Rolf De Marchi

März 28, 2010

Altmeister der Bluesharp

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:47 am

Mit einem der Bluesharp gewidmeten Konzert und der Überreichung des Swiss Blues Award 2010 endete das diesjährige Bluesfestival Basel 2010.

Im Verlaufe seiner gut hundert jährigen Geschichte hat sich im Blues die Bluesharp, im Volksmund auch Muulörgeli genannt, neben der Gitarre zum wohl wichtigsten Instrument dieses Musikstils entwickelt. Da liegt es natürlich nahe, dass das Bluesfestival Basel 2010 diesem Instrument einen ganzen Abend im Volkshaus Basel widmete und dazu einen der ganz Grossen dieses Instruments einlud: Charlie Musselwithe. Geradezu exemplarisch zeigte der Altmeister auf, weshalb die Mundharmonika bei den Bluesmusikern so beliebt ist: mit verblüffender Virtuosität blies und saugte er bei seinen Soli auf seinem kleinen Instrument, verzog und modulierte die Töne zu schrägen Bluenotes oder scharf konturierten Leittönen, wie sie im Blues üblich sind. Vor allem in den wenigen langsamen Bluesballaden, die die Band zum Besten gab, holte Charlie Musselwithe alles aus seiner Harp, was an Ausdruck und Feeling möglich war.
Aber auch mit seinen Gesangskünsten vermochte der altgediente Kämpe zu überzeugen. Mit heller, angerauter Stimme trug er seine Songs mit ihren durch die Erfahrung eines langen Lebens geprägten Texten vor. Nicht minder genial auch seine Begleitband mit einer erstaunlich präzise tickenden Rhythmusgruppe mit Mike Phillips am Bass und June Core an den Drums. Darüber der noch junge, talentierte Gitarrist Matthew Stubbs, der mit seinen innovativen, ungemein virtuosen Soli, die er mit exakter Fingertechnik vortrug, einen adäquaten Kontrast zum ausdrucksstarken Spiel von Musselwithe bildete.
Wenn es überhaupt am phänomenalen Spiel der Band um Charlie Musselwithe etwas zu kritisieren gab, dann vielleicht der Mangel an dynamischen Abstufungen. Wie eine sauber geölte, zugegebenermassen ungemein musikalisch agierende Maschine spielte die Band die Songs runter ohne je ernsthaft die Lautstärke zu variieren. Ganz anders die einheimische Andy Egert Blues Band, die als Vorband zu Musselwithes Crew keine schlechte Falle machte. Zwar vermochte die Begleitband von Andy Egert bestehend aus dem Bassisten Marc Ray Oxendine und dem Drummer Hani Ali nicht an die Präzision von Musselwithes Rhythmusgruppe heranzureichen; das Zusammenspiel der beiden war oft nicht einheitlich und der Bass schwamm nicht selten etwas neben dem Metrum her. In puncto dynamischen Abstufungen aber machten sie ihren professionellen Kollegen aus den USA etwas vor. Immer wieder nahmen die Jungs ihre Lautstärke extrem zurück und schufen so ein knisternde Spannung, die man bei Musselwithes Band gelegentlich etwas vermisste. Der Leader der Band, Andy Egert überraschte sogar einmal mit einem Solo, in dem er seinen Gitarrenverstärker ganz abstellte und anschliessend akustisch so leise weiterspielte, dass im ansonsten lauten Saal des Volkshauses totale Stille eintrat und das ganze Publikum ohne Ausnahme schweigend zuhörte. Aber auch wenn Andy Egert auf seiner Gitarre laut spielte, vermochte er zu überzeugen. Seine Spielkünste auf der Bluesharp allerdings hielten sich im Vergleich zu seinem grossen Kollegen Musselwithe arg in Grenzen. Nicht schlecht allerdings fielen Egerts sängerische Darbietungen aus, mit denen er die meist gecoverten Songs wie beispielsweise der Canned Heat-Klassiker «On the Road again» mit einem Hauch schwarzen Feelings vortrug. Dass Andy Egert ausgerechnet an dem Abend mit seiner Band am Bluesfestival Basel spielte, an dem auch der Swiss Blues Award verliehen wurden und dieser von Andy Egert himself gewonnen wurde, war vermutlich reiner Zufall.
Alle Jahre wieder verleiht der Verein Blues Festival Basel, beziehungsweise ein vermögender Sponsor der Person oder Institution, die sich um die Schweizer Bluesszene verdient gemacht haben, den sogenannten «Swiss Blues Award». Ausgewählt von einer Jury bestehend aus im Blues beschlagenen Fachpersonen wird aus einer kleinen Zahl nominierter Anwärter der Gewinner auserkoren. Drei nominierte standen in diesem Jahr auf der Liste der Jury: Neben dem Tessiner Rechtsanwalt Daniele Joerg, der sei 15 Jahren im OK des Piazza Blues Festival Bellinzona Einsitz hat und viele hervorragende Bluesmusiker und Bands nach Bellinzona gelockt hat, stand noch Walter Baumgartner auf der Liste, der sich mit seiner prägnanten Stimme und seinen Künsten auf der Mundharmonika sowie als Leader von Walt’s Blues Box einen Namen gemacht hat. Das Renne gemacht hatte aber schliesslich der Gitarrist Andy Egert, der am Abend der Preisverleihung gleich live bewiesen hatte, dass er den Preis verdiente.
Unter der Moderation des Jury-Präsidenten Fred Motter wurde der Preis vom Baselbieter Regierungspräsident Urs Wüthrich mit lobenden Worten an Andy Egert überreicht. Andy Egert dankte mit einer kurzen Rede der Jury und ganz besonders seiner Familie, die ihn in den vergangene Jahren bei seiner Karriere immer unterstützt habe. Den Preis in Form einer auf einem kleinen Podest fixierten Bluesharp in der Hand schwingen verabschiedete sich der Gewinner schliesslich mit den ins Publikum geworfenen tiefsinnigen Worten: «Love and Peace, don’t forgett the boogie».

