Rolf De Marchi

Juni 27, 2010

Heiteres Spektakel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:56 pm

Im 4. Schlusskonzert der Hochschule für Musik Basel zeigten junge Tonsetzer, was sie im Kompositionsunterricht gelernt hatten.

«Goal» dröhnte es durch den Saal und das Publikum brach in tobenden Applaus aus. Nein, nicht im Soccer City Stadion von Johannesburg oder in einem der zahlreichen Public Viewings der Region geriet das Publikum dermassen aus dem Häuschen, im ehrwürdigen Grossen Saal der Musik-Akademie Basel fand dieser Gefühlsausbruch statt. Unter der Leitung von Jürg Henneberger brillant interpretiert vom Ensemble Phoenix Basel gelangten an diesem Abend Werke junger Komponisten zur Aufführung, die an diesem 4. Schlusskonzert der Hochschule für Musik Basel zeigten, was sie in den Kompositionsklassen gelernt hatten.
Der letzte dieser sieben frischgebackenen Tonsetzter war Christophe Schiess (1974) aus der Klasse von Georg Friedrich Haas, der mit der Uraufführung seines Werks «Empreintes de temps» für elf Instrumente ziemlich abräumte. Gespickt mit Stilzitaten vergangener Zeiten (Gustav Mahler winkte aus der Ferne) bewegte sich Schiess zwischen Atonalität und neuer Einfachheit. Die Krönung allerdings bildete der dritte Satz «2-0», in dem auf einer Leinwand hinter dem Ensemble der über 26 Pässe verlaufende, taktische Aufbau des zweiten Tores von Argentinien gegen Sebien-Montenegro an der WM 2006 gezeigt wurde. Nach mehreren vergeblichen, grosse Heiterkeit auslösenden Versuchen gelang es dem Phoenix Ensemble schliesslich doch noch, das Video filmmusikalisch treffend zu untermalen, was den oben erwähnten Gaudi auslöste.
Mit weniger Hang zum Spektakel aber nicht minder beeindruckend überzeugte da die Uraufführung von «Efimera» für Streichquintett, Perkussion und Video des Japanischen Komponisten Keitaro Takahashi aus der Kompositionsklasse von Erik Oña. Abwechslungsreich nutzte er in seinem Werk die modernen Spielmöglichkeiten der Streichinstrumente, um klug computeranimierte, fast impressionistisch ineinander fliessende Videobilder zu kommentieren.
An die Grenze des in pucto Lautstärke Erträglichen wiederum ging Anreas Kerstin mit seiner spannungsreichen Komposition «cyrabyb» für Tenorsaxophon und Horn mit Lofi-Elektronik, während andere wie Teresa Carrasco Garcia oder Olga Bochikhina der Gefahr der spannungslosen Aneinanderreihung von Klischees nicht immer ganz zu entgehen vermochten. Diese Gefahr konnte die Lettin Anita Mieze mit ihrer Komposition «Stone» für Ensemble vermeiden, wirkte dieses Werk doch ungemein energiegeladen mit seiner laufend an und abschwellenden Dynamik. Nicht minder packend schliesslich Matthias S. Krüger mit «Des traces lumineuses» für Fagott, Klavier Streichtrio und Kontrabass, wo alles ununterbrochen in Bewegung war, die anfänglich fast polyphon verzahnten Stimmen schliesslich in von wechselnden Trillern dominierten Klangflächen ausuferten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juni 21, 2010

Donnernde Tonkaskaden

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:12 am

Das Mondrian Ensemble präsentierte ein kompromissloses Programm neuer russischer Musik.

