Rolf De Marchi

November 19, 2012

Feuerwerk an rassigen Rhythmen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:18 pm

Mit seinem leidenschaftlich gespielten Flamenco löste der Gitarrist Paco de Lucía zusammen mit seinem Oktett Begeisterungsstürme aus.

Fast unscheinbar wirkte der junge Mann am rechten Rand des achtköpfigen Ensembles rund um den spanischen Flamenco-Gitarristen Paco de Lucía. Ab und zu klatschte er ein paar der für den Flamenco typischen ‚Palmas’ oder sang mit den beiden Sängern an seiner Seite mit, ansonsten aber nahm man den Menschen kaum wahr. Doch dann, fast die Hälfte des Konzerts war verstrichen, spielte die Band die Bulería «Moraito siempre» mit einem locker rollenden Flamenco-Groove. Da erhob sich der Bursche von seinem Sitz, schritt in die Mitte der Bühne und begann mit den nägelbeschlagenen Absätzen seiner Schuhe ein wahres Feuerwerk an rassigen Rhythmen auf den Bühnenboden des Stadtcasinos Basel zu legen. Mit geschwellter Brust aufrecht stehend, liess der Tänzer Farruco immer schneller seine Arme und Hände um seinen Körper kreisen und seinen Kopf mit seiner schulterlangen, schwarz gelockten Haarpracht durch die Luft wirbeln.
Zweifellos bildeten die Darbietungen des Flamenco-Tänzers Farruco spektakuläre Höhepunkt im «Flamenco Star Concert» des Gitarristen Paco de Lucia. Das Konzert fand im Rahmen der Konzertreihe «offbeat» im Grossen Musiksaal des Stadtcasino Basel statt. Nicht minder beeindruckend aber waren auch die beiden Flamenco-Sänger Duquende und David de Jacoba mit ihren silbrig-hellen, durchdringenden Stimmen. In Stücken wie etwa die Siguiriya «Lagartijo», ein mit leidenschaftlicher Ausdruckskraft vorgetragener tragischer Cante, trieben sich die Sänger mit ihren melismatisch beweglichen Vokallinien gegenseitig zu immer höheren Gesangsleistungen an. Anfänglich etwas ungewohnt, mit der Zeit aber ganz passend wirkte das Spiel von Antonio Serrano auf seiner Mundharmonika. Wenn der Musiker allerdings in die Tasten seines Synthesizers griff, um schrecklich künstlich wirkende, kitschige Streicherklänge zu produzieren, kamen ernsthafte Zweifel auf.
Weitere Glanzpunkte setzte der Chef der Band Paco de Lucia mit seinem virtuosen Gitarrenspiel. Mit elegisch zart gespielten Stücken wie etwa die solo vorgetragene Minera «Variaciones de Minera» bewies der Gitarrist, das er nicht grundlos zu den ganz Grossen des modernen Flamencos gerechnete wir, der mit seiner Musik jüngere Gitarristen beeinflusst hat wie wenig andere. In rassig gespielten Stücken wie etwa «Zyryab en vivo» wiederum legten E-Bassist Alain Perez und Percussionist Piraña einen pochenden Puls, über den Solist Paco de Lucia seine schnell gezupften Linien und wild geschlagenen Akkorde legte. Zusätzlich befeuert durch immer dynamischer geklatschten Palmas seiner Mitmusiker und unter begeisterten Zurufen wie «Olè» auch aus dem Publikum, trieb der Gitarrist seine Solos immer glutvoller vorwärts. Emotionalität und Sinnlichkeit pur war das, die den Saal zum kochen brachte und das Publikum permanent in begeisterte Beifallsstürme ausbrechen liess.

November 4, 2012

Stimmung und Besinnlichkeit

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:42 pm

«Made in Heaven» lautete das Motto des sechsten Abends der AVO Session. Tatsächlich gelang es der Berner Rockband Plüsch und mehr noch der englischen Singer-Songwriterin Katie Melua, ihr Publikum zu verzaubern.

