Rolf De Marchi

August 22, 2010

Köstliche musikalische Leckerbissen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 5:03 pm

Im Merian Park rund um den Brüglingerhof in Basel eröffnete das Sinfonieorchester Basel mit einem kurzweiligen «Tag der Musik» die Saison 2010/2011.

Es kommt wohl eher selten vor, dass zwischen einem klassische Musik interpretierenden Ensemble und seinem andächtig lauschenden Publikum ein paar skrupellose Velofahrer vorbeiradeln. Bei einem Konzert im malerischen Merian Park rund um den Brüglingerhof in Basel kann das schon mal vorkommen, wie man beim «Christoph Merian Tag» anlässlich der Eröffnung der Saison 2010/2011 des Sinfonieorchesters Basel erleben konnte. An diesen «Tag der Musik» präsentierte sich das Orchester einer breiten Öffentlichkeit, indem dessen Musiker in verschiedenen Ensembles unter freiem Himmel kammermusikalische Werke zur Aufführung brachten.
So konnte man beispielsweise dem «Basler Gongspiel», ein Ensemble, das sich aus vier Perkussionisten des Sinfonieorchesters zusammensetzt, lauschen. Es eröffnete sein rund dreissig Minuten dauerndes Konzert auf der Bühne vor dem Kutschenmuseum mit einem wuchtigen Schlag auf einem knapp einen Meter messenden Gong, dessen tiefer Ton den Hof vor dem Gebäude durchflutete. «Gonzeit» lautete der Titel dieses von Barni Palm geschriebenen Stücks, in dem die vier Musiker auf unterschiedlich grossen Gongs durch viele Wiederholungen von Klangmotiven eine fast meditative Stimmung erzeugten.
Irisierend wie klingende Kristalle schoben sich dann mehr und mehr helle Klänge über das warme Tongeflecht der Gongs. Mit Autofelgen, Metallröhren, -platten und -ringen, die an einem baumartigen Gestell aufgehängt waren, übernahm Domenico Melchiorre mit seiner Klanginstallation «Alberto Sonoro» das Zepter. Dieser flirrende Klangrausch wiederum wurde durch den Rhythmusteppich «Interlud No. 4» von Siegfried Kutterer abgelöst, den das Quartett mit unterschiedlichen Perkussionsinstrumenten die Musik zum Pulsen brachte.
Fast ein wenig auf die Piazza San Marco in Venedig versetzt wiederum fühlte man sich im Garten hinter der Villa Merian, wo Valentina Jacomella und Rodica Kostyak Stücke aus Robert Fuchs (1847-1927) «20 Duette» für zwei Violinen, op. 55 interpretierten. Ähnlich wie in der Lagunenstadt plauderte und tändelte das Publikum unter Sonnenschirmen an kleinen Tischen bei Kaffe und Kuchen, während unter einem Baldachin auf einem pavillonartigen Potest die beiden Violinistinnen Fuchs unterhaltsam-heitere Musik zu Besten gaben.
Am dritten Schauplatz dieses kleinen Klassik-Festivals auf der Bühne im Hof bei der Orangerie schliesslich liess das Devienne Quartett François Deviennes (1759-1803) Quartett in C-Dur, op. 73 Nr. 1 mit der ungewöhnlichen Besetzung zwei Violinen, Violoncello und Fagott aufleben. Souverän interpretierte David Schneebeli auf dem Fagott seine spieltechnisch anspruchsvoll klingende Partie, die steckenweise ein wenig an ein kleines Solokonzert für Fagott erinnerte.
Viele weitere köstliche musikalische Leckerbissen standen im Verlauf dieses «Tages der Musik» noch auf dem Programm, das um 19 Uhr mit einem grossen Konzert des Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Mario Venzago mit Werken von Händel, Rimskij-Korsakov, Offenbach und Beethoven abschloss.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

August 20, 2010

Unberührte Wälder, kristallklare Seen und lange Würste

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:15 am

Was Musik mit leckeren Würsten zu tun hat, belegte das musikalische Austauschprojekt zwischen dem Jugend-Blasmusik-Orchester von Parczew in Polen und der MusiCool Bigband der Musikschule Basel.

