Rolf De Marchi

Juli 28, 2011

East meets West

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:43 am

Stimmen 2011 / Das auf Alte Musik spezialisierte Instrumentaltrio Constantinople und der Chor Barbara Furtuna interpretierten traditionelle Musik ihrer Heimat.

Mit zärtlich auf die Felle verschiedener Schlaginstrumente gepulsten Beats stieg das Ensemble Constantinople ein in sein Konzert, das im Rahmen des Festivals Stimmen 2011 im malerischen Rosenfelspark von Lörrach über die Freilichtbühne ging. Mit silbrig hell gezupften Tongirlanden gesellte sich eine persische Langhalslaute Setar dazu, die wenig später durch expressiv gestrichene Klangfarben auf einer Viola da gamba ergänzt wurde. In sanftem Wiegen schritt das Trio voran, bis schliesslich die vier Sänger des Ensemble Barbara Furtuna ihre stahlkräftigen Stimmen erhoben, um mit schlicht gestalteter Diktion das alte korsische Lied aus dem 13. Jahrhundert «Maria le sette spade, louange à la Vierge des douleurs» anzustimmen.
Zu einem weiteren Projekt East meets West gewissermassen hatte das Festival Stimmen an diesem Abend in Lörrach eingeladen: Auf der einen Seite das in Montreal beheimatete Ensemble Constantinople der persischen Brüder Kiya und Ziya Tabassian sowie dem Gambisten Elin Soderstrom, ein Trio das sich sowohl auf die Interpretation alter europäischer Musik des Mittelalters und der Renaissance spezialisiert hat, das sich aber auch mit der Musiktradition des Nahen und Mittleren Ostens sowie der persischen Heimat der beiden Brüder Tabassian auseinander setzt. Auf der anderen Seite das Vokalquartett Barbara Furtuna, das sich auf die Interpretation der typischen, alten Gesänge ihrer Heimatinsel Korsika konzentriert.
Vielsagende Titel wie «Suda Sangue», «Lamento di Tristan» oder «Ad Amore» waren da zu hören. Im Besonderen die schlichte Mehrstimmigkeit dieser Gesänge beeindruckte, die im Unterschied zum ‚klassischen’ Chorgesang mit ihren komplexeren Stimmbewegungen meist sowohl bezüglich Rhythmus als auch der Diktion des Textes einheitlicher ausgestaltet wird. Dies ermöglicht es den Sängern, die sinnliche Schönheit der dem Italienischen verwandten Sprache ihrer Korsischen Heimat ausdrucksstark zu konturieren. Dabei spielte die perfekte Reinheit der Stimmen eine eher untergeordnete Rolle, Farbigkeit im Timbre und Ausdruck im Gesang standen da zu Oberst bei der Wiedergabe dieser alten Gesänge. Oft begleitete der Chor auch melodiöse Sologesänge ihrer Kollegen und der Hauptsänger des Quartetts Jean Pierre Marchetti griff nicht selten zur Gitarre, um gemeinsam mit dem Trio Constantinople sowohl den Chor als auch von im selber interpretierte Sololieder zu begleiten.
Sehr überzeugend aber auch das Trio Constantinople mit Kiya Tabassian, der nicht nur virtuos die Langhalslaute Setar zu spielen verstand. Wiederholt interpretierte er auch Lieder aus seiner Heimat Persien und nicht selten sang er gemeinsam mit Marchetti wie im «Malaek - Silenzio profundo», in dem ein arabisches Gedicht von Hafez Verwendung fand. Für das sinnliche Moment des Trios wiederum war Pierre-Yves Martel mit seiner Viola da Gamba zuständig, wären der Dritte im Bunde Ziya Tabassian auf seinen verschiedenen Perkussionsinstrumenten nicht nur dezent zu begleiten verstand. Wiederholt drehte er auch mit Drive auf, so dass die Musik von Constantinople mit pulsender Energie vorantrieb.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 27, 2011

Asphalt Tango

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:40 am

Mit einem hinreissenden Konzert eröffnete die Roma-Brass-Band Fanfare Ciocărlia das aktuelle Sommerfestival «Im Fluss» auf dem Rhein.

