Rolf De Marchi

September 30, 2012

Verbindung von Gepflegtheit mit Energie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:25 pm

Mit dem Cembalisten Robert Hill und dem erweiterten Arcadia Streichquartett aus Rumänien erlangte das 9. Festival «Les muséiques 2012» seinen Höhe- und Schlusspunkt.

Im 18. Jahrhundert war es an den Fürstenhöfen Europas üblich, zur Unterhaltung der Herrschaft berühmte Musiker einzuladen, damit diese mit ihrem Spiel beweisen konnten, wer der grössere Virtuose sei. Dies erzählte der Cembalisten Robert Hill anlässlich seines Solorecitals «L’Entretien des Muses» im Rahmen des Festivals «Les muséiques 2012» in der Stiftung Brasilea beim Dreiländereck in Basel. Des weiteren berichtete der Cembalist, das auch August der Starke, Kurfürst von Sachsen, den berühmten französischen Klavierspieler Louis Marchand eingeladen habe, um sich mit dem grossen Johann Sebastian Bach im Wettstreit zu messen. Zur vereinbarten Zeit allerdings erschien Marchand nicht - er war ohne jede Nachricht zu hinterlassen abgereist. Vermutlich hatte Marchand Bach vorher spielen hören und erkannt, dass er gegen den Thomaskantor keine Chance hatte und sich heimlich verdrückt. Anschliessend interpretierte der Robert Hill auf seinem Cembalo mit seinem silbrig glitzernden, warmen Klang Bachs Preludium und Fuge b-Moll (BWV867) aus dem Wohltemperierten Klavier. Gleich einem zart mäandrierenden Fluss bewegte sich der Interpret anschliessend auch durch Bachs Partita B-Dur (BWV 825).
«…von der Muse geküsst» lautete das Motto des diesjährigen Festivals «Les muséiques», so dass Robert Hill auch eingehender auf das Thema Musen in der französischen Cembalomusik des 17. und 18. Jahrhunderts und den Auswirkungen auf Johann Sebastian Bach einging. Mit kenntnisreichen Worten schuf der Interpret Verknüpfungen französischer Cembalisten zur Musen-Lehre des Antiken Griechenland, um sich anschliessend an das Cembalo zu setzen und deren reiche Musik mit sicherer Hand vorzutragen. Opulent mit vielen Trillern, Pralltrillern und Mordenten verziert erklang da Jean Philippe Rameaus (1683-1764) «L’Entretien des Muses» oder das mit seinen gewagten tonalen Fortschreitungen und seiner frei gestalteten Rhythmik ungemein modern klingende «Prélude non mesuré» von Louis Couperin (1626-1661). Schlichter ausgestaltet, aber nicht minder expressiv wirkten da die Stücke von Jaques Champion de Chambonnières (1602-1672) und des vermutlich in Paris ausgebildeten deutschen Komponisten Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656-1746), der mit seiner Musik quasi der Link zu Johann Sebastian Bach bildete.

Der alljährliche Höhe- und Schlusspunkt des Festivals «Les muséiques» wird jeweils im grossen Eingangssaal des Museum Tinguely mit einem grossen Konzert gesetzt. So auch in diesem Jahr, wo das Arcadia Streichquartett aus Rumänien gemeinsam mit Gastmusikern ein Galakonzert gab. Den Auftakt machte das Quartett mit dem Streichquartett Nr. 5 des ungarischen Komponisten Béla Bartók (1881-1945). Mit einer gelungenen Verbindung von Gepflegtheit mit Energie interpretierten Ana Török (1. Violine), Răzvan Dumitru (2. Violine), Traian Boală (Viola) und Zsolt Török dieses Werk, in dem es Bartók gelungen ist, geradezu mustergültig Elemente der ungarischen Volksmusik mit der Kunstmusik zu verschmelzen. Um den Kontrabassisten Adrian Rigopulos erweitert, interpretierte das Arcadia Quartett anschliessend mit dem Bratschisten Guy Ben Ziony als Solisten das ungemein expressive «Yizkor» (in memoriam) für Viola und Streicher des israelisch-ungarischen Komponisten Ödön Pártos, ein Werk mit harmonischen Strukturen, das sich aber mit gewagter Chromatik tief in die Atonalität schraubt.
Die Überraschung des Abends aber bildeten die «Danses sacrée et profane» des französischen Komponisten Claude Debussy (1862-1918), ein Werk, das man normalerweise nur mit Harfe und grossem Orchester zu hören kriegt. Mit filigraner Zartheit und exquisiter Transparenz beleitete das erweiterte Arcadia Quartett die Harfenistin Florence Sitruk, die nebenbei bemerkt auch die künstlerischen Leiterin des Festivals «Les muséiques» ist, durch dieses ausdrucksstarke, kammermusikalische Arrangement. Nach diesem Ohrenschmaus wirkte das abschliessend gespielte Streichquintett Nr. 4 in g-Moll (KV 516) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) fast schon ein wenig flach und banal.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 28, 2012

