Rolf De Marchi

November 29, 2011

Auf Samt fallende Perlen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:18 pm

Bischofshof Basel – Der auf historische Tasteninstrumente spezialisierte Pianist Kristian Bezuidenhout interpretierte Werke von Wolfgang Amadeus Mozart.

Der Vergleich mit einem Fluss scheint nicht ganz abwegig: Mal sprudelten bei der Interpretation der Sonate G-Dur KV 283 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) die Töne aus den Fingern des Pianisten Kristian Bezuidenhout wie ein überschäumender Gebirgsbach, dann wiederum war das Spiel des Solisten bedächtig wie ein ruhig mäandrierender Fluss, der wenig später mit tosenden Kaskaden eine Klippe herabstürzt um darauf in einem breiten Strom in die Ebene zu fluten. Im Rahmen der «Cembalomusik in der Stadt Basel» CIS fand dieses musikalischen Naturschauspiel im Münstersaal des Bischofshofes neben dem Basler Münster statt.
Dass der 1979 in Südafrika geborenen Bezuidenhout an diesem Abend ausschliesslich Klaviermusik von Mozart spielte, war kein Zufall, ist der Pianist doch momentan damit beschäftigt, für die Plattenfirma Harmonia mundi auf zehn CDs eine Serie mit Solowerken für Tasteninstrumente des grossen Wiener Komponisten einzuspielen. Gerade mal 32 Jahre alt hat Bezuidenhout, der übrigens an der Schola Cantorum Cantorum Basiliensis eine Gastdozentur inne hat, mit seinen Klavierkünsten auf historischen Tasteninstrumenten wie Cembalo oder Hammerklavier schon viele internationale Erfolge gefeiert. Im Besonderen als Mozart-Interpret hat sich der Pianist in der Szene für historische orientierte Musikpraxis grossen Respekt verschafft.
Diesem Ruf als Mozart-Spezialist wurde Kristian Bezuidenhout bei seinem Konzert im schönen Münstersaal mit seinen pittoresken alten Wandgemälden umfänglich gerecht. So beispielsweise im 1782 in Wien komponierten Klavierwerk «Praeludium und Fuge» C-Dur KV 394, das nach den einführenden Worten des Pianisten in einer Zeit geschrieben wurde, in der sich Mozart intensiv mit der Musik von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach auseinander setzte. Unter gelegentlichem Überkreuzen der Arme zauberte Bezuidenhout im Präludium zart gewobene Arpeggiengirlanden, die wiederholt von kantig gestalteten Akkordketten durchbrochen wurden. Mehr noch in der anschliessend interpretierten Fuge machte sich der Einfluss von Bach bemerkbar, wenngleich unüberhörbar Mozart wesentlich freier mit dem Tonmaterial umging als sein grosser Vorgänger. Sensibel liess der Pianist beim Spiel dieses kontrapunktischen Meisterwerks das eigenwillige Thema immer wieder aus der Flut der Begleitstimmen herausleuchten.
Unbedingte Erwähnung verdient hier noch, dass Kristian Bezuidenhout auf einem Fortepiano von Christoph Kern spielte, das dieser 2007 nach einer Vorlage des Wiener Instrumentenbauers Anton Walter konzipiert hatte. Silbrig-hell in der Höhe, farbig in der Mittellage und sonor in der Tiefe kam dieses Instrument der Vitalität in Mozarts Musik sehr entgegen. Und wenn der Pianist den Dämpfer betätigte, klangen die Töne dieses Pianofortes wie Perlen, die auf weichen Samt fallen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 26, 2011

Betörend weiches Kolorit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:14 pm

Stadtcasino Basel - Gemeinsam mit dem Sopran Laura Aikin spielte das Kammerorchester Basel Musik mit Schwergewicht Amerika.

