Rolf De Marchi

April 28, 2010

Ein erfolgreicher Auftakt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:50 am

Jazzfestival Basel 2010 / Nach einem erfolgreichen Auftakt widmete sich das Jazzfestival Basel vorwiegend dem ‚kammermusikalisch’ geprägten Jazz.

Auf einen erfolgreichen Anfang vermag das Jazzfestival Basel zurückblicken, kamen doch mehr als 2’300 Zuschauer an dessen ersten beiden Konzerte mit dem Akkordeonisten Richard Galliano sowie Goran Bregović mit seinem Wedding and Funeral Orchestra. Nach dem amerikanischen Gitarristen Jim Hall und dem tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem, kam schliesslich mit dem Westschweizer Jazzmusiker Thierry Lang auch das heimische Jazzschaffen zum Zuge.
Schon seit längerem beschäftigt sich Pianist Lang mit dem Werk des welschen Priester und Komponisten Joseph «Abbé» Bovet, der dank seines legendären Volksliedes «Le Vieux Chalet» auch in der Deutschen Schweiz Berühmtheit erlangt hat. Bei seinem Konzert im Schauspielhaus Basel präsentierte Thierry Lang mit seinem «Lyoba»-Septett die Früchte seiner Arbeit. Ungewöhnlich bei diesem Projekt war, dass neben Langs Jazztrio mit Trompeter Mattieu Michel und Bassist Heiri Kaenzig auch vier Violoncellos mitwirkten.
Beim Hören der Musik diese Ensembles glaubte man sich dann wiederholt auf idyllischen Heiden in den schönen Schweizer Alpen versetzt. Im Besonderen wenn bekannte Bovet-Melodien wie «Le Ranz des Vaches», «A Moléson» und natürlich das «Le Vieux Chalet» erklangen, bekam die Musik einen runden, fast schon pastoralen Touch voller idyllischer Harmonie, die selbst die Herzen hartgesottenster Antipatrioten erweicht haben dürfte.
Von ganz anderem Kaliber war da die Musik des Klavierduos Joachim Kühn und Michael Wollny, das am gleichen Abend ebenfalls im Basler Schauspielhaus aufspielte. Zwar waren auch da mal zarte, fast impressionistisch angehauchte Klänge zu hören, dennoch überwogen die intensiv in die Tasten konturierten Partien. Oft spielten die beiden Musiker wechselseitig alleine, ohne Begleitung des Partners, wobei auffiel, dass der Altmeister Jochim Kühn mit Wurzeln im europäischen Free Jazz der 1960er Jahre, wesentlich kantiger und ‚schwärzer’ spielte, als sein jüngerer Kollege Michael Wollny, bei dessen runderen, gepflegteren Klavierspiel gelegentlich die klassische Konservatoriumsausbildung durchdrückte. Meistens aber spielten die beiden Pianisten gemeinsam, trieben sich mal gegenseitig mit groovenden Riffs oder mit minimalistisch wirkenden Tonstrukturen vorwärts oder schufen mit wolkigen Clustern oder direktem Anzupfen der Saiten im Klavier suggestive Stimmungen.

In den folgenden Tagen ging es dann in der Gare du Nord im Basler Badischen Bahnhof weiter, wo neben diversen teilweise auf erstaunlich hohem Niveau spielenden Bands der Jazzschule Basel auch der Jazz für Trioformationen zum Zuge kam. Der 1970 geborene amerikanische Gitarrist Kurt Rosenwinkel stand da als erster mit seinem Trio auf der Bühne. Der von seinen beiden Mitmusikern Eric Revis auf dem Bass und Drummer Eric Harland versiert begleitete Rosenwinkel überzeugte nicht nur mit seiner brillant perlenden Technik auf seiner Gitarre, auch sein erstaunlich kreativer Umgang mit dem Tonmaterial verblüffte, obwohl er sich meist eher in ,klassischen’ Tonskalen bewegte und relativ selten chromatisch-schräg neben den Akkorden bewegte. Reminiszenzen an die grossen amerikanischen Gitarristen John Scofield und Pat Metheny waren dabei kein Zufall, gehören doch die beiden Cracks zu Rosenwinkels Vorbildern. Jedoch auch wenn Rosenwinkel nuanciert mit dem Tonmaterial umzugehen verstand, stellte sich doch mit der Zeit ein wenig das Gefühl von Langeweile ein, was wohl daran lag, dass der Gitarrist in den schnellen Soli seine Phrasen fast ausschliesslich in schnellen Achteln spielte, die er kaum rhythmisch aufbrach.
Ganz anders der polnische Pianist Marcin Wasilewsky, der mit seinem Trio mit Slawomir Kurkiewicz am Bass und Michal Miskiewicz an den Drums den folgenden Abend in der Gare du Nord bestritt. Im Unterschied zu Rosenwinkel brach der mit nicht minder brillanter Fingertechnik ausgestattete Wasilewsky variantenreich die Achtelsketten rhythmisch auf, was wohl einer der Hauptgründe gewesen sein dürfte, dass es dem Trio gelang, vollumfänglich zu überzeugen. Der zweite Grund dürfte die Fähigkeit des Trios gewesen sein, mit facettenreichen Akkordverbindungen und plastischer Gestaltungskraft einzigartige Klangsphären zu schaffen, die unter die Haut gingen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 15, 2010

Pendler zwischen Soul und Blues

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:18 am

Der weisse texanische Sänger Darrell Nulisch bewegte sich souverän zwischen den schwarzen Musikstilen Soul und Blues.