Es dürfte wohl nicht allzu viele Werke in der Neuen Musik geben, die von einem Pianisten soviel abverlangen wie das «Duett für Violine und Klavier» (1964) der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja (1919-2006). Da muss schon eine Kämpfernatur ans Werk wie der Pianist Jürg Henneberger, der schon seit Jahren zum Urgestein der Schweizer Avantgarde gerechnet werden muss. Diverse Male hämmerte der Pianist bei der Interpretation dieses Werks mit unglaublicher Wucht rasende Wirbel auf die Tastatur seines Flügels, dass dieser unter donnernden Tonkaskaden regelrecht aufbrüllte. Parallel dazu entlockte die Violinistin Daniela Müller ihrem Instrument verzweifelt schreiende Töne, die Assoziationen an das Wehklagen der grausam gequälten Seelen in Dantes Inferno heraufbeschworen.
Kein Werk für zart besaitete Gemüter hatte da das Mondrian Ensemble für seinen Konzertabend im Hans Huber-Saal im Stadtcasino Basel auf das Programm gesetzt. Zumindest eine Spur weniger radikal war das eingangs gespielte Stück mit dem Titel «Grosses Duett für Violoncello und Klavier» (1959), ebenfalls von Galina Ustwolskaja. Auch dieses Werk zeichnete sich durch extreme Kontraste aus: Mal waren von der Pianistin Tamriko Kordzaia wilde, rhythmisierte Tonfolgen auf den höchsten, fast leer klingenden Tasten des Klaviers zu hören, dann wiederum entlockte Martin Jäggi seinem Violoncello traurige Melodielinien, die einen Hauch von Melancholie heraufbeschworen. Auf Passagen aufwühlender Intensität im grösst möglichen Fortissimo folgten elegische Abschnitte im leisesten Pianissimo: Galina Ustwolskaja liebte die Extreme.
Die Ustwolskaja gilt heute neben Sofia Gubaidulina als die bedeutendste Komponistin Russlands. Sie erlernte das Handwerk des Komponierens bei Dimitrij Schostakowitsch, der die Arbeit seiner jüngeren Kollegin begeistert unterstützte. Nicht zufällig also, dass das Mondrian Ensemble an diesem Konzertabend noch ein Werk von Dimitri Schostakowitsch aufs Programm gesetzt hatte: Die «Sieben Romanzen nach Worten von Alexander Blok für Sopran, Violine, Violoncello und Klavier, op. 127» (1967). Dieses Werk mit seiner aufs wesentliche konzentrierte Musik war eines der letzten, die der Komponist zu Papier brachte und wird zu den besten seiner Arbeiten gerechnet.
Für die Wiedergabe dieses Liedzyklus hatte das Ensemble die Sopranistin Sylvia Nopper beigezogen, die allerdings an diesem Abend nicht ganz auf der Höhe zu sein schien. Wiederholt bekundete sie Mühe mit der Intonation und mit der Treffsicherheit der hohen Töne haperte es auch gelegentlich. Immerhin gelang es dem begleitenden Instrumentaltrio zu überzeugen. Es vermochte die melancholische Grundstimmung, die die meisten dieser Lieder durchzieht, ausdrucksstark herauszuarbeiten und damit das geneigte Publikum einigermassen zu versöhnen.

Erschienen in der Basellandschaflichen Zeitung

Juni 20, 2010

Süsse kleine Versuchungen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:58 pm

Im Verlaufe von drei Konzerten bewiesen zwölf frisch ausgebildete Solistinnen und Solisten der Hochschule für Musik Basel ihr Können.