Dem Basler Publikum wird gelegentlich nachgesagt, dass es während Konzerten dazu neige, sich besonders laut zu Räuspern und zu Husten (ein Umstand, der möglicherweise auf die mangelhafte Lüftung im Musiksaal des Stadtcasino Basel, wo die meisten wichtigen Konzerte stattfinden, zurückzuführen ist). Als allerdings die Violinen des Kammerorchester Basel im leisesten Pianissimo mit betörend weichem Kolorit die ersten Töne des legendären «Adagio for Strings» des US-amerikanischen Komponisten Samuel Barber (1910-1981) anstimmten, herrschte schlagartig absolute Stille in eben diesem Musiksaal. Mit ätherischem, fast schon durchsichtigem Klang voller Sinnlichkeit interpretierte das von Kristjan Järvi geleitete Orchester dieses hochexpressive Werk, das vermutlich kaum jemanden im Saal kalt liess.
«Night and Day» lautete das Motto an diesem Konzertabend und demgemäss standen weitere Werke amerikanischer Komponisten auf dem Programm wie fünf Lieder des eigenwilligen Tonsetzers Charles Ives (1874-1954), die von John Adams 1947 für Orchester bearbeitet worden waren. Für die Interpretation dieser bis heute erstaunlich modern wirkenden fünf Lieder hatte das Kammerorchester Basel den in der Schweiz nicht unbekannten Sopran Laura Aikin gewonnen, der 2002 im Opernhaus Zürich als Lulu in Alban Bergs gleichnamiger Oper brilliert hatte. Die eher dunkel timbrierte ausdrucksstarke Stimme der Sängerin fügte sich perfekt in die farbenreich gestalteten Klangbilder von Ives ein.
Perfekt intoniert wurden auch die «Cabaret Songs» des in Seattle, Washington geborenen Komponisten William Bolcom (1938), wobei gerade diese Perfektion die Frage provoziert, ob es dem Stil dieser Musik nicht angemessener gewesen währe, ein Quäntchen mehr jazzige Schnoddrigkeit einzusetzen. Leichte Verfärbungen der Intonation im Orchester und vor allem eine grössere Variabilität des Timbres sowie vermehrtes und deutlicheres Ziehen der Töne im Gesang von Laura Aikin währe dem Kabarett- und Vaudevillecharakter dieser Songs vermutlich entgegengekommen.
Keinen Zweifel allerdings hinterliess die Wiedergabe der Suiten Nr. 1 und 2 für kleines Orchester
 von Igor Strawinsky (1882-1971). Die schillernde Musik Stravinskys, der zwar kein Amerikaner war, aber immerhin ein paar Jahre in den USA lebte, kam dem konzisen Interpretationsstil des Kammerorchester Basel sehr entgegen. Licht und beweglich mit sorgsam austarierter Klangbalance lud das von Kristjan Järvi souverän geleitete Orchester diese beiden Werke mit glühender Sinnlichkeit auf.
Im Vergleich zu Stravinskys funkelnder Musik wirkte da die Sinfonie Nr. 2 «Sinfonia India» des mexikanischen Komponisten Carlos Chávez Ramírez etwas farblos und bieder, wenn man von ein paar wenigen Momenten exotischer Expressivität mal absieht. Dafür wurde man durch die hinreissend hingeschmissenen Zugabe «La merte del Angel» entschädigt, ein spritziger Tango aus dem «Concierto del Angel» von Astor Piazzolla.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 25, 2011

Infernalische Soundexplosionen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:06 pm