Für alle, die es wissen wollen: Ja, die Roma-Blaskapelle Fanfare Ciocărlia hat sie gespielt, die Cover-Version des Rocksongs von Steppenwolf «Born to Be Wild» beim Eröffnungskonzert zur Konzertreihe «Im Fluss 2011» auf dem Rheinfloss oberhalb der Mittleren Rheinbrücke in Basel. Im zum Kultfilm avancierten Streifen «Borat» von Sacha Baron Cohen hatte die Band aus Rumänien 2006 diesen Rockklassiker als Filmmusik eingespielt, der ihr eine Vielzahl von Fans beschert hat. 1996 hatte der Berliner Toningenieur Henry Ernst die ursprünglich als traditionelle Dorfkapelle agierende 12köpfige Band aus dem ostrumänischen Dorf Zece Prăjini entdeckt und schon bald eroberte die Kapelle mit ihrem wilden Balkan-Brass-Stil in der Tradition der osteuropäischen Roma die Bühnen der Welt.
Wenn man’s allerdings genau nimmt, scheint der Begriff Cover-Version etwas hoch gegriffen, tauchte doch das Thema «Born to Be Wild » in diesem wilden, ziemlich anarchisch wirkenden Stück nur einmal relativ kurz auf. Dominiert wurde das Arrangement wie die meisten Stücke von Fanfare Ciocărlia von einem schnell gespielten, polkaartigen Riff der tiefen, unisono fetzenden Tenor- und Baritonhörner, die von zwei Perkussionisten gestützt wurden. Dieses intensive Pulsen wurde von glutvollem Gesang überlagert, der teilweise mit rasanten, mehrstimmig gesungenen Silbenkaskaden durchbrochen wurde. Und natürlich fehlten da auch die unglaublich schnellen, messerscharf artikulierten Unisonolinien nicht, die von den beiden Saxophonen und den vier Trompeten immer wieder eingeworfen wurden.
Etwas gemütlicher ging es im anschliessend gespielten «Asphalt Tango» zu, ein Stück, das ebenfalls als Filmmusik zum Streifen «Fallen Art» gedient hat. Das gemächlichere Tempo ermöglichte es gleich mehreren Musikern der Band, ihre solistischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Mit fingerfertig gespielten Pralltrillern ausgeschmückt rasten die Musiker durch ihre fremdartigen Tonskalen mit ihren vielen halb- und übermässigen Tonschritten, die für den Roma-Sound so typisch sind. Berühmt geworden ist die Band aber vor allem wegen ihren rasend schnellen Tempi, nicht überraschend also, dass wiederholt Stücke im Programm auftauchten, die in solch aberwitzigen Tempo gespielt wurden, dass man gelegentlich glaubte, eine viel zu schnell abgespielte Schallplatte zu hören.
Nicht nur durch ihre emotionsgeladene Musik, auch durch ihre dynamische Bühnenpräsenz vermochte Fanfare Ciocărlia zu überzeugen, was bewies, dass die Band ihre Ursprünge als Dorfkapelle nicht vergessen hat, wo sie an Volksfesten, Hochzeiten und Beerdigungen aufspielte. Immer wieder animierten die Musiker das Publikum jenseits des Wassers durch Gesten, Klatschen und kleine Tanzeinlagen zum mitmachen, so dass am Rheinufer die Stimmung mehr und mehr anstieg und sich nicht wenige der begeisterten Fans zum Mittanzen motivieren liessen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 23, 2011

Coole Sprüche und immer in Bewegung

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:09 pm

Im Rahmen des Festivals Stimmen 2011 sorgte die deutsche Band «Die Fantastischen Vier» auf dem Marktplatz Lörrach trotz Regen für gute Stimmung.

