Rolf De Marchi

März 23, 2014

Balkan-Express

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:40 pm

Einmal mehr gastierte die Goran Bregović & his Wedding and Funeral Band im Vorprogramm des Jazzfestival Basel.

Es brodelte ganz ordentlich im grossen Musiksaal des Stadtcasinos Basel, als das Konzert des bosnischen Musikers, Komponisten und Bandleaders Goran Bregović mit seiner «Wedding and Funeral Band» seinen Höhepunkt erreichte. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle auf den Beinen, tanzten oder wippten mit dem Oberkörper, klatschen im Rhythmus in die Hände und in den schmalen Gängen zwischen den Sitzreihen schwangen dicht gedrängt Paare ihr Tanzbein. Vor allem wenn die Band Power-Stücke wie etwa das vorwärtstreibende «Gas Gas», das fulminante «Presidente» oder das hammermässige «Kalashnikow» in den Saal wuchtete, gab’s kein Halten mehr. Vor allem die erstaunlich zahlreich erschienenen jungen Damen mit Wurzeln auf dem Balkan gerieten dann ganz aus dem Häuschen und brachen immer wieder in Jubel aus.
Schon mehrmals war Goran Bregović & his Wedding and Funeral Band in den vergangenen Jahren zu Gast beim Jazzfestival Basel und vor gut zwei Jahren hatte er zusammen mit dem griechischen Sänger Giorgos Dalaras in der AVO Session beeindruckt. Nicht zuletzt dank diesen Konzerten hat sich Bregović mit seinem irrwitzigen Balkan-Sound in all den Jahren in der Region eine treue Fangemeinde erspielt, war doch der grosse Musiksaal des Stadtcasinos bis auf den letzten Platz besetzt.
In den 1990er-Jahren wurde der in Sarajewo geborene Goran Bregović in Westeuropa durch seine Filmmusik berühmt, die er für den bosnischen Kultfilmer Emir Kusturica komponiert hatte. Damals wie heute im Stadtcasino überzeugt der Musiker durch seinen speziellen Sound, der auf der reichen Volksmusik seiner Heimat Bosnien-Herzegowina basiert. Weitere Stilelemente des Balkans mischt er dazu wie etwa die Musik der Roma oder Chorgesang aus Bulgarien. Selbst vor Rhythmen und Grooves aus Mittel- und Südamerika schreckt Bregović nicht zurück wie etwa der «Gypsy Reggae» oder das an den argentinischen Tango angelehnte «Ausencia» beweisen.
Am eindrücklichsten aber sind nach wie vor die virtuosen Bläser, die auf einem Altsaxophon, zwei trompetengleichen Flügelhörnern und zwei Tenorhörnern abartig schnell gespielte Bläserriffs und -linien runterrasen. Bei solchen Darbietungen können westeuropäische Musiker vor Neid nur noch erblassen. Mit Finger und Zungen schneller als der Flügelschlag eines Kolibris und mit Lippen stärker als Stahlseilen rasten Bregovićs Bläser mit unheimlicher Lockerheit durch ein rund zweieinhalbstündiges Programm.
Das zweite Standbein von Bregovićs Musik bilden die beiden bulgarischen Sängerinnen Daniela und Lyudmila Radkova. Tief verwurzelt in der bulgarischen Chortradition trugen sie mit ihren obertonreichen Stimmen mehrere zweistimmig gesungene Balladen vor. Frei von falscher Künstlichkeit, natürlich-herb und somit authentisch wirkte dieser Gesang, der unter die Haut ging. Und wenn’s dann wieder herzhaft-kräftig zu Sache ging, animierten die beiden Sängerinnen das Publikum mit ihren Backing Vocals immer wieder zum fröhlichen Mitsingen und liessen die beglückten Fans im siebenden Himmel schweben.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

März 7, 2014

Musikalischer Ritterschlag

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:53 am

Am Fasnachtssonntag dem 9. März 2014 gibt die Pianistin Kris Davis aus New York mit ihrem Trio im Taktil Work/Shop an der Feldbergstrasse 39 in Basel ein Konzert. Das Konzert wird vom Verein Rumort durchgeführt, der sich im Raum Basel zu einem der führenden Veranstalter im Bereich Klangkunst gemausert hat. Der Kontrabassist und Veranstalter Kaspar von Grünigen ist Gründungs- und Vorstandsmitglied von Rumort. Er gibt Auskunft über Rumort und das Konzert von Kris Davis.

Rolf De Marchi: Kaspar von Grünigen, wer ist und was will der Verein Rumort?