Gare du Nord Basel / Mit der Produktion «Paradiese Lost» feierte »Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett» sein zehnjähriges Jubiläum.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Baselbieter Komponist, Arrangeur und Bandleader Kaspar Ewald seine Jazz- und Funkformation «Exorbitantes Kabinett» gegründet hat. Im Anbetracht des grossen Erfolgs, den diese «fast Big Band» in all den Jahren gehabt hat, lag es auf der Hand, dieses 10-jährige Bestehen mit einer kleinen Konzertreihe im Bahnhof für Neue Musik Gare du Nord Basel gebührend zu feiern. Den Auftakt zu dieser Reihe machte die Formation mit ihrem neusten Projekt «Paradiese Lost», ein lehrreicher Mix aus «Szenischem Konzert und Lesung».
Wie schon bei seinen früheren Unternehmungen, in denen sich Kaspar Ewald intensiv mit Phänomenen wie Räuber oder Ritter und deren Geschichten und Mythen auseinander setzte und seine Erkenntnisse dann musikalische auf seine ganz spezielle, humorvolle Art mit seinem Exorbitanten Kabinett umgesetzt hat, beschäftigte sich der Komponist auch diesmal mit einem recht eigenwilligen Thema der europäischen Kulturgeschichte: dem englischen Gartenbau. In einer fast schon universitätswürdigen Einführung durch den Sprecher Daniel Buser erfuhr man da Interessantes über die historischen und politischen Hintergründe des geometrisch abgezirkelten französischen Barockgarten und dem ,naturbelassenen’ englischen Landschaftsgarten.
Bei seinen intensiven Untersuchungen mit den Ursprüngen des Gartenbaus in Grossbritannien stiess Kulturforscher Ewald auf viele Namen von Malern, Philosophen und Schriftstellern im aufsteigenden England des 17. und 18. Jahrhunderts und blieb schliesslich bei einem Schlüsselwerk dieser Zeit hängen: John Miltons (1608-1674) «Paradiese Lost». Dieses umfangreiche, in zwölf Büchern gegliederte epische Gedicht über die Geschichte des Höllensturzes der gefallenen Engel, der Versuchung von Adam und Eva durch Satan, dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Garten Eden hat der Klangvisionär Ewald als Grundlage für seine rund eineinhalb Stunden dauernde Musikperformance mit Elementen aus Tanz und Musiktheater verwendet.
Als gefallenen Engel legten sich da die Musiker des Exorbitanten Kabinetts im Dunklen mit ihren Instrumenten kreuz und quer verteilt auf die Bühne im Halbrund des ehemaligen Bahnhofbuffet der Gare du Nord. Anfänglich waren nur zarte Blasgeräusche auf den Instrumenten zu hören, die dann aber mehr und mehr in mit gurgelnden und schnatternden Lauten überlagerten knackenden Slap Tongue-Tönen übergingen. Unter ständiger Zunahme des Lichts standen die Musiker währen dieses Crescendos zeitlupenartig langsam auf, um schliesslich auf ihren Instrumenten in eine frei intoniere Soundexplosion auszubrechen, wie sie vermutlich selbst die Entourage des Satans nicht infernalischer hingekriegt hätte.
In einem kontinuierlichen Wechsel zwischen Zitaten aus Miltons Gedicht «Paradiese Lost» durch den Sprecher Daniel Buser und intensiven, meist mit Funkgrooves unterlegten und mit rhythmisch vertrackten Bläserriffs dynamisierten
Kompositionen strebte das Geschehen dann vorwärts. Für das theatralische Element der Performance waren vorwiegend die Sängerin Regula Schneider und der Gastsänger Andreas Schärer zuständig. Abgerundet wurde die Aufführung durch eine Choreographie von Norbert Steinwarz, durch die die Handlung unter stetem Wechsel der Formationen der Musiker zusätzlich bis zum bitteren Ende mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies intensiviert wurde.
Kurzentschlossene haben die Möglichkeit, diese eindrückliche Produktion heute Samstag Abend in der Gare du Nord nochmals zu sehen.

Die weiteren Daten zur Konzertreihe von Kaspar Ewalds Exorbitantem Kabinett in der Gare du Nord Basel:

Sa. 26.11.2011 Paradiese Lost
Sa. 17.12.2011 Melchiors Traum - Weihnachtsprogramm für Eltern und Kinder
Sa. 14.01.2012 Die Chymische Hochzeit - 7-teilige Jazzsuite über ein altes Buch
Sa. 04.02.2012 ARTE-Quartett und Hans Feigenwinter
Sa. 31.03.2012 Marx und Ford - Ein Songabend zum Thema «Haben oder Sein»
Sa. 12.05.2012 Gesellenstücke - Die Kompositionsklasse von Kaspar Ewald stellt sich vor
Nähere Infos siehe www.garedunord.ch

November 21, 2011

Eine wahre Klavierflut

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:15 pm

Martinů Festtage 2011: Neben dem Violoncellisten Jens Peter Maintz erstahlte der Pianostar Hélène Grimaud.