«Speeches should be short, sausages should be long!» Dass an diesem von Michael Koechlin, Leiter der Abteilung Kultur im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt geäusserten polnischen Sprichwort was wahres dran ist, erfuhren die jugendlichen Mitglieder der MusiCool Bigband der Musikschule Basel bei ihrem Trip nach Polen im Sommer 2009. Die Mutter des Schlagzeugers der Bigband, eine gebürtige Polin, hatte damals den Leitern der Band Thomas Nüesch und Matthias Gubler vorgeschlagen, Verbindung zu ihrer polnischen Heimatstadt Parczew zu knüpfen, um sich mit dem örtlichen Jugend-Blasmusik-Orchester musikalisch auszutauschen.
Nach intensivem Einproben eines Programms mit bekannten Themen aus Jazz und Pop reiste die MusiCool Bigband dann tatsächlich in das gut 50 Kilometer nördlich von Lublin nahe der weissrussischen Grenze gelegne kleine polnische Städtchen. Eine Woche lang genossen die jungen Musiker die unberührten Wälder Ostpolens, badeten in den kristallklaren Seen der Umgebung und liessen sich kulinarisch von den generösen Familien des Jugend-Blasmusik-Orchester von Parczew verwöhnen, die sie grosszügig mit leckeren Würsten verköstigten. Natürlich wurde auch ab und zu das Repertoire geprobt, was schliesslich in mehrere Konzerte mündete, die die Band gemeinsam mit dem Orchester von Parczew an verschiedenen Orten des Städtchens gab.
In den vergangenen Tagen nun war es an der Basler MusiCool Bigband, ihren Freunden aus Polen Gastrecht zu gewähren. Mit einem Autobus waren dreissig junge Musikerinnen und Musiker des Jugend-Blasmusik-Orchesters von Parczew nach Basel gereist, um da zu Proben und dem Basler Publikum ihr Können vorzuführen. Sowohl im schönen mittelalterlichen Hof des Basler Ratshauses als auch im Grossen Saal der Musik-Akademie bewies das Orchester aus der polnischen Provinz, dass es manch einem hiesigen Blasorchester um die Ohren zu spielen vermag.
Nach ein paar Einleitenden Worten mit dem oben erwähnten Zitat von Michael Koechlin, die vom ebenfalls anwesenden Bürgermeister von Parczew Paweł Kędracki mit dankbaren Bemerkungen honoriert wurden, legte im Hof des Basler Ratshauses zuerst die MusiCool Bigband los mit Stücken wie «Tune 88», «Toss The Feathers» oder das besonders einfühlsam gespielte «Don’t know why». Auch wenn nicht immer alles perfekt geriet und es gelegentlich etwas mit dem präzisen Zusammenspiel haperte, vermochte die Band die gespielte Musik doch kräftig zum grooven zu bringen.
Das anschliessend spielende Jugend-Blasmusik-Orchester aus Parczew wiederum überzeugte vor allem durch sein präzises Zusammenspiel. Hinreissend präsentierte es Portpourris populärer Themen klassischer Musik und Melodien aus Film und Musical. Wenn sich das Orchester allerdings an Jazz orientierte Stücke wagte, vermisste man ein wenig den dazu nötigen Swing, ein Manko, das bei eher klassisch orientierten Blasorchestern oft zu hören ist. Man darf gespannt sein, ob und wann die MusiCool Bigband der Musikschule Basel die leckeren langen Würste von Parczew im fernen Ostpolen wieder geniessen wird.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

August 12, 2010

Rhein, Cervelat und Gesang

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:13 am

Nicht nur der Rhein, auch die Lachtränen flossen beim Konzert von Blues Max auf dem Basler Rheinfloss.

«Hallo Ufer» rief das Zürcher Musikoriginal Blues Max vom Floss auf dem Rhein oberhalb der Basler Mittleren Brücke in Richtung Ufer. «Hallo Floss» schallte es von da zurück. Er habe diese Gelegenheit unbedingt nutzen wollen, die sich vermutlich nie wieder in seinem Leben bieten werde, sein Publikum auf diese originelle Weise begrüssen zu können, meinte der aus der Ostschweiz stammende, 1951 geborene Max Werner Widmer alias Blues Max. In der Tat dürfte das Rheinfloss, auf dem der Musiker im Rahmen des Musikfestivals «Im Fluss» gemeinsam mit seinem Trio auftrat, zu den ungewöhnlichsten Spielorten gehören, die die Schweiz zu bieten hat.
In einem Lebensalter, wo andere Musiker langsam ans Aufhören denken, legte der in Zürich lebende Vater von drei erwachsenen Kindern erst richtig los mit seiner Karriere. Er verbindet Comedy und Satire mit dem Blues, eine originelle Verknüpfung, die sich als Marktnische erwies und dem Musiker einen späten Erfolg beschert.
Auch live auf dem Floss gelang es Blues Max im Verlaufe seines rund einstündigen Konzerts, im Publikum auf den Stufen des Rheinufers nicht wenige Lacher auszulösen. Wenn er beispielsweise in seinem hitverdächtigen Chervelat-Song die Schweizer Nationalwurst mit ihrer schönen Bräune und ihrer glatten Haut besang und ihren nicht geringer Anteil an Rinderhirn lobte, weil er des Sängers erschlafften grauen Zellen wieder in Fahrt bringe. Oder wenn er mit an Nonsense grenzenden Worten die Probleme des Blues-Poeten bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben eines gelungenen Songtextes thematisierte.
Im Lied «Wägem Gäld» thematisierte er wiederum den ewigen sozialen Spaltpilz Geld und im Güggeli-Song liess er über den Rockklassiker «Wooly Bully» ein junges Poulet «mit Emigrationshintergrund» gruselige Abenteuer als Fussgänger im Strassenverkehr bestehen. Aber auch altes Schweizer Liedgut wie das Berner Volkslied «Wenn i nume wüsst wo s’Vogellisi wär» oder moderne Mundart-Klassiker wie Polo Hofers «Alperose» waren vor dem skurrilen Wortwitz des schlitzohrigen Entertainers nicht sicher. Und vor aktuellen Themen wie die astronomischen Bonizahlungen an Bankmanagern schreckte Blues Max in einem seiner Songs auch nicht zurück, in dem er einem ins Bewusstsein rief, dass ein Manager mit 22 Millionen Jahresgehalt rund 28′000 Franken in der Stunde verdient!
Neben dem schrägen Bluesbarden, der seine sechssaitige Ukulele und die akustische Gitarren gekonnt zu spielen verstand, gebührt fraglos noch seine beiden beschlagenen Mitmusiker ein Lob. Sowohl Michael Dolmetsch an den Keyboards, der immer wieder knackige Grooves mit perkussiv geschlagenen Chords legte und damit kompetent einen Drummer ersetzte, als auch der Dritte im Bunde Richard Koechli auf seiner eindrucksvoll gespielten Slide Guitar liessen zweifellos die Herzen selbst kritischer Bluesfans schneller schlagen.