Nein, «Die da», die am Eingang steht, war nicht da an diesem Abend auf dem Marktplatz von Lörrach, wo die deutsche Band «Die Fantastischen Vier» im Rahmen des Festivals Stimmen 2011 ihr Konzert gaben. Sie haben ihn nicht gespielt, die vier Jungs aus Stuttgart, ihren ersten grossen Hit «Die da?!», mit dem sie 1992 zum ersten Mal die Charts eroberten und den Deutschrap populär machten. Das focht allerdings die Tausenden von begeisterten Fans auf dem Platz nicht an, hatte die vier Vokalakrobaten doch mehr als genug Hits im Gepäck, die sie im Verlauf ihrer über 20jährigen Karriere gelandet hatten, mit denen sie ihren Anhängern einheizen konnten. Hunderte von Hardcore-Fans sangen lauthals mit, als Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon mit ihrer fünfköpfigen Band Songs wie «Der Picknicker», «Tag am Meer» oder «MfG - Mit freundlichen Grüssen » anstimmten. Und wenn die Jungs gar Ohrwürmer wie «Yeah Yeah Yeah» oder «Smudo in Zukunft» zum Besten gaben, waren es gleicht Tausende von Stimmen, die die eingängigen Refrains mitsangen. In weiteren Songs wie «Was geht» wiederum stiegen die Sänger mit Textstellen wie «klar spack ich ab doch niemals kack ich ab» hinab in die Niederungen deutscher Lyrik und im massiv gehämmerten Titel «Krieger» beschworen sie den Traum, der «weiter geht, weil der Zauber wirkt».
Wie gesagt, «Die da» war zwar nicht da, dafür aber jemand anders: der berühmt-berüchtigte Mister Murphy mit seinem Gesetzt, dass wenn etwas schief geht, dann gleich richtig. Nachdem es den Tag über trocken war und sich gelegentlich sogar die Sonne gezeigt hatte, und nachdem das talentierte junge Trio «The Confused» aus Titisee-Neustadt als Vorband dem Publikum mit einem scharfen Gemisch von Indie-Rock und Heavy Metal Dampf gemacht hatte, legten die Fanta4 nach längerer Umbaupause endlich los. Sie hatten kaum mehr als zehn Minuten gespielt, da öffnete Petrus seine Schleusen und liess das Wasser gleich kübelweise auf die Tausenden von Köpfen niederprasseln. Doch die Fans liessen sich nicht beirren, die verteilten weissen Plastik-Regenmäntel raus und reingeschlüpft, tanzte und hüpfte Jung und Alt dem Regen zum Trotz zu den heissen Rhythmen und Beats der vier Deutschrapper und ihrer Begleitband als befänden sie sich an einer Rave Party unter dem sommerlichen Himmel am Strand von Ibiza.
Nicht zuletzt war für diese Begeisterung der unverbraucht wirkenden Elan der vier inzwischen auch schon etwas angegrauten Herren (sofern sie überhaupt Haare auf dem Kopf hatten) mitverantwortlich. Ständig coole Sprüche klopfend waren sie dauern in Bewegung und suchten immer wieder den Kontakt mit dem Publikum. Aber auch der Power-Band im Hintergrund mit Drummer Flo Dauner, Percussionist Roland Peil, Bassist Markus Kössler, Gitarrist Markus Birkle und Keyboarder Lillo Scimali war es zu verdanken, das die Fanta4 nicht wie Chorknaben sondern wie knallharte Rapper rüber kamen. Ebenfalls Erwähnung verdient schliesslich noch das neuartige Videosystem, dessen gitterförmiger Breitwandscreen im Hintergrund der Band farbintensive, grobgepunktete Bilder der aktiv auf der Bühne agierenden Musiker mit allen möglichen geometrischen Spielereinen ermöglichte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 21, 2011

Aura der Unnahbarkeit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:09 pm

Professionell, aber auch ein wenig distanziert wirkte die Queen des Neosoul Erykah Badu bei ihrem Auftritt im Rahmen des Festivals Stimmen 2011.