Eine Abbildung mit neunzehn Pralinen fand sich auf der Frontseite des Programmhefts zu den Schlusskonzerten 2010 der Solistinnen und Solisten der Basler Hochschule für Musik. Unter jeder dieser Pralinen stand der Name einer der jungen Talente, die im Verlaufe von vier Konzertabenden zeigten, was sie an der Basler Musikhochschule gelernt hatten. Die ersten drei dieser Konzerte fanden im grossen Musiksaal des Stadtcasinos Basel statt, wo unter der Begleitung des Sinfonieorchester Basel zwölf dieser jungen Musiker bewiesen, dass der Vergleich mit den süssen kleinen Versuchungen nicht ganz abwegig ist.
Als wahre Delikatesse beispielsweise erwies sich die koreanische Pianistin Jiny Choi aus der Klasse von Rudolf Buchbinder, die mit feurigem Temperament zwei Sätze aus Sergei Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16 zu Gehör brachte. Mit fein abgestimmter, einfühlsamer Phrasierung stieg die Solistin in den lyrischen Anfang des ersten mit Andantino überschriebenen Satzes ein, um im anschliessenden lebhafteren Teil begleitet vom schillernden Sinfonieorchester Basel Prokofjews Musik mit wogenden Tongirlanden und wuchtig in die Tasten gemeisselten Akkorden zum funkeln zu bringen. Wesentlich nüchterner ging da der italienische Pianist Marco Scilironi bei der Interpretation von Prokofjews 5. Klavierkonzert G-Dur op. 55 zu Gange. Präzise gespielt zwar, eine Spur zu sachlich allerdings wirkte die Wiedergabe dieses Konzerts, womit der junge Solist der emotionsgeladenen Musik von Prokofjew nicht immer ganz gerecht wurde.
Das vielleicht berühmteste und am meisten gespielte Violinkonzert der Musikgeschichte hatte sich der chinesische Violinist Yu Zhuang zu Brust genommen: Felix Mendelssohn Barthodys Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64. Nachdem der junge Solist nervositätsbedingte Anfangsschwierigkeiten überwunden hatte - er kämpfte hart mit der sauberen Intonation - gelang ihm dann doch noch eine recht ansehnliche Interpretation dieses monumentalen Werkes.
Keinen leichten Stand hatte auch der Lette Marcis Kublais aus der Violoncelloklasse von Ivan Monighetti, der Stall, aus dem auch der gefeierte Violoncello-Star Sol Gabetta hervorgegangen ist. Notabene spielte Kublais Peter Tschaikovkys Variationen über ein Rokoko-Thema A-Dur op. 33, die Sol Gabetta 2006 mit packender Verve auf CD eingespielt hat, was natürlich Erwartungen weckte. Zwar reichte Marcis Kublais Interpretation dieses Werks nicht an die rassige Emphase seiner berühmten Vorgängerin heran, immerhin vermochte er aber in den lyrischen Passagen durch elegischen Schmelz zu überzeugen.
Als wahre Gaumenkitzler erwies sich das Konzert für Flöte und kleines Orchester des Japanischen Komponisten Isang Yun (1917-1995), das von der ebenfalls aus Japan stammenden Flötistin Aya Komatsu aus der Klasse von Felix Renggli interpretiert wurde. Dieses Konzert der klassischen Avantgarde mit seinen assoziativen, schillernden Stimmungsbildern wurde sowohl von den Musikern des Sinfonieorchester Basel als auch von der jungen Flötistin ungemein kontrastreich mit emotionalen Schattierungen aufgeladen: einer der Höhepunkte dieser qualitativ hochstehenden Schlusskonzerte mit ihren talentierten jungen Solistinnen und Solisten, die alle eine Erwähnung in diesem Bericht verdient hätte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juni 12, 2010

Mit dem Narrenschiff unterwegs

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 5:56 pm

Der Trompeter Marco von Orelli bot mit seiner Band «6» einen abwechslungsreichen Stilmix zwischen Jazz, Avantgarde und Freiimprovisierter Musik.

