Rolf De Marchi

September 28, 2011

Swingende Tänze aus dem Barock

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:16 pm

Das Ensemble Luceram interpretierte hinreissende Tänze des Barocks aus dem absolutistischen Frankreich des 18. Jahrhunderts.

«Der Tanz ist die Seele der französischen Musik» meine die französische Violinistin Hélène Schmitt, als sie gemeinsam mit dem von ihr geleiteten Ensemble Luceram im Rahmen der Baselbieter Konzerte in der Stadtkirche Liestal ein Konzert gab. Wie wahr diese Aussage ist, konnte man an Hand des ersten gespielten Werks dieses erbaulichen Abends mustergültig erfahren: «Les Charactères de la Danse» lautet der Titel dieser Fantasie D-Dur, die 1715 vom französischen Violinisten und Komponisten Jean-Féry Rebel (1666-1747) zu Papier gebracht worden war.
Dabei handelte es sich um ein hinreissendes, rund zehnminütiges Potpourri von typischen Tänzen der Barockzeit zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Neben der mässig schnellen Courante hatte da Rebel ein bedächtiges Menuett, eine lebhafte Bourrée, eine gravitätische Chaconne, eine rasante Gavotte, eine getragene Sarabande, eine lebhafte Gigue, eine gemächliche Musette und einige Tanzformen mehr zu einem bunten Bouquet irisierender kleiner Musikgemmen zusammengefasst, das vom Ensemble Luceram zum Schillern gebracht wurde.
Plastisch und präzise zugleich interpretierte das Ensemble dieses bezaubernde kleine Werk, das bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Pariser Gesellschaft begeistert hatte. Dies war nicht zu letzt das Verdienst der Leiterin Hélène Schmitt, die unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis neben der Kunst des Generalbassspiels die historisch Aufführungspraxis auf der Barockvioline erlernt hat. Neben der nicht minder souverän wirkenden 2. Violinistin Isabelle Lucas waren es vor allem die beiden Barockoboisten Patrick Beaugiraud und Jean-Marc Philippe, die durch ihre gelungene Mischung von klangsinnlicher Ausdruckskraft und gestochen scharf konturierter Klarheit im Spiel begeisterten. Andreas Linos an der Gambe wiederum bewies nicht nur im Ensemblespiel sondern auch mit der abgeklärte Interpretation einer «Pièce de Viole» von François Couperin (1668-1733), dass er auch als Solist zu überzeugen vermag. Für den soliden harmonischen Boden des Generalbasses schliesslich waren Eric Belocq an der Theorbe und François Cuerrier am Cembalo zuständig.
Neben dem nicht minder packend gespielten «Tombeau de Monsieur Lully» von Jean-Féry Rebel und der ersten «Ordre des Nations» von François Couperin stand noch die Sonate d-Moll für Violine und Generalbass der einzigen etablierten Komponistin des Barocks Elisabeth Jacquet de la Guerre (1665-1729) auf dem Programm, ein Werk, das in puncto Eleganz und Esprit mindesten so zu überzeugen vermochte wie die ihrer männlichen Kollegen.
Mit der als letztes interpretierten vierten «Ordre des Nations: La Piémontoise» von François Couperin aus dem Jahre 1724 trat das Ensemble Luceram einen weitern Beweis an, dass der Swing nicht erst im Amerika des 20. Jahrhunderts erfunden wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 25, 2011

Musik mit schwelgerischem Aplomb

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:59 am

Die beiden Pianistinnen Khatia und Gvantsa Buniatishvili vermochten nicht nur durch ihre souveräne Spieltechnik zu überzeugen.