Als «Bluessoul» wird die Musik von Darrell Nulisch auf dessen Website charakterisiert. Zu Recht wie sich an dessen Konzert im Sudhaus Basel anlässlich des zweiten Konzerts im Rahmen der in der Stadt am Rheinknie neu lancierten Konzertreihe «Blues Now! erwies. Zwar bewegte sich Nulisch mit seiner Band mit Stücke wie der Freddie King-Track «Play It Cool» oder der Jimmy Reed-Klassiker «Shame, Shame, Shame» mehrheitlich eher im Rahmen von traditionellem Gitarren-Blues, immer wieder aber tauchte der Sänger mit seiner leicht angerauten, quecksilbrigen Stimme auch mal ab in den rauchig schwarzen Southern Soul oder den ausdrucksstarken Memphis Soul wie beispielsweise mit dem James Carr-Klassiker «Love Attack», den Nulisch mit fesselnder Sinnlichkeit vortrug.
In Dallas im US-Bundesstaat Texas wuchs Darrell Nulisch mit Soulgrössen wie Otis Redding und Al Green auf, die seinen Gesang hörbar beeinflussten. Aber auch Bluesmusiker wie Jimmy McCracklin und Freddie King gehörten in seiner Jugendzeit zu seinen Vorbildern. In den 1980er-Jahren gehörte Nulisch zu den Gründungsmitgliedern von Anson Funderburgh’s Rockets und sang auch ein Jahr bei Mike Morgan & The Crawl sowie bei Ronnie Earl & The Broadcasters. 1991 startete der Sänger dann eine Solokarriere, zog nach Boston um und veröffentlichte seither acht Alben. Nicht zuletzt dank seiner letzten CD «Just For You» werden ihm gute Chancen attestiert, im kommenden Mai den in Memphis, Tennessee vergebenen Blues Music Award zu gewinnen, wird doch der 57-jährige Darrell Nulisch schon seit Jahren als Geheimtipp gehandelt.
Neben dem Soul, bei dem immer mal wieder Anklänge an die Musik des legendären Soullabels Stax Records in den 60er Jahren in Memphis zu hören waren, erwies sich vor allem der aussergewöhnlich häufig im Programm auftauchende Slow Blues als eine weitere zentrale Domäne des Sängers Darrell Nulisch. Sind bei den meisten Bluesbands im Verlaufe eines Konzerts zwei, drei, maximal vier Slow Blues zu hören, war in diesem Konzert schätzungsweise jeder dritte Song ein Slow oder zumindest ein langsamer Medium Up Blues. Nicht ohne Grund, vermochte doch gerade in diesen Songs Nulisch die breite Palette seiner vokalen Gestaltungsmöglichkeiten spielen zu lassen. Speziell langsame Moll-Blues wie beispielsweise James Davis’ «Blue Monday» oder B.B. Kings erstaunlich schnell gespieltes «Worry, Worry» sowie das von Nulisch selber geschriebene, einfühlsame «After All» mit seinen gefühlvollen Lyrics modulierte der Sänger mit seiner plastischen Stimme zu ausdrucksstarken Glanzstücken.
In schnellern Stücken wie «I Found A New Love», «Tore My Playhouse Down» oder «That Will Never Do» bewies die Rhythmusgruppe, die schon seit Jahren des Sängers Rücken stärkt, wie sehr sie grooven kann. Klar strukturierte Beats seitens Drummer Robb Stuppka und schnörkellos-gerade Riffs seitens des Bassisten Steve Gomes legten die Basis. Darüber dann die Überraschung des Abends, der gerade mal 23 Lenze zählende, in den USA beheimatete skandinavische Gitarrist Borny Walberg, der von Nulisch zu diesem Konzert eingeladen worden war.
Von verschiedener Seite wurde dem Bandleader der junge Mann wegen seiner phänomenalen Gitarrenkünste empfohlen, so dass er das Risiko einging und den Gitarristen für den Abend engagierte. Und nach einer kurzen Probe am Nachmittag, wo die Musiker zum ersten Mal zusammen auf der Bühnen standen, ging dann im anschliessenden Konzert die Post ab. Dabei erwies sich, wie intensiv sich der junge Gitarrist mit der Geschichte der Gitarre im Blues beschäftigt hat. Im Besonderen in der ersten Hälfte des Auftritts waren oft Rückgriffe auf den Zitatenschatz grosser Bluesgitarristen zu hören, während in der zweiten Hälfte die Riffs und Licks des jungen Musikers mit Zunahme der Selbstsicherheit freier und individueller wurden. Borny Walberg vermochte sowohl durch die souveräne Spontaneität und der einfühlsamen Sinnlichkeit seines Spiels als auch durch sein grosses Einfühlungsvermögen in die Bluestradition zu überzeugen, so dass man es ihm gerne verzieh, dass er in einem der Stücke am Anfang einen ganzen Ton zu hoch Intonierte und dort ohne mit der Wimper zu zucken stur verharrte. Schliesslich beendete der alt gediente Bassist Steve Gomes diese ziemlich avantgardistisch anmutende Version des Blues mit seinen falschen ‚Bluenotes’, indem er seine Bassriffs nach oben anpasste, gefolgt von Nulisch, dem es glücklicherweise nichts ausmachte, den Song einen ganzen Ton höher zu singen. Schliesslich sei noch das schnörkellose Spiel auf der Bluesharp erwähnt, mit dem Darrell Nulisch den runden, geradlinigen Sound der Band immer mal wieder solide abgerundete.

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