Rolf De Marchi

Februar 24, 2011

Wenig Bereitschaft zum Risiko

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 8:49 pm

Neben dem Violinisten Boris Brovtsyn vermochte das Sinfonieorchester Basel nicht zuletzt dank der zupackenden Leitung des Dirigenten Domingo Hindoyan zu überzeugen.

Ohne Zweifel verfügte der deutsche Tonsetzer Felix Mendelssohn Bartholdy über ein besonders glückliches Händchen für süffige Kompositionen, die auch höchsten Qualitätsansprüchen problemlos zu genügen vermögen. Und dass dabei die Ouvertüre h-Moll, op. 26, bekannt als «Hebriden-Ouvertüre» zu den Spitzenreitern gehört, konnte man anlässlich eines Coop Abonnement-Konzert des Sinfonieorchesters Basel im Grossen Musiksaal des Stadtcasinos Basel erfahren. Zwar stellte die Wiedergabe dieses musikalischen Bilderbogens mit seinen atmosphärischen Anregungen aus der Natur nicht gerade die Spitze der Interpretationskunst dar, das Spiel der Holzbläser wirkte streckenweise etwas farblos, vermochten aber immerhin die mit beherzter Souplesse spielenden Streicher des Orchesters umfänglich zu überzeugen.
Bei der anschliessend interpretierten «Schottischen Fantasie» Es-Dur, op. 46 für Violine und Orchester von Max Bruch (1838-1920) allerdings flogen die ausgerissenen Bäume nicht gerade durch den erwürdigen Konzertsaal. Allein das Orchester begleitete solide, das war nicht das Problem. Das bis auf den letzten Ton überkorrekt wirkende Spiel des Solisten Boris Brovtsyn war es, das keine rechte Freude aufkommen liess. Nicht die geringste Bereitschaft zum Risiko seitens des Violinisten war da zu verspüren: kaum je ein frecher Schleifer, wenig wahrnehmbare Agogik war da wahrzunehmen, die der an sich schon etwas blutleeren Komposition von Bruch hätte Feuer einzuhauchen vermögen. Die Chance, diesem Werk mit einer zarten Prise Zigeunergeige à la hongroise mehr Würze zu verleihen, wurde vom Solisten Boris Brovtsyn leider vertan.
Mehr als entschädigt für diese etwas dünn ausgefallene Darbietung wurde man durch eine mitreissende Interpretation von Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, was nicht zuletzt ein Verdienst der zupackenden Leitung des Dirigenten Domingo Hindoyan gewesen sein dürfte. Das junge Talent stamm aus dem gleichen Treibhaus «El Sistema» mit seinen über 125 staatlich geförderten Jugendorchestern in Venezuela, dem schon die schillernde Pflanze Gustavo Dudamel entwachsen ist. Neben dem 2. Satz von Beethovens Sinfonie, den der Dirigent und das Orchester mit glühender Emphase aufluden, hob einen im Besonderen der mit hinreissendem Drive gespielte 3. Satz mit seinen perfekt gespielten Trillermotiven schier aus den Sitzen. Mit furioser Rasanz interpretierte das Sinfonieorchester Basel schliesslich den letzten Satz dieses brillanten Werks und setzte damit dem Konzert einen gelungenen Schlusspunkt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 8, 2011

Familienkonzert mit Hindernissen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:49 am

In der Kaserne sorgte das Kammerorchester Basel mit einem Familienkonzert für viel Heiterkeit, in der Martinskirche wiederum bewies das Orchester sein hohes musikalisches Niveau.

Dass die Aufgabe eines Notenwarts, der Person also, die für die Archivierung, die Ergänzung und die Ausgabe von Musiknoten eines Orchesters zuständig ist, nicht immer die einfachste ist, konnte man anlässlich einer Matinée des Kammerorchester Basel in der Kaserne Basel erfahren. Bei diesem «Familienkonzert» stürzte nämlich der Musikclown Jürg Kienberger (fleissigen Theatergängern bekannt aus Inszenierungen von Christoph Marthaler) als Notenwart beim Verteilen der Noten zu Joseph Haydns Sinfonie Nr. 45 in fis-Moll, der «Abschiedssinfonie» über seine eigenen Füsse und verstreute alle Blätter über den Musikboden. Schnell die Noten zusammengerafft und unsortiert weiterverteilt, war die Katastrophe vorprogrammiert: Zum Gaudi des bunt zusammengewürfelten Publikums startete anschliessend das Kammerorchester mit einer wilden Kakophonie in Haydns schönes Werk. Kurzer Unterbruch, die Noten neu verteilt und das Orchester legte erneut mit packender Verve los, bis, ja bis sich Clown Kienberger ans Piano setzte, um nach ein paar wild in die Musik gewuchteten Akkorden mit viel Radau vom Pianostuhl zu stürzen.
Abgesehen davon, dass Jürg Kienberger zu Beginn des «Familienkonzerts» eine etwas langfädige, für die vielen Kinder im Publikum in zu gehobenen Sprache gehaltene Einführung in Haydns «Abschiedessinfonie» hielt, vormochte der Musikclown sowohl die Kids als auch die Erwachsenen durch seine Spässe und seinen Darbietungen auf seinen diversen Instrumenten wie Piano, mundgeblasene Handharmonika, Glasharfe und Mineralflasche zu erheitern. Nicht minder auch die Leistung des Kammerorchesters Basel, dass sich unter der kundigen Leitung der 1. Violinistin Julia Schröder von Kienbergers derben Spässen nicht aus der Ruhe bringen liess und eine packende Interpretation von Haydns Sinfonie hinlegte.

