Rolf De Marchi

Juli 22, 2010

Ein Hauch von milden Zigarren und altem Whisky

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:38 am

Stimmen-Festival 2010/Die US-amerikanische Sängerin Norah Jones vermochte mit ihrer fünfköpfigen Band und einem relativ rockigen Programm auf dem Lörracher Marktplatz zu überzeugen.

Es kommt nicht selten vor, dass Kinder berühmter Künstler Erfolge feiern, die sie vermutlich in erster Linie ihrem grossen Namen verdanken. Es gibt allerdings auch immer wieder Fälle, wo umgekehrt Kinder trotz gefeierten Eltern allein auf Grund ihres Könnens anerkannte Künstler werden. Die 1979 in New York als Tochter von Susan Jones und dem weltberühmten indischen Sitarvirtuosen Ravi Shankar geborene Norah Jones darf mit Sicherheit zur zweiten Kategorie gerechnet werden.
Dass die Sängerin wirklich was drauf hat, bewies sie auf dem Marktplatz von Lörrach, wo sie im Rahmen des Festivals Stimmen 2010 ihr Können unter Beweis stellte. Vor dem Auftritt des Stars allerdings bemühte sich noch die talentierte, mit expressiver Stimme begabte Sängerin Sasha Dobson als Support dem Publikum einzuheizen. Ihre Soloperformance, bei der sie sich selber auf ihrer E-Gitarre begleitend ein paar Songs vortrug, wirkte allerdings etwas schlaff und leidenschaftslos. Mehr zu überzeugen vermochte die Sängerin im anschliessenden Main Act, wo sie als Backing-Vokalistin mit ihrer hohen, eher schlanken Stimme den Gesang von Norah Jones kontrastreich unterstützte.

Dass der Star des Abends Norah Jones mit ihrer fünfköpfigen Begleitband mehrheitlich ruhigere, balladeske Songs zum Besten gab, dürfte wohl niemand ernsthaft überrascht haben, gilt die Sängerin doch seit der Veröffentlichung ihrer ersten CD «Come Away With Me» (2002) als Spezialistin gefühlvoll gesungener Balladen. Neben den ruhigeren Songs, die der Star mit seiner leicht rauchigen Stimme mit ihrem etwas abgedunkelten Timbre ausdrucksstark vortrug, waren aber auch immer mal wieder fetzigere Rhythmen zu hören wie im «Even Though» oder im «Young Blood». Fast schon zu einem feurigen Rhythmusspektakel geriet das Stück «It’s Gonna Be», in dem die Vokalistin Sasha Dobson zu Drumsticks griff, um auf einem Satz Toms das Spiel des Drummers Joey Waronker mit zusätzlichen Beats zu intensivieren.
Waren die meisten der gespielten Songs auf der neusten, eher rockig ausgefallenen CD von Norah Jones «The Fall» zu finden, durften natürlich auch ein paar Klassiker aus dem älteren Repertoire der Sängerin nicht fehlen. Im Besonderen die Stücke von ihrer ersten und wohl auch besten CD «Come Away With Me» wie der Ohrwurm «Lonestar» stiessen beim Publikum auf besonders starke Resonanz. Grösster Abräumer aber dürfte der wohl berühmteste Song der Sängerin «Don’t Know Why» gewesen sein. Sich selber auf einem Klavier begleitend trug sie diese subtile Ballade solo vor, wodurch die Musik einen intimen und dennoch intensiven Touch erhielt, der das Bedürfnis nach einem grossen, tiefen Ledersessel, einer milden kubanischen Zigarre und einem Glas mit altem, rauchigem Tennessee-Whisky aufkommen liess.

Nicht nur Norah Jones, die regelmässig von der Gitarre zum Piano und zurück wechselte, auch die anderen Bandmitglieder griffen immer wieder zu anderen Instrumenten, was der Musik zusätzliche Farbigkeit verlieh. Weniger nach jedermanns Geschmack dürfte allerdings die starke Anlehnung an die Country Music gewesen sein, die in vielen der gespielten Songs durchschimmerte. Das als Zugabe unplugged nur auf akustischen Instrumenten vorgetragene, hinreissend im Chor gesungene «Creepin’ In» allerdings dürfte bei jedem im Publikum Begeisterung ausgelöst haben, auch wenn bei dieser Version die grelle, vollbusige Country-Sängerin Dolly Parton fehlte, mit der Norah Jones den Song einst auf ihrer CD «Feels Like Home» eingespielt hat.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 20, 2010

Könige der Zufriedenheit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:17 pm

Die «Kings of Convenience» wurden ihrem Ruf als Erfinder des aktuellen Musikstils «New Acoustic Movement» gerecht.

