Rolf De Marchi

März 30, 2011

Mit Verve gepfefferte Dissonanzen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:22 am

Mit überwiegend Repertoire aus dem 20. Jahrhundert vermochte das Bläserensemble Quitette Moraguès im Stadtcasino Basel zu überzeugen.

Sie dürften wohl zum Spritzigsten gehören, was im 20. Jahrhundert für Bläserensemble geschrieben wurde: die «Sechs Bagatellen» für Bläserquintett des ungarischen Komponisten György Ligeti (1923-2006) aus dem Jahre 1953. In diesem Werk sind nicht nur stilistische Anklänge an die Musik des Russen Igor Stravinsky wahrzunehmen, auch neoklassizistische Einflüsse sind darin deutlich zu hören wie man anlässlich eines von der Kammermusik um halb acht durchgeführten Konzerts des Bläserensemble Quintette Moraguès im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel erfahren konnte. Falls Joseph Haydn in unserer Zeit wiedergeboren und ein neues Werk zu Papier bringen würde, dann könnte es möglicherweise so ähnlich klingen wie die erste dieser Bagatellen, das «Allegro con spirito».
Mit atemberaubender Verve pfefferte das fünfköpfige Ensemble dieses kurze Musikstück in den ehrwürdigen Hans Huber-Saal. Eher dem Einfluss eines Bela Bartóks zuschreiben muss man wohl die zweite mit «Moderato maestose» überschriebene Bagatelle. Mit an die Grenze des Erträglichen gehender Konsequenz, die Intensität hin bis zum Zerreissen steigernd konturierten die fünf Musiker die harten Dissonanzen dieses Satzes. Fast schon mit impressionistischer Raffinesse dann wiederum erklang das «Allegro grazioso», um schliesslich nach zwei weiteren Perlen in das «Molto vivace, Capriccioso» zu münden, in dem sich neben dem Jazz auch Stravinsky deutlich zu Wort meldete.
Neben diesem grandios gespielten Werk Ligetis brachte das Quintette Moraguès mit den drei Brüdern Michel Moraguès (Flöte), Pascal Moraguès (Klarinette) und Pierre Moraguès (Horn) sowie David Walter (Oboe) und Patrick Vilaire (Fagott) zu Beginn seines Konzerts die Serenade Es-Dur Nr. 11 KV 375 von Wolfgang Amadé Mozart zu Gehör. Wirkte dieses Komposition noch etwas konturlos und nicht übermässig engagiert gespielt, schnitzte das kleine Ensemble die «Quintette en form de Choros» (1928) des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos (1887-1957) mit wesentlich härterem musikalischem Holz.
Pendelnd zwischen Anmut und rustikalem Aplomb interpretierte das Quintette Moraguès schliesslich noch die «Danses Hongroises Antiques» des ungarischen Komponisten Ferenc Farcas (1095-2000), ein unüberhörbar mit magyarischer Volksmusik durchwirktes fünfsätziges Werk, dessen schlicht gehaltene formale Ausgestaltung zu überzeugen vermochte. Zu guter Letzt wechselte das immer haltloser musizierende Quintette Moraguès bei seinen Zugaben noch ins Fach gehobener Salonmusik und spielte hinreissend einen Ausschnitt aus einer Bearbeitung von George Bizets «Carmen-Suite» sowie Stücke von Johann Strauss und Leonhard Bernstein.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 28, 2011

Ohne Ecken und Kanten

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:40 am

Im Stadtcasino Basel bewies der US-Amerikanische Jazzsänger Kurt Elling, dass zu viel Perfektion nicht gut tut.

Es gibt nicht wenig Musikkritiker, die der Überzeugung sind, dass der US-Amerikanische Jazzsänger Kurt Elling der Beste seines Fachs sei. Von den Kritikern der Zeitschriften Down Beat und Jazz Times wurde er mehrmals zum Sänger des Jahres gewählt und im vergangenen Jahr gewann er den Grammy Award 2010 für das beste Vokalalbum mit dem Titel «Dedicated To You: Kurt Elling Sings The Music Of Coltrane And Hartman».
Dass der bis 2007 beim legendären Jazzlabel Blue Note Records unter Vertrag stehende, 1967 in Chicago geborene Sänger in der Tat hervorragend singen kann, bewies er anlässlich eines Konzerts im erwürdigen Hans Huber-Saal im Stadtcasino Basel, wo er seine Gesangskunst nicht zum ersten Mal in der Rheinstadt unter Beweis stellte. Mit wohl artikuliertem Text, den Kurt Elling höchst selbst zur Musik des klassischen Swingmeisters Glenn Miller geschrieben hat, stieg der Sänger mit seiner silbrigen Stimme in den ersten an diesem Abend auf dem Programm stehende Song «Moonlight Serenade» ein. Dynamisch feinfühlig abgestuft und unter sparsamen Einsatz eines runden Vibratos modulierte er dann anschliessend mit seiner flexiblen Stimme einen seiner bekanntesten Songs: «My Foolish Heart».
Alle diese Songs, die Kurt Elling im weitern Verlauf seines rund anderthalb Stunden dauernden Konzerts zum Besten gab - darunter fanden sich auch einige seines neusten, Anfang Jahr erschienenen Albums «The Gate» - intonierte der Sänger makellos, selbst wenn sie über komplexeste harmonische Strukturen verfügten. Auch die Begleitband von Kurt Elling mit dem Pianisten Laurence Hobgood, dem Bassisten Rob Amster, dem Schlagzeuger Ulysses Owens Jr. und dem Gastmusiker John McLean an der E-Gitarre spielte vollendet auf höchstem technischem Niveau.
Doch gerade aus dieser Perfektion erwuchs im Verlaufe dieses Konzerts mehr und mehr ein Problem: es stellte sich mit der Zeit ein Gefühl der Leere und der Langeweile ein. Die Band interpretierte ohne nennenswerte Ecken und Kanten einen warm dahinplätschernden Wohlfühljazz und jede störende Rauheit vermeidend verharrte Elling selbst unverwandt in derselben silbrigen Klangqualität, mit der er mit seiner leicht öligen, zum Crooning neigenden Stimme seine Songs vortrug. Und wenn sich der Jazzsänger Kurt Elling bei seinen Zugaben am Ende des Konzerts gar an ein klassisches Kunstlied heranwagte wie Johannes Brahms Liebeslied «Nicht wandle, mein Licht», dann bleibt dem Kenner nur noch dem Meister ein abgedroschenes «Schuster, bleib bei deinen Leisten» entgegen zu schleudern!

Erschienen in der Basellandschaftliche Zeitung

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