Rolf De Marchi

Februar 17, 2012

Mehr als nur zweitklassigen Blues

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:10 pm

Mit dem erfolgreichen Konzert des US-amerikanischen Bluesmusiker Paul Oscher beweis die Konzertorganisation Blues now!, dass sie auch das Volkshaus Basel zu füllen vermag.

Als der Verein Blues Now! vor rund zwei Jahren seine Konzertreihe im Basler Sudhaus Warteck startete, war nicht ganz sicher, ob das Konzept, gute aber relativ unbekannte Bluesmusiker aus den USA nach Basel zu holen, von Erfolg gekrönt sein würde. Unterschwellig stand da der Verdacht im Raum, dass es sich bei solch unbekannten Musikern mit nicht so hohen Gagen wohl nur um Acts der zweiten Garnitur handeln dürfte. Wie unbegründet dieser Verdacht war, bewies nicht nur die kontinuierlich wachsende Zahl der Bluesfans, die in die von Blues now! organisierten Konzerte im Sudhaus strömten, auch das hohe Niveau der Musiker und Bands zerstreuten schnell solche Bedenken.
Nun hat der Erfolg Blues now! eingeholt, platzen doch die Konzerte im Sudhaus in Folge des ansteigenden Zustroms aus allen Nähten, so dass der Verein gezwungen war, sich nach einem neuen Domizil umzusehen. Die Wahl fiel auf das Volkshaus Basel, ein verständlicher Entscheid, den man allerdings nicht ohne Wehmut zu Kenntnis nahm, hatte doch das ehemalige Brauhaus eine anheimelnde Atmosphäre, die gut zum Blues passte.
Wie auch immer war das erste Konzert von Blues now am neuen Ort im Konzertsaal des Volkshauses ein voller Erfolg, spielte doch der Solo-Perfomer dieses Abends, der 1950 in New York geborene Bluessänger, Songwriter und Multi-Instrumentalist Paul Oscher bis auf ein paar wenigen Plätzen vor vollen Rängen Der Besuch dieses Konzerts jedenfalls lohnte sich, ist doch Oscher einer der letzten Musiker, der quasi Brückenfunktion in eine Epoche hat, wo der Blues ein goldenes Zeitalter erlebte. Mit niemand geringerem als mit dem grossen Muddy Waters hat der Mann zusammen gespielt und ist mit weiteren Blues-Giganten wie John Lee Hooker, T-Bone Walker, Big Joe Turner, Big Mama Thornton, Otis Spann und Buddy Guy auf der Bühne gestanden.
Nachdem der Präsident des Vereins Blues now! Patrick Kaiser den Musiker Paul Oscher mit ausgiebigen Worten, die man auch im verteilten Infoblatt nachlesen konnte, vorgestellt hatte, stieg der Sänger mit seinem Slowblues «Ida Mea» in den ersten Set des Konzerts ein. Von einem unaufdringlichen Puls einer Rhythmusmaschine begleitet, legte der Musiker ein mit warmem Ton gezupftes und geschlagenes Bett auf seiner halbakustischen Gitarre, mit der er seine strahlkräftige, ausdruckstarke Stimme beleitete. Sich selber auf seiner Gitarre begleitend, interpretierte Oscher anschliessend noch ein glutvoll gespieltes Solo auf einer auf einem Gestell montierten Bluesharp.
Dass Paul Oscher die Gitarre nicht nur mit warmen Ton zu spielen versteht sondern auch ganz gehörig mit zupackend scharfem Sound singen lassen kann, bewies er in Tunes wie etwas der Freddy King-Klassiker «Hideaway», der streckenweise klang, als ob eine mehrköpfige Band auf der Bühne stehen würde. Nicht zuletzt vermochte der Musiker aber auch durch kleine, vergnügliche Showeinlagen zu begeistern wie etwa seine artistischen Kunststückchen auf seiner Bluesharp, die er beispielsweise vor seinem Mund drehte währen er spielte oder der er mit einer WC-Rolle davor extrem gezogenen Töne entlockte, die dem gespielten Blues gut anstanden. Letztlich aber sind sein Jahrzehnte lang erarbeitetes Können und die immense Erfahrung dafür verantwortlich, dass Paul Oscher nicht zu den Unbekannten sondern zur Spitze der Super League der Bluesszene gerechnet werden muss.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 15, 2012

Schlafender Pianist unter dem Klavier

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:07 pm

Das Musikerduo Igudesman & Joo löste mit seinem hinreissenden Humor in der Stadtkirche Liestal eine Lachsalve nach der anderen aus.

