Rolf De Marchi

April 25, 2011

Wirbelnde Bein und rotierende Körper

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:06 pm

Mit einem reichhaltigen Programm vermochte einmal mehr die Tangoschule Basel mit ihrem Festival Ostertango ihr Publikum in den Bann zu schlagen.

Ein aparter Anblick bot sich beim Betreten der Vorhalle zum grossen Festsaal des Volkshauses Basel: da sah man adrett bis hin zu verführerisch gekleidete Damen jeden Alters damit beschäftigt, ihre Strassenschuhe oder ihre unförmigen Stiefel auszuziehen, um anschliessend aus den Handtaschen hochhackige, bunte Tanzschuhe herauszuklauben und diese über die Füsse zu ziehen. Aufgekratzt stolzierten dann die majestätischen Frauen Richtung Festsaal, um dort mit ihren Galanen auf der Tanzfläche ihre Runden zu schieben.
Und als dann wenig später die aus Argentinien aufgebotenen Band Otros Aires ihre auf wilden Techno-Beats basierenden Riffs und Rhythmen in den Saal pfefferten, konnte man fasziniert beobachten, wie jedes dieser Paare seinen ganz persönlichen Tanzstil auslebte: teils fast meditativ in dezentem Fliessen kreisend, andere wiederum in weit ausladenden Bewegungen rotierend drehten die Tanzpaare durch den Raum.
Mit der Absicht den Tango zu erneuern, wurde die Band Otros Aires 2003 von Miguel Di Génova in Buenos Aires gegründet. Da wurden frech den klassischen Tangoklängen und Harmonien des Pianos und des Bandoneons mittels auf einem Laptop generierten Techno-Beats unterlegt, womit es der Band gelang, ihre Musik mit kantiger Energie aufzuladen. Der Bezug zur grossen Vergangenheit des Tangos wiederum knüpfte Otros Aires durch raffiniert eingebaute kurze Samplings alter Tangomeister, die beschwörend repetiert wurden.

Divergierende Tangoperformances

Am folgenden Abend im Schauspielhaus des Theaters Basel konnte einmal mehr erfahren, wie zentral im magischen Kosmos Tango die Verknüpfung von Musik und Tanz ist. In dieser unter dem Titel «Tango Tracks» laufenden Show zeigten vier Tangopaar Tanzperformances, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Pendelte das erste Paar Gastón Torelli und Moira Castellano mit seiner Darbietung «Domestcame» zwischen innovativem Modern Dance und Tango, integrierte das Paar Paolo Pugliese und Noel Strazza in seinen eindrücklichen, mit Komik aufgeladenen Kampf der Geschlechter Videosequenzen mit schrägen Elementen des surrealen Theaters. Ganz anders das Konzept des dritten Paars Milena Plebs und David Palo in «La voz de tus zapatos», in dem ausschliesslich der klassische Tangotanz mit seinen ausladenden Beinbewegungen und dem artistisch durch die Luft gewirbelten Frauenkörper zum Zuge kam.
Den Abschluss bildete das Paar Ruben und Sabrina Veliz mit der humorvoll inszenierten Performance «T-Connections». Auf einem Video findet in einer fernen Zukunft nach einem schrecklichen Krieg Agent 206 alter Dokumente, anhand derer er die Geschichte des Tangos rekonstruierte. Souverän tanzte dazwischen das Tanzpaar Veliz live auf der Bühne einzelne stilistische Episoden dieser reichen Geschichte.
Nicht nur unter den Tango-Aficionados, die aus ganz Europa, ja sogar aus dem fernen Hongkong extra anreisen, um bei diesem Event dabei zu sein, auch unter den professionellen Tangotänzern aus Argentinien gilt das Tango Festival Basel wegen seiner grossen Vielfalt als eines der Besten weltweit. So wurde noch im Volkshaus in der grossen Tango Party zu den hinreissenden Klängen des Sexteo Soledad aus Russland zu der Tradition des klassischen Tangos abgetanzt während Cineasten gleich mehrmals im Kino Camera den informativen Film «Tango Among Friends» geniessen konnten. Dass daneben noch viele Einführungs- und Fortsetzungskurse in den Tango angeboten wurden, erübrigt sich. Gut besucht sei das Festival gewesen, meinte abschliessend Cheforganisator Peter Mötteli und nicht zuletzt habe das schöne Wette wesentlich zur guten Stimmung unter den Besuchern beigetragen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 18, 2011

60 Jahre Collegium Musicum Basel

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:07 pm

Seit 60 Jahren leistet das älteste freie Berufsorchester Collegium Musicum Basel einen wesentlichen Beitrag zum Musikleben der Basler Region.