Der Trompeter Marco von Orelli bot mit seiner Band «6» einen abwechslungsreichen Stilmix zwischen Jazz, Avantgarde und Freiimprovisierter Musik.
Ungewöhnlich, wenn ein Jazzmusiker mit seiner Musik Bezug auf ein Buch nimmt, das am Ausgang des Mittelalters geschrieben und gedruckt wurde. In den Jahren nach seinem Erscheinen 1494 war das «Narrenschiff» von Sebastian Brant (1457-1521) das vermutlich erfolgreichste Druckerzeugnis seiner Zeit. Oberflächlich betrachtet scheint die spätmittelalterliche Welt des Sebastian Brant nicht viel mit der Alltagswelt eines in der aktuellen Jazzszene verankerten Musikers wie dem Basler Marco von Orelli gemeinsam haben, bei näherer Betrachtung allerdings lassen doch einige Bezüge finden.
So beispielsweise die Tatsache, dass der in Strassburg geborene Jurist und Professor an der Universität Basel Sebastian Brant sein «Narrenschiff» in Basel zu Papier brachte, wo es auch veröffentlicht wurde, der Stadt, in der auch der Jazztrompeter Marco von Orelli beheimatet ist. Und dass ein Musiker, der sich eher unkonventionellen, nicht dem Kommerz verpflichteten Formen des Jazz verschrieben hat, ein Art Wahlverwandtschaft zu den Narren auf Brants Schiff verspürt, dürfte bei der nicht ganz einfachen pekuniären Lage, in der die meisten Jazzmusiker heute stecken, wohl auch kein Zufall sein.
Nach «Narragonia» ist Brants Narrenschiff unterwegs, das fabulöse Utopia, Sehnsuchtsort und Paradies aller Narren. Ihm hat Marco von Orelli eine seiner Kompositionen gewidmet, die er gemeinsam mit seiner sechsköpfigen Band anlässlich seines Konzerts im H-95 Raum für Kultur an der Horburgstrasse 95 in Basel zu Gehör brachte. Wohl nicht zufällig begann das Stück mit einem Art Bläserchoral gespickt mit scharfen Dissonanzen, irritierend wie die Narren auf dem Schiff, die der Gesellschaft mit ihrem Reigen unterhaltsamen Schilderungen menschlichen Fehlverhaltens und Laster kritisch den Spiegel vorhalten. Verzwickte, komplex ineinander verzahnte Bläserriffs folgten, die schliesslich von einem furioses Solo des Bassklarinettisten Lukas Roos abgelöst wurden.
Ziemlich schnell kristallisierte sich bei diesem Konzert das musikalische Grundkonzept von Marco von Orelli und seiner Band heraus: Auf ein Fundament aus Jazz fügt das Ensemble auf intelligente Weise Elemente Neuer Musik und Freier Improvisation hin bis zu Einflüssen des Third Stream. Diesen Stilmix verarbeitet Marco von Orelli innovativ zu vielfältig gestalteten, suitenartigen Stücken voller Überraschungen dank stets wechselnden Taktmetren, Grooves und Stimmungen.
Mal ist da ein Thema mit sequenzartig verschobenen Dreiklängen zu hören, abgelöst von kontrastreichem Frag-Antwort-Spiel zwischen Bläser und Piano wie im Stück «Lotus», dann wiederum schwelgt das Ensemble in üppigen Bläserriffs wie in «Marsalas Strandgut», die streckenweise an den exzentrischen Big-Band-Sound des amerikanischen Filmkomponisten der 1960er und 1970er Lalo Schifrin erinnern.
Immer mal wieder bricht das Ensemble auch in frei improvisierte Passagen aus wie beim Intro zum Stück «Urban Ways», um anschliessend in einen jazzig groovenden Rhythmus zu verfallen, der später auch als Grundlage für ein kreatives Solo der Pianistin der Band, Charlotte Torres dient. Im Besonderen das Spiel der Pianistin zeichnete sich nicht selten durch feinen Humor aus, spielte die Pianistin doch oft auf einem kleinen, unscheinbaren Yamaha-Synthesizer mit einem retardierten Sound, wie man ihn gelegentlich in Kinderzimmern findet. Begleitet von einer zuverlässig alle Takt- und Stimmungswechsel nachvollziehenden Rhythmusgruppe bestehend aus Samuel Dühsler an den Drums und Kaspar von Grüningen am Kontrabass vermochte auch Lukas Briggen an der Posaune solistisch zu überzeugen.
Ununterbrochen aktiv schliesslich der Kopf der Band, Marco von Orelli, der stets durch Zeichen die Einsätze der Musiker koordiniert oder schräge Bläsereinwürfe in den Solos einleitet. Und wenn von Orelli auf seiner Trompete soliert, fällt bei aller tonalen Freiheit schnell auf, wie wenig er an oberflächlicher Fingertechnik interessiert ist; die melodische Ausgestaltung seiner Solos steht bei ihm deutlich im Vordergrund.
Ob schliesslich an dem Gerücht, dass Marco von Orelli um eine Passage für sich und seine Band auf Sebastian Brants Narrenschiff nachsucht, um in Narragonia eine ausgedehnte Tournee durchzuführen, was Wahres dran ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall darf man gespannt sein, wie sich die Musik dieser Band in Zukunft weiter entwickeln wird.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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