Als die Berner Band Plüsch ihr Konzert im Rahmen der AVO Session im Musical Theater Basel mit ihrem Song «Jede Tag (u jedi Nacht)» eröffnete, hatte man fast ein wenig Mitleid mit den vier Jungs rund um den Sänger Rischi (Andreas Ritschard). Wer die Band schon mal im Berner Bierhübeli oder in der Mühle Hunzigen mit ihrer rustikalen, intimen Atmosphäre erlebt hat, wo die Musiker ihrem Publikum von der Bühne herab die Hand geben können, spürte, dass sich die vier Berner nicht sehr wohl fühlten in der relativ distanzierten Atmosphäre des Musical Theaters mit seinem in gediegen Klamotten steckenden Publikum in den vorderen Reihen.
Doch die Jungs liessen sich nicht beirren und spielten tapfer Songs von ihrer ersten CD (2002) wie «UFO» oder der Rumpelstilz-Klassiker von Hanery Amman «Teddybär». Aber auch Titel von ihrem letzten Album «Eile mit Weile» (2012) hatte Plüsch im Gepäck wie «I vermisse di» oder «Gsichter vo dr Stadt». «Wunder passiere» sowie «Sang- u klanglos» folgten, doch trotz allen Bemühungen von Sänger Rischi, die Leute durch intensives Zureden und Klatschen zum Leben zu erwecken, wollte der Funke nicht so recht springen.
Schliesslich holte Ritschi zum ultimativen Animations-Schlag aus und forderte das Publikum zum Aufstehen aus den bequemen Sitzen auf, um mit dem ganzen Saal einen Jodel anzustimmen. Und als die Band anschliessend ihren wohl bekanntesten Hit «Heimweh» nachschob, gab’s kein Halten mehr, das ganze Volk bis in die vordersten Reihen sang und klatschte begeistert mit. Ab jetzt hatte Plüsch leichtes Spiel und räumte mit weiteren Ohrwürmern wie dem Mani Matter-Lied «Dr Sidi Abdel Assar» oder «Häbs guet» endgültig ab.

Eher besinnlich

Ein wesentlich anderes Konzept verfolgt da der zweite Act des Abends Katie Melua, die übrigens 2007 schon mal an der AVO Session gespielt hat. Die englische Singer-Songwriterin mit georgischen Wurzeln setzte mit ihrer zart melierenden, hellen Stimme mehr auf Besinnlichkeit und Zuhören als auf Stimmung und Mitschunkeln. Ausstaffiert in einem weitwallenden, hellblauen Kleid und glitzernden schwarzen Booties interpretierte sie nur mit der akustischen Gitarre begleitet ihren vielleicht erfolgreichsten Song «Piece By Piece», der sich, wie die meisten ihrer Lieder, um Gefühle und Liebe dreht. So auch im darauffolgenden «If You Were A Sailboat», zu dem ein waschechtes, klassisch ausgebildetes Streichquartett mit vier attraktiven, in Schwarz gekleideten Damen dazustiess, das dem Song einen romantisch verträumten Touch verlieh. Musikalisch in Samt gekleidet ging es mit dem lyrischen Titelstück von Meluas erstem Album (2004) «The Closest Thing To Crazy» weiter. Schliesslich stiess eine vorwiegend unplugged spielende, vierköpfige Band dazu, die weiteren Songs wie etwa das orientalisch anmutende «The Flood», «If the lights go out» oder «Two Bare Feet» einen kraftvoll rockenden Schub verlieh.
Vergangenen März hat Katie Melua in Berlin live ihr aktuelles Album eingespielt, von dem sie an der AVO neben dem Titelstück «Secret Symphony» noch diverse weitere Tunes zum Besten gab wie etwa «The Walls Of The World». Dem Song war ein Streicherarrangement unterlegt, das ein wenig an Elvis Costello, Kurt Elling und andere erinnerte, die musikalisch auch schon in diese Richtung experimentiert haben.
Mit dem Seller «Nine Million Bicycles» schliesslich kam doch noch gute Stimmung auf und das bis dahin aufmerksam zuhörende Publikum begann zu klatschen und mitzusingen. Schliesslich wieder alleine mit der akustischen Gitarre liess Katie Melua ihr musikalisch hochstehendes Konzert mit ihrer zweiten Single «I Cried For You» (2005) stimmungsvoll ausklingen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 3, 2012

«An jedem Festival geht mal was schief»

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 5:41 pm

Nach einer 25-jährigen Erfolgsgeschichte steckt das Basler Musikfestival AVO Session in einer Übergangsphase. Wegen eines Umbaus musste das Festival den gewohnten Festsaal der Messe Basel für dieses Jahr verlassen und für die aktuelle AVO Session 2012 provisorisch in das Musical Theater Basel umziehen. Dazu kommt, dass der jahrelange Hauptsponsor AVO Cigars sich zurückzieht und ab nächstem Jahr die Basler Versicherungen, beziehungsweise die Baloise als neuer Hauptsponsor einspringen wird. AVO Festival Präsident Matthias Müller zieht eine Zwischenbilanz.