Wenn sich eine gutaussehende junge Musikerin auf dem Foto im Programmheft in kurzem Kleidchen und hochhackigen Pumps präsentieren, schaltet das Hirn eines kritischen Musikjournalisten automatisch zuerst einmal auf «Misstrauen». Beim Konzert der jungen Pianistin aus Georgien Khatia Buniatishvili in der St. Katharinenkirche Laufen allerdings, das sie gemeinsam mit ihrer kaum weniger talentierten Schwester Gvantsa Buniatishvili im Rahmen der Laufener Kammerkonzerte gab, dauerte es nicht lange, bis der Hirnschalter auf «Wohlgefallen», dann sogar auf «Begeisterung» umschaltete. Nicht sonderlich überraschend wenn man bedenkt, das Khatia Buniatishvili nicht nur mehrere Preise gewonnen hat, sondern auch mit den weltweit renommiertesten Orchestern zusammen gespielt hat. Im Mai dieses Jahres schliesslich hatte sie ein Album mit Musik von Franz Liszt veröffentlich, das von der Kritik mit euphorischer Begeisterung quittiert wurde.
Der Einstieg in das Konzert mit Franz Schuberts (1797-1828) Fantasie zu vier Händen, fis-Moll (D. 940) fiel freilich noch etwas verhalten aus. Kraftvoll zwar aber noch ein wenig steif wirkte da das Spiel der beiden jungen Damen. Im nächsten interpretierten Stück dann, Sergei Rachmaninovs (1873-1943) Suite Nr. 2 für zwei Klaviere op. 17 wechselte Gvantsa Buniatishvili zum zweiten bereitstehenden Flügel. Ohne hörbaren Makel und mit schwelgerischem Aplomb stiegen die beiden Interpretinnen in den ersten Satz «Introduction» dieses effektvollen Werkes ein. Nach dem mit flexiblem Metrum gespielten zweite Satz folgte ein mit «Romanze» überschriebenes Andantino, das zu einem ausdrucksstarken musikalischen Gedicht geriet, wobei es den beiden Musikerinnen gelang, die bei Rachmaninov nicht unerhebliche Gefahr zur Rührseligkeit souverän zu vermeiden. Mit einem sprühenden Mix an gemessenen Rubati, dezenten Tempowechseln und sorgfältig abgestufter Dynamik gelang es denn beiden, Rachmaninovs Musik mit Leben zu erfüllen. In wahre Pranken schliesslich verwandelten sich die zierlichen Hände der beiden Interpretinnen, als sie den letzten Satz dieser Suite mit federndem Furor in die Tasten meisselten.
In der anschliessend zu hörenden Fantasie für zwei Klaviere über Themen aus der Oper «Porgy and Bess» des amerikanischen Komponisten George Gershwin (1898-1937) war von der anfänglich Steifheit im Spiel der Schwestern Buniatishvili nichts mehr zu spüren. Wie Wachs kneteten sie das musikalische Material, mal tänzerisch perlend, mal geschmeidig swingend, dann wiederum elegisch atmend zelebrierten sie Themen wie «It Ain’t Necessarily so» oder das legendäre «Summertime».
Schade, dass die beiden Interpretinnen Khatia und Gvantsa Buniatishvili in der abschliessen etwas zu gehetzt gespielten Bearbeitung des Orchesterstücks «La Valse» von Maurice Ravel (1875-1937) streckenweise wieder ein wenig in die monotone Steifheit ohne hörbare Temponuancierungen zurückfielen. An dem mit orchestraler Wucht in den barocken Raum der St. Katharinenkirche gedonnerten Schluss allerdings gibt es nichts auszusetzen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 24, 2011

Hergebrachter Interpretationsansatz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:50 am

Nicht durchweg gelungen interpretierte das Nathan Quartett aus Hamburg Werke von Felix Mendelssohn, Dimitrij Schostakowitsch und Franz Schubert.

