Rolf De Marchi

April 28, 2013

Im tiefsten Pianissimo

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:11 pm

Gare du Nord – Das Berner Ensemble Proton interpretierte zeitgenössische klassische Musik von New Yorker Komponisten.

Eigentlich war kaum was zu hören, als das von Matthias Kuhn geleitete Berner Ensemble Proton das erste Stück seines Konzerts in der Gare du Nord zu spielen begann. Zwar strichen der Violinist und der Bratschist Marco Fusi mit schnellem Auf und Ab die Streichbogen über die Saiten ihrer Instrumente, aber hören konnte man praktisch nichts. Erst als Erik Asgeirsson mit seinem Violoncelle einsetzte, war im tiefsten Pianissimo eine kaum wahrnehmbare, melancholische Melodie zu hören. Zart und leise begannen dann die drei Saiteninstrumente ein filigran gewirktes Tonnetz zu spannen, in dessen Maschen die Pianistin Malgorzata Walentynowicz mit einem Clavichord silbrige, fast durchsichtige Töne einzuspinnen begann. Schliesslich stiess die Perkussionistin Louisa Marxen dazu, die mit einem originellen Sammelsurium an Schlaginstrumenten dem Geschehen immer mehr Dynamik verlieh. Neben weich getippte Trommeln und Pauken waren da sparsam eingesetzte Rasseln, Maracas und Tempelblöcke zu hören. Eine ungewöhnliche Atmosphäre aber schuf die Perkussionistin, wenn sie drei unkoordiniert tickende Metronome anstiess, mit den Händen geräuschvoll Baumzweige zerbrach oder mit den Füssen auf einem Haufen trockenen Laubes herumstampfte.
Möglicherweise waren beim Hören dieser zerbrechlich wirkenden Komposition mit dem Titel «Shibboleth» (1997) einige im Publikum erstaunt, dass dessen Schöpfer John Zorn (1953) war, der ab Ende der 1980er-Jahre mit seiner kompromisslosen Avantgardeband «Naked City» die Jazz und Rockszene aufgemischt hatte. Seit jenen Tagen allerdings hat John Zorn als Musiker und Komponist diverse Wandlungen durchgemacht, sich musikalisch mit seinem jüdischen Erbe auseinandergesetzt und neben unzähligen Film-Soundtracks Kompositionen für Orchester und diverse Ensembles geschrieben. Es war kein Zufall, dass das junge, in Bern domizilierte Ensemble Proton Musik von John Zorn in sein Programm «New York» in der Gare du Nord aufgenommen hatte, gehört dieser Komponist doch zu New Yorker Szene wie das Empire State Building.
Das Ensemble Proton, das sich auf die Interpretation zeitgenössischer klassischer Musik spezialisiert hat, brachte an diesem Abend noch zwei Werke des New Yorker Earle Brown (1926-2002) zur Aufführung. Den Abschluss des Abends aber bildete die Komposition «Piece» (1955) für Oboe, Cello, Perkussion und Piano des in Berlin geborenen, die meiste Zeit seines Lebens aber in New York lebenden Komponisten Stefan Wolpe (1902-1972). Das Werk zeichnete sich durch ein kontinuierliches Geflecht sich abwechselnder und polyphon durchdringender kurzer Figuren, Tonmotiven und Melodiebögen aus. Über vier Sätze hinweg wurde dieses Kompositionsverfahren jedoch kaum durchbrochen, was mehr und mehr zu Déjà-vu-Erlebnissen führte und schliesslich ein Gefühl der Monotonie aufkommen liess.

April 23, 2013

Rassige Rhythmen und elegische Melancholie

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 10:16 am

Das Jazzfestival Basel präsentierte feurige kubanische Rhythmen mit Juan de Marcos & Afro Cuban All Stars sowie ein fruchtbarer Dialog europäischer und orientalischer Musiker mit dem Anouar Brahem Quartet.

Messerscharfe Bläsersätze, die sich dynamisch ins Ohr bohrten, reichlich Percussion, die fast unweigerlich in die Beine ging, und viel an die Gefühle appellierenden Gesang hatte Juan de Marcos & Afro Cuban All Stars in den Festsaal des Stadtcasinos Basel mitgebracht. Das Motto dieser «Cuban Night» im Rahmen des Jazzfestival Basel 2013 lautete «Buena Vista Social Club» und dementsprechend bewegte sich die Musik dieser fünfzehnköpfigen Band durch die reiche Tradition kubanischer Musik mit Anklänge an den ChaChaCha, Rumba, Son und anderen Stilrichtungen hin bis zu Jazz, Funk und sogar klassischer Musik. Wichtigstes Element aber bildete der Salsa mit seinen kernigen Bläserriffs, die von drei Trompeten und - recht ungewöhnlich für kubanische Musik - einer Bassklarinette gemeisselt wurden. Wenig später erfuhr man vom Bandleader Juan de Marcos Gonzales, dass die Musikerin, die die Bassklarinette spielte, seine Tochter Laura war und dass seine zweite Tochter Cliceria an den Keyboards und sogar seine Ehefrau als Percussionisten ebenfalls mit von der Partie waren.
Zentral wie bei aller kubanischer Musik war die Rhythmus-Section mit drei Perkussionisten, die für den treibenden Puls der Band sorgte; dazu kam ein kerniger Bass sowie ein akzentuiert gespieltes Piano und die Groove-Maschine war perfekt. Dreh und Angelpunkt der Band bildeten die drei Sänger Jose Gil Piñera Leygoniel, Emilio Suarez Martinez und Evelio Galan Castellanos, die mal solo, mal im Chor der Musik des Ensembles Seele einhauchten. Nach einem gemächlichen Anfang nahmen die Afro Cuban All Stars mehr und mehr Fahrt auf und liessen schliesslich mit ihren rassigen Rhythmen nicht wenige Fans im hinteren Drittel des Festsaals das Tanzbein schwingen.