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 27, 2010

Festival mit familiärer Atmosphäre

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 6:12 pm

Das Bluesfestival Basel 2010 vermochte sowohl durch sein attraktives Programm aus auch durch seine lockere Atmosphäre mehr als 3000 Zuhörerinnen und Zuhörer anzulocken.

Als die Vertretung des Organisationskomitees des Bluesfestivals Basel auf dem Flughafen Basel-Mulhouse aufkreuzte, um die Musiker der Chris Harper Swississippi aus Chicago zu begrüssen und sie in ihr Hotel zu bringen, gab’s von den Musikern keine Spur, obwohl das Flugzeug längst eingetroffen war. Nervös begannen die Gastgeber auf ihren Fingernägeln zu kauen, als schliesslich nach knapp einer Stunde ein Telefonat die Erklärung brachte: Die Musiker waren auf der französischen Seite des Flughafens ausgestiegen, wo sie nicht minder unruhig auf die Schweizer warteten.
Glücklicherweise hatte sich die Band nicht in Luft aufgelöst, hätte doch in diesem Fall das mitreissende Konzert am folgenden Abend im Volkshaus Basel nicht stattfinden können, bei dem die Musiker dem geneigten Publikum mit knackigen Funkrhythmen einheizten. Der Zürcher Sänger und Bluesharp-Spieler Chris Harper alias Heinz Flückiger hatte die Crew nach Basel geholt, um sie als Begleitband bei seinem Swississippi-Projekt einzusetzen. Dabei erwies sich allerdings schon nach wenigen Minuten die sogenannte Begleitband mit ihrem mitreissend-kernigen Spiel als der wahre Star dieses Konzerts, fielen doch die Gesangskünste von Chris Harper eher mässig aus. Immerhin aber vermochte Chris Harper mit seinen Spielkünsten auf der Mundharmonika einigermassen zu überzeugen. Wirklich gewaltig ging’s dann zur Sache, als die beiden Special Guests Peaches Staten und Jesse James King mit ihren mächtigen Blues-Stimmen ihren Auftritt hatten und den Bandleader endgültig an die Wand sangen.
Auch wenn das Programm der diesjährigen 11. Ausgabe des Bluesfestivals vielleicht nicht ganz so attraktiv war wie vor einem Jahr, ist das Publikum in ähnlich grosser Zahl erschien wie in den vergangen Jahren. Nicht unwesentlich zum Erfolg dieses Festivals dürfte auch die lockere, fast familiäre Atmosphäre beitragen, die rund um die Konzerte herrscht. So geschied es beispielsweise, dass am Ende eines langen Konzertabends, wenn das Publikum nach Hause zu strömen beginnt, Gitarrist Mike Weeler und Bassist Larry Williams von Swississippi am Eingang zum Volkshaus zwei der schönen, komplett handgemachten Instrumente in die Hand nehmen, die der Instrumentenbauer Ossy Hürlimann aus Ziefen dort zum Verkauf anbietet. Die beiden Musiker legen darauf eine rund dreiviertelsündige Session hin, die dutzende begeisterte Zuhörerinnen und Zuhörer trotz fortgeschrittener Stunde daran hindert, nach Hause zu gehen.
Familiäre Gefühle bei nicht wenigen im Basler Publikum dürfte auch der Tenorsaxophonist Sam Burckhardt auslösen, der in Basel geboren und aufgewachsen ist, seit vielen Jahren aber in Chicago lebt, wo er längst zu einem festen Bestandteil der lokalen Bluesszene geworden ist. Entgegen der goldenen Regel aller Festivals, niemals einen Musiker oder eine Band zwei Mal hintereinander zu programmieren, ist Sam Burckhardt mittlerweile fast schon zum Maskottchen des Basler Bluesfestivals avanciert, wo er Jahr für Jahr seien Auftritt hat. So auch dieses Jahr, wo er eine Band aus seiner zweiten Heimat, der «Windy City» Chicago mitgebracht hat. Gemeinsam mit seiner Crew und der einzigartigen Sängerin Zora Young, die sowohl durch ihre kraftvolle Stimme als auch durch ihre grosse Bühnenpräsenz zu überzeugen vermochte, bot Sam Burckhardt solide gespielten klassischen, streckenweise allerdings auch etwas angestaubt wirkenden Blues im Stile der 50er- und 60er-Jahre.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 21, 2010