Es ist präsent wie wenig andere Streichquartette im Raume Basel, das Nathan Quartett aus Hamburg. Und wie man es von diesem agilen Klangkörper gewohnt ist, spielte er bei seinem Konzert im Hans Huber-Saal im Stadtcasino Basel versiert das Streichquartett a-Moll op. 13 von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847). Im Unterschied zu jüngeren Ensembles, die in letzter Zeit durch zupackende Interpretationen zu beweisen versuchen, wieviel verborgene Energie in der Musik Mendessohns steckt, setzte das Nathan Quartett bei der Wiedergabe dieses Werks auf einen klassischer Solidität verpflichteten dezenteren Interpretationsstil, der dieser betörenden Musik aber durchaus gerecht wurde. Zwar waren gelegentliche Unsicherheiten und kleine Intonationstrübungen zu hören, was allerdings das positive Gesamtbild nicht ernstlich zu trüben vermochte.
Beim anschliessend gespielten Streichquartett Nr. 10 As-Dur, op. 118 von Dimitrij Schostakowitsch (1906-1975) allerdings, das der russischen Komponist 1964 zu Papier brachte und seinem Freund, dem Pianisten Moissej Wajnberg gewidmet hat, kamen ob diesem hergebrachten Interpretationsansatz Zweifel auf. Da wurde beispielsweise der erste Satz dieses eigenwilligen Werks mit einem süsslichen Ton gespielt, der dem mysteriös-düsteren Charakter dieser Musik nicht gerecht wurde. Noch deutlicher wurde dies im zweiten mit Allegretto furioso überschriebenen Satz, der einst in der Referenzaufnahme der 1980er Jahre vom in Moskau beheimateten Borodin Quartett, das bekanntlich noch mit Schostakowitsch vor dessen Tod 1975 zusammengearbeitet hatte, mit einem scharfkantigen Furor gespielt wurde, der die Interpretation durch das Nathan Quartett wie ein nettes Gesäusel wirken liess. Zumindest im dritten, in Form einer Passacaglia komponierten Adagio-Satz ging das Konzept einigermassen auf, wenngleich auch hier keine allzu grossen emotionalen Ausbrüche zu verzeichnen waren. Vorsichtig tastend schien das Ensemble mehr mit der Intonation als mit dem musikalischen Ausdruck beschäftigt zu sein.
Nachdem das Nathan Quartett, das 1996 von den Violinistinnen Dana Anka und Maja Hunziger, der Bratschistin Roswitha Killian und dem Violoncellisten Boris Matchin in Hamburg gegründet worden war, schliesslich noch den vierten Satz von Schostakowitschs Streichquartett hinter sich gebrach hatte, wandte es sich dem mit ‚Rosamunde’ übertitelten Streichquartett a-Moll D 804 von Franz Schubert (1797-1828) zu.
Wenngleich auch hier kein emotionales Feuerwerk zu verzeichnen war, vermochte das Quartett jetzt doch vor allem dank sorgfältig abgestufter Dynamik zu überzeugen. Im Besonderen im mit Allegro moderato überschriebene Finalsatz mit seiner Rondoform bewirkte das Nathan Quartett eine Dynamisierung, die dem diesseits-fröhlichen Charakter dieses Satzes gänzlich gerecht wurde.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 12, 2011

Im Geiste Rostropovitchs

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:19 am

In seiner siebten Auflage präsentierte das Festival «Viva Cello - Internationale Musiktage Liestal 2011» die Creme der Violoncellogemeinde.