Ein Hauch von Melancholie

In eine musikalisch gänzlich andere Welt führte das Jazzfestival Basel in der «Oriental Night» am folgenden Abend im Musiksaal des Stadtcasino Basel mit dem Anouar Brahem Quartet, wo das Motto «East Meets West» lautete. Mit sphärischen, fast glockenartig auf die Saiten geschlagenen Flageoletttönen eröffnete der E-Bassist Björn Meyer das Konzert. Dann begann Klaus Gesing mit elegischem Ton auf seiner Bassklarinette melancholische Melodielinien über die ätherisch getupften Töne des E-Basses zu legen. Mit silbrig gezupften Tönen auf dem arabischen Lauteninstrument Oud stiess der Kopf des Quartetts Anouar Brahem dazu, um fein gewirkte Tongirlanden um die lyrischen Bögen der Bassklarinette zu spinnen. Schliesslich setzte der Perkussionist Khaled Yassine ein, der mit seinen Fingern und Handflächen auf der orientalischen Bechertrommel Darbuka die Musik mit dezent geschlagenen Rhythmen zum Pulsieren brachte. Mit einem stets präsenten Hauch von Melancholie spielte das Anouar Brahem Quartet weiter und führte anschliessend einen knapp zweistündigen kulturverbindenden Dialog zwischen Ost und West.
Schon vor drei Jahren hatte der 1957 in Tunis geborene Oud-Spieler Anouar Brahem mit seiner weltoffenen Musik das Publikum des Jazzfestivals Basel begeistert. Der anfänglich in klassischer arabischer Musik ausgebildete Musiker interessierte sich bald auch für die Improvisationskunst europäischer Musiker, was zu einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Plattenlabel ECM führte, wo Anouar Brahem auch seine aktuellen Mitmusiker kennen lernte.

April 19, 2013

Eine Kette schillernder Edelsteine

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:02 pm

Das Ensemble Meridiana begab sich auf «The Grand Tour», eine musikalische Reise durch das barocke Europa.

Wie eine Kette kleiner, in allen möglichen Farben schillernder Edelsteine wirkte die kleine, vielleicht zwölf Minuten dauernde Tanzsuite «Les Caractères de la Danse» des französischen Komponisten Jean-Féry Rebel (1666-1747). Mit glutvollem Ausdruck erklang da die Prélude, spritzig folgte eine Courante, beschwingt dann eine Bourrée, die von einer schmachtenden Sarabande abgelöste wurde. Schlag auf Schlag spielte das fünfköpfige «Ensemble Meridiana» bei seinem Konzert im Stadtcasino Basel weitere, kaum eine Minute dauernde Tanzsätze, jeder mit seinem eigenen stilistischen Charakter. 1715 hatte Jean-Féry Rebel, der übrigens Mitglied der «Vingt-quatre violons du roi» war, diese rassige kleine Tanzsuite geschrieben mit dem Ziel, die bekanntesten französischen Tänze der Barockzeit in einem Werk zu vereinen.
Diese kleine Suite passte exzellent in «The Grand Tour - Europareise barock», zu der das Ensemble in den Hans Huber-Saal des Stadtcasinos geladen hatte. Im 18. Jahrhundert war es üblich, dass sich junge englische Adlige auf eine mehrere Monate dauernde Bildungsreise durch Europa begaben, um ihren kulturellen Horizont zu erweitern. Für das Ensemble Meridiana war dies der perfekte Aufhänger, sich auf eine musikalische Tour durch die Musik des späten Barocks in Europa zu begeben. Die Mitglieder der Formation hatten sich als Studenten an der Schola Cantorum Basiliensis kennengelernt und 2006 das Ensemble Meridiana gegründet mit dem Ziel, Musik des 18. Jahrhunderts zu interpretieren.
Nach einem weiteren Werk des französischen Komponisten Joseph Bodin de Boismortier begab sich das Ensemble ins barocke Italien, wo es mit der Realisation von Antonio Vivaldis (1678-1741) Concerto g-Moll, RV 107 einen weiteren Beweis seiner hervorragenden Interpretationskunst ablieferte. Zum Basso continuo vereint legte da der Schwede Tore Eketorp mit seiner sonoren Viola da gamba das Fundament, während der norwegische Cembalist Christian Kjos einem tickenden Uhrwerk gleich die Musik zart zum Swingen brachte. Den nötigen Schmelz, der Vivaldis Musik eigen ist, trug die Schweizerin Sabine Stoffer mit ihrem warmen Violinspiel bei. Die englische Oboistin Sarah Humphrys brachte die Musik zum Pulsen und die Blockflötistin Dominique Tinguely aus Fribourg wiederum repräsentierte mit ihrem brillanten Spiel das quirlige Leben. Mit ansteckender Spielfreude erweckte das Ensemble die beiden im Allegro zu spielenden Ecksätze von Vivaldis Concerto zum Leben, das zentrale Largo prägte es mit aufrichtiger Lyrizität und Innigkeit.
In Italien kam auch der deutsch-englische Komponist Georg Friedrich Händel zum Zuge, der bekanntlich in seinen Jugendjahren eine ausgiebige Reise nach Florenz, Rom, Neapel und Venedig gemacht hatte. Darauf reiste das Ensemble Meridiana noch nach Deutschland weiter, wo neben einer geistreich gestalteten Sonate von Johann Friedrich Fasch auch das Concerto G-Dur für Blockflöte, Oboe, Violine und Basso continuo von Georg Philipp Telemann (1681-1767) zum Zuge kam. Mit seiner hinreissenden Interpretation erbrachte das Ensemble einmal mehr den Beweis, wie vielgestaltig und innovativ Telemann mit den Musikgenres seiner Zeit zu spielen verstand.

