Rolf De Marchi

Oktober 29, 2012

Blues ist relativ

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:48 pm

«Blues Cruse» lautete das Motto am dritten Abend der AVO Session. Viel Blues war da aber nicht zu hören: Der Brite Nick Lowe bot bestes Singer-Songwriting, die US-Sängerin Mavis Staples Gospel und Soul und The Steve Miller Band spielte gerade mal zwei Stücke, die das Prädikat Blues wirklich verdienten.

Weisshaarig, mit breitrandiger Woody Allen-Brille und gemustertem Hemd stand er alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne des Musical Theaters Basel, der englische Singer-Songwriter Nick Lowe. Der Brite eröffnete mit seinem Solo-Auftritt den dritten Abend der AVO Session und bewies eindrücklich, das er weit mehr Erwähnung als Musiker verdient den als Produzent anderer wie den Pretenders oder Elvis Costello Ende der 1970er-Jahre. Mit heller, warmer Stimme trug er rund ein Dutzend seiner Songs vor. Klug komponierte Tunes mit intelligent gedrechselten Texten erklangen da wie etwa «I Knew The Bride» oder «Peace, Love and Understanding», ein Song, der einst von Elvis Costello gecovert wurde und der sich auch auf Nick Lows letzter CD «The Old Magic» findet. Natürlich durfte da auch sein wohl bekanntester Song «Cruel To Be Kind» nicht fehlen, der es 1979 immerhin in die US-Charts geschafft hatte. Am meisten aber beeindruckte Nick Lowe mit Balladen wie etwas «House For Sale», ein mit feinfühligen Melodie-Linien gestalteter Song, der nicht zuletzt auch durch seinen sensiblen Text über Trennungsschmerz überzeugte.
Wesentlich handfester ging da der zweite Act dieses Abends zu Werke: Die US-amerikanische Blues- und Soulsängerin Mavis Staples, die sich vor allem als Mitglied der Gospel-Gesangsband The Staple Singers währen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren einen Namen gemacht hatte. Da war es natürlich unvermeidlich, das Mavis Staples neben Titeln wie etwa «Will The Circle Be Unbroken» oder dem Klassiker «The Weight» von The Band auch «Freedom Highway» zum Besten gab, der Staple Singers-Song, der 1965 zu einer der Hymnen der schwarzen Emanzipationsbewegung avanciere. Mit einem dreistimmigen Gospelchor und einer kraftvoll rockenden Band im Rücken, powerte Mavis Staples mit ihrer rauchig-rauhen Stimme durch ihr gut 30-minütiges Programm.

Dem Motto dieses Abends «Blues Cruise» noch am nächsten kam wohl der abschliessende Main-Act dieses Abends, The Steve Miller Band aus den USA, die mit «Further On Up The Road» und «I Just Got Back From Texas» immerhin zwei Songs spielte, denen man mit einigem Recht das Etikett Blues anheften kann; ansonsten aber dominierte bei dieser Band der Rock. Von einer druckvoll tickenden Rhythmusgruppe auf Touren gebracht, trieben zwei Gitarren und ein Keyboard geradlinig arrangierte Stücke wie «Living In The U.S.A.», «Fly Like An Eagle» oder «Keep On Rocking Me Baby» voran.
Dass Steve Miller aber auch eine sensible Seite hat, bewies er mit einem eingeschobenen Solovortrag, wo er sich selber mit der akustischen Gitarre begleitend stimmungsvoll interpretierte Songs wie «Wild Mountain Honey», «Dance Dance Dance» oder der Johnny «Guitar» Watson-Klassiker «Gangster Of Love» vortrug. Unvermeidlich aber auch «Abracadabra», einer der wohl grössten Hits, der die Band 1982 weltweit bekannt gemacht hat. Beim «Space Cowboy» schliesslich gab’s kein Halten mehr: Die Fans im Musical Theater sprangen von den Sitzen, rissen die künstlichen Kerzen von den Stuhllehnen vor ihnen und schwenkten diese durch die Luft; andere wiederum erwiesen der Steve Miller Band durch intensives Mitklatschen ihre Reverenz.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

Oktober 21, 2012

Ungekünstelt und gradlinig

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 6:05 pm

Ausnahmemusiker und Mitbegründer der legendären amerikanischen Avantgarde-Band Velvet Underground John Cale bewies in der Kaserne Basel, wie zeitlos seine Musik bis heute geblieben ist.