Zugegeben, der Star des Abends im Rahmen des Festivals Stimmen 2011 auf dem Marktplatz in Lörrach war die US-amerikanische Souldiva Erykah Badu. Sowohl musikalisch als auch in puncto Professionalität jedenfalls gab die führende Vertreterin der Neo-Soul-Bewegung keinen Grund zum Zweifel. Bezüglich der Begeisterung und des persönlichen Engagement für sein Publikum allerdings war man sich da schon weniger sicher. Der junge Support des Stars, die im afrikanischen Ghana gebürtige, in Deutschland aufgewachsene Sängerin Y’akoto jedenfalls wirkte motivierender auf der Bühne und bemühte sich mehr, das Publikum zu gewinnen als ihre berühmte Nachfolgerin. Zwar klang der Gesang der Begabung aus Hamburg noch etwas unausgereift, immerhin aber vermochte sie durch die grosse Variabilität ihrer Stimme zu überzeugen: mal trällerte sie mädchenhaft naiv, dann wiederum wirkte ihr Gesang tief und sonor wie der einer gestandenen Souldiva. Nur schade, dass es der solide spielenden vierköpfigen Begleitband erst gegen Ende ihres Auftritts gelang, aus dem streckenweise etwas depressiven Slow-Tempo herauszufinden und fröhlichere Stimmung zu verbreiten.
Lag es beim Suppot Act Y’akoto eher an der Auswahl der Songs, dass seine Performance nicht so recht in Fahrt kam, umhüllte sich der Star des Abends Erykah Badu mit einer Aura der Unnahbarkeit, die oft das Gefühl aufkommen liess, die Diva empfände dieses Konzert nur als Pflicht, die sie aus vertraglichen Gründen erfüllen müsse. Erst gegen Ende ihres Auftritts schien die Sängerin aufzutauen und die Nähe zum Publikum zu suchen, wenngleich man sich auch da nicht ganz sicher war, ob dies ehrlich gemeint und nicht einfach nur Teil der Show war.
Professionell aber war die Performance der für ihre Exzentrik berühmten Sängerin allemal und auch ihre elfköpfige Band vermochte mit ausgefeilter Präzision die relativ komplexen Arrangements mit ihren vielen Breaks zu meisseln. Meist dominierte knackiger Funk mit ekligen Synthi-Beats der Snare Drum sowie Bass-Riffs, die die Häuser rund um den Marktplatz in ihren Grundfesten erzittern liessen. Am meisten zu überzeugen aber vermochten neben dem akzentuiert spielenden Flötisten Dwayne Kerr die vier Backing Vocals, die dem oft mit zu viel Hall und exzessiver Elektronik überfluteten Sound einen kräftigen Schuss Human Touch einhauchten.
Taff arbeitete sich die grosse Band durch ein dicht gedrängtes, oft zu Medleys zusammengedampftes Programm, dass einen Einblick in die 14jährige Karriere von Erykah Badu bot. Angefangen mit Songs wie «Otherside of the Game», «Appletree» und dem ersten Hit der Sängerin «On & On» von ihrer ersten CD «Baduzim» (1997) ging es vorwärts mit Hits wie «Tyron», «Bag Lady» und «Love of my Life», der Song, der der Performerin 2003 den vierten Grammy Award einbrachte. Erstaunlich wenige, gerade mal drei Tracks waren von der letzten CD «New Amerykah Part Two (Return of the Ankh)» zu hören. Dass Sekunden nach einer kurzen Zugabe die Musiker und Techniker trotz intensivem Applaus und vielen lauthals geäusserten Sympathiekundgebungen sofort die Instrumente und das Equipment abzuräumen begannen, wirkte da nur noch wie eine abschliessende Bestätigung.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Juli 16, 2011

Den Traditionen verpflichtet

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:29 pm

Stimmen 2011 / Neben dem asiatisch-europäischen Projekt Violons Barbares und dem deutschen Liedermacher Wenzel vermochten im Wenkenpark in Riehen die heimischen Kummerbuben zu überzeugen.