Man kommt schon etwas ins Grübeln, wenn ein Pianist mitten in der Interpretation der «Kleinen Nachtmusik» von Wolfgang Amadeus Mozart auf einem nicht enden wollender Triller auf den Tasten seines Instruments hängen bleibt, plötzlich anfängt zu gähnen und sich schliesslich immer weiter spielend unter das Klavier legt, um schnarchend ein Nickerchen zu machen. Dessen nicht genug, kaum wieder aufgewacht, beginnt dieser Tausendsassa doch tatsächlich noch im Liegen von unten mit gebogenen Händen Erik Saties erste «Gymnopédie» zu spielen. Fehlerfrei!
Hyung-ki Joo heisst dieser verrückte Kerl, der so unausgeschlafen in der Stadtkirche Liestal zu einem Konzert der Baselbieter Konzerte erschienen ist, dass er kurz mal ein ‚Pfüsi’ machen musste. Doch auch sein Compagnon auf der Bühne Aleksey Igudesman schlief einmal im Stehen ein und begann auf seiner kostbaren 1717 gebauten Santo Serafin-Geige laut und ziemlich schräg zu schnarchen. «Jetlag», begründeten die beiden verrückten Vögel ihre permanente Müdigkeit, sie seien soeben aus Wien eingeflogen!
Als Zwölfjährige haben sich der Violinist Aleksey Igudesman und der Pianist Hyung-ki Joo an der Yehudi Menuhin School in London kennen gelernt und sind seither dicke Freunde. Als dann die beiden erkannten, dass sie nicht nur talentierte Musiker waren sondern auch begnadete Komiker vor dem Herrn, beschlossen sie, das Duo Igudesman & Joo zu gründen und das Publikum weltweit mit ihrem Witz und Humor zu erobern. Und das ist ihnen vollumfänglich gelungen: Ihre Videoclips auf YouTube werden millionenfach angeklickt, global reissen sich die Fernsehstationen um sie und beim Anblick ihrer Website mit der Liste ihrer Tourdaten in der ganzen Welt dürften viele andere Künstler schwarz werden vor Neid.
«A Little Nightmare Music» (begeisterte Mozart-Fans erkennen sicher die Anspielung) lautete der Titel, unter dem dieser höchst vergnügliche Abend stand, in dem Igudesman & Joo auf musikalisch hohem Niveau mit viel Humor durch die Literatur der klassischen Musik alberten. Da wurde hemmungslos Mozarts «Nachtmusik» mit der Filmmusik zu James Bond vermischt, ein plötzlich im Publikum nervender Klingelton eines Handys ‚spontan’ aufgenommen und in ein witzig arrangiertes Stück verwandelt, Mozarts «Türkischer Marsch» wurde in andere Tonarten versetzt, wodurch er einen stark orientalischen Touch erhielt; eine Verrücktheit jagte da die andere.
Geradezu genial aber war die Idee, den ersten Satz aus Sergei Rachmaninows 2. Klavierkonzert trotz der zu kleinen Hände von Hyung-ki Joo zu spielen. Rachmaninow hatte riesige Hände, mit denen er problemlos extrem weit auseinander liegende Tasten greifen konnte, Weiten, die ausserhalb der Reichweite von Joos Hände liegen. Der clevere Pianist behalf sich nun dadurch, dass er jedes Mal, als er auf solch einen für ihn unspielbare Stelle im Stück stiess, sich von seinem Partner in schneller Folge über den Kopf Holzlatten mit entsprechend daraufgenagelten «Fingern» reichen liess, mit denen er die für ihn zu weit auseinanderliegenden Akkorde drücken konnte.
Übrigens, dass Aleksey Igudesman und Hyung-ki Joo auch das Metier des ernsten Musizierens nahezu perfekt beherrschen, bewiesen sie in der Zugabe mit dem ausdruckstark interpretierten Stück «Rêve d’enfant» op. 14 von Eugène Ysaÿe.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 14, 2012