Nicht weniger als Basler Musikgeschichte habe Albert E. Kaiser geschrieben, als er 1951 das Collegium Musicum Basel (CMB), das erster freie Berufsorchester der Stadt gründete. Diese Überzeugung vertrat nicht zu Unrecht der ehemalige Basler Regierungsrat Dr. Hans Martin Tschudi in seiner Rede, die er anlässlich einer Feier zu Ehren des 60-jährigen Bestehens dieses Orchesters im Stadtcasino Basel hielt.
Nachdem der Redner in seiner Funktion als Präsident des CMB die verschiedenen Ehrengäste wie den Basler Regierungspräsident Guy Morin, den Regierungsrat Klaus Fischer aus dem Kanton Solothurn, den Präsidenten des Generalrates des elsässer Departements Haut-Rhin Charles Büttner, den Kulturchef des Kantons Baselland Niggi Ulrich und vor allem die treuen Sponsoren begrüsst hatte, bot Hans Martin Tschudi einen kurzen Abriss der Geschichte des Orchesters. Da erfuhr man, wie Albert E. Kaiser 1955 gemeinsam mit dem CMB als Orchester des noch jungen Schweizer Fernsehen verpflichte wurde und wie der Dirigent zur Förderung junger Musiker die Preisträgerkonzerte einführte, bei denen Gewinner internationaler Wettbewerbe zusammen mit dem CMB auftreten konnten. Des weiteren wie das Orchester anfänglich vorwiegend Barockmusik und Mozart interpretierte, später auch immer mehr Musik der Romantik hin bis zu neuer Musik von Schweizer Komponisten wie Ottmar Schoeck, Paul Burkhard oder Heinrich Suttermeister. Und wie schliesslich nach über 50 Jahren Albert E. Kaiser seinen Taktstock 2004 an den heutigen Chefdirigenten Simon Gaudenz übergab und im gleichen Jahr im Alter von 84 sein Leben beschloss.
Der Träger des deutschen Dirigentenpreises 2009 Simon Gaudenz wiederum erweiterte das Repertoire des Orchesters nochmals um französische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts sowie um weitere Tonsetzer dieser Epoche wie Gustav Mahler, Richard Strauss oder Dimitri Schostakowitsch. Neben seiner regen Konzerttätigkeit in In- und Ausland hat das CMB seine Aktivitäten zu Gunsten junger Musiker noch erweitert und 2006 die sogenannten Vorkonzerte eingeführt, bei denen Nachwuchsmusiker der Musik-Akademie Basel die Gelegenheit erhalten, ihr Können unter Beweis zustellen. Nach siebenjähriger Tätigkeit schliesslich wird Simon Gaudenz am 20. Mai 2011 sein letztes Konzert geben und anschliessen die Leitung des CMB an Kevin Griffith übergeben. Ein vielversprechender Wechsel, für wahr, ist doch der neue Dirigent kein geringerer als der Sohn des grossen Maestros Howard Griffith, der die Dirigentenszenen der vergangenen Jahrzehnte mitgeprägt hat wie nur wenige andere.
Dass nach dieser mit liebenswürdigem Witz gewürzten Rede von Dr. Hans Martin Tschudi auch noch der amtierende Basler Regierungspräsiden Guy Morin ein paar warmherzige Worte zum aktuellen Anlass sprechen musste, liegt auf der Hand.
Nach den Reden schliesslich kam der Jubilar zum Zuge. Angefangen mit Antonín Dvoráks «Slavischen Tänzen» Nr. 1 - 8, op. 46, deren spritzige Realisation regelmässig durch humorvoll vom Schauspieler Dan Diener vorgetragene kleine Anekdoten zur Geschichte des CMB unterbrochen wurden.
Hinreissend dann der Vortrag der Pianistin Gitti Pirner, die adäquat vom CMB begleitet Wolfgang Amadé Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 22 Es-Dur KV 482 interpretierte. Und als spektakulärer Abschluss dieser gelungenen Jubiläumsfeier des Collegium Musicum Basel hatte das Orchester die Streicher der Jungen Sinfoniker Basel der Musik-Akademie eingeladen, so dass sich schliesslich mehr als 120 Musikerinnen und Musiker auf der Bühne des Konzertssaals im Stadtcasino drängten, um mit Verve Maurice Ravels legendären Bolero in den grossen Raum zu schmettern.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

April 17, 2011

Chicago Blues at his Best

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 4:46 pm

Neben der Blues-Entente zwischen Chicago und der Schweiz bildete die Überreichung des Swiss Blues Award einer der Höhepunkte des diesjährigen Blues Festival Basel 2011.