Dass sich Musiker und Komponisten verschiedener Stilrichtungen oft auf Musiktraditionen früherer Epochen zurückbesinnen, ist eine hinlänglich bekannte Tatsache: der Komponist Carl Orff oder der Jazztrompeter Wynton Marsalis seien stellvertretend als Beispiele angeführt. Ob dabei allerdings immer etwas kreativ Neues herauskommt, darüber wird in Fachkreisen regelmässig intensiv gestritten.
Natürlich ist auch die Rock- und Folkmusik gegen solchen Tendenzen nicht immun, wie ein Konzert im Rahmen des Festivals Stimmen 2011 im schönen Wenkenpark in Riehen bewies, wo sich das asiatisch-europäische Projekt «Violons Barbares», die «Kummerbuben» aus Bern und der deutsche Liedermacher Wenzel dieser Frage stellten.
Wohl am perfektesten ging dieses Konzept von Verbindung aktueller Tendenzen mit alten Musiktraditionen beim ersten Projekt des Abends Violons Barbares auf. Beim Hören dieser hinreissenden Musik glaubte man regelmässig Echos aus mittelalterlicher europäischer Musik hin bis zu traditionellen keltischen Klängen aus der Bretagne und Irland zu hören. Im Besonderen die von Dimitar Gougovs souverän gespielte bulgarische Spiessgeige Gadulka mit ihrem kernigen, einer rauhen Violine nicht unähnlichen Ton war für diese europäische Einfärbung verantwortlich. Pochendes Herz des Trios war der französische Perkussionist Fabien Guyot, der mit einer Vielzahl von mit den Händen oder mit Filzschläger getupften Schlaginstrumenten hin bis zu einer halb mit Wasser gefüllten alten Bettflasche den musikalischen Fluss vorantrieb.
Für das asiatische Element im Projekt Violons Barbares war der in der Mongolei geborene, heute in Deutschland lebende Musiker Enkhjargal Dandarvaanchig zuständig, der seiner mongolischen Pferdekopfgeige Morin Hoor sowohl kraftvoll rhythmische Akzente als auch expressive Melodielinien entlockte. Zum Stimmen-Festival eingeladen worden aber war der Ausnahmemusiker Dandarvaanchig vor allem wegen seinen ausserordentlichen Gesangskünsten: Mit unglaublicher Virtuosität wechselte der Sänger von seiner Normalstimme in die Kopfstimme, sprang mal in den tiefsten gutturalen Untertongesang, um wenig später in sphärischem Obertongesang weiter zu singen.

Lockerer Umgang mit Tradition

Wesentlich lockerer ging da die zweite Band des Abends, die «Kummerbuben» aus Bern mit überkommenen Traditionen um. Ihr Traditionsbezug beruht vor allem auf dem Rückgriff auf altes Schweizer Volksliedgut, wobei das Sextett neuerdings auch eigene Songs unter sein Programm mischt. Erfischend hemmungslos auch das Grasen der Band in Epochen und Stilen der Musik: mal hörte man düster jazzigen Folk-Anklänge wie im «Du fragsch mi wär i bi», dann wiederum ein schräg intoniertes Backing-Chöri, das an eine Horde Eunuchen erinnerte wie im «Wild im Härz». Fetziger 2-Tone-Ska dominierte im «Tuubehuus», im «D’Hoffnig sy di Truurigä» wiederum eine spitzige Mischung von Kasachok und Rock a Billy und im Song «Froueli» glaubte man eine Art Tom Waits-Vaudeville-Ska-Polka zu hören.
Das pure Gegenteil zu diesem erfrischenden Bärner Rock-Gemisch präsentierte der letzte Act diese Konzertabends im Wenkenpark: Hans-Eckardt Wenzel mit seiner vierköpfigen Band. Sehr, sehr besinnlich tauchte der Sänger und Liedermachen aus Berlin in sein Liedschaffen der vergangenen Jahre ein. In diesen gefällig nach allen Regeln gestalteten Songs mit ihrer unendlich tiefschürfenden, streckenweise auch ein wenig angestaubt und professoral wirkenden Poetik hätte man sich allerdings oft ein bisschen weniger Reinhard Mey, dafür ein Quantum mehr an bösem Biss eines Hans-Dieter Hüsch oder eines Wolf Biermanns gewünscht.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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