Faszinierend schräge Klanglandschaften

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:32 am

Martinskirche Basel - Begleitet vom Kammerorchester Basel interpretierten Kinder der Orientierungsschule Isaak Iselin ein Stück auf selbstgebauten Instrumenten.

Urtümlich wilde Töne hallten wie aus einer längst vergangenen Zeit aus dem abgedunkelten Kirchenraum in der kalten Martinskirche in Basel. Einem Echo gleich antworteten wenig später ähnliche Töne eines Büchels aus einer anderen Ecke des dunklen Raums. Mehr und mehr von kleinen, hellen Glocken umflutet, loderten furiose Trommelwirbel auf, die von einem herben Fagott mit knorrigen Tonketten umrankt wurden. Da durchbrachen Scheinwerfer das Dunkel und hüllten die Kanzel über dem Auditorium in helles Licht. Ein Junge hielt ein hölzernes langes Instrument wie ein Fernrohr an sein Auge und sprach die Worte: «Eines Tages kamen hoch von den Bergen, dort wo sich Himmel und Erde begegnen, drei Hirten mit ihren Schafherden herunter».
So begann der Prolog zum Doppelkonzert «Miorita» für Hörner, Büchel, Trompete und Orchester in der Martinskirche Basel. Dieses Auftragswerk des Kammerorchester Basel und der Pro Helvetia lief unter der Rubrik «Education Projekt», bei dem die Klasse 2b der Orientierungsschule Isaak Iselin zentral mitbeteiligt war. Unter der Leitung des Trompeters und Büchelspielers Simon Lilly und dem Multiinstrumentalisten Balthasar Streiff, bekannt durch seine langjährige Mitgliedschaft im Duo Stimmhorn, haben die Kindern der 2b in aufwendiger Arbeit aus Messingblech Naturtrompeten gebaut und Kuh- und Geissenhörner geschliffen, ausgebohrt sowie mit Löchern und trichterförmigen Mundstücken versehen. Erweitert wurde das Instrumentarium durch selbstgebaute Didgeridoos, Holzhörner und einfachen Holztrommeln sowie durch reguläre Instrumente ergänzt wie Vogelflöten, Windpfeifen, Luftschläuche, Steinen, Pet Flaschen, Violinen und vielen anderen mehr.
Unter Verwendung eines kurzen Textes von Thomas Gartmann über den vorausgesagten Tod eines jungen Schafhirten hatte die Violinistin und Komponistin Helena Winkelmann für dieses enorme Instrumentarium eine rund dreissigminütige Art Sprechkantate komponiert. Unter der Leitung von Thomas Herzog und verstärkt durch mehre Musikerinnen und Musikern des Kammerorchesters Basel tauchten Balthasar Steiff mit seinem Alphorn gemeinsam mit den Kindern ein in einen steten Strom unterschiedlichster Klanglandschaften. Vogelgezwitscher wurde da von harschen Trompetensounds überlagert, gehaucht Blasgeräusche auf Instrumenten mündeten in faszinierend schräge Klangflächen von Blockflöten sowie weich geblasene Pet Flaschen wurden von röhrenden Didgeridoos überlagert. Mal tickten faustgrosse Steine eine Rhythmus, dann spielte ein Flügelhorn ein sensibel gezeichnetes kurze Solo und über alle dem schwebte der expressive Sound des von Balthasar Streiff geblasenen Alphorn.
Gemeinsam mit dem zur Grossformation erweiterten Kammerorchester Basel interpretierten dann nach diesem Prolog Balthasar Streiff und Simon Lilly vielgestaltig auf verschiedenen Instrumenten wie Alphorn, Büchel und diversen Ziegenhörnern das Doppelkonzert «Miorita» von Helena Winkelmann.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Februar 8, 2012

Ein würdiger Nachfolger

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:22 pm

Stadttheater Basel - Gemeinsam mit seinem auf höchstem Niveau spielenden New Trio bewies der Saxophonist Joshua Redman höchste musikalische Reife.