Sie werden oft mit den frühen Simon and Garfunkel (S&G) verglichen, die «Kings of Convenience», die im Volkshaus Basel ein Konzert gaben. Dieser Vergleich ist sicher nicht ganz abwägig: Wie bei S&G Mitte der 1960er-Jahre bildet das Fundament des Sounds der ‚Königen der Zufriedenheit’ die akustische Gitarre. Dazu kommen fein geschwungene, mit samtweicher Stimme gesungene Melodiebögen und klug arrangierter, mehrstimmiger Chorgesang. Im Unterschied zu S&G allerdings, die in den USA in Zeiten des Umbruchs mit Rassenunruhen, Vietnamkrieg und dem Ausbruch der Jugend aus engen Konventionen musizierten, stammen die beiden Kings Eirik Glambek Bøe und Erlend Øye aus dem kühlen, langgestreckten Norwegen, das gegenwärtig mit viel Erdöl gesegnet relativ ereignislos am Randes des Nordatlantiks vor sich hindümpelt.
Im Verlaufes des Konzerts der Kings of Convenience im Volkshaus konnte feststellen, welche Auswirkungen dieser unterschiedliche Background der beiden Duos auf ihre Musik hat: Verfügen die Songs von S&G über deutlich sich voneinander unterscheidbaren, formalen Strukturen mit Strophe, Refrain und gelegentlicher Bridge, flossen die Stücke der Kings relativ formlos ohne grosse Veränderungen wie Breaks oder nennenswerte Wechsel der harmonischen Abläufe brav und ziemlich ereignislos vor sich hin. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die Tatsache, dass die Kings fast alle ihrer Stücke im mehr oder weniger gleichen Medium Up-Tempo spielten, selten war eine langsame Ballade oder ein fetzig schneller Beat zu hören.
Wohltuend allerdings, dass Kings of Convenience auf den seit Jahren anhaltenden, gelegentlich etwas nervenden Trend, ihre Musik in elektronischen Sounds, Loops und Samplings zu ertränken, verzichteten. Sie spielten ihre Songs, die zum grossen Teil auf ihrer letzten CD «Declaration of Dependence» zu finden sind,
vorwiegend unplugged auf akustischen Gitarren, gelegentlich noch ergänzt durch ein E-Piano, später auch begleitet von Violine und Kontrabass. Selten und nur sehr dezent griffen die als Erfinder der aktuellen Stilrichtung «New Acoustic Movement» gehandelten Musiker auf einen Sampler zurück, was ihrem Sound eine erfischende Natürlichkeit verlieh. Rund die Hälfte des Konzertes spielten Eirik Glambek Bøe und Erlend Øye alleine: legte in Songs wie «Know How» der eine der beiden mit zartem Picking auf der Gitarre melodisch gestaltete Einschübe zwischen den Gesang, brachte der andere mit locker-leicht geschlagenen Akkorden die Musik fast schon im Stile eines klassischen brasilianischen Bossa Nova zum grooven. Und als dann später der Gastmusiker Davide Bertolini mit seinem Kontrabass dazu stiess wie im aktuellen Hit «Boat Behind», begann die Musik regelrecht zu swingen wie bei einer Gypsy-Jazzband. Zusätzlich gewannen die Songs mit romantischen Texten über Sehnsucht, Liebe und Freiheit an Farbe, wenn der zweite Gast des Abends Tobias Hett auf seiner Violine noch pizzicato gespielte Riffs über die Rhythmen der Gitarren legte wie im locker rollenden «Mrs. Cold».
Der gelegentlich auftretenden Monotonie vermochte die Band zumindest gegen Ende doch noch Paroli zu bieten durch ein ziemlich funky gespieltes «I Don’t Know What I Can Save You From» ergänzt mit sympathischen kleinen Show-Einlagen von Erlend Øye, bei denen er das Publikum gelungen zum Mitklatschen und Mitsingen animierte, ohne dabei in die bei solchen Aktionen oft auftretende Peinlichkeit abzurutschen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 12, 2010

Es regt sich was im Sommerloch

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:58 pm

In einer Konzertreihe zeigen Studierende der Abteilung Jazz der Hochschule für Musik an der Musik-Akademie Basel, was sie drauf haben.