Ein ganzer Reigen angesehener Violoncellisten war zur grossen Abschlussgala des diesjährigen Festivals «Viva Cello», den 7. Internationalen Musiktagen Liestal 2011 in der bis auf den letzten Platz besetzten Stadtkirche Liestal aufgeboten worden, um in einem süffigen Programm ihre Lieblingsstücke vorzuspielen. Da liess beispielsweise der an der Basler Hochschule für Musik unterrichtende Cellist und Komponist Thomas Demenga in seinem humorvollen Stück «New York Honk» spritzig die Autohupen der amerikanischen Megacity durcheinander wirbeln. Ivan Monighetti wiederum, der ebenfalls an der Basler Musikhochschule lehrt und einst die junge Sol Gabetta unterrichtete, tauchte mit seinen «Recuerdos de España» feurig in die Tradition der Spanischen Volksmusik ein. In die fernen Weiten Russlands dagegen wurde man von Mischa Maisky entführt, der unter anderem eine Bearbeitung von Sergei Rachmaninows legendärer Vocalise op. 34, No. 14 mit tiefer Innigkeit interpretierte, ohne dabei aber in falschen Pathos abzugleiten.
Neben weiteren hervorragend spielenden Violoncellisten, die unbedingt Erwähnung verdient hätten, durfte da natürlich auch der heimliche Star des Abends Sol Gabetta nicht fehlen. Neben Françoise Servais mit Esprit gespielten «Fantasie über zwei russische Themen» vermochte sie gemeinsam mit Nicolas Altstaedt in den «Variationen über ein Thema aus G. Rossinis Moses» mit ihrer souveränen Spieltechnik zu brillieren. Den Vogel abgeschossen aber hatte Nicolas Altstaedt, der famos begleitet vom Pianisten Pavel Gililov mit seinem Vortrag der Humoresque op. 5 von Mstislav Rostropovich verblüffte. Mit Fingern fast so schnell wie der Flügelschlag eines Kolibris raste der junge Cellist durch diese Partitur, in der wohl mehr Noten zu finden sind als auf dem Papier Platz haben.
Ein wichtiger Name allerdings fehlte in der illustren Runde dieser Abschiedsgala: Jean-Guihen Queyras, der Tags zuvor ebenfalls in der Stadtkirche Liestal die Suiten Nr. 5 und Nr. 6 für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach mit einer technischer Souveränität und einer künstlerischer Gestaltungskraft interpretiert hatte, die kaum zu überbieten war. Der kanadische Cellist erwies sich als wahrer Meister der Paarung von Beschwingtheit mit Ausdruck, von Leichtigkeit mit Tiefgang.
Ungewöhnlich dann wenig später die Darbietungen von Thomas Demenga, der für die Wiedergabe des Stücks «ist klang der sinn?» - Sieben Gedichte von Kurt Marti für sechs rezitierende Cellisten (2008) des Schweizer Komponisten Jürg Wittenbach mehrere seiner talentiertesten Studenten von der Basler Hochschule für Musik mitgebracht hatte. Keine leichte Aufgabe für die meist fremdsprachigen jungen Musiker aus allen Herren Ländern, die nicht nur ihren Instrumenten alle möglichen ausgefallenen Töne und Geräusche entlocken mussten, ihnen oblag auch das gleichzeitige Rezitieren von deutschen Textpassagen aus Kurt Martis Gedichten.
Eine weitere Attraktion des Festivals «Viva Cello» dürfte die musikalische Feier zum 80. Geburtstag der russischen Ausnahmekomponistin Sofia Gubaidulina gewesen sein, in der neben dem fast impressionistisch wirkenden «In croce» für Violoncello und Orgel vor allem das Stück «Ravvedimento» für Violoncello und Gitarrenquartett (2007) Furore machte. In der gelungenen Interpretation durch den Cellisten Alexander Rudin und dem Basilea Guitar Ensemble konnte man die überbordende Palette an raffinierten Kompositionstechniken der Komponistin exemplarisch bewundern.
Neben der Eingangs erwähnten Abschlussgala bildete der unter dem Motto «In memoriam Mstislav Rostropovitch» stehende Abend mit der Basel Sinfonietta im Stadtcasino Basel einen weiteren Höhepunkt von «Viva Cello» 2011. Nach dem Concertino A-Dur für zwei Violoncelli und Orchester op. 72 von Bernhard Romberg (1767-1841), das Ivan Monighetti gemeinsam mit dem talentierten Studenten Kian Soltani üppig schwelgend zu Gehör brachte, interpretierte Monighetti mit geradezu magischer Souplesse Luigi Boccherinis (1743-1805) Konzert D-Dur für Violoncello und Orchester. Umwerfend dabei auch die Begleitung durch die Basel Sinfonietta, die von Michal Klauza souverän geleitet wurde. Mit plastischer Gestaltungskraft brachte das Orchester Boccherinis Musik subtil zum funkeln.
Dramatisch dann Sol Gabetta, die ein fesselndes Musikstück des italienischen Komponisten Alberto Ginastera (1916-1983) mit innigem Klangsinn ausgestaltete.
Der Ausnahmekünstler Mischa Maisky wiederum interpretierte das «Kol Nidrei» für Violoncello und Orchester von Max Bruch mit einer Intensität, die ihresgleichen suchte. Krönender Abschluss des Abend bildete das Concerto grosso Nr. 1 für drei Violoncelli und Orchester (2001) des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (1933), ein schwelgerisches, zwischen Avantgarde und Neoromantik pendelndes Orchesterwerk, in dem alle drei Violoncellisten gemeinsam nochmals ihre Instrumente aufblühen lassen konnten.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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