Jahrelang habe er einen Bogen um die klassische Triobesetzung mit Saxophon, Kontrabass und Schlagzeug gemacht, berichtete der in New York lebende Saxophonist Joshua Redman bei der Veröffentlichung seiner CD «Back East» 2007. Zu gross sei sein Respekt vor seinem grossen Vorbild Sonny Rollins gewesen, jenem Tenorsaxophonisten, der in den 1950er Jahren als erster mit dieser Besetzung zu experimentieren begann und damit Jazzgeschichte schrieb. Lange glaubte Redman, nicht über das nötige Können zu verfügen, mit der angemessenen Reife in diesem Format ohne Harmonieinstrument wie Piano oder Gitarre bestehen zu können. All zu anspruchsvoll erschien ihm das gänzlich befreite Improvisieren ohne formgebende Stütze klar definierter Akkordfolgen.
Doch dann 2007 wagte der heute 43 jährige Redman den Schritt und spielte seine CD «Back East» mit eben dieser Triobesetzung ein. Dass dieser Schritt nicht zu früh erfolgte, bewies der Saxophonist mit seine «New Trio» im Rahmen eines offbeat-Konzerts im Foyer des Stadttheater Basel. Dabei zeigte sich, dass Redman seine Angst vor dem übergrossen Vorbild gänzlich überwunden hat, spielte er doch als erstes mit seinem ‚New Trio’ das Brecht-Weill-Stück «Mack The Knife», das Sonny Rollins 1956 unter dem Titel «Moritat» auf seinem legendären Album «Saxophone Colossus» veröffentlicht hat.
Nach einer kurzen, solo gespielten Improvisation auf seinem Tenorsaxophon stieg Joshua Redman mit gepflegter Schnoddrigkeit anhand gezielt gesetzter Schleifer und sparsam eingesetztem Vibrato in das Thema von «Mack The Knife» ein. Mit augenzwinkerndem Charme umspielte der Saxophonist die Melodielinie wiederholt mit spontan beigefügten Wechsel- und Durchgangsnoten, Vorschlägen und Glissandi. Beim anschliessenden Solo dann dauerte es nur Sekunden und der Mann verwandelte sich in ein Energiebündel, das seinem Ruf als eher zurückhaltendem Musiker in der Tradition eines Lester Young Hohn sprach. Mit perfekt gesetzter Präzision jagten die Fingerspitzen des Saxophonisten über die Klappen, formten Skalen, Sequenzen und Licks, die der Musiker aus seinem Wissensschatz über fast hundert Jahre Jazzgeschichte des Saxophons barg. Dabei wandert purer Rhythmus durch dessen Körper: Mal tippte der Solist den Puls rasend schnell mit dem linken Fuss, dann wanderte dieser durch das zuckende Bein in den wippenden Körper, um wenig später unvermittelt wieder im rechten Fuss aufzutauchen.
Neben Eigenkompositionen wie das sensibel auf dem Sopransax geblasene «Little Ditty» oder das quirlige «Act natural», in dem Redman auch mal einen kurzen Ausflug in die frei Improvisation riskierte, interpretierte das Trio im Verlaufe dieses Konzerts weitere Perlen aus dem American Songbook wie beispielsweise die elegisch gehauchte Ballade «My Foolish Hart». Zentral mitverantwortlich für das Zustandekommen vieler weiterer energiegeladener Momente waren nicht zuletzt die beiden Mitmusiker Reuben Rogers am Bass und 
Greg Hutchinson an den Drums, die nicht nur als Begleitmusiker sondern auch als Solisten ohne jeden Makel zu überzeugen vermochten!

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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