In der gegenwärtigen Sommerhitze scheint die regionale Kulturszene fast zur Gänze zum Erliegen gekommen zu sein. Doch halt, im Parkrestaurant Lange Erlen, Basel regt sich was, da läuft momentan unter dem Titel «Chill Out Jazz» eine Konzertreihe, in der Studierende der Abteilung Jazz der Hochschule für Musik an der Musik-Akademie Basel bis zum 18. August 2010 ihre Musikprojekte präsentieren. Diese Open Air Konzerte, deren Eintritt frei ist, gehen jeweils mittwochs 19 - 22 Uhr über die Bühne des Gartenrestaurants Lange Erlen.
Die meisten der Jungtalente dieser Konzerte stehen unmittelbar vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zum Berufsmusiker an der Jazzschule Basel und sollen so die Möglichkeit erhalten, Erfahrungen zu sammeln. Dabei liegt die Betonung nicht wie sonst bei solchen Anlässen üblich in erster Linie auf von der Jazzschule organisierten Workshops, in denen die Studierenden exemplarisch zeigen, was sie gelernt haben. Eigenständigkeit steht da im Vordergrund, dass heisst, die Bands präsentieren vor allem selbständig erarbeitete Projekte mit vorwiegend eigenen Stücken, nur gelegentlich mit individuell ausgestalteten Jazz-Klassikern aufgemischt. Stilistisch bewegt sich die Musik der jungen Musiker vor allem im Rahmen von modernem Mainstream Jazz mit gelegentlichen Ausflügen in Blues-, Funk- und Pop-Gefilde.
Stellvertretend sei auf das Konzert von Morgen Mittwoch 14. Juli hingewiesen, in dem die 28-jährige Altsaxophonistin Rita Èkes mit ihrem Trio auftreten wird. Zusammen mit ihren Mitmusikern Yannick Tinguely am Bass und Jan Schwinning an den Drums wagt sich die junge Saxophonistin an ein Format, das einst Ende der 1950er-Jahre vom Saxophon Colossus Sonny Rollins etabliert wurde: Das Jazztrio mit einem Saxophon begleitet nur von Bass und Schlagzeug ohne Harmonieinstrument wie Piano oder Gitarre. Noch vor wenigen Monaten meinte der namhafte Saxophonist Joshua Redman, dass er bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr einen Bogen um diese Trio-Besetzung gemacht habe, da er sie lange als zu anspruchsvoll erachtete. Die ungarische Saxophonistin Rita Èkes scheint da weniger an Selbstzweifel zu leiden, sie steht jedenfalls auf das pianolose Trio, das ihr viel Freiheit gewährt, muss sie sich doch da beim Spiel nicht in das enge Korsett fix strukturierter Harmonien zwängen. Neben ein paar wenigen Standards wird das Trio vor allem eigene Stücke zum Besten geben.
Auch das am 21. Juli spielende Quartett «Klangquadrat» hat sich dem zeitgenössischen, modernen Jazz verschrieben, wobei die vier Musiker auch nicht vor eher ungewöhnlichen Metren wie fünf oder sieben Achtel-Takt zurückschrecken. Sie werden bei ihrem Konzert vor allem Stücke von ihrer demnächst erscheinenden CD «Roaming» spielen.

Die Konzertdaten (siehe auch www.musik-akademie.ch/veranstaltungen):
Mi, 14. Juli 19 – 22 Uhr: Rita Èkes Trio
Mi, 21. Juli
 19 - 22 Uhr: «Klangquadrat»
Mi, 28. Juli 
19 - 22 Uhr: Song-Yi Jeon Quintett
Mi, 04. August
 19 - 22 Uhr: «Jazz, No Junk»
Mi, 11. August
 19 - 22 Uhr: «Maibäckers Kesselrauch»
Mi, 18. August
 19 - 22 Uhr: «Prina»

Veranstaltungsort: Parkrestaurant Lange Erlen, Erlenparkweg 55, Basel

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