April 10, 2013

Bedingungslose Leidenschaft und Emotionalität

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 6:35 pm

Drei Bands stellten sich am Eröffnungsabend des Blues Festival Basel 2013 einem Contest. Die Sängerin Theresa Stucki und ihre Transatlantic Band setzten sich durch.

Was macht eine gute Bluesstimme aus? Sängerinnen wie Bessie Smith, Etta James oder Janis Joplin haben es bezeugt: Es ist die bedingungslose Leidenschaft, die tiefe Emotionalität, mit der der Blues zum Leben gebracht wird. Ein Tick dieser Leidenschaft war auch beim Auftritt der Basler Sängerin Theresa Stucki im Volkshaus Basel zu verspüren. Sie vermochte mit ihrer rauchigen, vom Leben geprägten Stimme und ihrer vitalen Bühnenpräsenz die Jury des Blues Festival Basel zu überzeugen. Gemeinsam mit ihrer solide spielenden Transatlantic Band konnte sich Theresa Stucki am Eröffnungsabend des aktuellen Blues Festival Basel 2013 in der «Promo Blues Night» gegen zwei konkurrierende Bands aus der Region durchsetzen.
Das Blues Festival Basel hat sich die Förderung der lokalen Bluesszene zum Ziel gesetzt und aufstrebende Bands aus dem südbadischen Raum, dem Elsass und der Nordwestschweiz über die Medien dazu aufgefordert, sich zu bewerben und an einem Contest teilzunehmen. Unter sechs Formationen wurden dann per Internet-Voting drei Bands ausgewählt, die am Eröffnungskonzert des Blues Festivals an der endgültigen Ausscheidung teilnehmen durften. Nicht zuletzt dank originell arrangierten Songs und einer starken Performance hatte Theresa Stucki und ihre Transatlantic Band diesen Contest verdient gewonnen und damit die Möglichkeit, im kommenden Jahr am Blues Festival Basel 2014 an einem Abend im Hauptprogramm als Vorband zu spielen.
Ein weniger glückliches Händchen hatte da die Band Black Current Jam mit ihrer Sängerin Stephanie Witz. Mit ihrer schönen, schlanken Stimme, ihrem hübschen Gesicht und ihrer Topfigur würde die junge Lady perfekt in eine Popband passen, in einer gestandenen Bluesband allerdings wirkte die unerfahrene Sängerin eher deplaziert. Wie angenagelt stand sie vor dem Mikrofon und lebt die Musik nicht, die sie sang. Auch die Band spielte zwar routiniert (da waren ein paar recht interessante Gitarrensoli zu hören), brauchte aber lange, bis sie endlich zum nötigen musikalischen Druck fand. Es stellte sich einmal mehr die Frage, warum so viele Schweizer Bands immer erst in den Zugaben so richtig aufdrehen können. Immerhin sei Black Current Jam zu Gut gehalten, dass sie ein paar eigene Songs im Gepäck hatte.
Nicht unverdient landete die Hopeman Blues Band auf dem dritten und letzten Platz. Sie spulte relativ unoriginell eine Reihe von Bluesklassikern wie «Got My Mojo Working», «Messing’ with the Kid» oder den «Crossroad Blues» runter. Dazu kam, dass die Band nie richtig in Fahr kam, was aber möglicherweise daran lag, dass sie als erste spielen musste und es in dieser Position immer schwer ist, das anfänglich eher distanzierte Publikum zu gewinnen. In solch einer Situation muss man eben kämpfen, sonst geht man unter.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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