Herr Müller, vor einer Woche startete die aktuelle Ausgabe der AVO Session 2012 und es haben bisher fünf Konzerte stattgefunden. Wie läuft es bis jetzt?

Wir sind sehr zufrieden! Wenn man bedenkt, dass das Festival 25 Jahre lang immer am gleichen Ort im Festsaal der Mustermesse Basel stattfand, wo sich in dieser langen Zeit alles gut eingespielt hatte und wir jetzt am neun Ort im Musical Theater Basel sind, wo alles anders und unbekannt ist, ist es erstaunlich gut gelaufen bis jetzt. Toll ist, dass so viele mithelfen: Die Messe Basel, die Polizei, viele freiwillige Helfer leisten ihren Beitrag zum Erfolg dieses Festivals.

Aber sehen Sie das jetzt nicht ein wenig zu positiv? Da scheint doch einiges in die Hosen gegangen zu sein. Am Eröffnungskonzert mit Dionne Warwick hat der Tontechniker am Anfang vergessen, das Gesangsmikrofon zu öffnen, so dass von der singenden Diva kein Ton zu vernehmen war und sie anschliessend das Konzert neu beginnen musste.

Grundsätzlich ist es so, dass an jedem Festival das eine oder andere schiefläuft. Und am Eröffnungsabend ist der Focus immer etwas grösser auf solche Ereignisse. Wenn aber die restlichen zwölf Abende erfolgreich verlaufen, relativiert sich solch ein Ereignis schnell.

Und Herbie Hancock? Der grosse alte Mann des Jazz hatte zu seinem Soloauftritt mehrere Keyboards, diverse Computer und iPats mitgebracht, viel Technik, die der Musiker nicht richtig im Griff hatte. Es muss streckenweise schrecklich geklungen haben (siehe BZ vom 29. Oktober 2012).

Ich denke, der 72-jährige Musiker war schlicht überfordert von der vielen Technik. Leider hatte er lange nicht eingesehen, dass es besser wäre, an sein angestammtes Instrument, den normalen Flügel zurückzukehren und die Lage durch ein paar seiner fantastischen Improvisationen zu beruhigen. Hancock war nach dem Konzert hinter der Bühne total aufgelöst und sehr unglücklich. Er hat sich ja dann auch beim Publikum entschuldigt für seine unzulängliche Darbietung.

Und das provisorische Domizil des Festivals, das Musical Theater Basel, ist das ein angemessener Ersatz für den alten Festsaal?

Es ist ziemlich eng im Musical Theater, die Akustik allerdings ist besser als im alten Festsaal. Dort mussten wir sehr teure Vorkehrungen treffen, um eine akzeptable Akustik hinzukriegen. Dazu kommt, dass die hinteren Ränge im Musical Theater eine bessere Einsicht auf die Bühne haben als am alten Ort.

Schauen wir in die Zukunft. Ab nächstem Jahr wird nicht mehr AVO Cigars Hauptsponsor der AVO Session sein wie bisher, sondern die Basler Versicherung. Wie sehen Sie dieser neune Zusammenarbeit entgegen?

Sehr optimistisch! Wir sind der AVO Cigars führ ihre langjährige Unterstützung sehr dankbar und die Basler Versicherung hat uns bisher schon als Sponsor unterstützt. Wir kennen uns schon lange, so dass jeder weiss, was er vom anderen zu erwarten hat. Wir sind sehr froh, dass wir einen lokalen Sponsor gefunden haben, der in Basel verankert ist. Keine Selbstverständlichkeit in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit, wo sich Sponsoren tendenziell eher zurückziehen.
Möglicherweise hätten wir jemanden in Zürich gefunden, der mehr bezahlen würde; der würde dann aber möglicherweise auch bald von uns verlangen, dass wir nach Zürich ziehen. Das wollen wir nicht! Wir sind generell für Sponsoren sehr attraktiv, weil wir jedes Jahr ein ähnliches Programm haben und Absagen wie an anderen Festivals bei uns fast nie vorkommen.

Der Festivalname AVO Session hat sich in den Köpfen wie ein Brand festgesetzt, ist es da eine gute Idee, ihn zu ändern in ‚Baloise Session’?

Viele Leute hatten sich vor zwölf Jahren aufgeregt, als wir den Namen von Rheinknie Festival in AVO Session geändert hatten. Schon nach zwei, drei Jahren hatten sich alle an den neuen Namen gewöhnt und es sprach kaum noch jemand darüber. Wir werden intensiv informieren und wir sind überzeugt, dass in kürzester Zeit die Leute den neuen Namen akzeptieren werden.

