Rolf De Marchi

Mai 17, 2010

Der Tradition verpflichtet

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:08 pm

Der Saxophonist Joshua Redman und er Pianist Brad Mehldau setzten dem Jazzfestival Basel 2010 mit einem gelungenen Konzert einen würdigen Schlussstein.

Zugegeben, ein grosser Innovator der aktuellen Jazzszene wie beispielsweise sein Papa Dewey Redman ist der Tenorsaxophonist Joshua Redman nicht gerade. Ihn aber billig als Mainstream-Musiker abzutun, wäre unfair wie der Saxophonist anlässlich seines Konzertes gemeinsam mit dem Pianisten Brad Mehldau im grossen Musiksaal des Stadtcasinos Basel bewies. Zwar wird der inzwischen auch schon einundvierzig Lenze zählende Saxophonist zu der Anfangs der 1990er Jahre entstandene Bewegung der «Young Lions» gerechneten, eine Gruppe junger, talentierter Jazzmusiker, die im Schlepptau des Jazz-Reinheits-Apostel Wynton Marsalis segelte und sich der Jazztradition vor Entstehung des Free Jazz Mitte der 1960er Jahren verschrieben hatte. Jenseits bravem Mainstreams aber zeichnete sich an diesem Abend Redmans fingertechnisch makelloses Spiel durch eine grosse tonale Variabilität aus, bei der er sich gelegentlich auch an der Grenze zur Atonalität bewegte, diese allerdings fast nie überschritt.
Wirkte das Solo im ersten, auf dem Sopransax gespielten Stück «The Falcon Will Fly Again» von Redmans letzter CD «Highway Rider» noch etwas bieder, steigerte sich im Verlaufe des Konzerts die Kreativität im Spiel des Virtuosen mehr und mehr. Wilde, emotional aufgeladene Ausbrüche mit heiser-röhrendem Crowling oder kreischendem Flageolett-Spiel allerdings bekam man da kaum zu hören, zu sehr blieb da der Saxophonist seiner akademisch geformten Ästhetik verpflichtet. Wenn Flageoletts, dann mit sauberer Intonation; Mehrklänge, sogenannte Multiphonics wiederum oder knallige Slaptongues waren zwischen dem vibratolosen, reinen Spiel des Solisten eher selten zu hören.
Zumindest was tonale Freizügigkeit betrifft, kam man da noch eher in den Solos des Pianisten Brad Mehldau auf seine Kosten, der nicht selten das vorgegebene harmonische Gerüst verliess und in entfesselte Freitonalität ausbrach. Andererseits wurde auch immer wieder deutlich, das Mehldau nicht nur im Jazz, sondern auch Klassisch eine solide Ausbildung genossen hat, streute er doch immer wieder in seine oft vom Blues beherrschten Solos Passagen mit eindeutigen Bezügen zur klassischen Musik ein. Im Besonderen bei seinem für den Jazz eher ungewöhnlichen, mehrstimmigen Spiel mit eigenständig agierenden Mittelstimmen, die der Pianist virtuos mit den Daumen seiner Hände realisierte, konnte man Bezüge zu Johann Sebastian Bach oder Frédéric Chopin erkennen. Meldaus Sound bekam dadurch oft etwas orchestrales, so dass man gelegentlich glaubte, zwei Pianisten spielen zu hören.
Auch für die stilistisch grosse Bandbreite des Konzertabends dürfte Brad Mehldau verantwortlich gewesen sein, der neben seiner Affinität zur Klassik auch Interesse für Rock hegt, wie man anhand des Nirvana-Klassikers «Smells Like Teen Spirit» feststellen konnte. Dem Bebop wiederum wurde mit «Ornithology» des legendären Saxophonisten Charlie Parker gehuldigt und das gleich mehrere Stücke des grossen Jazzpianisten Thelonious Monk im Programm auftauchten, konnte bei der musikalischen Grundhaltung der beiden Musiker Joshua Redman und Brad Mehldau auch nicht überraschen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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