Und es ward Licht

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:22 pm

Begleitet vom Akademischen Orchester Basel interpretierten die vereinten gemischten Chöre von Seltisberg und Rudolfstetten-Friedlisberg Joseph Haydens «Die Schöpfung».

Von einem heftigen Paukenwirbel unterstützt setzt das Orchester mit einem schockartigen Schlag ein in den Prolog zum oratorischen Werk «Die Schöpfung» von Joseph Haydn (1732-1809). Aus der Leere, die der Schlag hinterlässt erheben sich undeutlich wie ferne Schatten thematische Bruchstücke aus dem diffusen Nebel haltlos schweifender Harmonien. Wie augelöst scheinen die klassischen Regeln der Harmonielehre, so dass der Wechsel von Spannung und Auflösung, das Grundprinzip tonaler Musik aufgehoben zu sein scheint. Einzigartig, wie Joseph Haydn mit dieser Darstellung die «Die Vorstellung des Chaos» zaubert, aus der er anschliessen mit überbordender Fantasie heitere Bilder der Weltenschöpfung empor wuchern lässt.
Tapfer bemühte sich das Akademische Orchester Basel unter der Leitung von Markus J. Frey bei seinem Konzert in der Martinskirche Basel diesem anspruchsvollen Stück Musik gerecht zu werden. Nicht reizlos auch die Begleitung des Orchesters beim anschliessenden Rezitativ des Raphael gesungen vom Bass Ulrich Acolas. Einen Tick zu brav dann setzten der Gemischte Chor Seltisberg und der Gemischte Chor Rudolfstetten-Friedlisberg ein, die ihren Vortrag mit dem von einem mächtigen Orchesterschlag begleitenden «Und es ward Licht» schloss. Immerhin fiel die Artikulation der Texte durch die beiden vereinten Chöre trotz ihrer Grösse von rund 90 Mitgliedern überraschend deutlich aus.
Vom gelegentlich etwas naiv wirkenden Interpretationsansatz mal abgesehen hätte man eigentlich mit dem weiteren Verlauf dieser Interpretation ganz zufrieden sein können, wenn da nicht zumindest in der ersten Hälfte des Konzertes immer wieder mangelnde Präzision und ordentliche Intonationsschwächen bei den Violinen zu verzeichnen gewesen wären. Ungewohnt beim Akademischen Orchester Basel, dass doch normalerweise trotz seines Amateurstatus durch solides Spiel zu überzeugen vermag. Immerhin seien zur Ehrrettung des Orchesters aber vor allem die Holzbläser erwähnt, die ihre Partien meist mit Bravour meisterten.
Zwar waren auch bei den Solosängerinnen und Sängern keine übermässigen Höhenflüge zu verzeichnen, aber immerhin vormochten die Solisten durch ihren solidem Gesang zu überzeugen. Vorne weg der Sopran Marni Schwonberg, der mit seiner runden, warmen Stimme der Rolle des Gabriels Leben einhauchte. Etwas schlanker das Organ des Soprans Daniela Immoos in der Rolle der Eva, der durch Intonationssicherheit bestach, dessen Textverständlichkeit allerdings zu wünschen übrig liess. Um so deutlicher die Artikulation des Basses Othmar Sturm als Adam und auch an den Darbietungen des Tenors Valentin J. Gloor als Uriel gab es nichts zu beanstanden. Der Bass Uli Acolas als Raphael schliesslich überzeugte vor allem durch seine kontrastreiche dramatische Ausgestaltung der Texte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 18, 2010