Er hat nie die Popularität seines Kollegen Lou Reed erreicht, mit dem er 1965 die vom amerikanischen Pop Art-Künstler Andy Warhol geförderte US-Avantgarde-Band Velvet Underground gründete, der 1942 in Wales geborene britische Keyboarder, Gitarrist, Sänger und Komponist John Cale, der dieser Tage in der Kaserne Basel ein intensives Konzert gab. Wenn man von einer relativ kleinen eingeschworenen Fangemeinde mal absieht, war dieser Ausnahmemusiker, der bereits 1968 Velvet Underground verliess und alleine weiter machte, Zeit seiner knapp 50-jährigen Laufbahn in erster Linie ein «Musicians’ musician», der Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik genommen hat wie nur wenige andere.
Im Verlaufe seiner langen Solokarriere mäandrierte der mittlerweile 70-jährige John Cale durch die Musikstile wie der Amazonas durch sein Mündungsgebiet. Durch seine Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Musikern und Komponisten wie John Gage, La Monte Young, Brian Eno oder David Byrne bewegte er sich durch Avantgarde und Minimal Musik weiter in unterschiedlichste Bereiche der Rockmusik. Bei allen stilistischen Anwandlungen aber, so konnte man im Verlaufes seines Konzerts in der Kaserne erfahren, ist Cale, der am Londoner Goldsmiths Colleg eine klassische Ausbildung am Piano genossen hat, letztlich wie die meisten britischen Musiker seiner Generation bis heute eine typische Pflanze der englischen Art College-Szene geblieben. Dem entsprechend bewegte sich seine Musik stilistisch meist im Genre Art Rock, wobei Cale jeden Hang zum übertriebenen Bombast, der dieser Stilrichtung gerne anhaftet, vermied. Trotz allem Raffinement der Arrangements wirkten Stücke wie «Captain Hook», «Whaddya Mean By That» oder die beiden auf der aktuellen CD «Shifty Adventures in Nookie Wood» zu findenden Tunes «Scotland Yard» und «Face to the Sky» erstaunlich ungekünstelt und gradlinig gespielt.
Wenn man mal von Songs wie «Satellite Walk» oder das geistreich gesungene «Hey Ray» mit seiner Anlehnung an den Rap absieht, war es allerdings über weite Strecken in Folge grosser Lautstärke nicht immer einfach, John Cales ausgeklügelte Wortkunst zu verstehen. Bedauerlich, wenn man bedenkt, welch hohen Stellenwert die Texte bei diesem Vokaljongleur einnehmen, die vor allem bei dessen Solokonzerten zum tragen kommen. Dafür wurde das begeisterte Publikum wiederholt durch ungemein kraftvoll gespielte Stücke entschädigt. Cale hatte sich dazu entschieden, das Streichquartett, das er gelegentlich in seine Band integriert, zu Hause zu lassen, was es der Rhythmus-Gruppe mit 
Joey Maramba am E-Bass und Alex Thomas an den Drums sowie dem Lead-Gitarristen Dustin Boyer ermöglichte, Tunes wie «Helen of Troy», «Crime», «The Hanging» oder das Titelstück der neusten CD «Nookie Wood» mit enormem Druck in den Rossstall der Kaserne Basel zu wuchten.
Nach nahezu zwei Stunden warf die Band schliesslich das Handtuch und wer im Publikum etwa gehofft hatte, John Cale würde in Folge des intensiven Schlussapplaus noch seine an Magie grenzende Version des Elvis Presley-Klassiker «Heartbreak Hotel» zum Besten geben, wurde enttäuscht; unter Hinweis auf sein hohes Alter liess sich der 70-jährige nicht mehr zu einer Zugabe erweichen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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