Nächstes Jahr wird die AVO Session ihren neuen Standort beziehen. Wird der neue Saal wie der alte sein?

Nein, gänzlich anders. Der neue Ort wird eine klassische Messehalle ohne Bühne sein, was bedingt, dass wir mit grossem Aufwand einen eigenen Konzertsaal reinbauen müssen. Das bedeutet eine Menge organisatorische Arbeit und wird viel kosten. Im Anbetracht, dass ich von einem fantastischen Team unterstützt werde, freue ich mich auf diese Herausforderung.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

November 1, 2012

Musik, die ans Herz ging

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:33 am

AVO Session 2012 - Neben der Basler Sängerin Nubya vermochte vor allem der kolumbianische Sänger und Gitarrist Juanes durch seine heissen Rhythmen und Grooves zu begeistern.

Erstaunlich, der kolumbianische Sänger Juanes und seine zwölfköpfige Band hatte nur wenige Takte gespielt, da riss es gut die Hälfte des Publikums aus den Sitzen, um zu den heissen Rhythmen zu Klatschen und zu Tanzen. Und als der Popbarde wenige Minuten später seinen international wohl populärsten Hit «La camisa negra» aus dem Jahr 2005 mit federnder Lockerheit in den Saal des Musical Theaters pfefferte, geriet das Volk schier aus dem Häuschen: Jubelnd die Hände in die Luft reissend, begannen Dutzende von vorwiegend weiblichen Fans den Gesang von Juanes mit voller Kehle zu unterstützen.
Nicht ganz so erfolgreich mit dem aus den Sitzen reissen war an diesem Abend im Rahmen er AVO Session 2012 im Musical Theater Basel der Support Act Nubya mit ihrer Band. Dies lag sicher nicht am mangelnden Können der Basler Sängerin und auch ihre Band spielte ganz ohne Zweifel auf Topniveau. Im Gegensatz zu Juanes, der sein Publikum mit seinen südamerikanischen Grooves und Rhythmen überwältigte, stand bei der in Nigeria geborenen und in Basel aufgewachsenen Nubya eher gepflegter Poprock im Vordergrund. Die Sängerin interpretierte mit ihrer schlanken, warmen Stimme vorwiegend Songs von ihrer letzten CD «Today» (2011). Wie Nubya erzählte, sei dies ihr persönlichstes Album, da sie die meisten Texte selber schrieben habe, in denen sie ausdrückt, was sie denkt, was sie beschäftigt, wie sie fühlt. Ihre Songs bewegten sich zwischen sanft säuselndem Softsoul wie etwa das Eröffnungsstück «Song Of My Soul» über eher rockorientierte Tunes wie «Happy», «Give Me Strenth» oder «My Favourite Things» hin zum Song «Babygirl» mit einem kräftigen Schuss Folk. In Stücken wie etwa der inzwischen zum Jazzstandard mutierte Prince-Klassiker «Kiss» wiederum vermochten nicht nur Nubya, sondern auch ihre Begleitmusiker ihr Können als Jazzmusiker unter Beweis zu stellen.

Stimmung zu verbreiten fiel dem anschliessend auftretenden Juanes natürlich leichter, hatte der kolumbianische Sänger, Gitarrist und Songschreiber eine Rhythmusmaschine mit zwölf Musikern im Rücken. In Stücken wie etwa das Eingangs gespielte «Fijate Bien», das in Sekunden die Leute von den Sitzen riss, konnte man exemplarisch das Geheimnis von Juanes Musik beobachten: Drei Perkussionisten, die einen kraftvoll tickenden Rhythmusteppich legten, darüber drei swingende Gitarren und ein akzentuierendes Keyboard, drei Bläser, die immer wieder kantige Riffs zwischen den Gesang schmetterten, schliesslich zwei Begleitsänger, die Juanes Gesang unterstützten. Abwechslungsreich durchbrochen wurden diese in die Beine gehenden Grooves durch unterschiedlichste Breaks, mehrstimmige Instrumentalpartien der Gitarren und Bläser sowie kreativen Soli der einzelnen Musiker. Dank Songs mit lyrischen Momenten wie etwa «Nada Valgo Sin Tu Amor» wiederum vermochte Juanes durch seinen ausdrucksstarken Gesang die Herzen seiner Fans zu berühren und sie zum Mitsingen zu animieren.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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