Jubelnde Heiterkeit und tiefe Melancholie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:50 am

Das Guarneri Trio Prag bewies einmal mehr mit seinem makellosen Zusammenspiel, dass es zu Recht zum Besten seines Fachs gerechnet wird.

Mit eisig kalten Tönen, gläsernen im höchsten Flageolett des Violoncellos, die einem das Mark durch und durch gefrieren lassen, hebt er an, der erste mit Andante überschriebene Satz des Trios für Klavier, Violine und Violoncelle Nr. 2 e-Moll op. 67 von Dimitri Schostakowitsch. Verstärkt wird das sich einstellende Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung noch durch den Umstand, dass die besonders hohen Töne dieser Eröffnungspartie kaum mit absolut reiner Intonation gespielt werden können, wodurch die Musik noch disparater wirkt und sich zusätzlich noch der latente Eindruck von dunkler Bedrohung einstellt, vor der man gerne weglaufen würde.
Marek Jerie, seines Zeichens Violoncellist des Guarneri Trio Prag, war es, der Anlässlich eines Konzerts des Ensembles im Rahmen der «Kammermusik um halb acht» im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel diese Töne seinem Instrument entlockte. Auch die wenige Takte später dazustossende Violine, gestrichen von Čeněk Pavlík, mit ihrer melancholischen Melodik und das von Ivan Klánský gespielte Klavier mit seinen tristen Akkorden vermochte die düstere Stimmung nicht wirklich aufzuhellen. Der sowjetische Musikwissenschaftler Iwan Martynow meinte einmal: «Das Trio ist wahrscheinlich das Allertragischste im Schaffen Schostakowitschs», eine Behauptung, die durch die gelungene Interpretation dieses Werks durch das Guarneri Trio Prag nur bestätigt wurde.
Aber nicht nur in Schostakowitschs 2. Klaviertrio, mit dem der Komponist den Verlust einen guten Freundes und den Schmerz über die Schrecken des 2. Weltkrieges verarbeitet hatte, bewies das Prager Trio ein Mal mehr sein hervorragendes, spieltechnisches Können. Schon das Eingangs gespielte Trio G-Dur Hob. XV/25 von Joseph Haydn interpretierte das kleine Ensemble mit viel Grazie und Anmut, ohne dabei aber ins Süssliche zu verfallen, was leider bei Interpretationen von Haydns Musik immer noch oft der Fall ist. Einzig im 2. mit «Poco adagio» überschriebenen Satz schrammte das Trio gelegentlich nur knapp am Kitsch vorbei, was allerdings durch die Wiedergabe des 3. Satzes, hinreissend gespielt fast in der schwungvollen Manier von Zigeunermusik, mehr als Wett gemacht wurde.
Krönender Abschluss dieses niveauvollen Konzerts bildete Franz Schuberts Trio Es-Dur op. 100 D 929. Auch hier glänzte das Prager Trio durch sein makelloses Zusammenspiel. Einerseits souverän zwischen zarter Leichtigkeit und kraftvollem Strich changierend, andererseits jede dynamische Nuance sensibel ausleuchtend, verwandelten die drei Musiker jeden der vier Sätze dieses Werks in ein kostbares Kleinod. Im Besonderen der 2. Satz (Andante con moto) mit seiner Ohrwurmqualität interpretierten die Drei mit der nötigen Mischung von Ernst, Eleganz und Leichtigkeit, die dieser grossartigen Musik zusteht. Mit zwei Zugaben von Felix Mendessohn und Antonín Dvorák schloss das Guarneri Trio Prag dieses emotionale Konzert, das mit der jubelnden Heiterkeit Joseph Haydns und der tiefen Melancholie Dimitri Schostakowitschs dramatisch die Extreme menschlicher Gefühle ausgelotet hatte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 15, 2010

Jugendliche komponieren eine Oper

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 6:03 pm

An vier Schulen der Region um das Dreiländereck werden von Jugendlichen Musikprojekte erarbeitet, die am Ende zu einer multimediale «Dreiländeroper» zusammengefügt und an sechs Konzerten zu hören sein werden.

