 1.5    xhtml css