Bei ihrem Konzert anlässlich der Martinů Festtage 2011 im Festsaal des Stadtcasino Basel stiegen der Violoncellist Jens Peter Maintz und die Pianistin Hélène Grimaud mit relativ langsamem Tempo ein in den ersten Teil der Fantasiestücke op. 73 von Robert Schumann (1810-1856). Der Vorschrift des Komponisten «Zart und mit Ausdruck» gemäss zeichnete Cellist Maintz elegisch ausgezogen die lyrischen Melodielinien. Perlend unterstütze die Pianistin Hélène Grimaud das Spiel ihres Kollegen, um etwas später im «Rasch und mit Feuer» übertitelten Partie wesentlich kräftiger in die Tasten zu greifen.
Gedenk der Tatsache, dass zu Schumanns Zeiten die Klaviere erheblich leiser waren, sei da die Frage erlaubt, ob es nicht vielleicht angemessen gewesen wäre, den Deckel des grossen Konzertflügels weniger weit zu öffnen, um damit dessen übermächtigen Lautstärke etwas herunter zu dimmen, drohte doch gelegentlich der zarte Celloton in der Flut der lauten Klaviertöne unterzugehen.
Gemäss Programm waren an diesem Abend ursprünglich drei Stücke des tschechischen Namensgebers der Festtage Bohuslav Martinů (1890-1959) geplant gewesen. Eines dieser Werke war gestrichen worden und statt dessen interpretierten Jens Peter Maintz und Hélène Grimaud die Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll von Claude Debussy (1862-1918). Ob dies aus musikalischen Gründen geschah, wurde nicht mitgeteilt. Honi soit qui mal y pense.
In Debussys ideenreicher Musik jedenfalls konnte der allseits vergöttere Pianostar Grimaud seine technische Brillanz voll ausspielen. Glutvoll konturierte die Pianistin ihre Partie, wobei man sich gelegentlich doch die Frage stellte, ob jetzt das Piano das Violoncello begleitete oder nicht viel eher das Cello das Klavier. Claude Debussy jedenfalls hatte in seinem Manuskript ausdrücklich gefordert, dass der Pianist seine Begleitfunktion nicht vergessen dürfe!
In den anschliessend interpretierten «Variationen auf ein Thema von Rossini für Cello und Klavier» von Bohuslav Martinů bemühten sich die beiden Musiker ernsthaft, Funken aus dieser Musik zu schlagen. Auch die anschliessend gespielten «Nocturnes» von Martinů wirkten da eher wie eine Pflichterfüllung auf dem Wege zur Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 e-Moll op. 38 von Johannes Brahms (1833-1897). Ausgeglichen luden die beiden Musiker den ersten Satz «Allegro non troppo» mit leidenschaftlicher Intensität auf, locker tupften die Beiden das «Allegretto» und das Trio um im abschliessenden Finale in die Gewohnheit zurück zu verfallen, das arme Cello in einer Klavierflut zu ertränken.
Der bei Martinů vermisste Funke sprühte schliesslich doch noch in der Zugabe, wo Jens Peter Maintz und Hélène Grimaud mit hinreissender Verve den überbordenden zweiten Satz aus der Sonate für Violoncello und Klavier von Dmitri Schostakowitsch interpretierten.

Erschienen in der Basellandschaftliche Zeitung

Ein architektonisches Kleinod im Oberbaselbiet

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:00 am

Die Kunstwissenschaftlerin und Historikerin Doris Huggel wurde 1954 in Basel geboren, hat eine Erstausbildung an der Handelsschule gemacht, dann auf dem zweitem Bildungsweg die Eidgenössische Matura erlangt und an der Universität Basel Kunstwissenschaft und Geschichte studiert. Sie veröffentlichte diesen Herbst ein Buch mit dem Titel «Die Zwilchenbarts in Basel und Liverpool und Der Bau der neugotischen Kirche von Kilchberg, Baselland (1866-1868) - Ein Beitrag zur Wirtschafts-, Familien- und Architekturgeschichte der Basler Gegend»

Interview

BZ: Frau Huggel, als Sie vor dem Entscheid standen, sich an der Uni Basel zu immatrikulieren, warum haben Sie sich da für Kunstwissenschaft und Geschichte entschieden?

Nach meiner Erstausbildung an der Handelsschule habe ich kaufmännisch gearbeitet, was mich zwar ernährte, mich aber geistig nicht ausfüllte. Deshalb beschloss ich, die Matura nachzuholen und zu studieren. Ich überlegte mir verschiedene Studienfächer wie zum Beispiel Medizin, was mir sicher ein gutes Einkommen garantiert hätten. Da ich mich aber schon früher stark für Kunst und Geschichte interessierte, entschied ich schliesslich, Kunstgeschichte und allgemeine Geschichte zu studieren.

Sie haben nun ein Buch über den Stifter und den Bau der Kirche von Kilchberg Baselland veröffentlicht. Warum interessierten Sie sich gerade für diese kaum 150jährige Kirche, wo es doch im Baselbiet so viele wesentlich ältere Kirchen mit einer längeren Tradition gibt?

Vor ein paar Jahren bin ich bei historischen Recherchen auf die Erwähnung Rudolf Zwilchenbarts gestossen, über den ich in einschlägigen Lexika und Schriftquellen nicht viel mehr erfuhr, als dass er ein Basler Kaufmann war, der in der englischen Hafenstadt Liverpool lebte und die neugotische Kirche im Oberbaselbieter Kilchberg gestiftete hatte. Die gedruckte Geschichte über diesen Kirchenbau aus der Feder von Martin Birmann machte mich in verschiedener Hinsicht stutzig, und ich beschloss, der Sache näher auf den Grund zu gehen.