Kaspar von Grünigen: 2011 habe ich mich mit meinen beiden Musikkollegen Marco von Orelli (Trompete) und Michael Zaugg (Keyboards) zusammengesetzt und den Verein Rumort gegründet. Der Verein hat das Ziel, Konzerte durchzuführen, die sich stilistisch im Spannungsfeld zwischen Neuer Musik, Elektroakustik, zeitgenössischem Jazz, freier Improvisation und Noise bewegen. Wir wollen damit eine Plattform für alle die Leute schaffen, die offene Ohren haben für Neues, Ungewohntes, Überraschendes und ihnen damit ein spontanes und vertieftes Hören ermöglichen. Wir haben die vergangenen drei Jahre viele Konzerte mit Musikern und Bands aus der Region, der Schweiz und dem nahen Ausland durchgeführt. Wir haben auch immer wieder Musikerinnen und Musiker aus aller Welt engagiert, meist allerdings solo oder in einem gemischten Ensemble mit Schweizer Künstlern. Mit dem Trio der New Yorker Pianistin Kris Davis allerdings beschreiten wir Neuland, da es sich zum ersten Mal um ein rein amerikanisches Ensemble handelt, um das wir uns aktiv beworben hatten.

RDM: Wie seit ihr auf die Idee gekommen, eine Musikerin aus den fernen USA einzuladen?

KvG: Es gibt in Portugal das Plattenlabel Clean Feed, dass sich auf Avantgarde-Musik spezialisiert hat und in der Szene einen hervorragenden Ruf hat. Wer bei diesem Label eine CD veröffentlicht, bekommt gewissermassen den Ritterschlag. Vor einem Jahr hielt ich mich mit Marco von Orelli in Lissabon auf, um bei Clean Feed unser zweites Album einzuspielen. Im Laden des Plattenlabel bin ich dann auf den Namen Kris Davis gestossen und habe von ihr die mit einem Quintett aufgenommene CD «Capricorn Climber» gekauft. Ich war total begeistert von dieser Scheibe, so dass ich mich intensiver mit Kris Davis zu beschäftigen begann. Mehr und mehr wurde diese Musikerin zu einer ‚Herzensangelegenheit’, so dass ich schliesslich meinen beiden Compagnons Marco von Orelli und Michael Zaugg vorschlug, sie zu engagieren. Die beiden waren einverstanden, so dass ich meine Fühler nach New York auszustrecken begann. Und zu unserer Überraschung waren Kris Davis und ihr Management total offen für unser Anliegen und wir konnten ohne grosse Probleme einen Termin für ihr Konzert finden.
Kris Davis ist momentan mit ihrem Trio mit John Hébert am Bass und Tom Rainey in Europa unterwegs und normalerweise spielt sie an wesentlich grösseren Konzertorten als das Taktil an der Feldbergstrasse 39. Aber offenbar war der Musikerin unser Projekt mit drei Musikern, die sich der zeitgenössischen Musik verschrieben haben und die für andere Musiker Konzert organisieren, sympathisch. Dazu kam, dass in Davis Tourneeplan an eben jenem Sonntag 9. März ein günstig gelegener Termin frei war und voilà, die Pianistin erklärte sich dazu bereit, trotz geringer Grösse des Konzertortes in Basel zu spielen.

RDM: Wer ist und was macht Kris Davis eigentlich?

KvG: Kris Davis stammt ursprünglich aus Kanada und lebt schon seit ein paar Jahren in New York. Sie hat eine klassische Ausbildung gemacht und hat sich nicht nur in der New Yorker Szene als kluge Komponistin einen Namen gemacht.
Sie mischt gekonnt unterschiedlichste Spielweisen und Stile der klassischen Avantgarde und des Jazz zu einem organisch klingenden Ganzen zusammen. Mal hört man da ein Prepared Piano, dann wiederum Anklänge an Minimal Music oder Zitat aus Jazz Standards. Mit dem einen Bein steht sie tief verwurzelt in der Jazztradition, mit dem anderen in der Neuen Musik mit Einflüssen von John Cage, Luciano Berio und György Ligeti.
Grosse Teile ihrer Musik sind auf Noten fixiert, andere Passagen sind frei improvisiert, wobei diese sich eigentlich widersprechenden Spielhaltungen ohne Brüche organisch ineinander fliessen. Kris Davis Musik klingt erstaunlich locker und unkompliziert, wenn man allerdings genauer hinhört, stellt man fest, wie komplex ihre Musik in Wirklichkeit ist.

RDM: Letzte Worte?

KvG: Kris Davis hat mit ihrem Trio auf Clean Feet eine neue CD mit dem Titel «Waiting For You To Grow» eingespielt, die absolut hörenswert ist. Und wer weitere Infos über Kris Davis haben möchte, kann diese auf ihrer Website www.krisdavis.net sowie ihres Plattenlabel www.cleanfeed-records.com finden - und YouTube natürlich, wo man ebenfalls ein paar spannende Tonbeispiele von der Musikerin hören kann.
Last but least noch dies: Unbedingt am kommenden Sonntag 9. März in die Feldbergstrasse 39 ans Konzert von Kris Davis und ihrem grossartigen Trio kommen! Wer nicht kommt, verpasst mit Sicherheit ein tolles musikalisches Erlebnis.

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