Rolf De Marchi

Januar 18, 2012

Sprühende Energie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:57 am

Stadtkirche Liestal - Unter der Leitung von Trevor Pinnock spielten Flötist Emmanuel Pahud und die Kammerakademie Potsdam mit hinreissendem Flair Werke aus Barock und Klassik.

Fast scheint es, als ob Liestal seiner benachbarten grossen Schwesterstadt Basel in punkto Niveau des Musikangebot ernsthaft Konkurrenz zu machen gedenkt. Diesen Verdacht jedenfalls beschlich einem beim Konzert im Rahmen der Baselbieter Konzert in der Stadtkirche Liestal, bei dem niemand geringer als der Dirigent und Cembalist Trevor Pinnock die Leitung inne hatte. Der 1946 in Canterbury geborene Engländer hat sich im Verlauf einer gut 40jährigen Karriere im Metier Alte Musik bis in die oberste Spitzenliga vorgearbeitet.
Aber nicht nur Pinnock stand an diesem Abend für höchstes Niveau, auch das Orchester, die Kammerakademie Potsdam vermochte durch seine Musikalität und seine Perfektion umfänglich zu überzeugen. Und last but least der Solist des Abends, der 1970 in Genf geborene Flötist Emmanuel Pahud, der neben seiner verblüffenden Virtuosität im Besonderen auch durch seinen ungewöhnlich warmen und klangreichen Ton auf seiner Querflöte zu überzeugen vermochte.
Einzig hier hätten eingefleischte Fans historischer Musikpraxis ein Haar in der Suppe finden können, interpretierte doch der Solist sowohl das Flötenkonzert G-Dur von Johann Joachim Quantz (1697-1773) als auch das Flötenkonzert A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) auf einer modernen Böhmflöte und nicht auf einer aus Holz gebauten historischen Traversflöte, jenem Instrument also, auf dem einst im 18. Jahrhundert nicht nur Joachim Quantz, sondern auch dessen langjähriger Arbeitgeber, der Preussenkönig Friedrich der Grosse hervorragend zu spielen verstanden. Dieses ‚Defizit’ jedoch vermochte Emmanuel Pahud nicht nur durch seinen warmen Ton auf seiner Metallflöte, sondern auch durch seine souveräne Interpretationstechnik mehr als Wett zu machen.
Neben diesen beiden hinreissenden Flötenkonzerten interpretierte die Kammerakademie Potsdam noch die Ouvertüre zur Oper «L’anima del filosofo» von
Joseph Haydn (1732-1809) sowie die Sinfonie D-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, ein Werk, dass sich durch seine erstaunliche Experimentierfreude bezüglich rhythmisch-metrischer Beschleunigung und Verdichtung auszeichnet. Mit akkurater Präzision im Besonderen der Violinen lud das Orchester diese zwischen lyrisch zarten Gedanken und wild wirbelnden Akkordbrechungen und Skalenläufen changierende Musik mit energetischer Leidenschaft auf.
Schliesslich noch der Dirigent him self, Trevor Pinnock, der mit seiner sprühenden Energie das Orchester vorantrieb. Mal tänzerisch wippend mit seinem Körper das Metrum andeutend, dann wiederum energisch mit den Armen schlagend oder kräftig in die Tastatur seines zweimanualigen Cembalos greifend, holte der Maestro bei der abschliessend gespielten Sinfonie G-Dur «Oxford» von Joseph Haydn alles aus dem Orchester heraus, was bezüglich Abstufung der Dynamik und Nuancierung der Agogik möglich ist. Damit geriet Haydns Musik zu einem regelrechten Fest der Sinne, bei dem nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge ausgiebig auf seinen Kosten kam.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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