Erschienen in der Basellandschaftliche Zeitung

August 2, 2010

Der Himmel über Lörrach

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:16 pm

Stimmen-Festival 2010/Im Rahmen des Festivals Stimmen 2010 vermochte Xavier Naidoo und seine neunköpfige Band auf dem Marktplatz von Lörrach gut Stimmung zu verbreiten.

Es gibt nur wenige deutsche Popstars, die eine so grosse Fangemeinde haben wie Xavier Naidoo. Unter den Musikkritikern allerdings scheinen sich seinen Anhänger eher in Grenzen zu halten, fühlen sich doch viele von ihnen dazu verpflichtet, mit spitzer Feder auf den Sänger einzustechen. Die Kritikpunkte dieser Beckmesser gegen das Gründungsmitglied der erfolgreichen Söhne Mannheims sind hinlänglich bekannt: zu religiös verbrämt, zu moralinsauer, zu verquastet und weltfremd seien die An- und Einsichten, die der Star in seine Texte stopfe.
Die enthusiasmierten Fans, die den Marktplatz von Lörrach bis in den letzten Winkel besetzt hatten, um Xavier Naidoo mit seiner neunköpfigen kleinen Big Band bei seinem Konzert im Rahmen des Festivals Stimmen 2010 zu hören, fochten solch kleinliche Nörgeleien nicht an, sie feierten ihr Idol vorbehaltlos. Aber auch eher kritischere Geister im Publikum dürften nicht all zu enttäuscht gewesen sein, sind sie doch bis auf ein paar seltene Andeutungen wie im Song «Himmel über Deutschland» von religiösen Erweckungsversuchen des Sängers verschont geblieben. Viel über Nächstenliebe, Verständnis und Verbrüderung bekam man da zu hören, was natürlich besonders bei den jungen Fans auf grosse Resonanz stiess. Was allerdings der Vorwurf der Verquastheit betrifft, bekam man einige Leckerbissen zu hören wie beispielsweise «Bist du am Leben interessiert», in dem der Sänger seine ziemlich abstruse Theorie über kulturelle Vererbung servierte. Und was den poetischen Gehalt der Texte generell anbelangt, da erlahmt des Kritikers Hand; den Georg-Büchner-Preis für Literatur jedenfalls wird Naidoo für seine lyrischen Ergüsse mit Gewissheit nie erlangen.
Musikalisch gesehen fiel die Bilanz dieses Konzerts etwas besser aus. Zwar ist der häufig von Kritikern geäusserte Vorwurf, auf dessen CDs neige Xavier Naidoo mit seiner Musik zu Wiederholung und Langeweile nicht ganz von der Hand zu weisen, live jedoch vermocht der Sänger und im Besonderen seinen Band ordentlich zu überzeugen. In Songs wie «Zeilen aus Gold» beispielsweise entfaltete die Rhythmusgruppe mit Drums, Congas und Bass eine erstaunliche Intensität, die an den frühen Carlos Santana erinnerten. Von der dreiköpfigen Bläsersektion war allerdings lange in Folge schwacher Abmischung nicht viel zu hören. Erst gegen Ende des Konzerts vermochte sie ihre ganze Kraft einzubringen. Ziemlich in die Beine beispielsweise ging das Lied «Dieser Weg» mit seinen knackig phrasierten Riffs der Bläser und seinen von der Rhythmusgruppe funky gespielten Grooves, die in die Beine gingen. Begleitet von seiner mit beachtlicher Dynamik spielenden Band vermochte Xavier Naidoo auch soulig angehauchte Balladen wie «Wo willst du hin», «Ich erhebe die Klage» oder «Sie sieht mich nicht» mit seiner farbigen Stimme recht überzeugend mit Emotionen aufzuladen.
Bei aller Kritik sei Xavier Naidoo und seiner taff spielenden Band zu Gute gehalten, dass es ihnen gelang, dem Publikum auf dem übervollen Markplatz von Lörrach und im Besonderen den vielen Kids, die zwischen den grossen Zuhörerinnen und Zuhörern allerdings nicht immer viel von ihrem Idol mitbekamen, während gut anderthalb Stunden viel Spass und eine gute Zeit zu verschaffen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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