Stilistische Vielfalt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:37 pm

Gemeinsam mit dem Orchester der Schola Cantorum Basiliensis interpretierte der Pianist Kristian Bezuidenhout affektgeladene Musik aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Johann Sebastian Bach hatte viele Kinder, von denen vier in ihrer Zeit den Status eines berühmten Komponisten erlangten. Obwohl alle diese Söhne von ihrem Vater ihr musikalisches Rüstzeug erhielten, hatte jeder seinen eigenen Kompositionsstil entwickelt. Dies konnte man exemplarisch im Konzert des auf historische Musikpraxis spezialisierten, 1979 in Südafrika geborenen Pianisten Kristian Bezuidenhout erfahren, der gemeinsam mit dem knapp 20-köpfigen Orchester der Schola Cantorum Basiliensis im Hans Huber-Saal des Stadtcasinos Basel Kompositionen dreier dieser Bachsöhne zu Gehör brachte.
Dem Stile seiner Zeit gemäss mit Charme und delikatem Raffinement ausgestaltet, stand da als erstes die Sinfonie in G-Dur, op. 3, Nr. 6 des «Mailänder» oder «Londoner Bachs» Johann Christian Bach (1735-1782) auf dem Programm. Mit dieser Art Musik hatte dieser Bachsohn nach einem längeren, erfolgreichen Aufenthalt in Italien ab 1762 in London grosse Erfolge gefeiert. Im Besonderen seine als Opernkomponist in Italien geschärfte melodische Begabung kam damals dem steten Novitätenhunger des Londoner Publikums entgegen.
Von seinem vor dem Orchester plazierten Fortepiano aus, einem Nachbau eines historischen Instruments, leitete Kristian Bezuidenhout das SCB-Orchester durch Kopfbewegungen und gelegentlichen Zeichen seiner Hand zwischen dem Pianospiel. Nach dem mit kerniger Verve gespielten Allegro assai interpretierte das Ensemble das anschliessende Andante mit exquisit ausgestalteter Dynamik. Üppige Farbigkeit im Klang der Streicher, nicht weich gezeichneter Wohlklang, stand da im Vordergrund. Mit gefühlvoll gestalteter Agogik bar unangemessener Süsslichkeit führte Bezuidenhout das Orchester durch diese Musik.
Nach dem schnelleren dritten Satz dieser Sinfonie dann interpretierte das SCB-Orchester Wilhelm Friedemann Bachs Adagio und Fuge in d-Moll, Fk 65. Wilhelm Friedemann war der älteste der Bachsöhne, der stilistisch seinem Vater Johann Sebastian wohl am nächsten war. Nach dem kurzen, emotional fein ausgeloteten Adagio mit seinen expressiv gestalteten Flötenstimmen mündete die Musik in eine Fuge, bei der man sich streckenweise in einer Komposition seines Vaters Johann Sebastian wähnte. (Böse Zungen sagen dem Komponisten Wilhelm Friedemann nach, er habe gezielt Teile aus den Werken seines Vaters abgeschrieben, um den Verkauf seiner Kompositionen zu fördern.)
Der wohl eigenwilligste der Bachsöhne aber dürfte Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) gewesen sein. Seine Musik gleicht einer Wundertüte, gespickt mit überraschenden harmonischen, melodischen und rhythmischen Wendungen, die keine Sekunde Langeweile aufkommen lassen. Auch wenn das Zusammenspiel im Besonderen im dritten Satz nicht immer perfekt war, vermochte das Orchester der Schola Cantorum Basiliensis bei der Interpretation von C.Ph.E. Bachs Sinfonie für Streicher in h-Moll, Wq 182/5 dank seine mitreissenden Emphase zu überzeugen.
Dass in der zweiten Hälfte dieses anregenden Konzerts noch zwei Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) auf dem Programm standen, war nicht abwegig. Als Kind hatte Mozart in London Johann Christian Bach kennengelernt, den er bewunderte und sich zum Vorbild nahm.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

September 2, 2012

Eine grosse Nachtmusik

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:02 pm

Mit einem Jubiläumskonzert mit dem Sinfonieorchester Basel zelebrierte die Konzertreihe «Baselbieter Konzerte» ihr 30-jähriges Bestehen.