Mit dunklem, warmen Ton

Auf welch hohem musikalischen Niveau das Kammerorchester zu musizieren versteht, konnte man am Abend des gleichen Tages in der Basler Martinskirche erfahren. Als Gast zu diesem Konzert hatte das Orchester die Bratschistin Tabea Zimmermann eingeladen, eine Musikerin, die schon seit Jahren sowohl in den Konzertsälen der Welt als auch auf diversen CDs den Beweis antritt, dass die Viola zu unrecht über lange Zeit als Mauerblümchen unter den Streichinstrumenten galt. Nicht nur mit makelloser Spieltechnik interpretierte sie das exquisite Konzert für Viola und Orchester D-Dur von Franz Anton Hoffmeister (1754-1812), auch in puncto Ausdruckskraft und Plastizität des dunklen, warmen Tones war ihr Spiel einzigartig.
Nicht minder grossartig auch die Leistung des Kammerorchesters Basel, das im anschliessend gespielten «Lachrymae. Reflections on a song of Dowland» für Viola und Streichorchester von Benjamin Britten (1913-1976) perfekt mit der Solistin Tabea Zimmermann zur Einheit verschmolz und die Interpretin mit seinem brillanten Spiel souverän durch die abwechslungsreiche Partitur trug. Nach dem Eintauchen in die einzigartige Klangwelt des Benjamin Britten wandte sich das Orchester schliesslich nochmals mit rassiger Emphase der Abschiedssinfonie von Joseph Haydn zu, diesmal allerdings ohne von einem umtriebigen Musikclown alle paar Minuten im Spiel unterbrochen zu werden.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 6, 2011

Fast schon infernale Bilder

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:47 am

TanzTage Basel 2011 / Mit den Performances «Obtus & Obvie» präsentierte die Westschweizer Choreographin Cindy van Acker im Theater Roxy ihre revolutionäre Tanzkunst.

Bewegungslos, einer Statue gleich stand sie da, die Tänzerin Marthe Krummenacher, fast schon ein wenig verloren auf der weiten, weissen Fläche, die den gesamten Bühnenraum des Theaters Roxy in Birsfelden ausfüllte. Nachdem das Publikum Platz genommen hatte und langsam Ruhe im Raum eintrat, konnte man wie aus weiter Ferne ein eigentümlich leises Rauschen wahrnehmen, das unter stetem Crescendo sachte anzuschwellen begann. Bedächtig begann sich die geschmeidige Tänzerin nach vor zu beugen, bis die Hände den Boden berührten und die Gestalt schliesslich bäuchlings zu Boden glitt. Ein dynamisches Rollen, Gleiten, Drehen und Wirbeln des agilen Körpers auf dem Boden setzte ein, mal äusserst langsam, dann wieder sehr schnell zwischen zart fliessenden und abrupt heftigen Bewegungen changierend. Immer mal wieder stoppend die fliessenden Bewegungen und der Körper erstarre für Sekunden zu ausdrucksstarken Standbilder unterschiedlichster Form.
«Obvie» lautete der Titel dieser eindrücklichen Tanzperformance, die im Rahmen der TanzTage Basel 2011 im Theater Roxy zur Aufführung gelangte. In deren Verlauf bewegte die Tänzerin Marthe Krummenacher - wenn man vom Anfang und vom Ende der Darbietung mal absieht - ihren Körper ständig auf dem Boden und stand nie auf, um ein paar klassische Tanzschritte zu tun. Für die Gestaltung dieses Stückes mit seinem revolutionären Tanzstil war die Westschweizer Choreographin Cindy van Acker verantwortlich. Sie hat mit ihrem minimalistischen Bewegungsvokabular, das sie gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern erarbeitet, schon 2010 beim Festival in Avignon Presse und Publikum begeistert.
Wie schon beim ersten rund dreissig minütigen Stück «Obvie» spielte auch in der anschliessend getanzten, ebenfalls von Cindy van Acker choreographierten Performance «Obtus» der einem elektronischen Wasserfall gleichende, durchdringende Begleitsound, der wiederholt Gefühle der Einsamkeit und Verzweiflung aufkommen liess, eine entscheidende Rolle. Aber auch das einfach gestaltete Lichtdesigne, eine von links nach rechts verlaufene Linie von schwachen Neonröhren, die diffuses Licht streuten, trugen zur eindrücklichen Wirkung des Tanzes von Tamara Bacci bei. Im komplett abgedunkelten Bühnenraum realisierte die meist nur schemenhaft wahrnehmbare Tänzerin über dem dünnen Lichtband eine erstaunlich langsam gestaltete Folge von teils betörenden, teilweise aber auch bizarren Bewegungen und Figuren, die verstärkt durch das penetrant laute Dröhnen des frostigen Sounds fast schon infernalische Bilder herauf beschworen, die an Gemälde von Hieronymus Bosch, Johann Heinrich Füssli oder William Blake erinnerten. Schliesslich liess die Tänzerin Tamara Bacci nur noch wage ihre Arme und Beine aus dem Dunkel des Bühnenraums auftauchen, um endlich in totaler Finsternis und Stille abzutauchen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 1, 2011