Im Titel Ihres Buches sprechen Sie von den Zwilchenbarts, es scheinen also mehrere Personen dieses Namens an der Geschichte rund um die Kilchberger Kirche involviert zu sein?

Da gab es zuerst einmal den in Basel geborenen Vater Johann Jakob (1751-1799), der in Kilchberg Pfarrer war. Nach seinem Tod zog dessen Frau Anna Margaretha mit den Kindern nach Basel. Die Söhne Andreas, Emanuel und Rudolf besuchten vermutlich das Gymnasium und erlernten dann in international tätigen Handelshäusern das Gewerbe des Kaufmanns. Rudolf liess sich schliesslich in Liverpool nieder, wohin ihm ein paar Jahre später Emanuel folgte. Die Brüder betrieben zusammen ein ungemein erfolgreiches Geschäft und sind dabei sehr vermögend geworden.

Warum gerade Liverpool?

Liverpool war im 18. Jahrhundert dank dem Sklavenhandel reich geworden. Dazu kam anfangs des 19. Jahrhunderts der ernorme wirtschaftliche Aufstieg in der Folge der industriellen Revolution in England, was zu einem gewaltigen Warenfluss über Liverpool in die Kolonien des Empires und zurück zur Folge hatte. Liverpool war damals eine der führenden Handelsstädte weltweit, so dass es auch für Basler Handelshäuser lukrativ war, dorthin Geschäftsbeziehungen zu pflegen.

Und wie kam Rudolf Zwilchenbart dazu, eine Kirche in Kilchberg zu stiften?

Sein Vater Johann Jakob lag in der früheren Kilchberger Kirche beerdigt, was den reichen Geschäftsmann dazu veranlasste, das Gotteshaus alle paar Jahre zu besuchen. Da die alte Kirche baufällig geworden war und die wachsende Gemeinde nicht mehr aufnehmen konnte, beschloss Rudolf Zwilchenbart eine neue zu stiften.

Und was ist daran so besonders?

Von aussen betrachtet unterscheidet sich das Gebäude nicht wesentlich von andern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbauten neugotischen Kirchen der Schweiz. Überraschend ist aber der für eine Landkirche so speziell gestaltete, Licht durchflutete Innenraum, der starke stilistische Bezüge zu neugotischenenglischen Kirchen aufweist. Rund fünfzig Jahre früher experimentierten ein Architekt und Eisengiesser in Liverpool mit Gusseisenkonstruktionen für das Innere von Kirchen und errichteten 1814 die erste Eisenkirche, St. George in Everton, eine Ikone der Architekturgeschichte. Auf Wunsch von Rudolf Zwilchenbart, der eine zeitlang in jener Kirche dem Gottesdienst beiwohnte, wurde jenes Bauprinzip auch in Kilchberg angewendet, wobei anstatt Gusseisen das in den Wäldern der Umgebung reichlich vorhandene und günstigere Holz verwendet wurde. Den englischen Einfluss kann auch das tief ansetzende, ungemein grosse Chorfenster mit der ausdrucksstarken Darstellung des letzten Abendmahls Christi mit seinen Jüngern nicht verleugnen.

Ein Besuch der Kirche lohnt sich also?

Unbedingt! Nicht nur der ungewöhnlichen Architektur wegen. Die Kirche liegt auch in einer ungemein schönen Landschaft, die alleine schon den Besuch lohnt.

Frau Huggel, was erhoffen Sie sich von Ihrem Buch?

Natürlich zuerst einmal viele Leserinnen und Leser. Dann verknüpfe ich damit auch die Hoffnung, dass es gebührend nachweist, wie vertiefte Beschäftigung mit vermeintlich Gegebenem und Klarem viel Unbekanntes und Spannendes ans Licht heben kann und dies in unserer unmittelbaren Umgebung. Es würde mich freuen, wenn die Sensibilisierung für die regionale architektonische und kulturgeschichtliche Tradition im Grossen wie im Kleinen erhöht und auf diese gebührend Rücksicht genommen würde. Es sei daran erinnert: Die neugotische Kirche von Kilchberg wurde einst um ein Haar abgebrochen!
Darf ich übrigens noch darauf hinweisen, dass ich im Juni und im September 2012 je eine einwöchige Kulturreise anbiete, die auf den Spuren der Zwilchenbarts in die historische Welthandelsstadt Liverpool und ihre Umgebung führen wird (Informationen: www.dorishuggel.ch).

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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