Grosses war geplant zur Feier des 30-jährigen Jubiläums der Konzertreihe Baselbieter Konzerte in Liestal. Das Sinfonieorchester Basel SOB sollte engagiert werden, um bei Mondenschein auf dem zentral gelegenen Platz beim Schulhaus Gestadeck ein Open-Air-Konzert zu geben. Jedoch je weiter die Planung geriet, desto mehr wurde klar, welch enorme Kosten ein solches Unterfangen verursachen würde. Bühne, Musikanlage, Beleuchtung, Stühle, Wachpersonal, Sanität etc. hätten jeden Kostenrahmen gesprengt, so dass sich das Organisationsteam rund um den Präsidenten der Baselbieter Konzerte Peter Leupin schliesslich dazu entschied, die Jubiläumsfeier im Hotel Engel durchzuführen und das SOB in dessen Engelsaal aufspielen zu lassen.
Wie weise dieser Entschluss letztlich war, erwies sich dann am vergangenen Wochenende, wo an eben diesem Abend ein kalter Dauerregen über Liestal nieder ging; ein Open-Air-Konzert wäre unter diesen Bedingungen undenkbar gewesen und die Veranstalter hätten dennoch für nichts die enormen Kosten für die ungenutzte Infrastruktur berappen müssen.
Warm und gemütlich war es hingegen im Restaurant «Le Pavillon» im Parterre des Hotels Engels, wohin Freunde und Sponsoren der Baselbieter Konzerte zum Apéro geladen worden waren. So war unter anderen der Stadtpräsidenten von Liestal Lukas Ott anwesend und nach ein paar einleitenden Worten des Leiters der Geschäftsstelle der Baselbieter Konzerte Ernst Schäfer - der Präsident des Vereins Peter Leupin konnte aus gesundheitlichen Gründen an der Feier nicht teilnehmen - richtete der Baselbieter Kulturbeauftragte Niggi Ullrich mit heiterer Eloquenz Worte des Dankes an das Team der Baselbieter Konzerte, das mit seinen ehrenamtlich organisierten Konzerten auf hohem künstlerischem Niveau einen zentralen Beitrag zur Hebung der Kultur im Kanton Baselland leistet.
Nach den Worten dann folgte Musik im Engelsaal im ersten Stock, wo das Sinfonieorchester Basel zur «grossen Nachtmusik der Baselbieter Konzerte» aufspielte. Mit Verve interpretierte das Orchester als erstes die Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Oper «Die Zauberflöte». Dem freudigen Anlass gemäss, habe er vorwiegend populäre Werke heiteren Charakters ausgewählt, meinte anschliessend der Dirigent des Orchesters Enrico Delamboye. Und dementsprechend folgte ein Ohrwurm nach dem anderen: Nach dem zart und versonnen gezeichneten «Reigen seliger Geister» aus Christoph Willibald Glucks Oper «Orpheus und Euryike» folgte das leuchtend schillernde «Capriccio Italien» von Peter Iljitsch Tschaikowsky.
Als ordentliche Herausforderung für das SOB erwies sich anschliessend die Orchesterfassung des berühmten Tangos «La Cumparsita» des uruguayischen Komponisten Gerardo Matos Rodríguez, das im Original für ein kleines, rhythmisch und dynamisch flexibles Ensemble geschrieben worden war. Obwohl agogische Feinheiten für das grosses Orchester nur schwer zu realisieren waren, spielte das SOB diese hinreissende Musik mit elastischer Glut, was nicht zuletzt das Verdienst dessen Leiters Enrico Delamboye war, der das Orchester mit seinem beschwingten Dirigat ansteckte. Nach weiteren Highlights von Antonín Dvořák, Benjamin Britten und des spanischen Komponisten Gerónimo Giménez mit seiner mit iberischem Kolorit aufgeladenen Zarzuela «La boda de Luis Alonso», schloss das SOB den gelungenen Abend mit der feurig zelebrierten Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis Oper «Wilhelm Tell» und zwei locker modulierten slawischen Tänzen von Johannes Brahms als Zugaben.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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