Rot flammender Vulkan

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:44 am

Die Sängerin Simone Kermes präsentierte im Stadtcasino Basel Koloraturarien weniger bekannter Meister der Opera seria aus dem Neapel des ausgehenden Barocks.

Seit dem grossen Erbeben anno 1356 ist Basel von grösseren Naturkatastrophen verschont geblieben. Dieser Tage allerdings fand im Musiksaal des Stadtcasinos Basel ein Naturereignis statt, das seinesgleichen sucht: ein rot flammender Vulkan verströmte seine musikalische Lava in die Sitzreihen des Auditoriums, die das begeisterte Publikum unter Feuer setzte. Simone Kermes lautete der Name dieser mit einem feurig rotem Haarschopf und einer dynamisch lodernder Sopranstimme ausgestattete Naturgewalt, die an diesem Abend im Rahmen ihrer «Colori d’Amore» Tournee 2011 durch Deutschland auch einen Abstecher nach Basel machte.
«Lava» lautet der Titel der 2009 erschienenen CD der auf das dramatisches Koloraturfach des Barocks spezialisierten Sängerin, bezugnehmend auf den Vesuv, dem immer noch aktiven Vulkan, der die süditalienische Stadt Neapel überragt. Und aus eben jener heissblütigen Stadt mit ihrer «Neapolitanischen Schule» und ihrer Hauptgattung, der Opera seria des 17. und 18. Jahrhunderts stammt nicht nur das Repertoire dieser und auch der neusten CD «Colori d’Amore», auch das Programm der Sängerin mit ihrem 10-köfigen Begleitensemble im Stadtcasino wurde vorwiegend von Werken jenes Musikstils dominiert.
Da waren Stücke bekannterer Komponisten zu hören wie beispielsweise Alessandro Scarlatti (1660-1725), dessen mit grossen Intervallsprüngen garnierte Arie «Cara Tomba» aus der Oper «Mitridate Eupatore» die Sängerin mit perfekter Intonation zum Besten gab. Mit der rassigen Arie «Tu me da me divivi» von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) wiederum bewies die Sängerin, die in einem grünen, möglicherweise einer Kollektion von Vivienne Westwood entstammenden Kleid auftrat, über welch erstaunlich virtuose Stimmtechnik sie verfügt. Mit makelloser Präzision und phänomenaler Leichtigkeit setzte sie mit ihrer hellen, beweglichen Stimme die Verzierungen und Koloraturen.
Dass der Sopran Simone Kermes aber nicht nur über eine stupend präzise Koloraturtechnik verfügt, sondern auch in puncto lyrischer Ausdruckskraft umfänglich zu überzeugen vermag, bewies die Sängerin mit Arien wie etwas das «Morte amara» von Nicola Porpora (1686-1768), in das die Interpretin mit einem vollendet anschwellenden Messa di voce einstieg und das sie einfühlsam mit plastisch geformter Dynamik ausgestaltete. Neben den bekannteren Namen wurden aber auch Werke weniger bekannter Komponisten wie Riccardo Broschi, Domenico Gallo oder Giovanni Bononcini interpretiert, deren dem Vergessen entrissenen Musik nicht zuletzt dank Simone Kermes in den vergangenen Jahren wieder auf den Bühnen der Opernwelt zu hören ist.
Unbedingte Erwähnung verdient noch das 10-köfigen Begleitensemble, das einerseits ungemein sensibel auf die schnell wechselnden vokalen Stimmungen von Simone Kermes reagierte, andererseits aber auch immer wieder durch sein kraftvolles Spiel zu überzeugen vermochte. Einzig Giovanni Pergolesis Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo B-Dur gibt Anlass zur Kritik: Der Solist Enrico Casazza bekundete deutlich hörbare Probleme mit der Intonation, was das Hörvergnügen etwas trübte.
Dass der CD-Titel «Lava» nicht nur mit dem Vesuv zu tun hat, sondern vermutlich auch etwas mit dem ungemein energiegeladenen Interpretationsstil der Simone Kermes zu tun haben dürfte, bewies die Sängerin mit ihrer letzten auf dem Programm stehenden Arie «Come nave in mezzo all’onde» von Johann Adolf Hasse (1699-1783) und den anschliessend gesungenen Zugaben. Vor Energie sprühend tanzte die Sängerin singend über die Bühne, so dass es das begeisterte Publikum kaum noch auf den glühenden Sitzen auszuhalten vermochte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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