Wildes Kinder-Geplapper schlug einem entgegen beim Betreten der Aula im Gottfried Keller-Schulhaus in Basel. Offensichtlich hatten die rund 45 Jugendlichen, die an der Probe zum Projekt «Dreiländeroper» beteiligt waren, eine Abschnitt der zu spielenden Musik beendet und waren intensiv damit beschäftigt, die soeben gemachten Erfahrungen untereinander auszutauschen. Nach kurzem Bemühen um Aufmerksamkeit durch die beiden Leiter der Probe Ralf Freudenberger und Ephraim Wegner aber waren die Kids wieder voll bei der Sache und die Probe ging weiter. Waren anfänglich nur rhythmisch geriebene Plastiksäcke, Perkussionsinstrumente und ein Schlagzeug zu hören, kamen mit der Zeit Singstimmen dazu, die einen stehenden Clusterklang sangen, zusätzlich ergänzt dann noch durch eine Trompete, ein Akkordeon, diverse Flöten, Geigen und einem Kontrabass. So entstand mit der Zeit ein ansehnlicher Gesamtklang, der allerdings plötzlich auf ein Zeichen abbrach und ein vierköpfiges Elektronik-Team zum Einsatz kam. Wild auf vier mit diversen Knöpfen und Schaltern bestückten Samplern herumdrückend, produzierten die vier Jugendlichen ein kreatives Chaos von Sounds und Geräuschen wie Stimmfetzen, Autohupen, sphärischer Chorgesang, Knackgeräuschen ergänzt mit Textzitaten wie «Viele Fliegen fliegen vielen Fliegen nach».
Vielversprechend klang sie, diese kreative Vermischung unterschiedlichster Rhythmen, Sounds, Geräuschen und Textfetzen, die sich schliesslich am Ende zu einem einheitlichen Klanggemälde fügten. Ähnliche Klangworkshops finden momentan an anderen Schulen des Dreiländerecks, in Saint-Louis, Lörrach und Basel statt. Am Ende dieses Probeprozesses werden diese vier einzeln erarbeiteten Musikblöcke zu einem zusammenhängenden «multimedialen Musikprojekt» vereinigt und vom 3. Juni bis 4. Juli 2010 in insgesamt sechs trinationalen Konzerten als «Dreiländeroper» in Lörrach, Saint-Louis, Basel, Huningue und Weil am Rhein zur Aufführung gelangen.
Das Projekt wurde vom französischen Komponisten Bruno de Chénerilles, der auch die Gesamtleitung des Vorhabens in Händen hält, und dem ebenfalls aus Frankreich stammenden Saxophonisten und Autor Pierre Zeidler initiiert. Ohne eine Vielzahl weiterer beteiligter Künstler aber wie Petra Faisst (Regie) und Ephraim Wegener (Kompositionen) aus Deutschland oder Marianne Schuppe (Gesang, Co-Komposition) und Fritz Hauser (Perkussion, Co-Komposition) aus der Schweiz, um nur ein paar zu nennen, wäre dieses aufwendige Unternehmen nicht möglich.
Oberstes Ziel dieses Opern-Projektes ist es, den beteiligten Kindern die Neue Musik näher zu bringen. Dabei sollen die Jugendlichen nicht nur passiv alles von den Leitern der Proben vorgesetzt bekommen, sie sollen selber aktiv werden und möglichst viel Eigeninitiative entwickeln. Mit eigenen Ideen und Vorschlägen sollen sie die Entstehung des Werkes mitgestalten und dabei auch eine Ahnung bekommen, wie eine moderne Musikkomposition entsteht.
Und dass dabei die Elektroakkusik nicht fehlen darf, liegt auf der Hand, sind doch Sampler und Computer aus der zeitgenössischen modernen Musik nicht mehr wegzudenken. Mit Aufnahmengeräten werden die Kinder losgeschickt, um die unterschiedlichsten Sounds, Geräusche und Sprachfetzen aufzunehmen, die sie dann selber über die Sampler teilweise elektronisch modifiziert in den laufenden Musikprozess einbauen können. Eines bei dieser Probe jedenfalls wurde offensichtlich: die Jugendlichen sind so mit Begeisterung bei der Sache, dass am Gelingen dieses ungewöhnlichen Musikprojektes nicht gezweifelt werden kann.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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