Tief tauchte sie ein in das Great American Songbook, die Zürcher Sängerin Christina Jaccard bei ihrem Konzert, mit dem sie gemeinsam mit ihrer Band die «Swiss Chicago Blues Nigtht» im Rahmen des Blues Festivals Basel 2011 im Volkshaus der Rheinstadt eröffnete. Der Klassiker «Blues In The Night» stand da als erster auf dem Programm, gefolgt von weiteren Leckerbissen wie «Lady Singst The Blues», «I Don’t Know» oder die legendäre Percy Sledge-Ode «When A Man Loves A Woman». Begleitet von einer versierten Band, die allerdings die Grenze zum etwas seichten ‚Cüpli-Jazz’ nicht immer zu ganz vermeiden vermochte, trug Christina Jaccard diese Songs beschlagen mit ihrer dunkel rauchigen, mit einer Prise Raspelspäne garnierten Stimme vor.
Knackiger ging es da beim zweite Act dieses Abend zu Gange. Wie schon die vergangen Jahre hatte der seit langem in Chicago lebende und wirkende Basler Saxophonist Sam Burckhardt eine Crew beschlagener Bluesmusiker aus der Windy City zusammengestellt: Neben der Guy King Band hatte er auch den legendären Blues-Gitarristen und Sänger Jimmy Johnson eingeladen. Leider musste der 83-jährige dann aus gesundheitlichen Gründen absagen, so dass der ebenfalls in Chicago beheimatet Bluesharpspieler Billy Branch für ihn einspringen musste.
Nachdem Guy King nach mehreren Stücke im «Born Under A Bad Sign» seine Gitarre zum Singen gebracht hatte, betrat der im Ergolztal beheimatet Special Guest Chicago Dave, alias David Rutschmann die Bühne, der seit Jahren zu den führenden Bluesgitarristen der Nordwestschweiz gehört. Im locker rollenden B.B. King-Klassiker «Thrill Is Gone» trat er mit Guy King in einen lebhaften Gitarren-Dialog, der nichts zu wünschen übrig liess. Und schon ging’s weiter mit Saxophonist Sam Burckhard, der in einem rassig swingenden Instrumental auf seinem Instrument honkte wie ein ‚Herrgöttli’.
Schliesslich stiess als Krönung Bluesharpspieler Billy Branch zur Truppe und es gab kein Halten mehr: Schlag auf Schlag folgte eine Blues-Perle nach der anderen bis der lange Abend unvermeidlich mit einem glutvoll gespielten «Sweet Home Chicago» einen passenden Abschluss fand.

Ein würdiger Abschluss

Etwas fade und uninspiriert ging es am letzten, als «Swiss Blues Award Night» titulierte Abend des Blues Festivals weiter. Im Besonderen die Rhythmus-Gruppe von Sängerin Shanna Waterstowns Band Ocala Blues Hounds liess lange kaum Biss erkennen. Und dass die Sängerin Waterstown ihren Gesang durch falsch verstanden übertriebener Bluesphrasierung und zu extremem Vibrato in der Stimme über weite Strecken überspannte, macht die Sache auch nicht besser. Immerhin gelang es der Sängerin und ihrer Band nach einer langen ‚Aufwärmphase’ doch noch ein paar Songs mit etwas Rasanz rüber zu bringen.
Einer der Höhepunkte des Abends bildete die Überreichung des alljährlichen «Swiss Blues Award» durch den Basler Regierungsrat Hans-Peter Gass an den Besitzer der Jazz-Zeitschrift JAZZ’N’MORE Peewee Windmüller und dessen Chefredaktor der Sparte Blues, dem Basler Journalisten Marco Piazzalonga für deren unermüdlichen Einsatz, den Blues in der Schweiz mit all seinen Facetten den Leserinnen und Lesern nahe zu bringen.
Den würdigen Abschluss des Abends setzte der US-Amerikanische Sänger und Gitarrist Tommy Castro mit seiner Band. Mit einer ungemein satt gespielten Mischung aus Funkblues über Soul hin bis zu zeitgemäss arrangiertem Rhythm and Blues vermochte die Band zu überzeugen. Neben dem mit kantiger Präzision spielenden kleinen Bläsersatz mit dem kreativ solierenden Saxophonisten Keith Crossan und dem vorwärts treibenden Trompeter Tom Poole war es vor allem der Leader Tommy Castro, der mit seinen glasklaren, sehr druckvoll gespielten Gitarrensoli seine Fans zu begeistern vermochte, so dass die überwiegende Mehrheit des gefesselten Publikums trotz enormer Lautstärke bis zum Schluss durchhielt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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